Marco Reus jubelt zu den Fans, hinter ihm viele seiner Teamkollegen
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Reus ist gebürtiger Dortmunder, spielte in der Jugend schon für den BVB. Über RW Ahlen und Gladbach kehrte er 2012 zurück. Quelle: Getty Images All rights reserved.

Marco Reus: Der Anführer

In seinem siebten BVB-Jahr ist die Chance auf die Meisterschaft so groß wie nie. Die Mitspieler schauen zu ihm auf, Klubboss Watzke schwärmt vom neuen Kapitän

An Heiligabend grüßte Marco Reus (29) mit seiner Freundin Scarlett Gartmann (25) und den beiden Chihuahuas Elvis und Coco noch aus Dortmund. Kurz darauf ging es für das Paar in den Urlaub, in Dubai ließ der BVB-Star sein bewegtes Jahr 2018 ausklingen. Die Chance auf seinen ersten Meistertitel ist für Reus so groß wie nie. Er ist vom Sorgenkind zum Anführer gereift. Früher häufig verletzt, wirkte Reus oft in sich gekehrt und unnahbar. Im vergangenen Jahr hat sich vieles verändert: Reus blieb endlich von langen Verletzungspausen verschont, erlebte bei der WM in Russland sein erstes großes Turnier und stieg zum BVB-Kapitän auf. Heute tritt er gelöster auf, gibt sich offener und gesprächiger. Nicht viele haben ihm diese Wandlung zugetraut.

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke (59) schwärmt gegenüber SPORT BILD vom neuen Reus: „Im Verein spürt man Marcos Verantwortungsbewusstsein. Das hat mit seiner Rolle in der Mannschaft zu tun, aber auch mit seiner privaten Situation. Marco wird im kommenden Jahr Vater. Er weiß, dass damit auch Pflichten auf ihn zukommen. Aber ich bin mir sicher: Er wird sie genauso annehmen, wie er es mit seinen Aufgaben beim BVB getan hat.“ Auch privat war 2018 ein besonderes Jahr für Reus. Im Oktober verkündete er stolz die Schwangerschaft seiner Freundin: „Scarlett und ich erwarten voller Vorfreude eine kleine Prinzessin! Wir sind überglücklich, und keine Worte können dieses unglaublich schöne Gefühl beschreiben.“

Watzke schwärmt vom Verantwortungsbewusstsein des neuen BVB-Kapitäns

Im Sommer hatten die BVB-Verantwortlichen ihm bereits mehr Verantwortung übertragen, als sie Reus zum neuen Kapitän machten. Als gebürtiger Dortmunder verkörpert er den BVB wie kaum ein anderer, sportlich ist er unverzichtbar. Die neue Rolle war zudem ein Zeichen der Wertschätzung, die er im Verein genießt – nicht erst seit seiner Vertragsverlängerung (bis 2023) im März. „Die Rolle habe ich sehr gern angenommen. Natürlich übernehme ich Verantwortung – jetzt noch mehr als zuvor“, erklärt Reus. Für sein Treuebekenntnis zur Borussia ließ Reus sogar Manchester City und Pep Guardiola (47) abblitzen. „Marco ist ein Dortmunder Junge, eine absolute Identifikationsfigur. Und er selbst hat auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass der BVB sein Klub ist“, sagt Dortmunds Sportdirketor Michael Zorc (56).

Jetzt steht der BVB mit Anführer Reus an der Tabellenspitze. Sechs Punkte Vorsprung hat die Borussia auf den FC Bayern. Intern gilt das Spiel in Leverkusen, als der BVB einen 0:2-Halbzeitrückstand in einen 4:2-Sieg umwandelte, als Schlüsselerlebnis der erfolgreichen Hinrunde. Reus sprach in der Pause zur Mannschaft. „Marco ist ein großartiger Kapitän und ein Aushängeschild für Borussia Dortmund. Man merkt, wie wohl er sich fühlt. Er ist gesund, spielt auf Top-Niveau und ist ein ganz wichtiger Faktor für unseren Erfolg“, so Watzke. Mit elf Toren und acht Vorlagen spielte der Offensivstar die beste Hinrunde seiner Karriere. Reus absolvierte dabei alle 17 Partien – das schaffte er zuletzt vor fünf Jahren. „Ich werde weiter arbeiten und gesund bleiben, dann sehe ich positiv in die Zukunft. Wenn wir als Team weiter fit bleiben und unsere Leistung so abrufen können, dann ist in dieser Saison einiges möglich“, ist Reus sicher.

„Marco spielt auf Top-Niveau und ist ein ganz wichtiger Faktor für unseren Erfolg“

Hans-Joachim Watzke

In der extrem talentierten, aber noch jungen BVB-Offensive ist Reus der Taktgeber. Die anderen hören auf ihn. Nicht nur auf dem Platz. Bei der ersten Saisonpleite in Düsseldorf (1:2) erwischte Flügelstürmer Jacob Bruun Larsen (20) einen gebrauchten Tag. Reus nahm den sichtlich geknickten Youngster bei der Rückfahrt nach Dortmund in den Arm und redete ihn wieder stark. Auch Jadon Sancho (18) ist dem Anführer dankbar: „Ich habe eine spezielle Bindung zu ihm. Auf und abseits des Feldes. Er lehrt mich viele Dinge, wie ich cleverer mit dem Ball umgehe, wie ich mich voll auf mein Spiel konzentriere. Ich sehe zu ihm auf, weil er ein sehr großer Spieler ist.“

Ein weiterer Grund für seine Leistungsexplosion: Mit Trainer Lucien Favre (61) verbindet Reus eine besondere Beziehung. Von 2011 bis 2012 arbeiteten beide bereits in Gladbach zusammen. Unter Favre stieg Reus zum Nationalspieler auf, ehe er im Sommer 2012 zurück zu seinem Jugendverein nach Dortmund ging. „Dass Marco ein großer Fan von Lucien Favre ist, wussten wir schon lange. Schon als wir Marco 2012 verpflichtet haben, hat er von Lucien geschwärmt. Es ist schön zu sehen, dass die beiden auch beim BVB so gut harmonieren“, freut sich Watzke. Auch Mitspieler erkundigten sich im Sommer bei Reus, als die Favre-Verpflichtung perfekt war. Denn der Kontakt zwischen beiden riss in den vergangenen sechs Jahren nie ganz ab. Regelmäßig schrieben sie SMS, inzwischen sind sie wieder vereint. Mit 19 Torbeteiligungen ist Reus der beste Scorer der Liga!

„Marco ist ein Dortmunder Junge, eine absolute Identifikationsfigur“

Michael Zorc

Auch abseits des Platzes ist Reus überall präsent. Weniger in den sozialen Netzwerken, sondern auf Marketing- und PR-Veranstaltungen des BVB und seiner Sponsoren. Selbst in Englischen Wochen. Der Klub promotete zuletzt seinen Weihnachtspullover mit einem aufwendig produzierten Clip von Reus, bei sämtlichen Werbepartnern steht der Nationalspieler hoch im Kurs. Selbst für Automobilhersteller „Opel“ ist er ein authentischer Werbeträger. Dabei fuhr Reus in der Vergangenheit ohne Führerschein, wurde 2014 deshalb zu einer Geldstrafe in Höhe von 540 000 Euro verurteilt. Heute spendet der BVB-Topverdiener Teile seines Gehalts lieber an gemeinnützige Zwecke: Seit einem Monat ist Reus gemeinsam mit Teamkollege Julian Weigl (23) Botschafter des SOS-Kinderdorfes in Dortmund.

Text von Sven Westerschulze