"Über Haaland habe ich mich wie ein kleiner Junge gefreut"

Autor : Sven Westerschulze | 11.02.2020

Der BVB-Manager über die Meister-Jagd auf Bayern, den Poker um Haaland und die Zukunft von Sancho

SPORT BILD: Herr Zorc, für Ihre ers­ten sie­ben Tore als Spie­ler beim BVB be­nö­tig­ten Sie 53 Spie­le, dar­un­ter waren noch vier Elf­me­ter. Er­ling Haa­land brauchte ge­rade ein­mal drei Par­tien für sie­ben Tref­fer. Was macht er alles bes­ser als Sie?

MI­CHAEL ZORC (57): (lacht) Er­ling ist ein Neu­ner, ich war ein Sech­ser und habe erst spä­ter in mei­ner Kar­riere of­fen­si­ver ge­spielt. Eine ganz lo­gi­sche Er­klä­rung also.

Sie­ben Tore in den ers­ten drei Spie­len schaffte zuvor noch kein Bun­des­liga-Spie­ler. Hät­ten Sie das Haa­land zu­ge­traut?

Diese Kom­bi­na­tion aus Ro­bust­heit, Ab­schluss­qua­li­tät, guter Tech­nik und sei­ner Schnel­lig­keit macht Er­ling be­son­ders. Schon in un­se­ren ers­ten Ge­sprä­chen ent­stand eine At­mo­sphä­re, die bei­den Sei­ten ein gutes Ge­fühl gab. Er­ling und der BVB – das passt zu 100 Pro­zent.

Sogar an Weihnachten habe ich mit Erlings Berater Mino Raiola telefoniert

Warum?

Weil er zu sei­nen ge­rade ge­nann­ten Fä­hig­kei­ten eine enorme Emo­tio­na­li­tät mit auf den Platz bringt. Und das passt zu Bo­rus­sia Dort­mund, zu un­se­rem Sta­dion und un­se­ren Fans. Das macht un­se­ren Ver­ein aus und ist genau das, was Er­ling sucht. So eine At­mo­sphäre be­flü­gelt ihn, er ex­plo­diert dann förm­lich auf dem Ra­sen. Seine Kör­per­spra­che ist für einen 19-Jäh­ri­gen be­ein­dru­ckend.

Es hat sich also aus­ge­zahlt, dass Ihre Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lung für Haa­land wäh­rend der Ver­hand­lun­gen ein Video mit emo­tio­na­len Sze­nen auf der Süd­tri­büne zu­sam­men­ge­stellt hat…

So eins haben wir ihm in der Tat ge­schickt, das ist rich­tig. Es hat ihm ganz gut ge­fal­len, denke ich.

Sie sind seit mehr als 20 Jah­ren für Trans­fers ver­ant­wort­lich. War Haa­land der schwers­te?

Ja, einer der schwers­ten mit Si­cher­heit. Wir haben bei Er­ling in ein ziem­lich hohes Regal ge­grif­fen, und es ist ja auch kein Ge­heim­nis, dass sich wei­tere nam­hafte Ver­eine in­ten­siv um ihn be­müht ha­ben. Wir haben ihm das beste Ge­samt­pa­ket für seine wei­tere Ent­wick­lung ge­bo­ten.

Ende De­zem­ber war der Deal fix – ein nach­träg­li­ches Weih­nachts­ge­schenk. Kön­nen Sie sich nach mehr als zwei Jahr­zehn­ten als Ma­na­ger immer noch wie ein klei­nes Kind über einen Trans­fer freu­en?

Auch über Weih­nach­ten haben wir an Er­lings Ver­pflich­tung ge­ar­bei­tet. Ich er­in­nere mich: Sogar an Hei­ligabend habe ich um 16 Uhr mit sei­nem Be­ra­ter Mino Raiola te­le­fo­niert. Und ja: Wenn wir die Zu­sage von einem Spie­ler sei­ner Klasse be­kom­men, dann freue ich mich immer noch wie ein klei­ner Jun­ge. Er­ling war genau der Spie­ler­typ, der in un­se­rem Kader ge­fehlt hat.

Der Typ, mit dem der BVB jetzt doch Meis­ter wer­den kann?

An un­se­rer Ziel­set­zung hat sich seit Sai­son­be­ginn nichts ge­än­dert -auch nicht, als es zwi­schen­zeit­lich nicht so rund lief. Wir wol­len wei­ter um die Meis­ter­schaft mit­spie­len, sind ak­tu­ell aber nicht in der Pole-Po­si­tion. Des­halb ar­bei­ten wir se­ri­ös. Das bringt mehr, als groß zu tö­nen.

Wann haben Sie den Namen Haa­land ei­gent­lich zum ers­ten Mal ge­hört?

Als er 17 Jahre alt war und noch in Nor­we­gen ge­spielt hat. Wir haben ihn da­mals schon in­ten­siv be­ob­ach­tet und sei­nen Wech­sel von Molde nach Salz­burg ver­folgt. Es war der rich­tige Schritt für ihn, um Spiel­pra­xis auf gutem Ni­veau zu be­kom­men. Bei Trans­fers von so jun­gen Spie­lern kommt es auf das Ti­ming an. Jetzt hat­ten wir das Ge­fühl, dass er reif für den nächs­ten Schritt war, und wol­len ihn auf ein noch hö­he­res Level he­ben.

Neven Sub­o­tic nennt Haa­land einen „Mix aus Le­wan­dow­ski und Au­ba­meyang“. Hat er recht?

Ich will die Eu­pho­rie um Er­ling gar nicht brem­sen, weil sie uns eine po­si­tive Dy­na­mik gibt und ich das Ge­fühl habe, dass der Junge damit sehr gut um­ge­hen kann. Trotz­dem wer­den wir dafür sor­gen, dass die Er­war­tungs­hal­tung nicht ins Un­er­mess­li­che steigt. Er­ling soll auf dem Platz ex­plo­die­ren, nicht in den Ga­zet­ten oder vor den TV-Ka­me­ras. Er ist erst 19 Jahre alt.

Uns hat bis jetzt kein Verein bezüglich Sancho kontaktiert

Haa­land-Be­ra­ter Raiola gilt als einer der här­tes­ten Ver­hand­lungs­part­ner. Als er 2016 für den Wech­sel des da­ma­li­gen BVB-Spie­lers Mkhi­ta­ryan zu Man­che­s­ter Uni­ted nach Dort­mund kam, sol­len bei den kon­tro­ver­sen Ge­sprä­chen auch mal Stühle durch den Raum ge­flo­gen sein. Lief das bei Haaland ähn­lich emo­tio­nal?

Mino ist sehr tough, aber ich sehe für meine Ar­beit das Gute dar­an: Du weißt von An­fang an, woran du bei ihm bist.

Also blie­ben dies­mal alle Stühle auf dem Bo­den?

Es ist kein Stuhl ge­flo­gen. Ich glau­be, dass Mino und auch Er­lings Vater Alf-Inge schnell er­kannt ha­ben, dass Bo­rus­sia Dort­mund die beste Adresse für am­bi­tio­nierte Top-Ta­lente ist.

Jadon San­cho ent­wi­ckelt sich ge­rade vom Top-Ta­lent zum Top-Star, er­zielte am Wo­chen­ende beim 5:0 gegen Union Ber­lin als ers­ter Tee­na­ger über­haupt sein 25. Bun­des­liga-Tor…

Jadon ist ein Phä­no­men. Es ist be­ein­dru­ckend mit wel­cher Kon­stanz er in­zwi­schen seine Top-Leis­tun­gen ab­ruft. Und er gönnt sich kaum Pau­sen auf dem Platz, hilft der Mann­schaft auch mit De­fen­siv­ar­beit. Wie flei­ßig er ist, nö­tigt mir größ­ten Re­spekt ab. Es macht jeden Tag aufs Neue Spaß, ihm beim Fuß­ball­spie­len zu­zu­se­hen.

Sehen Sie ein rea­lis­ti­sches Sze­na­rio, dass San­cho über den Som­mer hin­aus beim BVB bleibt?

Das kann ich heute nicht ver­läss­lich be­ant­wor­ten. Was ich si­cher sagen kann: Er fühlt sich bei uns sehr wohl. An­dern­falls könnte er nicht Woche für Woche sol­che Leis­tun­gen ab­ru­fen.

Was wäre Ihnen lie­ber: ein Ver­bleib von San­cho oder 150 Mil­lio­nen Euro Ab­lö­se, die Sie in neue Spie­ler in­ves­tie­ren kön­nen?

Ich bin Sport­di­rek­tor und nicht Fi­nanz­vor­stand! Daher denke ich bei Jadon in ers­ter Linie an das sport­li­che. Fakt ist: Uns hat bis­lang kein an­de­rer Ver­ein be­züg­lich Jadon kon­tak­tiert.

Haben Sie schon Real Ma­drid be­züg­lich Achraf Ha­kimi kon­tak­tiert? Seine Leihe läuft am Sai­son­ende aus.

Wir wer­den in den nächs­ten Wo­chen Ge­sprä­che mit Real Ma­drid füh­ren. Die Ent­schei­dung liegt nicht bei uns, aber Achrafs tolle Ent­wick­lung ist na­tür­lich auch in Spa­nien nie­man­dem ver­bor­gen ge­blie­ben. Er fühlt sich sehr wohl bei uns. Dass wir ihn gerne be­hal­ten wür­den, wis­sen Ver­ein und Spie­ler.

Ab sofort zählen nur noch drei Dinge bei uns: Leistung, Leistung, Leistung

Was bringt Emre Can mit, was dem BVB ge­fehlt hat?

Wir ver­spre­chen uns von Emre noch mehr Qua­li­tät und Emo­tio­na­li­tät. Er ist es ge­wohnt zu ge­win­nen, weiß, was es be­deu­tet, ge­win­nen zu müs­sen. Dafür zer­reißt er sich auf dem Platz. Dazu ist er fle­xi­bel ein­setz­bar und sorgt für einen noch schär­fe­ren Kon­kur­renz­kampf im Ka­der.

In drei Rück­run­den­spie­len haben Sie den Rück­stand zur Spitze be­reits von sie­ben auf drei Punkte ver­rin­gert. Hat der BVB ge­rade den stärks­ten Kader seit den Meis­ter­jah­ren 2011 und 2012 unter Jür­gen Klopp?

Wir haben uns durch die Trans­fers im Win­ter nicht ver­schlech­tert. Ich den­ke, dass wir jetzt bes­ser auf­ge­stellt sind als in der Hin­run­de. Ab so­fort zäh­len nur noch drei Din­ge: Leis­tung, Leis­tung, Leis­tung.

Bleibt Favre nur Trai­ner, wenn er einen Titel holt?

So ein Ul­ti­ma­tum gibt es nicht, das ist to­ta­ler Quatsch. Lu­cien macht einen sehr guten Job, und wir sind sehr zu­frie­den mit sei­ner Ar­beit.

Wer hat für Sie den stärks­ten Kader der Liga?

Gu­cken Sie sich die Qua­li­tät bei Bay­ern Mün­chen an, es ist kein Zu­fall, dass sie Ta­bel­len­füh­rer sind. Wir haben auch einen sehr guten Ka­der, der bis zum Schluss um den Titel mit­spie­len kann. Davon bin ich über­zeugt.

Was würde Ihnen die Meis­ter­schaft be­deu­ten?

Sie wäre die Be­loh­nung für un­sere Ar­beit, dar­auf ar­bei­ten wir ein gan­zes Jahr lang hin. Auch wenn ich schon ei­nige Titel mit dem BVB ge­fei­ert habe: Noch ein­mal mit der Schale um den Bor­sig­platz zu fah­ren wäre un­glaub­lich schön.

Ihr Ver­trag läuft noch knapp an­dert­halb Jah­re. Ma­chen Sie dann nach 23 Jah­ren als Sport­di­rek­tor Schluss?

Ich habe noch keine Ent­schei­dung ge­trof­fen. Ir­gend­wann werde ich mir Ge­dan­ken ma­chen, ob und wie es wei­ter­geht.

Bren­nen Sie nach so lan­ger Zeit immer noch für den Job?

Na­tür­lich, sonst könnte ich ihn gar nicht ma­chen. Ich bin nicht amts­mü­de, ich bin zu 100 Pro­zent Bo­russe und liebe die­sen Ver­ein. Des­halb gebe ich jeden Tag al­les, um mit dem Ver­ein er­folg­reich zu sein.

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