Emre Can: Ich bin nicht für Platz 2 hinter Bayern hier

Autor : Sven Westerschulze | 20.05.2020

SPORT BILD: Herr Can, die Ta­ges­zei­tung „Daily Mail“ hat den eng­li­schen Fans zum Neu­start der Bun­des­liga ge­zeigt, wel­cher deut­sche Klub ihrem Lieb­lings­ver­ein äh­nelt. Das deut­sche Ge­gen­stück zum FC Li­ver­pool sei der BVB. Stim­men Sie zu?

EMRE CAN (26): Das un­ter­schreibe ich zu 100 Pro­zent. Als ich im Win­ter nach Dort­mund ge­kom­men bin, habe ich hier auch vie­les mit Li­ver­pool ver­gli­chen. Die Ver­eine sind sich wirk­lich ähn­lich, haben ein fa­mi­li­äres Um­feld und ein­zig­ar­tige Fans. Und: Beide lie­ben Jür­gen Klopp!

Hat der BVB -ähn­lich wie Li­ver­pool -auch das Zeug, in den kom­men­den Jah­ren die Cham­pi­ons League zu ge­win­nen?

Das kann ich nicht ver­spre­chen. Wir sind am­bi­tio­niert und wol­len uns wei­ter­ent­wi­ckeln. Dazu ge­hört auch, in der Cham­pi­ons League so weit wie mög­lich zu kom­men. Den Titel mit Dort­mund zu ge­win­nen ist ein Traum.

Laut der Eng­län­der sol­len sich die Fans von Man­che­s­ter Uni­ted mit dem FC Bay­ern iden­ti­fi­zie­ren. Auch rich­tig?

Auch der Ver­gleich passt. Beide sind Re­kord­meis­ter und haben eine rie­sige Strahl­kraft. Dazu spiel­ten große Namen wie Bas­tian Schwein­stei­ger und Owen Har­grea­ves für beide Ver­ei­ne. Für Uni­ted würde ich al­ler­dings wegen mei­ner Zeit in Li­ver­pool nie spie­len. Das lässt mein Herz nicht zu. Die Ri­va­li­tät zwi­schen den Klubs ist wirk­lich rie­sig.

So wie zwi­schen Dort­mund und Bay­ern. Kom­mende Woche emp­fängt der BVB die Münch­ner zum Meis­ter-Show­down. Ist es für Sie ein be­son­de­res Spiel gegen Ihren Ex-Klub?

Auf jeden Fall, weil ich immer noch ei­nige Ge­sich­ter gut ken­ne. Ich hatte vier tolle Jahre bei Bay­ern, bin dort zum Mann ge­wor­den und dem Ver­ein für vie­les dank­bar. Jetzt trage ich aber das BVB-Tri­kot und werde alles ge­ben, um Bay­ern am Diens­tag zu schla­gen.

Sie gel­ten als Typ, der immer ge­win­nen will und seine hohen Ziele klar for­mu­liert. Fehlte das dem BVB zu­vor?

Mann­schaf­ten, die Titel ge­win­nen wol­len, strah­len diese Über­zeu­gung immer aus, auch im Trai­ning. Umso här­ter geht es dann zur Sa­che. In mei­nen ers­ten Wo­chen beim BVB spürte ich, dass das viel­leicht ein wenig fehl­te. In­zwi­schen hat sich das de­fi­ni­tiv ver­än­dert. Ob ich dazu mei­nen Bei­trag ge­leis­tet habe, kann ich nicht sa­gen. Rich­tig ist, ich will immer ge­win­nen. Mir wurde oft ge­sagt, dass ich diese Men­ta­li­tät mit mei­nem Auf­tre­ten auch aus­strah­le. Ich bin zum BVB ge­wech­selt, weil ich Titel ge­win­nen will. Ich bin nicht ge­kom­men, um den zwei­ten Platz hin­ter Bay­ern zu fes­ti­gen. Unser Ziel beim BVB ist es, vor Bay­ern zu lan­den. Auch des­halb brau­chen wir nächste Woche einen Sieg.

Mats Hum­mels hat Ihr Ge­fühl be­stä­tigt, indem er an­merk­te, dass in der Rück­runde „ein ganz an­de­rer Spi­rit“ im Trai­ning herrscht, woran Sie und der zweite Win­ter-Zu­gang, Er­ling Haa­land, „ganz großen An­teil“ hät­ten.

Ich gebe Mats Recht. Es ist mehr Ernst­haf­tig­keit, mehr Fo­kus­sie­rung drin. Wenn im Trai­nings­spiel nicht nur zwei oder drei, son­dern 22 Spie­ler un­be­dingt ge­win­nen wol­len, herrscht eine ganz an­dere Span­nung. Das kenne ich aus mei­ner Zeit in Mün­chen. Ich weiß noch, als wir 2013 das Tri­ple ge­won­nen ha­ben. Mario Mandzu­kic war zwar Tor­jä­ger, aber trotz­dem hat er in jedem Trai­ning einen ab­ge­grätscht. Die­sen Sie­ges­wil­len, den du da ein­ge­impft be­kommst, habe ich in jun­gen Jah­ren ken­nen­ge­lernt. Bei Bay­ern wird jeder geil dar­auf, Titel zu ge­win­nen. Diese Ein­stel­lung habe ich aus Mün­chen mit­ge­nom­men.

FCB-Star Tho­mas Mül­ler hat sich ge­freut, als er zu­letzt in SPORT BILD von Marco Reus‘ Ti­tel­an­sage ge­le­sen hat und mein­te, dass er sol­che Aus­sa­gen in der Ver­gan­gen­heit oft ver­misst hät­te.

Tho­mas muss sich keine Sor­gen ma­chen. Von mei­ner Seite wird er in Zu­kunft öfter Ti­tel­an­sa­gen zu hören be­kom­men. Wenn wir so nah an Bay­ern dran sind wie jetzt, dann brau­chen wir uns nicht zu ver­ste­cken. Am Ende kommt es aber dar­auf an, was du auf dem Platz ab­lie­fer­st.

In Turin spiel­ten Sie an­dert­halb Jahre mit Cris­tiano Ro­nal­do. Ist er die per­so­ni­fi­zierte Sie­ger­men­ta­li­tät?

Ich habe ihn ja oft genug er­lebt, wie er seine Sie­ger­men­ta­li­tät lebt. Ver­liert er ein Trai­nings­spiel, hat er schlechte Lau­ne. Ge­winnt er, fei­ert er in der Ka­bine und är­gert die Ver­lie­rer. Er­zielt er bei Tor­schuss­übun­gen die meis­ten Tref­fer, zieht er die an­de­ren damit auf. Das treibt nicht nur ihn, son­dern alle an.

Haa­land hat nicht nur eine ähn­li­che Tor­quote wie Ro­nal­do, son­dern mit 19 Jah­ren schon enorm viel Selbst­ver­trauen und Cool­ness wie er. Wann ist ein fre­ches Auf­tre­ten er­fri­schend, wann wird es ar­ro­gant?

Er­ling ist po­si­tiv frech, auch ab­seits des Plat­zes. Er hat immer einen guten Spruch auf Lager und ist de­fi­ni­tiv ein selbst­be­wus­s­ter Typ. Aber das ist keine Ar­ro­ganz. Für sein Alter ist Er­ling schon ex­trem reif. Sport­lich ist er eine Gra­na­te: Schnell, ro­bust und mit einem guten Ab­schluss ver­se­hen. Aber auch er muss wei­ter hart an sich ar­bei­ten. Das Zeug zu einem Welt­klas­se­spie­ler hat er. Dafür hoffe ich, dass er ge­sund bleibt -und noch eine ganze Weile beim BVB.

Für BVB-Be­ra­ter Matt­hias Sam­mer reicht Ta­lent al­leine nicht. Cha­rak­ter und Ein­stel­lung sind für ihn ent­schei­dende Merk­ma­le, um es in die Welt­spitze zu schaf­fen. Stim­men Sie zu?

Ja. Egal wie groß dein Ta­lent ist, dar­auf kannst du dich nicht ver­las­sen. Ich kenne Herrn Sam­mer ja schon län­ger, er hat mich als U-Na­tio­nal­spie­ler beim DFB ge­se­hen, und 2013 waren wir ge­mein­sam bei Bay­ern er­folg­reich. Ich habe ge­hört, dass er meine Ver­pflich­tung in Dort­mund be­für­wor­tet hat, das freut mich.

Als Spie­ler hat Sam­mer ge­sagt: „Wenn ich am Ende vorne ste­he, kön­nen mich die Leute auch Arsch­loch nen­nen. Das ist mir egal.“ Wür­den Sie das auch in Kauf neh­men?

Vor­weg: Es mag sein, dass mein Spiel­stil auf­grund mei­ner kräf­ti­gen Sta­tur etwas bru­ta­ler wirkt, aber ich ver­su­che im­mer, fair zu spie­len. Ich werde auf dem Platz schon mal lau­ter oder dis­ku­tiere mit dem Schieds­rich­ter, weil ich diese Emo­tio­nen brau­che. Wenn ich aber mer­ke, dass ich einen Feh­ler ge­macht habe, bin ich der Letz­te, der sich nicht ent­schul­digt. Was aber Ihre Frage be­trifft: Wenn es sein muss, bin ich für meine Mann­schaft gerne auch mal der Arsch. Einer für alle, alle für einen.

Ob­wohl Sie erst 26 sind, zäh­len Sie beim BVB zu den er­fah­re­nen Spie­lern. Füh­len Sie sich wohl da­mit, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und junge Spie­ler zu füh­ren?

Ich fühle mich wohl, wenn ich wich­tig für die Mann­schaft bin. Hier bin ich das wie­der, des­halb ge­fällt mir meine Rol­le. Ich bin immer noch neu hier und kann gut ein­schät­zen, wann ich was sagen kann und wann nicht. Aber na­tür­lich ver­su­che ich vom ers­ten Tag an, mei­nen Mit­spie­lern zu hel­fen – ge­rade den jün­ge­ren.

Was wür­den Sie Jadon San­cho ra­ten, wenn er um Ihre Ein­schät­zung über einen mög­li­chen Wech­sel in die Pre­miere League fragt?

Ich sage ihm: Bleib hier und lass uns für immer zu­sam­men­spie­len. Jadon hat eine Ex­tra­klas­se, die nicht viele Spie­ler be­sit­zen. Das habe ich recht schnell be­merkt. Er ist enorm wich­tig für uns.

Man­che­s­ter Uni­ted soll ihn lo­cken. Im Ernst: Steht Uni­ted, das zu­letzt nur Eu­ropa League spiel­te, denn Ihrer An­sicht nach über dem BVB?

Nein, ich sehe kei­nen Grund, Uni­ted über Dort­mund zu stel­len. Weder sport­lich noch von der At­trak­ti­vi­tät.

BVB-Boss Hans-Joa­chim Watzke hatte in der Hin­runde ge­for­dert, das Team müsse „ein biss­chen mehr wie Ju­ve­n­tus“ spie­len. Also er­geb­ni­s­ori­en­tiert. Sie kamen im Win­ter aus Turin – spielt der BVB nun ein biss­chen wie Juve?

Ich kann mir vor­stel­len, wie Herr Watzke das mein­te. Aber wenn ich un­se­ren Fuß­ball mit dem von Juve ver­glei­che: Nein. In Turin habe ich ge­lernt, wie man ge­winnt ohne zu glän­zen. Wir haben so viele Spiele mit nur einem Tor Un­ter­schied ge­won­nen. Bei Fans und Spie­lern galt: ge­won­nen, gut! Beim BVB ist das an­ders. Als wir Ende Fe­bruar zu Hause Frei­burg 1:0 ge­schla­gen ha­ben, fand ich die Stim­mung in der Ka­bine ir­gend­wie ko­misch. Rich­tig zu­frie­den war kei­ner – das war für mich im ers­ten Mo­ment ganz schön un­ge­wohnt. Aber es ge­fällt mir, denn ich bin auch glück­li­cher, wenn wir dabei schö­nen Fuß­ball spie­len. Dafür haben wir mit Lu­cien Favre den rich­ti­gen Trai­ner.

Sollte PSG nicht mehr an der CL-End­runde teil­neh­men kön­nen, weil Fuß­ball­spiele bis auf Wei­te­res in Frank­reich ver­bo­ten sind, wäre der BVB als Nach­rücker be­reit?

Von der Mög­lich­keit wusste ich noch gar nichts. Paris hat uns lei­der be­siegt und ist des­we­gen zu Recht eine Runde wei­ter. Aber soll­ten wir noch mal in die Kö­nigs­klasse ein­grei­fen kön­nen, wäre ich je­der­zeit be­reit!

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