Sebastian Kehl: "Beim BVB muss das WIR zählen, nicht das ICH"
Aktuell aus
Sebastian Kehl: "Beim BVB muss das WIR zählen, nicht das ICH" Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Sebastian Kehl: "Beim BVB muss das WIR zählen, nicht das ICH"

Interview über seinen neuen Job und die Erwartungen an die Stars

Sport Bild: Herr Kehl, bei Ihrer Antrittsrede beim BVB haben Sie gesagt: „Wir wollen eine Bewusstseinsänderung bei den Spielern erreichen.“ Wie schaffen Sie das?

Sebastian Kehl (38): Ich möchte zunächst einmal jeden Spieler und sein Wesen kennenlernen. Ich bin erst zehn Wochen im Amt, das Team hat vor knapp vier mit der Vorbereitung begonnen. In der Zeit habe ich schon viele Einzelgespräche geführt und nutze jede freie Minute, um mir einen Überblick zu verschaffen, was die Spieler, das Trainerteam und das Team hinter dem Team angeht. Nach so kurzer Zeit ist dieser Prozess aber noch längst nicht abgeschlossen.

Berichten Sie an Trainer Lucien Favre, der bislang noch nicht viel Zeit für Einzelgespräche hatte?

Was ich mit den Spielern bespreche, bleibt unter uns. Ich will Vertrauen aufbauen und eine Bindung schaffen, die geprägt ist von Offenheit, Ehrlichkeit und Kommunikation. Gleichzeitig habe ich in den Gesprächen die Möglichkeit zu erklären, wo ich ihnen helfen kann und was wir als Verein von ihnen erwarten. Die Leistungskultur muss wieder in den Vordergrund rücken!

Welche Mentalität sollen Ihre Profis – in drei Stichworten – künftig verkörpern?

Wir möchten ambitioniert auftreten. Leidenschaftlich. Und miteinander. Das „Wir“ sollte wieder im Vordergrund stehen, nicht das „Ich“.

Sind Sie dabei so etwas wie die Super-Nanny der BVB-Spieler? In der vergangenen Saison gab es zu viele Disziplinlosigkeiten.

Nein, ich muss niemanden bemuttern. Eigenverantwortung ist eine wichtige Eigenschaft, die unsere Spieler mitbringen sollen. Wir wollen Persönlichkeiten! Ich werde die Jungs fördern, aber auch fordern. Jeder bekommt von mir Rückhalt und Zuspruch. Gleichzeitig muss er wissen, dass wir bei Borussia Dortmund eine gewisse Erwartungshaltung haben, hohe Ansprüche stellen und jeder Spieler, der sich für den BVB entschieden hat, eine Verpflichtung eingegangen ist. Es gilt, die Balance zu finden. Für diesen Verein zu spielen, ist etwas ganzbesonderes!

Wie fördern Sie Mario Götze?

Ich habe einen sehr guten Zugang zu Mario. Nicht nur, weil wir früher Teamkollegen waren. Er weiß, dass ich ihm eine hohe Wertschätzung entgegenbringe. Aber bei Mario zählt – wie bei allen anderen – der Leistungsgedanke. Ihm steht eine ganz wichtige Saison bevor, und er hat sich viel vorgenommen. Nach den ersten Trainingswochen bin ich zuversichtlich, dass wir wieder öfter und konstant jenen Mario sehen werden, der den BVB und seine Fans in der Vergangenheit schon oft begeistert hat.

Geben Sie Ihre langjährige Erfahrung als Kapitän an Marco Reus weiter?

Marco wächst jetzt in eine neue Rolle, und auf diesem Weg bekommt er natürlich jede Unterstützung von mir. Ich stehe ihm zur Seite, wenn er einen Rat benötigt. Wir werden sehr eng zusammenarbeiten und uns häufig austauschen. Als Kapitän muss er auch in schwierigen Phasen vorangehen und den Blick fürs große Ganze behalten. Das ist manchmal nicht einfach, aber er wird das hinbekommen! Marco ist für uns der ideale Kapitän, weil er sportlich und menschlich eine absolute Identifikationsfigur ist. Er lebt diesen Verein – und auf dem Platz kann er den Unterschied machen.

Sehen Sie sich als Freund oder Vorgesetzter der Spieler?

Ich glaube, dass ich beides sein werde. Ich weiß sehr genau, wie ein Spieler in bestimmten Situationen tickt, welche Phasen er durchmacht und was er benötigt. Trotzdem werde ich manchmal auch hart sein und einen raueren Ton anschlagen, wenn etwas in die falsche Richtung geht. Wie schon gesagt: Der BVB muss wieder für eine klare Leistungskultur stehen! Es ist mein Anspruch, dass wir besser werden!

Favre entscheidet sportlich, Michael Zorc bei Transfers. Welche Jobbeschreibung haben Sie bekommen?

Ich bin als Leiter der Lizenzspielerabteilung das Bindeglied zwischen Management und Mannschaft, erster Ansprechpartner für Lucien Favre, den Trainerstab, ganz nah an der Mannschaft. Und ich führe und koordiniere die Abteilung „Medizin, Reha und Fitness“. Mein Ziel ist es, um das Team und das Team hinter dem Team die strukturellen Voraussetzungen und eine Atmosphäre zu schaffen, die dazu führen, dass die Mannschaft erfolgreich arbeiten und spielen kann.

Wie stellen Sie Disziplinlosigkeiten ab?

Indem wir klare Regeln aufgestellt haben! Ohne die funktioniert ein gutes Miteinander nicht, und der Erfolg wird gefährdet. Unter anderem sind Verspätungen, die Sprache und die Handynutzung wichtige Aspekte für uns. Ich werde jetzt nicht ins Detail gehen, aber ich kann Ihnen versichern: Wir werden wieder mehr und nachhaltiger Wert auf diese Details legen.

Hätten Sie Ousmane Dembélé letztes Jahr persönlich von zu Hause abgeholt, als er das Training boykottierte, um seinen Wechsel zu Barça zu erzwingen?

Das kann ich nicht sagen, weil ich ihn persönlich nie kennengelernt habe. Aber wir haben gewisse Dinge aus der Vergangenheit aufgearbeitet, damit sie in Zukunft hoffentlich nicht noch mal passieren.

BVB-Boss Watzke sagte, Ihre Rolle ähnele ein wenig der von Matthias Sammer zu dessen Zeit beim FC Bayern. Stimmen Sie zu?

Ich habe mit Matthias viele Gespräche über seine Aufgaben bei Bayern München geführt. Wie er sie definiert hat, wie er sie ausgeführt hat. Da gibt es durchaus einige Überschneidungen, aber auch Unterschiede. Wie er bin ich auch sehr nah an der Mannschaft dran und versuche Strömungen schnell zu erkennen, bei Bedarf gegenzusteuern. Dass ich den Verein und die Strukturen schon sehr lange kenne, die BVB-DNA verinnerlicht habe, hilft mir dabei.

Ist es ein Vorteil, dass Sammer als Berater für den Klub tätig ist?

Absolut, denn ich kann von ihm und seinem Erfahrungsschatz genauso profitieren wie von den täglichen Gesprächen mit Michael Zorc oder den regelmäßigen Treffen mit Aki Watzke. Matthias hat als Spieler und Trainer viel erlebt, kennt aus seiner Zeit beim DFB die Arbeit bei einem Verband und aus München die bei einem Verein. Er hat einen guten Blick auf viele Dinge und ein scharfes Auge für Details. Aufgrund der Anforderungen und Ansprüche des BVB ist die Konstellation mit ihm als externem Berater, die neu geschaffen wurde, eine sehr positive.

Als Spieler wurden Sie 2002 unter dem Trainer Sammer Deutscher Meister. Wie sehr ähnelt sich Ihre fußballerische Denkweise?

Wenn wir diskutieren, sind wir in vielen Punkten tatsächlich einer Meinung. Matthias und ich haben uns einige WM-Spiele zusammen angeguckt, über Spielertypen genauso wie über die Entwicklung des Fußballs gesprochen. Wir sehen viele Dinge gleich und haben auch eine Wertschätzung für gleiche Attribute entwickelt: Stichwort Mentalität.

An welche Spieler denken Sie?

Thomas Delaney ist so ein Spielertyp. Wir hoffen, dass er der Mannschaft mit seiner Persönlichkeit einen frischen Impuls gibt. Aber ich sehe auch noch den ein oder anderen weiteren Spieler in unserem Kader, der das Potenzial mitbringt. In dieser Hinsicht brauchen wir eine bessere Mischung in der Mannschaft als vergangenes Jahr.

Was braucht der BVB noch, um wieder erfolgreich zu sein?

Wir müssen den Spielern eine optimale Betreuung ermöglichen, sie an ihre Verantwortung gegenüber dem Verein erinnern und dürfen von ihnen erwarten, dass sie sich voll auf den Fußball fokussieren. Soziale Netzwerke, eigene Sponsorentermine, etc. sind für Spieler heutzutage zwar wichtig, aber die Aktivität dort muss mit Augenmaß stattfinden. Die Balance zwischen der Präsenz auf dem Platz und abseits des Platzes muss stimmen. Worauf dabei die Priorität liegt, ist jedem klar.

Braucht der BVB dafür nicht unbedingt einen Torjäger?

Wir beobachten natürlich den Transfermarkt. Aber wir sind auch ohne klassischen Mittelstürmer gut aufgestellt und haben in der vergangenen Woche ja schon mehrfach betont, dass wir für diesen Neustart beim BVB zwei Sommertransferperioden benötigen. Natürlich setzen wir große Hoffnungen in Maximilian Philipp, auch Marco Reus kann vorne spielen. Sorgen machen wir uns nicht.