"Die Bayern-Zeit hilft mir heute"

Autor : Sven Westerschulze | 03.04.2019

Der BVB-Star über seinen Weg zurück zum Fußball-Glück, den Titelkampf und ein Comeback in der Nationalmannschaft

SPORT BILD: Herr Götze, wenn wir Ihnen vor der Saison gesagt hätten, dass der BVB am 28. Spieltag mit zwei Punkten Vorsprung als Tabellenführer zum direkten Duell in München antritt: Was hätten Sie geantwortet?

MARIO GÖTZE (26): Ich hätte gefragt, wo ich unterschreiben soll (lacht). Damit war vor Saisonbeginn nicht zu rechnen. Im letzten Jahr sind wir mit viel Mühe Vierter geworden, im Sommer folgte ein größerer Umbruch. Dass wir sieben Spieltage vor Schluss um die Meisterschaft kämpfen, ist schon ein riesiger Erfolg. Aber wir sind noch nicht am Ende. Jetzt wollen wir natürlich mehr!

Mitte Dezember lag der BVB sogar neun Zähler vor den Bayern. Warum gab es am Anfang des Jahres einen kleinen Einbruch?

In manchen Spielen haben wir nicht unsere ganze Klasse auf den Platz gebracht. Wir müssen ans Limit gehen, um erfolgreich zu sein. Das haben wir verstanden – wie die letzten beiden Siege gegen Berlin (3:2) und Wolfsburg (2:0) gezeigt haben. Wir glauben an uns, geben nie auf und haben schon einige Spiele sehr spät erst entschieden. Das ist auch eine Qualität von uns.

Welche Gründe gibt es noch für den Aufschwung?

Da gibt es einige. Im Verein wurde an vielen Stellschrauben gedreht. Aus meiner Sicht war es sehr wichtig, dass nach der turbulenten Vorsaison wieder Ruhe eingekehrt ist. Dabei haben die guten Ergebnisse am Anfang geholfen, aber die haben wir uns selbst erarbeitet. Die Mannschaft wurde gut verstärkt, und mit Lucien Favre haben wir einen sehr akribischen Trainer bekommen. Er hat zu Beginn nicht gleich alles über den Haufen geworfen, sondern sich in Ruhe einen Überblick verschafft, bevor er uns seine Philosophie vermittelt hat.

Ich bin nach Dortmund zurückgekommen, um regelmäßig um Titel mitzuspielen

In der Sie anfangs kaum eine Rolle gespielt haben…

Für mich war das eine sehr schwierige Phase. Fit zu sein und über einen längeren Zeitraum nicht spielen zu dürfen so eine Situation kannte ich noch nicht. Ich habe mich über unsere Siege natürlich gefreut, glücklich war ich aber nicht richtig.

Wie ist es Ihnen gelungen, Favre von sich zu überzeugen nach null (!) Einsatzminuten in den ersten sechs Ligaspielen?

Um Titel zu gewinnen und das Maximale zu erreichen ist es wichtig, einen hohen Konkurrenzkampf zu haben und sich gegenseitig zu Höchstleistungen zu bringen. Ich habe mich in der Situation nicht aufgegeben und immer weiter an mir gearbeitet. Der Trainer hat ein sehr gutes Gespür dafür, wie er die Stärken von Spielern in seine Spielidee einbringen kann. Ich bin froh, dass ich meine Qualitäten einbringen kann und meinen Teil zum Erfolg beitrage.

Inzwischen gehören Sie wieder zur Stammelf, waren in Ihren letzten sechs Ligaspielen an fünf Toren beteiligt. Warum läuft es plötzlich rund?

Ich spüre das Vertrauen des Trainers, spiele in einer funktionierenden Mannschaft. Ich kann mich voll auf meine Leistungen konzentrieren – das wirkt sich sehr positiv auf mich aus.

Haben Sie wieder mehr Spaß am Fußball als in den vergangenen Jahren?

Ich bin zurück nach Dortmund gekommen, um regelmäßig um Titel mitzuspielen. Das treibt mich an. Es ist etwas ganz anderes, ob man um die Qualifikation für die Champions League kämpft oder um die Meisterschaft. Es wäre gigantisch, wenn wir Meister werden würden.

Ich stemme zu Hause keine Gewichte, ich will kein Bodybuilder werden

In SPORT BILD haben wir zuletzt zwei Fotos von Ihnen gezeigt. Mario Götze 2015 und 2019 – jeweils oberkörperfrei: Heute sehen Sie viel durchtrainierter aus.

Es ist ein stetiger Prozess herauszufinden, was das Beste für einen selbst ist, um sich stetig zu verbessern. Ich fühle mich auch deutlich besser. Die Phase mit wenig Spielzeit habe ich dazu genutzt, um an meiner Mentalität und meinem Körper zu arbeiten.

Sie kehren am Samstag zu Ihrem Ex-Klub zurück. Ex-Bayern-Trainer Carlo Ancelotti war damals erstaunt, als er die vielen Geräte in Ihrer Wohnung erblickte. Was sagen Sie dazu?

Ich besitze auch hier Fitnessgeräte in meinem Haus. Vielleicht sogar noch mehr als damals in München (lacht). Aber was sagt das aus? Es geht um effektive Nutzung und die richtigen Übungen. Ich stemme zu Hause keine Gewichte, ich will kein Bodybuilder werden. In erster Linie mache ich funktionelles Training, arbeite viel mit dem eigenen Körpergewicht, lege einen hohen Wert auf Regeneration sowie Ernährung und Balance.

Es heißt, in München hätten Sie durch zu viel Krafttraining Ihre Spritzigkeit verloren.

Nein, das sehe ich anders. Mein Top-Speed ist in den vergangenen Jahren nahezu konstant geblieben. Die Diskussion lenkt von der eigentlichen Problematik damals ab. Beim FC Bayern habe ich sehr häufig auf den Flügeln gespielt, da sind sehr schnelle Spieler gefragt. Ich war aber auch zuvor in Dortmund kein herausragender Sprinter, habe meist im Zentrum gespielt. Da fühle ich mich deutlich wohler, kann meine Stärken besser einbringen und einer Mannschaft mehr helfen.

Jörg Heinrich, bis letzten Sommer Co-Trainer beim BVB, hat zuletzt über Ihre Zeit beim FC Bayern (2013 – 2016) gesagt: „Im Süden haben sie Mario fast kaputt gemacht.“

Ich habe drei Meisterschaften gewonnen, zweimal den DFB-Pokal und bin zu der Zeit mit der Nationalmannschaft Weltmeister geworden. Das war nicht ganz so schlecht. Dazu konnte ich drei Jahre mit Pep Guardiola arbeiten. Von ihm habe ich unheimlich viel gelernt nicht nur über Fußball, sondern auch über mich, meine Persönlichkeit und meine Entwicklung. Kaputt gegangen bin ich in München also nicht wirklich.

Die hohen Erwartungen – speziell nach dem WM-Siegtor 2014 – konnten Sie in München nur selten erfüllen. Wirklich glücklich wurden Sie dort nicht!

Die drei Jahre in München waren fußballerisch und persönlich sehr wertvoll für mich. Davon profitiere ich jetzt immer noch. Aber, ja: Die Erwartungen an mich waren vom ersten Tag an extrem hoch. Ich habe mir selbst viel höhere Erwartungen gestellt, dabei waren die von außen schon kaum erfüllbar. Man darf aber auch nicht vergessen, dass bei Bayern der Konkurrenzkampf enorm ist. Ich war 21, als ich nach München ging. Dass ich nicht jedes Spiel über 90 Minuten mache war mir damals schon bewusst.

Bayern-Trainer Pep Guardiola erklärt Mario Götze seine Taktik© Getty Images (Foto: Oliver Hardt)
Pep Guardiola war Trainer in Götzes Zeit beim FC Bayern (2013 – 2016)

Zu welchem Ex-Coach ist Ihr Kontakt intensiver: Pep Guardiola oder Jürgen Klopp?

Wenn ich Pep sehe, sprechen wir immer miteinander. Aber im regelmäßigen Austausch stehe ich mit Kloppo. Er hat mich damals als 17-Jähriger zu den Profis geholt, mir alles ermöglicht. Unser Kontakt ist nie abgerissen.

Er wollte Sie 2016 nach Liverpool holen!

Er wusste damals, dass ich Bayern verlassen werde. Natürlich haben wir uns in dem Rahmen auch mal ausgetauscht. Er kennt mich sehr gut und weiß, dass ich immer neue Herausforderungen suche.

In der Premier League liegt Klopp bei einem Spiel mehr zwei Punkte vor Guardiola und Manchester City. Wer ist der bessere Trainer?

Sie sind schwer zu vergleichen, weil sie verschiedene Philosophien verfolgen. Fakt ist, dass beide extrem erfolgreich sind. Ich bin dankbar dafür, mit zwei so überragenden Trainern gearbeitet zu haben. Ich schaue mir die Spiele beider Teams so oft es geht an, der Titelkampf in der Premier League ist extrem spannend.

Wäre diese Meisterschaft mit dem BVB mehr wert als Ihre gesammelten Titel mit Bayern?

Keine Frage: In Dortmund hat eine Meisterschaft immer einen besonderen Stellenwert. Wenn wir nach der schweren Vorsaison nun die Schale holen würden, wäre das für den Verein, die Fans und auch für mich ein überragender Triumph. Meine erste Meisterschaft mit dem BVB 2011 wird für mich allerdings immer etwas ganz Spezielles bleiben.

Ich spüre das Vetrauen von Lucien Favre

Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc haben zuletzt mehrfach betont, dass der BVB im Sommer keinen Star abgeben und das Team weiter verstärken will. Wie denken Sie über die Ambitionen des Klubs?

Es ist ein gutes Zeichen, dass die beiden sich in dieser Sache klar positionieren und hier wieder etwas entstehen lassen wollen. Das ist auch für mich eine wichtige Botschaft.

Ihr Vertrag läuft 2020 aus.

In der aktuellen Phase genießt unsere sportliche Situation absolute Priorität. Wir haben die Chance auf die Meisterschaft! Alles Weitere wird sich dann zeigen.

Und was ist mit der Rückkehr in die Nationalmannschaft?

Für sein Land zu spielen ist für mich immer noch das Größte. Das Thema Nationalmannschaft ist noch nicht abgehakt. Mein Ziel ist es, wieder für Deutschland zu spielen. Dafür will ich mich mit guten Leistungen empfehlen. Entscheiden muss der Bundestrainer.

Vor einem Jahr hat Jogi Löw Sie öffentlich ungewohnt deutlich kritisiert, im Sommer nicht für die WM in Russland berücksichtigt. Haben Sie darüber mal mit ihm gesprochen?

Er hat mir seine Einschätzung zuvor auch persönlich mitgeteilt. Meine Leistungen in der vergangenen Saison waren nicht so gut. Wenn er der Meinung ist, dass ich der Mannschaft wieder helfen kann, werde ich bereit sein.

Waren Sie überrascht, als Sie von der Ausbootung Ihrer Weltmeister-Kollegen Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller erfuhren?

Ich kenne weder die genauen Hintergründe noch die exakten Details. Ich habe mit allen drei Spielern im Verein und bei der Nationalelf viel erlebt und sehr viel gewonnen, von daher fand ich es natürlich sehr schade.

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