Werden Sie noch Meister wie Klopp, Herr Favre?

Autor : Henning Feindt, Sven Westerschulze | 11.12.2019

Der Schweizer spricht über die Titel-Ansprüche beim BVB, den Druck der Öffentlichkeit und Dinge, die er von Trainer-Legende Alex Ferguson gelernt hat 

SPORT BILD: Herr Favre, wir haben Ihnen ein Foto aus dem Jahr 2011 von Jürgen Klopp mit der Meisterschale mitgebracht. Seit der Klopp-Ära werden alle BVB-Trainer daran gemessen, den Titel nach Dortmund zu holen. Die Sehnsucht ist riesig!

LUCIEN FAVRE (62): Ja, ich weiß. Vom ersten Tag an in Dortmund haben mir viele Menschen erzählt, dass die Fans hier davon träumen, dass Jürgen Klopp eines Tages zurückkommt.

Hans-Joachim Watzke wollte den Traum wahr machen und Klopp 2018 aus Liverpool zurückholen, bevor er Sie verpflichtet hat. Watzke hat das jetzt in seinem Buch verraten. Hat Sie das irritiert? 

Nein, warum? Ich verstehe das. Aber ich verstehe auch, warum Klopp jetzt nicht zurückkommt. Ich würde es an seiner Stelle auch nicht machen. Wenn man als Trainer an einem Ort alles erreicht hat, geht man eigentlich nicht zurück. Das kann ich mir selbst auch nur schwer vorstellen.

Müssen Sie das jetzt auch? 

Wir müssen vor allem hart arbeiten – und wir müssen auch mal die Kader der anderen Mannschaften akzeptieren: Gladbach, Leipzig, Bayern. Alle sind extrem gefährlich. Viele haben das Zeug, Meister zu werden. Wir müssen uns darauf konzentrieren, das Maximum zu geben. Durch Reden allein gewinnst du nichts.

Friedhelm Funkel, der erfahrenste Trainer der Bundesliga mit 505 Spielen, sagt über Sie: „Ich finde es schlimm, wie mit Lucien umgegangen wird. Eine Woche ist es so, eine Woche ist es so. Das ist nur schwer auszuhalten. Natürlich geht es um Ergebnisse, aber wir müssen auch mal an den Menschen denken.“ Hat er recht? 

Ich danke ihm für die Worte. Mir ist schon lange klar, dass es nicht hilfreich ist, die Diskussionen um die eigene Person zu verfolgen. Ich bin ehrlich: Viele Medien sind heute sehr schnell negativ. Es ist schwer, Storys zu verkaufen, wenn es nicht mal ein bisschen Blut gibt. Es ist heutzutage grundsätzlich ein Problem, dass Menschen oft einen Schritt zu weit gehen – egal, in welcher Branche. Alles muss höher, schneller, weiter sein. Ich selbst beschäftige mich aber kaum damit. Ich schaue nach vorn und vertraue mir selbst – das ist am Wichtigsten.

Sie haben zu der Trainerdiskussion mal gesagt: „Die Welt ist verrückt geworden.“ Können Sie das erklären? 

Ganz einfach: Vor einem Jahr war ich gut, und jetzt bin ich plötzlich schlecht? Soll das die Wahrheit sein? Ich habe Mühe, das zu glauben!

Stört es Sie, wenn es heißt, dass Sie kein Titel-Trainer sind? 

Wer sagt das denn?

Das wird überall diskutiert: von Experten, uns Medien, den Fans. 

Du musst als Trainer Kritik einstecken und aushalten können. Ich habe gelernt, dass man auch, nun ja, weniger fundierte Meinungen akzeptieren und damit leben muss. Mir macht das nichts aus. Wenn du durch die Hölle gehst, bleibe nicht stehen – gehe weiter und schaue nach vorn.

Hatten Sie diese Saison mal das Gefühl: Wenn ich heute verliere, fliege ich raus? 

Nein, keine Sekunde. Noch mal: Ich vertraue mir. Ich habe großes Vertrauen, dass wir in dieser Saison unser Maximum erreichen.

Können Sie den Druck auch mal ausblenden? 

Das ist nicht so einfach. Du brauchst ein Hobby, um richtig abzuschalten.

Haben Sie denn ein Hobby? 

Im Moment habe ich keins – zu wenig Zeit (schmunzelt). Ich habe Spaß auf dem Platz, genieße die Zeit beim Training. Aber wenn ich abschalten will? Bei einem Glas Rotwein oder einem Spaziergang – da schaltet man nicht ab. Man muss etwas anderes machen. Alex Ferguson – seine Geschichte kenne ich in und auswendig – ist als Trainer von Manchester United immer zu Pferderennen gegangen, um abzuschalten. Stundenlang. Nur so konnte er den Druck bei Man United über all die Jahre ausgleichen. Ich bin gern in der Natur, interessiere mich sehr für ökologische Fragen, wie wir in Zukunft leben wollen. Aber dazu, mal ein Buch zu lesen, komme ich zurzeit nicht.

Ist das gut oder schlecht? 

Ich habe darüber mal mit Arsène Wenger (Ex-Trainer von Arsenal; d. Red.) gesprochen und ihn gewarnt, dass er zu viel macht. Er hat mir gesagt: „Lucien, ich kann nicht anders. Das ist mein Fehler.“

Ist es auch Ihr Fehler? 

Nein, ich probiere es ja. Und ich schaffe es auch wieder (lächelt).

Haben Sie auch mal Selbstzweifel? 

Man muss sich gut vorbereiten, um Erfolg zu haben. Man muss einen Plan haben und alles geben. Ich habe die gleiche Philosophie wie Rafael Nadal. Er sagt: „Ich gewinne oder verliere, aber ich werde mich in jedem Spiel weiterentwickeln – und dann kommt der Rest automatisch.“ Wenn du 100 Prozent gibst – 100, nicht bloß 90! –, dann wirst du langfristig Erfolg haben.

Dann sind Sie heute ein besserer Trainer als in Gladbach oder zuvor bei Hertha BSC? 

Ja, davon bin ich überzeugt. Sonst wäre ich auch nicht hier.

Warum ist der BVB diese Saison nicht stabil? 

Wir machen als Mannschaft zu viele Fehler in der Verteidigung und bei der Ball-Eroberung. Wissen Sie: Ich habe das US-Dreamteam 1992 bei Olympia in Barcelona gesehen. Ich hatte gar kein großes Interesse an Basketball, aber das war spektakulär, ihre Show und Athletik – fantastisch! Ich habe mich dann intensiver damit beschäftigt, und jemand sagte mir: „Lucien, weißt du, wo sie am besten sind? In der Ball-Eroberung! Wie intelligent und aggressiv sie da sind.“ Für uns ist das heute auch das Wichtigste. Wir können alle spielen, aber du musst richtig antizipieren, um zu wissen, wann du attackieren musst. Da müssen wir uns verbessern.

Was hat Ihre Mannschaft vor einem Jahr besser gemacht? 

Vor allem war die Leichtigkeit da, vieles lief gefühlt wie von allein. Wir können da wieder hinkommen, aber gerade ist das nicht so der Fall.

Liegt das auch an der Mehrbelastung? In dieser Saison mussten Sie nach allen sechs Champions-League-Spielen immer auswärts ran und haben bislang nur eins davon in der Fremde gewonnen. Die Bayern haben nach Champions-League-Spielen dagegen immer zu Hause gespielt. 

Ja, das stimmt. Michael Zorc (BVB-Manager; d. Red.) hat prophezeit, dass uns das fünf, sechs Punkte kosten kann. Wir sind alle Profis, aber natürlich kostet es Kraft, am Donnerstag nur kurz zu Hause zu sein und dann direkt weiterzufliegen. Aber: Es ist so! Es ist ein Argument, aber wir benutzen es nicht als Entschuldigung.

Welche Fehler haben Sie selbst gemacht? 

Ich spreche nicht gern über Fehler, sie gehören nun mal dazu. Wir sind alle Menschen, wir alle machen Fehler, die wir im Nachhinein gern korrigieren würden. Glauben Sie mir: Ich bin sehr selbstkritisch!

Interessiert Sie Ihr Image? 

Die Medien denken manchmal, dass ich sie nicht mag und mich das alles nicht interessiert – aber das ist nicht die Wahrheit. Ich respektiere jeden Menschen. Natürlich ist es manchmal schwer, auf provokante Fragen zu antworten und ruhig zu bleiben, wenn es nicht läuft. Du bist unter Druck, ärgerst dich und musst dich total beherrschen. Aber Sie kennen mich: Ich kann lachen, ich kann feiern. Es bleibt manchmal nur zu wenig Zeit, dass mich alle wirklich kennenlernen.

Nach dem 0:4 in München war die Kritik besonders laut. 

Ja, und die war auch berechtigt. Aber warum, wird oft nicht deutlich. Wir haben drei Konter-Gegentore bekommen – und das ist das, was mich interessiert. Da knüpfe ich an, damit wir Sicherheit und Stabilität gewinnen.

Ihr Kapitän Marco Reus hat seine Topform diese Saison noch nicht konstant abrufen können. Wie wichtig ist der „alte“ Reus gerade jetzt? 

Er und Sancho – wenn sie zack-zack-zack spielen, haben sie schon oft den Unterschied für uns gemacht. Wie jetzt beim 5:0 gegen Fortuna Düsseldorf. Das war fantastisch. Wenn wir Großes erreichen wollen, brauchen wir auch die beiden in Topform.

Ist Reus in Topform für den BVB so wichtig wie Messi für Barcelona oder Lewandowski für den FC Bayern? 

Ja, aber es ist für nahezu alle Spieler auf der Welt so, dass sie mal eine Phase haben, in der sie ihre Topform nicht konservieren können. Marco war zuletzt mal krank, dann verletzt, er konnte dann nur eingeschränkt trainieren. Aber wir machen alles, um ihm dabei zu helfen, konstant sein Toplevel wieder zu erreichen. Er arbeitet auch sehr hart dafür, aber es geht nicht von heute auf morgen.

Und Sancho? 

Als Fußballer ist er Weltklasse, keine Frage. Aber vergessen Sie nicht, dass er erst 19 Jahre alt ist. Es ist schwer, jedes Mal herausragend zu sein.

Aber pünktlich sein könnte man. Damit hat Sancho anscheinend größere Probleme! 

Ach, ich weiß nicht. Er muss so professionell wie wir alle leben, das stimmt. Aber wir dürfen ihn auch nicht zu sehr erziehen. Er muss sich gut fühlen, und das ist nicht einfach bei allem, was er erlebt. Er weiß, dass ich ihn gern habe – dass wir ihn alle gern haben. Als Spieler und als Menschen. Er ist ein guter Junge, der uns regelmäßig sehr, sehr hilft. Ich habe selten einen Spieler gesehen, der in seinem Alter schon so weit ist.

Ärgert es Sie, wenn Mats Hummels öffentlich über Ihre Taktik spricht? Und ein 4-1-4-1 statt 4-2-3-1-fordert? 

Er hat, zumindest war das mein Eindruck, nichts gefordert. Und die Gegentore gegen Paderborn hatten auch nichts mit Pressing oder der Taktik zu tun. Noch einmal: Vor einem Jahr hatten wir kein Problem damit, hoch zu pressen. Beim Pressing geht es – unabhängig davon, welches System man spielt – darum, dass alle Spieler in Bewegung sind, richtig in Bewegung sind, im richtigen Moment. Wenn das gegeben ist, ist die taktische Formation beinahe zweitrangig. Aber ehe wir jetzt in eine System- oder Einzelkritik einsteigen: Lassen Sie uns die Saison doch erst zu Ende spielen, danach können wir uns gern noch einmal über alles unterhalten.

Axel Witsel wird nach einem Treppensturz erst in der Rückrunde wieder spielen können. Wie geht es ihm? 

Ich habe am Sonntag von seinem Unfall erfahren. Ich war im ersten Moment überrascht und geschockt – so wie alle. Er ist ein wichtiger Spieler für uns. Aber viel wichtiger ist, dass seine Operation erfolgreich verlaufen ist und er das Krankenhaus schon wieder verlassen konnte. Über die Nachricht war ich sehr froh. Jetzt hoffen wir, dass er schnell wieder gesund wird.

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