"Meine Bayern-Zeit war eine Zwei minus"

Autor : Tobias Altschäffl, Sven Westerschulze | 18.09.2019

Der Weltmeister verrät, wie er den BVB nach vorn bringen will, wie er seine Zeit in München sieht und was Trainer Favre auszeichnet.

SPORT BILD: Herr Hum­mels, ein­fa­che Frage zum Start. Wer wird diese Sai­son Deut­scher Meis­ter: Bay­ern, Dort­mund oder Leip­zig?

Mats Hummels (30): Für mich sind das die Teams, die von der Qua­li­tät des Ka­ders und der Art und Wei­se, wie sie Fuß­ball spie­len, eine Chance auf die Meisterschaft ha­ben. Ich würde Le­ver­ku­sen trotz des Spiels am Sams­tag (0:4 in Dort­mund; d. Red.) noch mit in die Rech­nung rein­neh­men. Ich sehe un­sere Chance bei 50:50. Rich­tig ein­schät­zen kön­nen wir das aber erst in ein paar Wo­chen. Klar ist: Wir müs­sen or­dent­lich was drauf­le­gen, wenn wir das Ziel er­rei­chen wol­len!

Ein Bay­ern-​Spie­ler würde nie­mals Dort­mund als ersten Meis­ter­kan­di­da­ten nen­nen sollte das um ge­kehrt ge­nauso sein?

Ich habe schon frü­her, bevor ich 2016 zu Bay­ern gewech­selt bin, ge­sagt, dass ich das Ma­xi­male aus einer Sai­son raus­ho­len will. Das sollte immer das Anspruchsdenken für einen Sport­ler in einer Mann­schaft wie der des BVB sein.

Ihr Freund Tho­mas Mül­ler hat über Ihren Wech­sel vom FC Bay­ern zum BVB ge­sagt: „Ein Ver­ein be­kommt das aufs Brot ge­schmier­t.“ Treibt es Sie an, es Müller und Bay­ern zu zeigen?

Ich möchte ge­win­nen, erfolg­reich spie­len, die tolle Kar­rie­re, die ich bis­lang erleben durf­te, nicht nur so wei­ter­füh­ren – ​son­dern kom­plett vollen­den. Das ist mein Ziel für die kom­men­den Jah­re.

Wann wäre diese Kar­riere kom­plett vollen­det?

Mit dem BVB noch ein­mal die Schale zu holen wäre eine große Sa­che. Wir haben in die­sem Jahr drei Ti­tel-​Chan­cen. Mein Ziel ist es, am Ende die­ser Sai­son etwas in den Hän­den zu hal­ten.

Lucien Favre ist in der Kabine der Erste, der anfeuert, motiviert. Er hat da keine Defizite

Las­sen Sie sich wei­ter­hin an Ti­teln mes­sen?

Auf jeden Fall. Ich möchte dazu bei­tra­gen, dass der BVB wie­der Titel holt. Ich weiß, dass in ver­schie­de­nen Ebe­nen auch diese Hoff­nun­gen in mich ge­setzt wer­den. Und genau das er­warte ich auch von mir selbst. Ich will sport­lich und als Per­sön­lich­keit mit dazu bei­tra­gen, dass wir das schaf­fen.

In der ver­gan­ge­nen Sai­son hat der BVB trotz zwi­schen­zeit­li­chen neun Punkten Vor­sprung in der Meis­ter­frage ge­ei­ert. Jetzt haben Hans-​Joa­chim Watzke und Mi­chael Zorc den Titel als Ziel aus­ge­ge­ben. Hält der BVB dem Druck Stand?

Für mich ist das ein Ansporn, Druck gibt es in dem Sinne nicht. Ich habe Erwartungen an mich und die Mann­schaft. Was von außen hin­zu­kommt, ist für mich und die Mann­schaft re­la­tiv ir­re­le­vant.

Ihrem Trai­ner Lu­cien Favre wird immer wie­der vor­ge­wor­fen, dass er nach außen keine Sie­ger-​Men­ta­li­tät vor­lebt. Wirkt er nach innen an­ders, oder zwei­felt er dort eben­falls?

Ich fin­de, dass er das in­tern total ver­mit­telt und auch etwas mehr aus sich her­aus­geht als in der Öf­fent­lich­keit. Lu­cien Favre ist in der Ka­bine der Ers­te, der an­feu­ert, mo­ti­viert, auf Ge­fah­ren hin­weist. Un­mit­tel­bar vor dem Match ver­su­chen na­tür­lich auch ein paar Spie­ler, die Kol­le­gen zu mo­ti­vie­ren. Aber Lu­cien Favre hat da aus mei­ner Sicht be­stimmt keine De­fi­zi­te.

Was hal­ten Sie von der The­se, dass Sie ein Watzke-​Trans­fer, aber kein Fa­vre-​Wunsch­spie­ler sei­en?

Nichts. Das ist für mich völ­lig ir­re­le­vant. Selbst wenn es so wäre: Als ich zu Bay­ern 2016 zu­rück­kehr­te, war ich auch nicht un­be­dingt ein Trai­ner-​Trans­fer (Carlo An­ce­lotti be­treute da­mals die Bay­ern; d. Re­d.). Am Ende habe ich bis­her noch jeden Trai­ner in mei­ner Kar­riere von mir über­zeugt – selbst letz­tes Jahr, als alles viel­leicht nicht ganz so ein­fach war.

…ar­beite hart für Siege und Titel und möchte eine Per­sön­lich­keit auf dem Platz sein, die auch dann vor­an­geht, wenn es nicht so läuft.

Kurz bevor Sie da­mals zu­rück zu Bay­ern gin­gen, sagte Uli Hoe­neß, dass Sie „beim FC Bay­ern an­ge­klopft hät­ten“. Stimmt es, dass Sie den Wech­sel da fast hät­ten plat­zen las­sen?

Das Ganze hat zu­min­dest noch ein­mal eine neue Dy­na­mik in die Sache rein­ge­bracht da­mals, ja.

Brin­gen Sie jetzt das Ti­tel-​Gen zu­rück zum BVB?

Auf jeden Fall den Ti­tel-​Hun­ger! Ti­tel-​Gen ist mir etwas hoch­ge­grif­fen. Ich lege alles rein, ar­beite hart für Siege und Titel und möchte eine Per­sön­lich­keit auf dem Platz sein, die auch dann vor­an­geht, wenn es nicht so läuft.

Eine klare Chef­rolle auf und neben dem Platz!

Das wurde vom Ver­ein sehr früh so kom­mu­ni­ziert und war für uns alle immer „Part of the deal“.

Der BVB überwies im Sommer 30,5 Millionen Euro an den FC Bayern für die Rückkehr des Verteidigers. Hummels‘ Marktwert wird auf 35 Millionen geschätzt.

 

Wie trans­por­tie­ren Sie die­sen Hun­ger?

In ers­ter Linie da­durch, ein Bei­spiel für die Kol­le­gen zu sein. Ich nenne da gerne Phil­ipp Lahm: Er war immer im Trai­ning voll da, hat ge­ar­bei­tet, ge­ackert. Ich bin fel­sen­fest davon über­zeugt: Wenn Leute mit die­ser Qua­li­tät – bei uns bei­spiels­weise auch ein Marco Reus –​ auf dem Platz in jeder Se­kunde alles rein­wer­fen, zie­hen die an­de­ren au­to­ma­tisch mit. Auch Ge­sprä­che spie­len eine Rol­le, die Haupt­auf­gabe ist aber: Ar­beit auf dem Platz! Sonst bist du als Füh­rungs­spie­ler nicht glaub­haft.

Haben Sie nach dem 1:3 bei Union auf den Tisch ge­hau­en?

Wenn so ein Spiel zur Ta­ges­ord­nung ge­hö­ren wür­de, müsste man auf den Tisch hauen – ​die Nie­der­lage will ich aber nicht an der Ein­stel­lung oder Moral fest­ma­chen. Wir hat­ten fuß­bal­le­risch ein­fach nicht un­se­ren bes­ten Tag, haben falsche Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen. Des­we­gen lohnt es sich nicht, nach so einem Spiel drauf­zu­hau­en.

Ma­nuel Akanji hat den Mann­schafts­rat ver­las­sen, nach­dem Sie drit­ter Ka­pi­tän wur­den. Muss­ten Sie mit ihm ein klä­ren­des Ge­spräch füh­ren?

Ich hatte nicht das Ge­fühl, dass das nötig ist. Wir spre­chen oh­ne­hin viel mit­ein­an­der, kom­men gut klar. Ich sehe mit Ma­nuel nicht das ge­ringste Pro­blem.

Wel­che Schul­note wür­den Sie rück­bli­ckend Ihren letz­ten drei Jah­ren in Mün­chen ge­ben?

Eine Zwei mi­nus. Wir haben drei­mal die Meis­ter­schaft ge­holt, sind in der Cham­pi­ons League drei­mal gegen den spä­te­ren Ti­tel­trä­ger raus­ge­flo­gen. Außer gegen Li­ver­pool, wo es ver­dient war, hing es immer an Klei­nig­kei­ten. Ich hatte unter Niko Kovac in der Hin­runde si­cher eine schwere Pha­se, aus der ich mich aber wie­der raus­ge­kämpft habe. Ich bli­cke ohne ne­ga­ti­ven Ge­dan­ken auf Mün­chen zu­rück. Und ich emp­finde den Wech­sel nach Dort­mund de­fi­ni­tiv nicht als Rück­schritt. Und wenn das je­mand be­haup­tet, än­dert das nichts an mei­nem Le­ben.

Das leidige Tempo-Thema. Ich bin nicht so langsam, wie es oft dargestellt wird

Karl-​Heinz Rum­me­nigge sagte nach Ihrem Wech­sel, dass Sie zuvor in einem Ge­spräch mit Niko Kovac wis­sen woll­ten, ob Sie als Stamm­spie­ler beim FC Bay­ern „ein­ge­plant“ sind. Als Kovac Ihnen das nicht ga­ran­tie­ren konn­te, sol­len Sie den Klub laut Rum­me­nigge „ge­be­ten ha­ben, gehen zu dür­fen“. Stimmt es?

Die Aus­sage ist nicht kor­rekt. Mehr wird es von mir dazu nicht ge­ben.

These von uns: Aus dem BVB-­Ka­der würde nur Jadon San­cho den FC Bay­ern so­fort ver­stär­ken. Stim­men Sie zu?

Das ist Ge­schmackssa­che. Wenn man zehn Leute dazu fra­gen wür­de, gäbe es wahr­schein­lich zehn ver­schie­dene Ant­wor­ten. Was Jadon be­trifft: Ihn könnte ich mir in so ziem­lich jeder Mann­schaft auf der Welt vor­stel­len.

Was be­ein­druckt Sie an Sancho?

Ob­wohl er noch nicht aus­ge­reift ist, ist Jadon schon jetzt ein her­aus­ra­gen­der Fußbal­ler. Sein Eins-​ge­gen-​eins, das Tem­po. Er liebt es, Tore vor­zu­be­rei­ten. Er ist eine ab­so­lute Waf­fe, die sogar noch Stei­ge­rungs­po­ten­zial be­sitzt.

San­cho hat seine Pass­quote bei der neuen Fuß­ball-​Si­mu­la­tion FI­FA20 kri­ti­siert. Er bekam 77 von 99 mög­li­chen Punk­ten. Sie selbst sind mit einer Ge­samt­stärke von 87 der beste deut­sche In­nen­ver­tei­di­ger. Ni­klas Süle hat zwei Punkte we­ni­ger!

Niki und ich mögen uns sehr. Wer von uns bei­den als der Bes­sere an­ge­se­hen wird, ist wahr­schein­lich Ge­schmackssa­che. In der Ka­bine wird aber na­tür­lich schon mal über die FIFA-​Werte ge­spro­chen.

Was Jadon be­trifft: Ihn könnte ich mir in so ziem­lich jeder Mann­schaft auf der Welt vor­stel­len.

Bei der Ge­schwin­dig­keit ste­hen Sie nur bei Stärke 51…

Ach, das lei­dige Tempo-​The­ma. Da hat sich ein ge­wis­ser Ruf fest­ge­setzt. Ich weiß, dass ich kein Sprin­ter – oder, um im Bilde zu blei­ben: kein Niki Süle – bin. Aber ich bin nicht so lang­sam, wie es oft dar­ge­stellt wird. Das kann man üb­ri­gens auch an­hand von Zah­len ab­le­sen. Und: Wenn man 1 km/h lang­sa­mer läuft als der Ge­gen­spie­ler, heißt das nicht un­be­dingt, dass man ein Lauf­du­ell ver­liert. Es geht auch dar­um, wann man star­tet. 2014, als wir Welt­meis­ter wur­den, war ich bei der Ge­schwin­dig­keit im Mit­tel­feld. Daran hat sich nichts ge­än­dert.

Är­gert Sie die Dis­kus­sion?

Ich habe mit ei­ni­gen Leu­ten ge­spro­chen, die sich damit aus­ken­nen. Dabei ging es um die The­se, dass man im Alter lang­sa­mer werde – aber das ist so nicht zwin­gend der Fall. Schauen sie sich an­dere Sport­ar­ten an: Die bes­ten Ten­nis­s­pie­ler sind Roger Fe­de­rer mit 38, Rafael Nadal mit 33 und Novak Djo­ko­vic mit 32 Jah­ren. Die bes­ten Bas­ket­bal­ler, ein Le­Bron James zum Bei­spiel, sind auch teil­weise weit über 30. Es ist eine selt­same Dis­kus­sion, die da seit der WM ge­führt wird.

Was genau mei­nen Sie?

Ich habe bei­spiels­weise deut­lich mehr Kopf­ball- als Lauf­du­el­le. Zudem geht um für einen Ver­tei­di­ger um Hand­lungs­schnel­lig­keit, Ver­hal­ten in Zwei­kämp­fen, wie und wo po­si­tio­niere ich mich, wel­che Pässe spiele ich? Aber nur weil ich dazu etwas sage, wird sich die Be­ur­tei­lung eines Ver­tei­di­gers lei­der nicht än­dern.

…immer ab­ge­ho­ben, wenn Jogi Löw an­ge­ru­fen hat. Ver­mut­lich würde ich das auch nächs­tes Mal ma­chen.

Nach dem 2:4 der Na­tio­nal­mann­schaft gegen Hol­land wurde Ihre Rück­kehr ins DFB-​Team ge­for­dert. Wie sehr hat Sie das ge­freut?

Das ist eine schöne Be­stä­ti­gung für meine Leis­tun­gen. Mehr bringt es mir aber nicht.

Glau­ben Sie daran, dass es den Na­tio­nal­spie­ler Hum­mels noch ein­mal geben wird?

Ich ver­su­che mir dar­über so we­nige Ge­dan­ken wie mög­lich zu ma­chen. Wenn es so kommt, dann kommt es so. Ich war immer stolz, für Deutsch­land auf­zu­lau­fen. Daran hat sich auch nichts ge­än­dert.

Wenn Jogi Löw Sie an­ruft…

Bis­her habe ich in mei­nem Leben immer ab­ge­ho­ben, wenn Jogi Löw an­ge­ru­fen hat. Ver­mut­lich würde ich das auch nächs­tes Mal ma­chen.

Schluss­fra­ge: Hat sich das Thema Aus­land mit dem Wech­sel zum BVB für Sie er­le­digt?

Es sieht da­nach aus. Wenn es nor­mal läuft, werde ich aber nicht mehr auf To­pni­veau in Eu­ropa wech­seln. Ich hatte immer die MLS in den USA im Kopf, aber das hängt na­tür­lich sehr eng mit mei­ner Fa­mi­lie und mei­nem Sohn zu­sam­men, der ja dann auch ir­gend­wann ein­ge­schult wird.

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