Dortmunds Chefstratege lässt sich nur eine Glatze schneiden, wenn er die Champions League oder den WM-Titel gewinnt.
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Dortmunds Chefstratege lässt sich nur eine Glatze schneiden, wenn er die Champions League oder den WM-Titel gewinnt. Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Axel Witsel: Haare ab bei zwei Titeln…

Er verrät, wie er über das Derby auf Schalke denkt

Sport Bild: Herr Witsel, der BVB liegt in der Tabelle nach 13 Spielen satte 19 Punkte vor Schalke 04. Wissen Sie, was den BVB-Fans das bedeutet?

Axel Witsel (29): Oh, ja! Auch wenn ich erst seit ein paar Monaten hier bin, weiß ich das genau. Einer unserer Physiotherapeuten hat noch einmal intensiv mit mir darüber gesprochen. Ich will auch alles wissen: Was für eine Atmosphäre mich erwartet, wie sehr die Rivalität zwischen den Klubs gelebt wird. Solche Spiele liebe ich!

Was ist geiler: 19 Punkte Vorsprung auf Schalke oder neun auf die Bayern?

Alle reden über unseren Vorsprung auf Bayern. Vergesst Gladbach nicht! Die sind sieben Punkte hinter uns und spielen richtig guten Fußball!

Trotzdem müssen Sie die Bayern hinter sich lassen, um Meister zu werden. Die Münchner dominieren seit Jahren die Bundesliga…

Ja, ich weiß. Sie sind sechsmal in Serie Meister geworden. Wir setzen alles daran, diese Serie zu beenden, das können Sie mir glauben. Auch wenn es abgedroschen klingt: Es bringt uns nichts, wenn wir jetzt den Titel als Ziel ausrufen. Die Saison ist noch soooo lang. Wir denken nur von Spiel zu Spiel.

Für diesen Satz müssten Sie eigentlich drei Euro ins Phrasenschwein zahlen!

Aber genau diese Einstellung tut uns gut und zeichnet uns aus. Wobei ich sagen kann: Dass wir Platz 1 bis zur Winterpause nicht mehr hergeben wollen, ist nach unserem guten Start auch klar.

Überrascht es Sie, dass der BVB nach der schwierigen Vorsaison mit zwei Trainerwechseln plötzlich wie ein Titelkandidat spielt?

Teils ja, teils aber auch nicht. Als ich die ersten Trainingseinheiten im August absolviert habe, spürte ich gleich: Wir haben großes Potenzial in der Truppe und viele gute Spieler. Da war mir klar, dass wir sehr erfolgreich sein können.

Aber?

Dass das so schnell passiert, damit habe ich nicht gerechnet. Es sind viele neue Spieler hier, dazu viele junge. Normalerweise braucht es etwas mehr Zeit, um eine Einheit zu werden. Aber wir haben eine Super-Stimmung innerhalb der Mannschaft, die hilft uns enorm. Die Jungs sind der Wahnsinn!

Stimmt es, dass sowohl Schalke als auch Bayern Sie verpflichten wollten? Schalke hat sich nach unseren Infos 2011 intensiv mit Ihnen beschäftigt.

Ja, davon habe ich auch gehört. Aber ich kann Ihnen sagen: Es gab keinen Kontakt.

Mit den Bayern auch nicht? Ex-Coach Carlo Ancelotti soll alles versucht haben, um Sie 2017 nach München zu lotsen!

Ich weiß, damals spielte ich seit einem halben Jahr in China. Herr Ancelotti hat sich bei Fabio Cannavaro, meinem damaligen Trainer bei Tianjin Quanjian, nach einem Transfer erkundigt und sein Interesse hinterlegt. Fabio hat ihm aber relativ schnell klar gemacht, dass er mich nicht gehen lässt. Damit war das Thema erledigt.

Für Sie auch?

Ja, für mich stellte sich die Frage nach einem Wechsel damals nicht – auch wenn Bayern ein großer Klub ist.

Sie haben in China ein Mega-Gehalt von rund 15 Millionen Euro kassiert. Wie fühlt es sich an, mit 29 Jahren ausgesorgt zu haben?

Ich bin ehrlich: Es ist ein gutes, beruhigendes Gefühl für mich und meine Familie. Ich habe ja auch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass das Geld damals der größte Beweggrund war, um nach China zu wechseln. Warum sollte ich die Leute anlügen?

Wie investieren Sie Ihr Geld – und wofür würden Sie es niemals ausgeben?

Ich würde niemals ins Casino gehen oder es für sonstige Glücksspiele ausgeben. Ich habe auch in jungen Jahren versucht, mit meinem Geld vernünftig umzugehen. Da investiere ich eher in Immobilien und sorge für eine sichere Zukunft, als das Geld zu verprassen. Außerdem sehe ich mich inzwischen in einer Position, in der ich auch eine gewisse Verantwortung für junge Spieler habe. Da ist es wichtig, mit so wichtigen Dingen gewissenhaft umzugehen.

Sie spielen zum ersten Mal in einer europäischen Top-Liga. Wie groß war Ihr Verlangen nach Fußball auf Top-Level?

Sehr groß! Ich hatte Sehnsucht nach Fußball auf höchstem Niveau. Im Sommer bot sich für mich wohl die letzte Chance, in eine der besten Ligen der Welt zu wechseln. Die habe ich ergriffen – und alles richtig gemacht.

Warum haben Sie sich für den BVB entschieden, obwohl Vereine mit noch größerer Strahlkraft wie PSG und Man United Sie verpflichten wollten?

Weil ich spürte, dass Dortmund die richtige Wahl ist. Ich wusste von Anfang an, dass ich die Qualität habe, mich hier zu behaupten und zu helfen. Trotzdem war der BVB für mich eine Herausforderung, die ich unbedingt annehmen wollte.

Braucht der BVB Spieler wie Sie, um Titel zu gewinnen?

Wir sollten im Dezember noch nicht zu viel über Titel reden. Ich versuche, meine Stärken in das Team einzubringen. Dass es momentan so gut läuft, macht mich glücklich. Aber Sie haben eben schon die Bayern angesprochen: Wenn die aufwachen und einen Lauf bekommen, können sie uns ganz schnell wieder richtig gefährlich werden. Das ist eine Mannschaft mit großen Spielern und unheimlich viel Erfahrung. Deswegen sollten wir weiter jeden Tag hart arbeiten, statt jetzt an Triumphe zu denken. Titel gewinnst du nicht durch Reden, sondern nur durch Taten!

Marco Reus und Sie zählen zu den Säulen des BVB-Erfolgs. Wie ist Ihr Verhältnis zum Kapitän?

Marco ist so unglaublich wichtig für die Mannschaft. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben. Er kümmert sich um viele Dinge, hat immer ein offenes Ohr. Wir haben aber insgesamt eine gute Atmosphäre, dafür sind auch langjährige BVB-Spieler wie Piszczu (Lukas Piszczek; d. Red.) und Schmelle (Marcel Schmelzer; d. Red.) wichtig. Um erfolgreich zu sein, brauchst du eine positive Stimmung untereinander.

Verraten Sie mal, was Lucien Favre als Trainer so besonders macht!

Er ist sehr, sehr nah dran an uns Spielern, spricht viel mit uns. Fragt, wie wir uns fühlen, welchen Eindruck wir selbst von unserer Fitness haben. Als Spieler spürst du: Der Trainer beschäftigt sich mit dir. Auf dem Trainingsplatz wirkt er besonnen, ruhig und analysierend. Und vor allem bringt er seine Botschaft immer so klar rüber, dass sie bei uns ankommt. Jeder weiß genau, was er verlangt.

Favre hat in SPORT BILD verraten, dass er sich Eden Hazard für den BVB wünschen würde. Können Sie da als Hazards Nationalmannschafts-Kollege nicht vermitteln?

Eden nach Dortmund? Zum einen ist er wohl etwas zu teuer für uns, zum anderen hat er wohl andere Pläne. Sollte er sich aber doch für die Bundesliga entscheiden, hätte ich genügend Argumente, ihn vom BVB zu überzeugen.

Dann schießen Sie los!

Stadion, Mannschaft, Qualität, Leidenschaft, Fans.

Bei den Fans ist Ihre Afro-Mähne Kult. Wie lange tragen Sie die Haare so?

Seit neun Jahren. Zu der Zeit habe ich meine Frau Raffaella kennengelernt. Im Vergleich zu heute hatte ich damals ziemlich kurze Haare. Ich habe früher mal Glatze getragen, auch Corn Rows. Ich habe meine Haare eine Zeit lang getwistet, sogar Zöpfe getragen. Da sah ich aus wie Micky Maus. Am Ende gab es nur zwei Alternativen: abrasieren oder wachsen lassen.

Und jetzt gehen Sie gar nicht mehr zum Friseur?

So richtig nur noch zweimal im Jahr. Lediglich die Seiten kürze ich jede Woche. Mal selbst, mal vom Friseur. Aber den lasse ich nicht extra dafür einfliegen, keine Sorge.

Föhnen oder an der Luft trocknen?

Unterschiedlich, was gerade da ist. Fön, Handtuch, gar nichts. Da bin ich total unkompliziert.

Würden Sie die Haare noch mal abrasieren ?

Nein, meine Haare gehören zu mir, sind inzwischen mein Markenzeichen.

Haben Sie mit einem Ihrer Mitspieler schon eine Wette laufen: Wenn der BVB Meister wird, kommen die Haare ab?

Nein, die wird es auch nicht geben. Für eine Meisterschaft würde ich mich nicht von meinen Haaren trennen. Ich habe irgendwann mal gesagt, dass ich das maximal für einen WM-Titel oder den Gewinn der ChampionsLeague machen würde. Weil das die größten Erfolge sind, die du als Fußballer erreichen kannst.

Deal! Dann machen wir noch mal ein Interview. Ich komme mit Perücke, Sie kommen mit einer Glatze.

Ich lasse mir das mal durch den Kopf gehen.