Die Akte Götze: Wie der WM-Held von 2014 seine Karriere retten will

Autor : Sven Westerschulze, Christian Falk | 20.12.2018

Überall standen Fitnessgeräte +++ Er trainierte falsch +++ Wie der WM-Held von 2014 seine Karriere retten will +++ Warum sich Lewandowskis Wechsel seinetwegen verzögerte

Für Hans-Joachim Watzke (59) ist die Personalie Mario Götze (26) Chefsache. Vergangenen Monat lud der BVB-Boss den WM-Final-Torschützen von 2014 zu einem Vieraugengespräch zu sich nach Hause ein. Im sauerländischen Marsberg redeten die beiden lange. Watzke war es, der die 22-Millionen-Euro-Rückholaktion des Eigengewächses vom FC Bayern 2016 durchsetzte – gegen den Willen des damaligen Trainers Thomas Tuchel (45). Treffen zwischen Watzke und Götze sind stets durch Vertrauen geprägt, derzeit ist es aber auch ein Abtasten. Denn: Götzes Vertrag läuft bis Sommer 2020. Beide Seiten wissen: Die anstehenden Vertragsverhandlungen werden entscheidend für die Karriere des Weltmeisters.

Nach SPORT BILD-Informationen hat sich die Klub-Führung mit Götzes Management auf Gespräche im Sommer geeinigt. „Wir werden in aller Ruhe nach der Saison mit ihm sprechen und uns austauschen“, bestätigt Watzke. „Dann gucken wir gemeinsam, wie Mario und der BVB sich die Zukunft vorstellen.“

Götze hat sich nicht hängen lassen, sondern im Training hart gearbeitet. Seitdem setzt Favre wieder auf ihn.

Es ist die große Frage, die immer noch über Götzes Rückkehr schwebt: Packt er es noch einmal richtig? Der Weltmeister tut in jedem Fall alles, um seine Karriere zu retten.

„Es gab für mich Höhen und Tiefen in diesem Jahr. Und es waren auch einige Herausforderungen dabei“, sagt Götze im Gespräch mit SPORT BILD. „Die nehme ich auch gerne an. Ich sehe es jedes Mal als Chance, daran zu wachsen. Und gerade zum Jahresende hin läuft es für mich persönlich wieder sehr positiv.“

Das Jahr 2018 war für Götze eine Achterbahnfahrt, nachdem er 2017 lange mit einer Stoffwechsel-Erkrankung zu kämpfen hatte. Ein halbes Jahr lang fiel er aus, unterzog sich im Lanserhof am Tegernsee in der Nähe von München einer Behandlung. Götzes Jahr 2018: eine schwache Rückrunde, im Sommer die Nichtnominierung für die WM in Russland. Weil er frühzeitig mit dem BVB ins Trainingslager reisen musste, wurde die bereits geplante Hochzeitsfeier mit Frau Ann-Kathrin verschoben.

Jürgen Klopp legt seine linke hand auf die Schulter von Mario Götze© Getty Images (Foto: Dean Mouhtaropoulos)
Klopp (2009 – 2013) formte Götze beim BVB zum Star

Seither hat Götze eine Wandlung durchgemacht, auch äußerlich. Sein Gewicht hat sich seit seinem Wechsel nach Dortmund nicht verändert, trotzdem ist Götze austrainierter. Neben einem Privattrainer beschäftigt er einen Physiotherapeuten und einen Ernährungsexperten, um topfit zu sein. Götze wirkt wieder dynamischer und drahtiger, weniger als das Muskelpaket, das Dortmund von Bayern zurückbekam. Die luxuriöse Penthouse-Wohnung, die Götze im Münchner Stadtzentrum räumte (Monatsmiete 20 000 Euro), bot Bayern anschließend Trainer Carlo Ancelotti (59) an. Bei der Besichtigung der Räume war der Italiener sprachlos in Anbetracht der vielen Fitnessgeräte, die dort aufgebaut waren.

Die Geräte waren ein weiteres Anzeichen für die Fehlentwicklung, die Götze in München eingeschlagen hatte. Um sich im Star-Kader von Pep Guardiola (47) durchzusetzen, trainierte er sich Muskeln an, büßte dafür seine Spritzigkeit und Schnelligkeit ein. Als Michael Reschke 2014 als Technischer Direktor beim FCB anheuerte und ihn im Training sah, war er geschockt. Götze habe sein Tempo komplett verloren, berichtete Reschke intern entsetzt.

Götze gilt im Team als Einzelgänger, hat auch einen Privattrainer

In Dortmund arbeitet Götze nun anders. Trainer Lucien Favre (61) setzte ihn zuletzt als Zermürbungs-Maschine im Sturmzentrum ein. Götze soll die gegnerischen Verteidiger müde kämpfen, ihnen jene Kraft rauben, die er sich selbst antrainiert hat. Dann bringt Favre seinen Top-Joker Paco Alcácer (25), um die Tore zu erzielen.

Für Götze eine ungewohnte, aber akzeptable Rolle. Er sagt: „Ich fühle mich gerade sehr wohl. Wir sind als Mannschaft erfolgreich, jetzt spiele ich wieder regelmäßig und kann meinen Teil dazu beisteuern. Das ist wichtig für mich. Am Anfang der Saison war es keine einfache Situation.“

Von seinem Bankplatz am ersten Spieltag gegen Leipzig erfuhr Götze erst in der Mannschaftsbesprechung. Ein Einzelgespräch zwischen ihm und Trainer Favre gab es in den Tagen darauf nicht. Erst am siebten Spieltag feierte er sein Saisondebüt und traf gleich beim furiosen 4:3 gegen Augsburg. So emotional wie nach diesem Tor jubelte Götze nur selten. Götze hat sich nicht hängen lassen, sondern im Training hart gearbeitet. Seitdem setzt Favre wieder auf ihn.

„Ich glaube schon, dass ich eine gewisse Qualität mitbringe, mit der ich unserer Mannschaft helfen kann. Die versuche ich dem Trainer zu zeigen“, sagt Götze. Er gilt im Team als Einzelgänger, wird von seinen Mitspielern für seine extrem professionelle Einstellung aber geschätzt.

Dortmund gibt ihm bei seiner Entwicklung noch Zeit. Watzke: „Da haben wir überhaupt keine Eile. Marios Vertrag läuft noch anderthalb Jahre. Ich glaube, dass Mario sich in Dortmund sehr wohlfühlt. Hier ist er zu Hause!“

Der Geschäftsführer weiß: Die Zeit spielt für beide Seiten.

Götze und Tuchel stehen vor der Trainerbank - Tuchel gibt Anweisungen mit seiner linken Hand.© Getty Images (Foto: Guenter Schiffmann)
Unter Tuchel (2016/17) glänzte Götze nur selten.

Götzes Form zeigte in den letzten Wochen der Hinrunde klar nach oben. Dennoch ist er noch weit entfernt von dem Spieler, den sich der BVB bei seiner Verpflichtung erhofft hatte. Leistungs-Anspruch und das Zehn-Millionen-Euro-Gehalt klafften seit der Rückkehr deutlich auseinander. Stand jetzt würden es schwierige Vertrags-Verhandlungen werden -aber einfach war es in der Vergangenheit auch nie.

Im Frühjahr 2016 saßen Volker Struth, Götzes damaliger Berater, und Sportdirektor Michael Zorc (56) zusammen. Sie berieten sich, ob es Sinn mache, Götze zurückzuholen. Selbst ein Telefonat mit Trainer Tuchel und Götze wurde arrangiert. Am Ende sagte Götze persönlich mit der Begründung ab: Er wäre nicht bereit, einen Schritt zurückzugehen.

Die Wohnung von Götze überwachte ein privater Sicherheitsdienst

Im Juli 2016 unterschrieb Götze dann doch beim BVB. Aus Mangel an Perspektiven beim FC Bayern wie fehlenden Angeboten. Allein dem FC Liverpool hatte er abgesagt, trotz eines Treffens mit seinem einstigen Förderer Jürgen Klopp (51). Auf dem Berater-Platz von Struth saßen da schon der Anwalt Peter Duvinage wie auch Götze-Vater Jürgen, die die Rückkehr von Mario nach Dortmund finalisierten. Sie werden im kommenden Sommer im vierten Stock der BVB-Geschäftsstelle am Rheinlanddamm 207 die Verhandlungen führen.

Zur überraschenden Trennung von Struth war es ausgerechnet am Tag des DFB-Pokal-Finales 2016 zwischen Bayern und Dortmund gekommen. Im Bayern-Mannschaftshotel hatten sich die Parteien nur einige Stunden vor dem Anpfiff darauf geeinigt.

Götzes Abschied aus Dortmund 2013 hatte Struth noch eingefädelt. Er verhandelte ohne Wissen des BVB mit dem FC Bayern. Treibende Kraft bei der Entscheidung für Bayern war allerdings Marios Vater gewesen. Dortmund wurde am Ende nur in Kenntnis gesetzt, dass die 37-Millionen-Euro-Ausstiegsklausel gezogen wird. Die Folgen hatte niemand erahnt.

Die Einliegerwohnung von Götze im Haus seiner Eltern musste von einem privaten Sicherheitsdienst beobachtet werden, aus Angst vor Übergriffen enttäuschter Fans. Sein jüngerer Bruder Felix (20), heute Profi beim FC Augsburg, soll damals in der Schule sogar massiv bedroht worden sein. Götze war zu dem Zeitpunkt 20 Jahre alt. Spurlos gehen solche Hassattacken an niemandem vorbei.

Normalität kannte ich das letzte Mal mit 16

Auch der damalige BVB-Stürmer Robert Lewandowski (30) geriet zwischen die verhärteten Fronten. Nach SPORT BILD-Informationen hatten die BVB-Verantwortlichen dem Lewandowski-Management zugesichert, dass der Angreifer im Falle eines 25-Millionen-Euro-Angebots wechseln dürfe. Die Berater hatten die Bestätigung sogar per Mail vorliegen. Doch als sie ausgerechnet den FC Bayern als Abnehmer präsentierten, stellten sich die BVB-Bosse aus Ärger über den Götze-Wechsel komplett quer. Lewandowski musste bleiben, erhielt zur Entschädigung eine deutliche Gehaltserhöhung auf knapp sieben Mio Euro. Er ging ein Jahr später ablösefrei zu den Bayern.

Der Wechsel der Vertrauten an Götzes Seite zeigt, wie instabil das Umfeld von Götze in den vergangenen Jahren war. Für vertragliche Angelegenheiten ist inzwischen sein Vater Jürgen gemeinsam mit Anwalt Duvinage zuständig. Sebastian Brömmel, Bruder seiner Frau Ann-Kathrin, kümmert sich gemeinsam mit Götzes Bruder Fabian um dessen Vermarktung. Für einen Werbespot, in dem Götze kurz nach seiner Nichtnominierung für die WM im Sommer als Kämpfer inszenierte wurde, soll der Spieler rund 200 000 Euro erhalten haben. Der in Südkorea beheimatete Konzern freute sich über die Zusammenarbeit doppelt. Denn nach SPORT BILD-Info wäre „Samsung“ bereit gewesen, auch die doppelte Gage zu zahlen – doch so hoch war die Forderung der in der Branche noch nicht erfahrenen Götze-Seite gar nicht. Bis zur Trennung von Struth 2016 war SportsTotal-Mitarbeiter Kai Birras jahrelang federführend für Götzes PR-Aktivitäten zuständig. Als einer der Geschäftsführer von Götzes Marketing-Firma Companion M entschied Birras sich damals sogar zur Trennung von Struth, um weiter für Götze tätig zu sein. Einige Monate später drängte die Götze-Familie plötzlich auf die Trennung.

Mario Götze links im Bild und Lucien Favre rechts im Bild beim Shakehands.© Getty Images
Nach Startschwierigkeiten hat Götze im System von Favre seinen Platz gefunden.

Um Götze ist es ruhiger geworden, im heutigen BVB-Kader stehen andere im Mittelpunkt. Die Fans schwärmen von Marco Reus (29) sowie Jadon Sancho (18) und Christian Pulisic (20), die als Youngster das Interesse der Topklubs wecken. Götze bedauert diese Entwicklung nicht. „Ich habe das Gefühl, dass die Extreme, in denen ich seit Jahren beurteilt werde, in der jüngeren Vergangenheit ein wenig nachgelassen haben. Ich fühle mich dadurch ein Stück weit freier, das tut mir gut“, sagt Götze und gibt offen zu: „Es ist nicht einfach, wenn jeder Schritt im Leben von der Öffentlichkeit begleitet und bis ins letzte Detail analysiert wird. Ich möchte mich einfach auf den Fußball konzentrieren.“

Als SPORT BILD ihn fragt, ob ein Stück Normalität zurückgekehrt sei, lächelt Götze nur: „Normalität kannte ich das letzte Mal, als ich 16 Jahre alt war.“

 

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