Abwehr-Ärger im Titelfinale

Autor : Sven Westerschulze | 02.05.2019

Spieler wollten Standard-Taktik ändern. Bürki sauer. Neue Meister-Hoffnung dank des Bayern-Patzers

Eigentlich wollte der BVB die Meisterschale nach dem Derby-Drama noch gar nicht abschreiben. Dortmunds Kommunikationsdirektor Sascha Fligge ließ seine Mitarbeiter unmittelbar nach Abpfiff wissen, dass trotz der 2:4-Pleite gegen Schalke eine positive Stimmung erzeugt werden solle: keine Vorwürfe an den Schiedsrichter, keine Aufgabe im Titelkampf.

Fünf Minuten später trat Lucien Favre (61) vor die Kameras. Dortmunds Trainer sprach bei der Entscheidung auf Handelfmeter zum zwischenzeitlichen 1:1 für Schalke vom „größten Skandal der Fußballgeschichte“ und begrub alle Meisterträume: „Der Titel ist gespielt. Das ist klar für mich.“

Auch in den 90 Minuten zuvor hatte vieles nicht beim BVB gepasst. Statt den abstiegsbedrohten Revierrivalen nach der frühen Führung durch Mario Götze (14.) zu kontrollieren, zerlegte sich der BVB selbst. Borussia spielt insgesamt eine beeindruckende Saison. Doch wie beim 0:5 in München machte das Derby gegen alles andere als überragende Schalker deutlich: Titelreif ist die junge BVB-Mannschaft noch nicht in allen Belangen.

Allein in der Rückrunde kassierte Dortmund acht Gegentore nach Standards. Nur Tabellenschlusslicht Hannover ist schlechter. Bei Ecken verteidigt die Borussia nicht mann-, sondern raumorientiert. Was schon gegen die Bayern schiefging, leitete auch die Derby-Pleite ein. Vier BVB-Stars schauten nur zu, als Salif Sané (28) zur Schalker 2:1-Führung einnickte (28.). Torwart Roman Bürki (28) resigniert inzwischen: „Ich sage da nichts mehr zu, das habe ich oft genug getan. Das müssen jetzt auch mal andere erkennen. Es ärgert mich, aber ich rege mich im Spiel nicht mehr auf. Das ist mir die Energie nicht wert.“

Favre ist es nicht gelungen, die Schwäche bei Standards abzustellen – obwohl seine Mannschaft das Gespräch mit ihm gesucht hat, wie Bürki gegenüber SPORT BILD bestätigt: „Wir Spieler haben immer wieder Argumente gebracht, um vielleicht etwas zu ändern. Da haben wir auch den Trainer miteinbezogen. Aber irgendwann gehen uns die Argumente aus. Vielleicht sind wir bei Standards einfach nicht gut genug.“

Die BVB-Schwäche bei Standards ist eklatant. Nur Hannover ist schlechter

Für den Titel fehlt Dortmund nicht nur bei Standards die defensive Stabilität. 40 Gegentreffer nach 31 Spielen sind zu viel. Zuletzt gelang es Wolfsburg vor zehn Jahren, mit mehr als 40 Gegentoren Meister zu werden (41). In der Rückrundenvorbereitung wollte Favre die Dreierkette einstudieren. Weil mit Manuel Akanji (23), Dan-Axel Zagadou (19) und Abdou Diallo (22) gleich drei Innenverteidiger nicht voll belastbar waren, verzichtete der Schweizer darauf. Mit Julian Weigl (23) spielt seit Wochen ein gelernter Mittelfeldspieler im Abwehrzentrum. Diallo muss hinten links ran, weil Favre nicht auf den Ex-Kapitän Marcel Schmelzer (31) setzt. Deshalb soll Nationalspieler Nico Schulz (26) aus Hoffenheim kommen.

Trotzdem hat der BVB noch die Chance auf den Titel. Weil auch die Bayern in Nürnberg (1:1) patzten, liegen die Schwarz-Gelben drei Spieltage vor Schluss nur zwei Punkte hinter München. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke (59) schickte – anders als sein Trainer – eine Kampfansage Richtung München: „Wir geben erst auf, wenn es rechnerisch nicht mehr möglich ist.“

Auch die Spieler wollen die Schale noch nicht abschreiben. „Wir werden bis zum Schluss kämpfen. Noch haben wir die Chance. Unsere Niederlage war sehr bitter, aber wir sind noch da“, sagte Götze zu SPORT BILD. Auch Bürki gibt sich kämpferisch: „Ich glaube noch daran. Bayern hat noch zwei schwierige Spiele gegen Leipzig und Frankfurt. Wenn sie noch mal Punkte liegen lassen und wir gewinnen, sind wir wieder da.“

Die Derby-Pleite gegen spielerisch limitierte Schalker kommentierte Sportdirektor Michael Zorc (56) so: „Wir wurden im Aufbauspiel permanent durch taktische Fouls unterbrochen. Das hat uns den Zahn gezogen und Nerven gekostet. Deshalb sind wir selbst schuld.“ Doch das 2:4 nur mit Fouls zu erklären, das wäre zu einfach. Wollen die Dortmunder ihre Titelchance wahren, müssen sie endlich ihre Schwächen bei Standards abstellen.

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