"Ich musste raus aus der Komfortzone"

Autor : Sven Westerschulze | 18.12.2019

Der Ex-Leverkusener blüht beim BVB auf der Sechser-Position auf. Er erklärt, warum er eine neue Herausforderung brauchte und welche Rolle seine Mutter dabei spielte

SPORT BILD: Hin­ter dem BVB liegt ein tur­bu­len­ter Herbst: Men­ta­li­täts­de­bat­te, Trai­ner­dis­kus­sion, Ab­rut­schen auf Platz 8. Die Schnel­lig­keit und die Wucht der öf­fent­li­chen Kri­tik dürf­ten Sie aus Le­ver­ku­sen in der Form nicht ge­kannt ha­ben. Wie sind Sie damit um­ge­gan­gen?

JU­LIAN BRANDT (23): Wir hat­ten eine per­fekte Vor­be­rei­tung ge­spielt, auch den Su­per­cup gegen Bay­ern ge­won­nen und sind mit einem 5:1 gegen Augs­burg in die Liga ge­st­ar­tet. Da rech­nest du erst mal na­tür­lich nicht mit so einer Ent­wick­lung. Ent­spre­chend war es zu­nächst nicht ganz so ein­fach für alle Be­tei­lig­ten. Aber ich habe immer ver­sucht, das Ganze po­si­tiv zu se­hen. Es gibt immer Pha­sen in einer Sai­son, in denen nicht alles per­fekt läuft. Ich glau­be, dass der Ver­ein die Ruhe be­wahrt hat und wir da­durch ge­stärkt dar­aus her­vor­ge­gan­gen sind. Es ist ja auch nicht so, dass wir die ganze Sai­son schon ver­spielt ha­ben.

Trai­ner Lu­cien Favre sagte zu­letzt in SPORT BILD, dass der Mann­schaft die Leich­tig­keit der ver­gan­ge­nen Sai­son ab­han­den gekom­men sei. Spü­ren Sie das auch?

Das kann ich nicht genau be­ur­tei­len, weil ich erst seit Som­mer dabei bin. Was ich von außen sagen kann: In der ver­gan­ge­nen Sai­son hatte der BVB einen Mega-Lauf. Wie Jadon San­cho auf­ge­zo­gen hat, was Marco Reus für Tore ge­macht hat – das war ex­trem stark. Aber das ist keine Ga­ran­tie da­für, dass es dau­er­haft so läuft. Gucken Sie nach Le­ver­ku­sen: Mein Kum­pel Kai Ha­vertz hat ver­gan­gene Sai­son 17 Tore ge­schos­sen und über­ra­gend ge­spielt. Auch er macht ge­rade eine etwas schwie­ri­gere Phase durch. Aber ist ge­rade mal 20 Jahre alt, Jadon ist 19. Man muss mit jun­gen Spie­lern ge­dul­dig sein. Es geht nicht immer nur steil nach oben. Das haben wir in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten in Dort­mund auch er­fah­ren müs­sen – und trotz­dem haben wir in allen drei Wett­be­wer­ben noch alle Chan­cen.

Brandt gab sein Bundeslia-Debüt am 15. Februar 2014 für Leverkusen. In Dortmund läuft sein Vertrag bis 2024

 

Seit knapp einem Monat lässt Trai­ner Lu­cien Favre Sie im Mit­tel­feld­zen­trum spie­len. Sie wir­ken wie be­freit. Wie gut tut Ihnen die neue Po­si­tion?

Für mich ist das op­ti­mal, ich fühle mich da rich­tig wohl. Ich habe lange dar­auf gewar­tet, mich im Zen­trum zei­gen zu kön­nen. Als ich in der Spitze ge­spielt habe, war ich zwar auch im Zen­trum, aber als Stoß­stür­mer war es nicht so ein­fach für mich. Ich bin eben kein Spie­ler­typ wie Ro­melu Lu­ka­ku. Ich würde nicht sa­gen, dass ich vor­her in einem Loch ge­steckt habe, aber jetzt merke ich, dass ich auf dem Weg zu alter Stärke bin und fühle mich auf dem Platz rich­tig gut.

Wie hat Favre Ihnen die neue Rolle er­klärt?

Vor dem Spiel gegen Her­tha (2:1; d. Red.) hat er mich ge­fragt, ob ich mir die Po­si­tion auf der Dop­pelsechs neben Axel Wit­sel vor­stel­len kann, weil er mich sonst immer etwas of­fen­si­ver ein­ge­setzt hat. Ich habe dem Trai­ner ge­sagt, dass ich dafür be­reit bin. Ich mer­ke, dass ich de­fen­siv noch mehr ar­bei­ten muss und dass ich da noch Po­ten­zial habe. Aber das kann mir nur gut­tun, denn ich will mich wei­ter­ent­wi­ckeln.

Wie wich­tig war der Wech­sel nach Dort­mund da­für?

Hier ist alles noch mal eine Num­mer grö­ßer. Das Sta­dion, das Um­feld, aber eben auch der Leis­tungs­druck, die Er­war­tungs­hal­tung der Men­schen – und nicht zu­letzt die ei­ge­nen Am­bi­tio­nen. Ich musste aber ein­fach raus aus der Kom­fort­zo­ne, die ich nach fünfein­halb Jah­ren in Le­ver­ku­sen hat­te:

Um mich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, ja – aber auch, um mich neu zu be­wei­sen. Nur so kann ich mich ver­bes­sern. Ein neuer Ver­ein be­deu­tet auch immer eine neue Her­aus­for­de­rung und einen neuen Kon­kur­renz­kampf. Das habe ich im Som­mer ge­braucht.

An­to­ine Griez­mann er­klärte sei­nen Wech­sel von At­lético zu Barça vor Kur­zem da­mit, einen neuen Spiel­stil ler­nen zu wol­len. Das hört man sel­ten. Wie war es bei Ih­nen?

Ich ver­stehe ihn to­tal. At­lético spielt sehr de­fen­siv, ver­tei­digt tief und sucht den Weg nach vorne deut­lich sel­te­ner als Bar­ce­lo­na. Der Guar­diola-Stil, viel Ball­be­sitz, do­mi­nant sein und den Geg­ner müde spie­len, ist das krasse Ge­gen­teil. Für mich war eher aus­schlag­ge­bend, zu einem Ver­ein zu wech­seln, bei dem noch hö­he­rer Er­folgs­druck herrscht und bei dem ich jeden Tag die letz­ten Pro­zente aus mir raus­kit­zeln muss, um dort mei­nen Platz zu fin­den.

Wie haben Ihre El­tern rea­giert, als Sie ihnen von Ihren BVB-Über­le­gun­gen erzähl­ten?

Sie hat­ten vom ers­ten Mo­ment an eine sehr hohe Mei­nung vom BVB. Ich weiß nicht warum, aber zu der Zeit, als sich mein Wech­sel nach Dort­mund ab­zeich­ne­te, trug meine Mut­ter auf­fäl­lig oft gelbe Klei­dung. Viel­leicht wollte sie mir damit ein gutes Ge­fühl geben (lacht). Na­tür­lich spre­che ich mit mei­nen El­tern, vor allem mit mei­nem Va­ter, über meine Plä­ne. Ich frage sie nach ihrer Mei­nung, die Ent­schei­dun­gen treffe ich am Ende aber immer al­lei­ne.

25 Millionen Euro zahlte der BVB im Sommer für Brandt. Dank einer Ausstiegsklausel konnte der Nationalspieler Leverkusen für die Summe verlassen. Aktueller Marktwert laut transfermarkt.de: 50 Mio. Euro.
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