Die Akte Sancho

Autor : Sven Westerschulze | 10.06.2020

Emre Can (26) wählte seine Worte nicht al­lein aus der Emo­tion her­aus, als er kurz nach dem 1:0 gegen Her­tha BSC auf Jadon San­cho (20) und des­sen „Fri­seur-Af­fä­re“ an­ge­spro­chen wur­de. „In sol­chen Sa­chen muss er etwas schlauer sein, das darf er sich in Zu­kunft nicht mehr leis­ten. Er muss er­wach­se­ner wer­den“, mahnte Can un­ge­wohnt deut­lich. San­cho hatte sich einen Fri­seur nach Hause be­stellt, auf dem ge­pos­te­ten Foto tru­gen beide keine Maske – ein Ver­stoß gegen das DFL-Hy­gie­ne­kon­zept und all­ge­meine Hy­giene-und In­fek­ti­ons­stan­dards.

Nicht nur Na­tio­nal­spie­ler Can ist auf­ge­fal­len, dass Sanchos Ver­feh­lun­gen in der Ka­bine häu­fi­ger Ge­sprächsthema sind. Mit über­ra­gen­den Leis­tun­gen auf dem Rasen stimmt er seine Mit­spie­ler zwar immer wie­der milde (17 To­re/17 Vor­la­gen). Aber: Dass der Eng­län­der alles an­dere als pfle­ge­leicht ist, räumt auch Mi­chael Zorc (57) ein. Der Sport­di­rek­tor sagt: „Ja­don ist nicht nur ein au­ßer­ge­wöhn­li­cher Fuß­bal­ler, der auf dem Platz auf­fäl­lig ist, son­dern ab und zu auch au­ßer­halb des Plat­zes. Das ist manch­mal auch nicht ein­fach für uns.“ In den drei ge­mein­sa­men Jah­ren musste Zorc öfter durch­grei­fen, als ihm lieb war. SPORT BILD be­leuch­tet die Akte Sancho.

Sanchos Skandale

Sein Wech­sel von Man­che­s­ter City zum BVB im Som­mer 2017 sorgte in Eng­land für Auf­re­gung. Dort­mund zahlt knapp acht Mio. Euro für den da­mals 17-Jäh­ri­gen. Erst am letz­ten Tag der Trans­fer­pe­ri­ode ist der Deal fix. City, das San­cho auch einen Pro­fi­ver­trag an­ge­bo­ten hat­te, macht ihm und sei­nem Ma­na­ge­ment da­nach schwere Vor­wür­fe: un­ent­schul­dig­tes Feh­len, Wort­bruch, Streik. Star­coach Pep Guar­diola (49) ist über Sanchos Ver­hal­ten ent­setzt, weil der beim Trai­ning fehl­te: „Er sollte kom­men, aber er kam nicht.“

Sechs Bun­des­liga-Spiele hat San­cho erst ab­sol­viert, als er beim BVB im März 2018 zum ers­ten Mal für Ärger sorgt. In der Woche vor dem Spiel gegen Frank­furt (3:2) er­scheint San­cho drei­mal nicht pünkt­lich zum Trai­ning. Der da­ma­lige BVB-Trai­ner Peter Stö­ger (54) greift durch und ver­setzt ihn zur U19, wo San­cho bei der 2:4-Nie­der­lage auf Schalke ein Tor er­zielt und eins vor­be­rei­tet. Bei San­cho und sei­ner Be­ra­ter­agen­tur Elite Pro­ject Group kommt diese Maß­nahme gar nicht gut an. Der Vor­wurf an Stö­ger und Zorc: Der BVB er­kenne nicht Sanchos Be­deu­tung und Qua­li­tät.

Im Ok­to­ber 2019 fehlt der Eng­län­der nach einer Län­der­spiel­reise un­ent­schul­digt beim BVB-Tra­ning. Erst mit einem Tag Ver­spä­tung taucht San­cho wie­der in Dort­mund auf. Der BVB brummt ihm die ver­einsin­terne Re­kord­strafe in Höhe von 100 000 Euro auf und ent­schließt sich zu­sätz­lich zu einer un­ge­wohn­ten Maß­nah­me: Für das wich­tige Spiel gegen Spit­zen­rei­ter Glad­bach streicht Trai­ner Lu­cien Favre (62) den Flü­gel­stür­mer aus dem Ka­der. Dort­mund ge­winnt ohne San­cho 1:0.

Einen Monat spä­ter kämpft die Bo­rus­sia beim FC Bar­ce­lona um das Wei­ter­kom­men in der Cham­pi­ons Lea­gue. San­cho sitzt über­ra­schend auf der Bank und kann nach sei­ner Ein­wechs­lung zur Pause die 1:3-Pleite trotz sei­nes Tref­fers nicht mehr ver­hin­dern. Grund für seine De­gra­die­rung: Der Youngs­ter hielt zu lange Mit­tags­schlaf und kam zu spät zur Mann­schafts­sit­zung. Ei­gent­lich war er für die Star­telf vor­ge­se­hen.

Wäh­rend sich der BVB An­fang des Jah­res in Mar bella auf die Rück­runde vor­be­rei­tet, pos­tet San­cho in so­zia­len Netz­wer­ken ein Protz-Vi­deo von sei­nem Weih­nachts­ur­laub. Gold­s­teak, Pri­vat­jet, Mega-Yacht, Lam­borg­hi­ni. Dass San­cho dem Luxus keine Gren­zen setzt, kommt beim Ar­bei­ter­ver­ein im Ruhr­pott nicht gut an. Eine Strafe er­hält San­cho nicht.

Dass San­cho an trai­nings­freien Tagen re­gel­mä­ßig in seine Hei­mat fliegt, ge­fällt in Dort­mund auch nicht je­dem. Sogar Mitte März flog er noch nach Eng­land, nach­dem das Derby gegen Schalke ab­ge­sagt wor­den war. Die Ver­ant­wort­li­chen in­for­mierte er dar­über nicht.

Sanchos Talent

Ver­gan­gene Sai­son war San­cho bes­ter Sco­rer der Schwarz-Gel­ben (12 To­re/18 Vor­la­gen), ak­tu­ell mit Le­wan­dow­ski ist er es in der gan­zen Liga (17 To­re/17 Vor­la­gen).

Ein Auf­tritt be­ein­druckte die Mann­schaft be­son­ders: Ob­wohl seine Groß­mut­ter zwei Tage zuvor ver­stor­ben war, wollte der da­mals 18-Jäh­rige seine Mit­spie­ler im De­zem­ber 2018 gegen Schalke nicht im Stich las­sen. Der BVB ge­wann 2:1, San­cho er­zielte den Sieg­tref­fer.

Sanchos Zukunft

Kein Ge­heim­nis: San­cho will in die Pre­mier League wech­seln. Geht es nach ihm, dann schon in die­sem Som­mer. Man­che­s­ter Uni­ted will das Mega-Ta­lent ver­pflich­ten. Der eng­li­sche Re­kord­meis­ter hat sich bis­lang al­ler­dings noch nicht dafür ent­schie­den, die vom BVB ge­for­derte Ab­löse von 130 Mil­lio­nen Euro zu zah­len. Uni­ted will den Preis drücken – wohl wis­send, dass durch die Fol­gen der Co­rona-Krise kaum ein Klub be­reit ist, Ab­lö­se­sum­men im drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich hin­zu­blät­tern. Ab­rücken wol­len Zorc und Hans-Joa­chim Watzke (60) von ihren Vor­stel­lun­gen bis­lang nicht.

Sanchos Umfeld

Sanchos wich­tigste Be­zugs­per­son ist sein Vater Sean. Als der junge Eng­län­der neu nach Dort­mund kam, war Sean oft zu Be­such. In­zwi­schen ist er sel­te­ner im Ruhr­ge­biet. Ist sein Vater bei ihm, ist San­cho deut­lich dis­zi­pli­nier­ter. Seine bes­ten Bud­dys in der Fuß­ball-Bran­che: Mar­cus Ras­h­ford (22) und Jesse Lin­gard (27) – beide spie­len bei Man Uni­te­d…

Fazit

Dass San­cho die Liga ver­las­sen wird, steht jetzt schon fest. Auf das WIE und WANN kommt es jetzt an. Gibt er bis zum letz­ten Tag Voll­gas für den BVB, wird er den Fans mit sei­nen über­ra­gen­den Leis­tun­gen in Er­in­ne­rung blei­ben. Ge­gen­bei­spiele gibt es bei Bo­rus­sia al­ler­dings auch: Pi­erre-Eme­rick Au­ba­meyang (30) oder Ous­mane Dem­bélé (23) haben ihren Ruf in der End­phase mit pro­vo­zier­ten Wech­seln ram­po­niert.

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