"Die jungen Kerle hätten heute ein Problem mit mir"

Autor : Tobias Altschäffl | 14.11.2018

Werner Lorant gestikuliert beim Interview. Gegenlesen wollte er es nicht: "Schreib was ich gesagt habe!" Ein Mann, Ein Wort.

Als Spieler knallhart, als Trainer beim TSV 1860 eine Legende. Jetzt wird Werner Lorant 70! Er spricht über die Generation der Tattoo-Profis, Löw, Özil und dass er nach wie vor die Säbener Straße in München meidet.

SPORT BILD: Herr Lorant, am 21. November werden Sie 70 Jahre alt. Sie sind ein Urgestein der Liga, machten 325 Bundesliga- Spiele als Profi, wurden als Trainer von 1860 München zur Kultfigur. Wie viele Fußball-Spiele schauen Sie sich heute noch an?

WERNER LORANT (69): Wenn ich heute Fußball sehen will, fahre ich lieber über die Grenze nach Österreich und schaue dritte oder vierte Liga. Das macht mir mehr Spaß als die Profi-Spiele in München.

Heute leben Sie in Waging am See auf einem Campingplatz. Wie sieht ein typischer Tag aus?

Erst einmal muss ich klarstellen, dass ich hier in einer Penthouse Wohnung lebe, auf 70 Quadratmetern. Ich bekomme regelmäßig meine Rente, mir geht es gut. Mein Alltag wird von meiner Freundin Brigitte und meinem Hund Jackson bestimmt. Jackson sorgt dafür, dass ich mich regelmäßig bewege. Dem ist es egal, ob es regnet oder schneit. Im Sommer mache ich eine Fußballschule für Kinder zwischen fünf und 15 Jahren.

Sie sind also nicht abgestürzt?

Ach, Unsinn. Aber lass die Leute doch quatschen, wenn sie das glauben. Über mich wurde schon so viel geredet und geschrieben. Das ist mir total egal.

Ihre Trainer-Karriere haben Sie aber beendet, oder?

Ich habe hier in Waging mal ein paar Wochen ausgeholfen, oder in Hallein, in Österreich, damals noch in der dritten Liga. Der Präsident dort ist Fan von 1860. Wenn ich kurz helfen soll, damit ein Verein nicht absteigt, bin ich da. Ansonsten habe ich keine Ambitionen. Das ist vorbei.

Als Trainer kannst du so auftreten und Feuer machen. Aber Vorstand oder Präsident? Ich weiß nicht.

Für unsere jungen Leser kaum mehr vorstellbar, aber Sie siegten mit den Löwen 1999/2000 zweimal gegen die Bayern.

Das gab es vorher nie. Nach dem ersten Sieg bin ich hupend durch die Säbener Straße gefahren. Ansonsten habe ich diese Straße immer gemieden, obwohl sie nicht weit weg ist vom Trainingsgelände des TSV 1860. Ich meide die Säbener Straße noch heute, wenn ich in München bin.

Wie fanden Sie denn die Wut-Pressekonferenz der Bosse, einst Ihre Spezial-Disziplin?

Das hätten sich die Herren besser gespart. Oder glauben Sie, dass ein Spieler deswegen anders denkt? Als Trainer kannst du so auftreten und Feuer machen. Aber Vorstand oder Präsident? Ich weiß nicht.

Vor Kurzem hat Lisa Müller, die Frau von Thomas, Niko Kovac via Instagram kritisiert. Wäre das bei Ihnen auch passiert?

Meinen Sie die Frage ernst? Ich sage es einmal diplomatisch: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das eine Spielerfrau bei mir getraut hätte.

Was halten Sie vom Fußball des FC Bayern?

Mit taten in dieser Saison oft die Augen weh, wenn ich sie gesehen habe. Was die bis zum Spitzenspiel beim BVB gespielt haben: kein Tempo, nix. Und dann heißt es immer von den Spielern: „Wir müssen etwas ändern.“ Nein! Nicht wir! „ICH!“ Darum geht es. Die Spieler müssen selbst an sich arbeiten. Sobald sie von „wir“ sprechen, verstecken sie sich. Aber wenn die Bayern wieder ihren Kopf einschalten, werden sie sich erholen.

Wo haben die heutzutage kein Tattoo mehr? Von unten bis oben, an den Armen, am Hals, am Auge – das kann ja wohl nicht wahr sein!

Ist die Mannschaft der Bayern so gut, dass Sie als Trainer damit Meister werden würden?

Ach, das ist doch nicht schwer. Die müssen körperlich fit sein, ein System haben – Ende! Und nicht diese Wechselei, was soll dieser Quatsch? Sechs Mann raus, sechs Mann rein? Hör doch auf! Die machen das nur, damit sie Ruhe haben und keiner aufmuckt. Wenn einer beschissen trainiert, spielt er nicht, ganz einfach. Da brauche ich keine Rotation.

Wie sähe Ihr System aus?

Was ich nicht mehr hören kann, ist: „Wir spielen im Raum.“ Bei mir gibt es eine feste Zuordnung. Und wenn einer über die Mittellinie kommt, muss es wehtun. Fertig. Mit so einer Taktik hat selbst der FC Augsburg bei Bayern ein 1:1 geholt. Die Spieler erschrecken ja heutzutage, wenn sie einen Spieler permanent gegen sich und keine Freiräume haben. Da verlieren sie die Lust.

Haben Sie einmal einen Spieler so zur Sau gemacht, dass es Ihnen leidgetan hat?

Nein. Ich habe den Spielern deutlich meine Meinung gesagt. Am nächsten Tag war das dann meist vergessen. Als Trainer schaust du dann: Hat er es kapiert oder nicht? Und wenn die Jungs im Spiel nicht gelaufen sind, mussten sie es im Training – damit sie es lernen!

Könnten Sie mit der jetzigen Generation genau so zusammenarbeiten wie früher?

Eines ist mir klar: Die jungen Kerle von heute hätten mit mir Probleme. Wo haben die heutzutage kein Tattoo mehr? Von unten bis oben, an den Armen, am Hals, am Auge – das kann ja wohl nicht wahr sein! Es kann jeder mit seinem Körper machen, was er will. Aber unsere Profis sind Vorbilder. Und dann wollen sich 14-, 15-Jährige auch Tattoos stechen lassen, und ihnen ist nicht bewusst, dass sie die Dinger ein Leben lang tragen müssen. Was soll zum Beispiel ein Tattoo am Rücken? Spielen die Jungs dann besser Fußball? Das sind Sachen, die ich verabscheue.

Sie sagten schon vor 20 Jahren: „Die Spieler heute können sich nicht mehr selbst eine Wohnung suchen oder sich beim Landratsamt anmelden.“

Das können sie heute sowieso nicht mehr. Die kriegen doch alles und dürfen alles selbst bestimmen. Die Spieler werden viel zu sehr verhätschelt. Und dann das Gequatsche der Trainer! Das ist heute überall das Gleiche, keiner sagt mehr ein böses Wort.

Einen Typen Werner Lorant gibt es also nicht mehr?

Ich sehe keinen. Du musst als Trainer doch auch mal dazwischenhauen. Bei 20,25 Spielern im Kader musst du auch mal ein Machtwort sprechen. Wenn sich bei mir einer aufgeregt hat, bekam er eine Ansage und musste laufen.

1860 in der ersten Liga? Ich hoffe, dass ich das erlebe. Aber ich glaube nicht dran

Sie hatten in der Bundesliga als Kettenraucher einen Privat-Vertrag mit „Nicotinell“, einem Nikotin-Pflaster. Heute rauchen Sie auch während des Interviews. Scheint also nicht viel gebracht zu haben …

Ich habe seitdem keines dieser Pflaster mehr aufgeklebt. Bei mir hättest du da drei hinkleben können, und es hätte nichts gebracht. Damals hatte ich auch noch mehr Stress. Vielleicht würden mir die Pflaster jetzt etwas bringen, aber ich brauche sie nicht mehr.

Was regt Sie am modernen Fußball auf?

Es kommt jedes Mist-Spiel im Fernsehen, damit immer mehr Geld gescheffelt werden kann. Die Ligen werden nicht besser. Der Wettbewerb wird verzerrt durch Klubs wie Man City oder Paris.

Und was ist heute besser?

Das Tempo, die Bälle, die Ausrüstung, die Plätze, die Stadien, auch die Trainingsprogramme. Wir mussten nur rennen, Laktat-Werte kannte da keiner. Aber wehe du warst Letzter – dann gab es Ärger.

Wie sehen Sie den TSV 1860?

Ich war zehn Jahre da, habe Champions-League-Quali gespielt. Aber ich habe den Löwen immer gesagt: Ihr könnt das mit dem Araber (Investor Hasan Ismaik; d. Red.) nicht machen. Sich von so einem Menschen abhängig zu machen ist ein Riesen-Fehler. Vom Fußball hat er sowieso keine Ahnung.

Wann spielt 1860 wieder in der ersten Liga?

Ich hoffe, dass ich das noch mal erlebe. Aber ich glaube nicht dran.

Ein älteres Bild als Trainer von Werner Lorant, er gibt Anweisungen von der Seitenlinie© Getty Images
Lorant als Trainer

Knallhart als Spieler und Trainer – Werner Lorant war als beinharter Vorstopper bekannt. Er machte 325 Bundesliga-Spiele für Frankfurt, Essen, Schalke, Saarbrücken und Dortmund. Seine größten Erfolge als Spieler: der Uefa-Cup-Sieg mit Eintracht 1980, zudem holte er 1981 den DFB-Pokal. Als Trainer machte Lorant bei Schweinfurt und Aschaffenburg auf sich aufmerksam, bevor ihn Präsident Karl-Heinz Wildmoser 1992 zu 1860 München holte. Dort wurde „Werner Beinhart“ zur Kultfigur. Er führte die zweitklassigen Löwen in die Bundesliga. Bei 1860 blieb er bis 2001, nach einem 1:5 gegen die Bayern wurde er entlassen. Legendär: seine Espresso-Liebe (zeitweise 10 Tassen am Tag). Lorant: „Ich habe früher öfter mal Expresso gesagt, wenn es schnell gehen musste. Aber dass es eigentlich Espresso heißt, ist mir natürlich bewusst.“

Wie denken Sie über das deusche WM-Aus und die Aufregung um das Foto von Mesut Özil mit Präsident Erdogan?

Also: Mit dem Foto hatte das WM-Aus gar nichts zu tun. Da muss ich Journalisten mal rügen. Özil hat Wurzeln in der Türkei, warum soll er sich nicht mit dem Präsidenten fotografieren lassen? Aber so wie Özil gespielt hat, hätte ich ihm gesagt: „Noch einmal so eine Körpersprache und du spielst keine zehn Minuten mehr bei mir!“ Er hat sich nur versteckt und ist spazieren gegangen auf dem Platz. Dabei spielt er in England, wo er marschieren muss!

Ist es richtig, das Jogi Löw Nationaltrainer geblieben ist?

Ich will Jogi nichts Böses, aber: Jeder Vereinstrainer wäre hochkantig rausgeflogen. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.

Sie haben mit Löw noch bei Eintracht Frankfurt zusammengespielt. Wie war er damals?

Dem Jogi konntest du beim Laufen die Schuhe besohlen. Er war nie richtiger Stammspieler bei uns, Jogi kam als junger Spieler. Er war damals schon nie aggressiv, er hat sich alles gefallen lassen. Das kannst du als Fußballer nicht machen.

Schlussfrage: Was halten Sie vom Video-Schiedsrichter?

Ich frage mich, was der Scheiß soll. Spieler machen Fehler, Schiedsrichter machen Fehler. Das gehört doch dazu. Wir haben in Deutschland sehr gute Schiedsrichter. Fehlentscheidungen gibt es trotzdem noch. Und manchmal sind doch die Diskussionen mit dem Schiedsrichter und die Emotionen das Salz in der Suppe. Ich weiß, wovon ich spreche.

Text von Tobias Altschäffl

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