Michael Zorc: "Wir versuchen ALLES, um Meister zu werden"

Autor : Sven Westerschulze, Torsten Rumpf | 14.03.2019

Manager Michael Zorc spricht erstmals öffentlich vom Titel. Er erklärt, warum der BVB zuletzt schwächelte, warum Mario Götze bleiben soll und Jadon Sancho nicht beim FC Bayern landet.

SPORT BILD: Herr Zorc, neun Punkte Vorsprung auf den FC Bayern sind weg. Weil die Qualität der Münchner so groß ist – oder weil sich der BVB in der Rückrunde zu viele Fehler erlaubt hat?

MICHAEL ZORC (56): Bayern München hat zwölf der letzten 13 Ligaspiele gewonnen. Das ist brutal stark. Wir haben jetzt 57 Punkte. Hochgerechnet auf 34 Spiele wäre das ein herausragendes Ergebnis! Hätte mir das vor der Saison jemand gesagt, wäre ich sofort einverstanden gewesen. Für uns war der Sieg gegen Stuttgart nach einigen Wochen mit nicht immer guten Ergebnissen bzw. Leistungen sehr wichtig. Ich habe große Hoffnung, dass wir diese Phase jetzt hinter uns gelassen haben!

Warum lief es zuletzt nicht mehr rund?

Zum einen hatten wir große Verletzungssorgen. In der Vorbereitung fehlte fast die komplette Innenverteidigung, danach kamen die Ausfälle von Kapitän Marco Reus, Abwehrchef Manuel Akanji und Routinier Lukasz Piszczek hinzu. In der Summe können wir so viele ver letzte Führungsspieler nicht kompensieren. Da sind wir an unsere Grenzen gestoßen. Aber es gab auch Spiele wie in Nürnberg und Augsburg, wo es die Mannschaft an Intensität vermissen ließ. Da fehlten zwei, drei Prozent an Fokussierung und Konzentration.

Wie ist das im Meisterkampf zu erklären?

Das ist eine gute Frage. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, in der Hinrunde ist fast alles gelungen. Der eine oder andere bei uns dachte unterbewusst viel leicht, dass es in diesen Spielen auch mit halber Kraft geht. Aber es geht nur mit 100 Prozent -das ist jetzt auch bei jedem angekommen.

Hat der BVB keine Titel-Mentalität?

Das ist mir zu platt. Wir werden alles versuchen und bis zum letzten Spieltag kämpfen, um Meister zu werden. Alles andere wäre in unserer Situation am 25. Spieltag sportlich nicht ambitioniert.

Marco Reus hat es nach dem Sieg gegen Stuttgart auch schon gesagt. Aber ich betone: Der Titel ist kein Muss für uns, er wäre insbesondere nach der schwierigen Vorsaison eine riesige Sensation.

Warum rufen Sie erst jetzt als Tabellenzweiter öffentlich das Ziel Meisterschaft aus – und nicht zu der Zeit, als Sie weit vor dem FC Bayern lagen?

Wir rufen gar nicht aus!

So deutlich haben Sie sich öffentlich bisher aber noch nicht geäußert!

Gehen Sie davon aus, dass es bei uns einen Unterschied zwischen interner und externer Kommunikation gibt. Wir haben jetzt – leider – nur noch einen Wettbewerb, in dem wir die Chance auf einen Titel haben. Auf dem liegt unsere volle Konzentration .

Wir sind nicht zufrieden, wenn wir am Ende Dritter oder Vierter werden.

Warum ist es für Sie keine Option, mit Matthias Sammer den externen Berater mit seiner Autorität und Emotionalität vor dem Team sprechen zu lassen?

Weil Matthias bei uns als externer Berater engagiert ist. Eine Arbeit mit dem Team war weder von uns noch von ihm je geplant, wir hatten von Anfang an eine klare Aufgabenverteilung definiert. Außerdem hatten wir nie das Gefühl, dass wir uns in einer Krisensituation befinden. Zur Erinnerung: Wir sind punktgleich mit dem Tabellenführer. Die schwächeren Leistungen zuletzt haben wir intern vernünftig analysiert und die richtigen Ableitungen daraus getroffen. Wir haben die Dinge im Griff!

Was haben Sie gedacht, als mit Akanji der nächste Profi mit seinem Friseurbesuch einen Tag vor dem Rückspiel gegen Tottenham für Aufsehen sorgte, nachdem die Aktion vor dem Hinspiel für Wirbel sorgte?

Das war kein Problem für mich. Ich war als Spieler auch oft freitags beim Friseur, wenn wir am Samstag ein Heimspiel hatten. Irgendwann muss man zum Friseur, sonst sieht man nichts mehr! Und Montag geht ja nicht – da haben die Läden zu. Im Fall von Manuel war es am Morgen, bevor die Mannschaft zur Vorbereitung auf das Spiel zusammenkam. Was wir nicht mehr möchten, ist, dass solche Dinge in der heißen Phase der Vorbereitung stattfinden, sobald die Mannschaft zusammen im Hotel ist. Das haben wir den Spielern deutlich gemacht. Einen Friseurbesuch im Teamhotel wird es nicht mehr geben.

Zog der Vorfall in London Konsequenzen nach sich für die betroffenen Spieler?

Nein. Nicht nötig.

Roman Bürki hat zuletzt deutliche Kritik am Auftreten seiner Mitspieler geübt!

Romans Aussagen waren nicht nur gut, sondern auch notwendig. Es ist wichtig, dass Führungsspieler problematische Entwicklungen benennen und gegensteuern. In den genannten Fällen waren seine Ansichten deckungsgleich mit meinen.

Welche Rolle nimmt Mario Götze ein, der immer mehr aufdreht?

Seine Entwicklung in dieser Saison ist richtig gut. Man darf nicht vergessen, dass Mario durch seine Stoffwechsel-Problematik lange gehandicapt war. Wir haben ihm die nötige Zeit gegeben, um zurückzukommen. Er hat sich durch harte Arbeit wieder in diese Form gebracht.

Sein Vertrag läuft 2020 aus. Planen Sie langfristig mit ihm?

Ja. Ich wüsste nicht, was dagegen spricht. Wir werden den richtigen Zeitpunkt finden, um mit ihm darüber zu sprechen.

Was denken Sie, wenn Sie hören , dass die Bayern im Sommer rund 200 Mio. Euro in neue Spieler investieren – und mit BMW der nächster Partner bereitsteht, der einen dreistelligen Millionenbetrag in den Verein schießen will?

Ich denke, dass wir zwar im gleichen Wettbewerb antreten, aber völlig andere Mittel zur Verfügung haben. Finanziell spielt Bayern in einer anderen Liga als wir. Das wird sich in den nächsten zehn Jahren auch nicht wesentlich ändern.

In der Bundesliga ist es nicht wie in Spanien, wo mit Real Madrid und Barcelona zwei wirtschaftlich ähnlich starke Vereine um den Titel kämpfen. Oder wie in England, wo es drei oder vier Teams mit ähnlichen Voraussetzungen gibt. Wir sind mit weniger PS, also Umsatz und Kapital, als Bayern München auf der Strecke. Wir brauchen ein perfektes Rennen, um am Ende zu triumphieren. In dieser Saison sind wir, was die Liga betrifft, trotz der vergangenen Wochen nah am für uns maximal Möglichen.

Dortmunds Rekordeinkauf ist immer noch André Schürrle mit 30 Millionen Euro. Wird sich das im Sommer ändern?

Ich gehe davon aus, dass wir in den kommenden Transferperioden auch mal mehr Geld für einen Spieler ausgeben werden. Das Wichtigste ist die wirtschaftliche Vernunft. Das heißt, dass wir uns bei unseren Ausgaben an den Einnahmen orientieren. Für den Sommer bin ich ziemlich sicher: Die Spieler, die wir behalten wollen, bleiben auch bei uns.

Wie reagieren Sie, wenn der FC Bayern sich nach einem Ihrer Spieler erkundigt -zum Beispiel nach Jadon Sancho?

Ich bin weit davon entfernt, Jadon ein Preisschild umzuhängen. Aber ich behaupte: Sein Transfer wäre selbst für die größten Klubs der Welt zurzeit kaum zu stemmen.

Also bleibt Sancho?

Jadon wird in der kommenden Saison für Borussia Dortmund spielen. Wir planen definitiv mit ihm. Wobei mir auch klar ist, dass das Werben – speziell der englischen Klubs – um ihn immer stärker wird, wenn er weiter so aufdreht.

Er wird sicher nicht bis zu seinem Karriereende in Dortmund spielen. Auch das gehört zur Wahrheit!

Wie viel Mitspracherecht hat Lucien Favre als Trainer bei Transfers?

Wir tauschen uns fast täglich aus. Natürlich ist er in unsere Transferplanungen involviert. Lucien muss am Ende schließlich mit den Spielern arbeiten.

War Ihre Entscheidung für Favre ein Glücksgriff?

Ja!

Warum?

Weil sich seine Philosophie mit der unseres Klubs deckt. Und auch Lucien passt gut zum BVB, denn er ist authentisch, verstellt sich nicht und entwickelt gerne junge Spieler. Wie er mit den Jungs umgeht und täglich den Ehrgeiz hat, sie durch kleine Details besser zu machen, das imponiert mir. Er ist ja auch keine 30 mehr.

Favre gilt als nicht einfacher Charakter. Stand er in den Schwächeperiode zuletzt bei Ihnen oder Hans-Joachim Watzke vor der Tür und hat Alarm geschlagen?

(lacht) Nein, Lucien ist in der Phase komplett ruhig geblieben. Und seine Ansprache an die Mannschaft war auch immer klar und deutlich.

Dann können Sie in der Länderspielpause jetzt ja seinen Vertrag über 2020 hinaus verlängern!

Wann wir das tun, müssen Sie schon uns überlassen. Was ich sagen kann: Wir streben nach Kontinuität auf den wichtigen Positionen. Und für den Zeitraum seines Wirkens gehört ein Trainer immer zu den wichtigsten Person überhaupt für den sportlichen Erfolg.

Haben Sie das Favre so schon kommuniziert?

Wir haben ein absolutes Vertrauensverhältnis. Deshalb weiß ich, dass Lucien sich beim BVB wohlfühlt und sehr zufrieden ist.

Letzte Frage: Haben Sie Mitleid mit Schalke?

Nein. Natürlich bekomme ich die Entwicklungen dort mit. Der Verein steht jetzt vor einer Neuordnung, und es wäre anmaßend, sie aus Dortmund zu kommentieren.

Wichtig ist, dass sie die Klasse halten. Die Bundesliga braucht den Klub. Und wir freuen uns jede Saison auf zwei heiße Derbys.

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