Michael Zorc ist der Transfer-Meister

Autor : Sven Westerschulze | 21.08.2019

Besser hätte der BVB seine Titel-Ambitionen nicht untermauern können. Das 5:1 gegen Augsburg war nicht nur ein Sieg, sondern auch ein Statement: Mit uns ist zu rechnen! Selbst der Rückstand nach 31 Sekunden verunsicherte die Borussia nicht, in der zweiten Hälfte zerlegten Marco Reus (30), Jadon Sancho (19) und Paco Alcácer (25) den FCA in seine Einzelteile. „Es war ein guter Start, mehr nicht“, sagt Michael Zorc (56). Dass die Erwartungen an den BVB hoch sind, hat der Sportdirektor mitzuverantworten. Er hat einen Kader zusammengebaut, der den sechsten Meistertitel seit der Bundesliga-Gründung 1963 holen soll.

Inzwischen verantwortet Baumeister Zorc seit 1998 als Sportdirektor die Transferpolitik des BVB. Bis 2005 noch unter Ex-Manager Michael Meier (69), der die wirtschaftliche Lage des Klubs verantwortete. Seit dessen Ausscheiden 2005 hat Zorc die Zügel alleine in der Hand. So viel Geld wie in diesem Sommer hat er noch nie zuvor ausgegeben:

127,5 Millionen Euro für neue Stars!

Mit den Transfers von Mats Hummels (30), Julian Brandt (23), Thorgan Hazard (26) und Nico Schulz (26) sowie der festen Verpflichtung von Alcácer hat Zorc die Grundlage für den ersten Meistertitel seit 2012 geschaffen. Finanziert hat er die Verstärkungen mit dem Verkauf von Reservisten. 135,5 Millionen Euro nahm die Borussia bereits in diesem Jahr inklusive des Chelsea-Wechsels von Christian Pulisic (20) ein. Zorc ist der Umbau-Meister der Bundesliga.

Wir sind selbstbewusst genug, um zu sagen, dass unsere Mannschaft im Vergleich zur abgelaufenen Saison noch einmal stärker geworden ist,

sagt Zorc. Er hat entscheidenden Anteil daran. Im Gegensatz zu Meister-Konkurrent Bayern München tütete Zorc seine Transfers frühzeitig ein. Während Trainer Lucien Favre (61) seit Mitte Juli im Training mit Bestbesetzung auf den Titel hinarbeiten kann, kümmerte Zorc sich zuletzt konsequent um die Verkleinerung des XXL-Kaders. Mit Erfolg. Inzwischen ist er alle Ladenhüter los.

An einen Transfer in Brasilien im Juni 1998 erinnert Zorc sich heute noch besonders. Auch wegen der köstlichen Fleischspieße, die ihm in einem kleinen Restaurant in Porto Alegre serviert wur den. Vor allem aber wegen Leonardo de Deus Santos – kurz: Dedé (41). Die Ver pflichtung des damals 20-jährigen Brasilianers war Zorcs erster Transfer als BVB-Verantwortlicher, nur wenige Wochen nach dem Ende seiner aktiven Spielerkarriere. Es war ein guter Griff: Dedé spielte 13 Jahre beim BVB, wurde zweimal Deutscher Meis ter (2002,2011) und wird von den Fans heute noch verehrt.

Mittlerweile hat Zorc über 100 Transfers abgewickelt. Allein in den vergangenen drei Jahren verschob er durch Zu-und Verkäufe insgesamt 774,5 Millionen Euro. In seiner nunmehr 21-jährigen Amtszeit sind es sogar mehr als 1,6 Milliarden Euro. „Diese Summe ist schon Wahnsinn“, sagt er. Aber statt sich über exorbitant gestiegene Ablösesummen und Gehälter zu echauffieren, akzeptiert er sie als Folge von steigenden Sponsorengeldern, immer höheren TV-Einnahmen und dem Einfluss von Investoren. „Wir haben ja keine andere Wahl, als die Spielregeln zu befolgen. Ich versuche, mich den Gegebenheiten anzupassen, statt mit ihnen zu hadern“, erklärt Zorc.

So wie im Fall von Ousmane Dembélé (22): Der BVB ist sich 2016 mit Dembélé und dessen Verein Stade Rennes früh über einen Transfer einig, als Ablöse stehen 15 Millionen Euro im Raum. Plötzlich werden andere Top-Klubs auf den Franzosen aufmerksam, bieten Rennes doppelt so viel Ablöse. Der Deal mit Dortmund wackelt. Zorc handelt und fährt am 4. Mai 2016 mit Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke (60) zur Puma-Hauptversammlung nach Herzogenaurach. Dort treffen sie Francois-Henri Pinault (57), damaliges Aufsichtsratsmitglied von Puma und Besitzer von Stade Rennes. Zorc und Watzke überzeugen ihn, an der Vereinbarung mit dem BVB festzuhalten. Am Ende lohnt sich der Deal aus finanzieller Sicht für beide Parteien. Als Dembélé nur ein Jahr später für 105 Mio. Euro vom BVB zum FC Barcelona wechselt, gehen 20 Mio. Euro an den französischen Erstligisten.

Dembélés Verpflichtung war Zorcs schwierigster Transfer in all den Jahren, sein Verkauf der größte.

Bis zu 148 Millionen Euro kassiert Dortmund mit Bonuszahlungen für den Franzosen – Rekord in der Bundes Pulverisiert werden könnte er bald durch Jadon Sancho. Zorc lotste das Juwel 2017 für knapp acht Millionen Euro von Manchester City ins Ruhrge biet. Zwei Jahre später liegt Sanchos Marktwert bei 100 Millionen Euro. Dortmund zählt inzwischen zu den angesagtesten Vereinen für junge Spieler mit Weltklasse-Potenzial. Auch ein Verdienst von Zorc. Es klingt Stolz mit, wenn er über die Entwicklung spricht:

Borussia Dortmund steht für einen hohen sportlichen Anspruch verbunden mit der klaren Strategie, dabei auf talentierte Spieler zu setzen und ihnen die Chance zur Weiterentwicklung zu geben.

Wie alle anderen Spieler besitzt Sancho keine Ausstiegsklausel. Dass Zorc die keinem mehr gestattet, liegt an Mario Götze (27). Als der Star 2013 plötzlich seine Klausel nutzte, um den BVB Richtung Bayern zu verlassen, stand der Verein unter Schock. Seitdem sind Ausstiegsklauseln tabu.

Eine andere wichtige Grundsatzentscheidung traf der Sportdirektor noch im selben Jahr. Weil der FC Bayern seine Ablöseforderung bei Robert Lewandowski (31) nicht erfüllte, verwehrte er dem Angreifer den Wechsel trotz auslaufenden Vertrags am Saisonende. Obwohl er 2014 keinen Cent Ablöse erhielt, bewertet Zorc die Causa Lewandowski im Nachhinein als gewinnbringend.

Es war richtig, Robert unter den gegebenen Umständen damals nicht zu verkaufen. Es war auch ein Zeichen an alle anderen Vereine, dass wir in so einer Situation nicht einknicken und einen Spieler auch bei einem Jahr Restlaufzeit halten, wenn unsere Forderungen nicht erfüllt werden,

so Zorc. 2016 kas sierte der BVB dann für Hummels (35 Mio. Euro), Ilkay Gündogan (28,27 Mio. Euro) und Henrik Mkhitaryan (30,42 Mio. Euro) hohe Ablösen, ob wohl deren Verträge nur noch ein Jahr liefen.

Sein Königstransfer in zwei Jahrzehnten war allerdings kein Spieler, sondern Jürgen Klopp (52). Mit dem Trainer feierten die Schwarz-Gelben zwei Meisterschaften (2011, 2012) und das erste Double der Vereinsgeschichte (2012), Zorc erlebte die besten Jahre seiner Amtszeit.

Auf die Schale arbeitet er inzwischen im achten Jahr hin. Zorc will endlich wieder Meister werden …

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