Axel Witsel: "Beim letzten Mal in München haben wir ohne Eier gespielt"

Autor : Sven Westerschulze | 06.11.2019

SPORT BILD: Herr Witsel, durch sie­ben Spiele ohne Nie­der­lage ist der BVB auf Platz zwei ge­klet­tert, wäh­rend der FC Bay­ern ver­gan­ge­nen Sams­tag in Frank­furt (1:5) die höchste Pleite seit zehn Jah­ren kas­siert hat. Fah­ren Sie als Fa­vo­rit nach Mün­chen?

AXEL WIT­SEL (30): Wir fah­ren nach Mün­chen, um das Spiel zu ge­win­nen. Und weil wir ein wenig Wie­der­gut­ma­chung be­trei­ben wol­len für das grau­en­volle 0:5 im Rück­spiel der ver­gan­ge­nen Sai­son. Dass das alles an­dere als leicht wird, ist uns be­wusst. Bay­ern ist und bleibt eine große Mann­schaft mit Sie­ger­men­ta­li­tät und viel Er­fah­rung.

Aber wir wol­len zei­gen, dass wir Cha­rak­ter und Kampf­geist be­sit­zen. Die­ses Mal wer­den wir uns weh­ren.

Das Hin­spiel ge­wann der BVB ver­gan­gene Sai­son trotz zwei­ma­li­gen Rück­stan­des 3:2, in Mün­chen stand es zur Halb­zeit schon 0:4. Was war der Un­ter­schied?

Zu Hause tre­ten wir an­ders auf. Die Stim­mung dort ist ein­ma­lig, die Fans pu­shen uns bis zur letz­ten Mi­nute

… aber das kann doch nicht die Er­klä­rung für eine so ex­treme Leis­tungs­schwan­kung sein?!

Sie haben recht. Ich sage es frei her­aus:

Im Hin­spiel haben wir mit Eiern ge­spielt, in Mün­chen nicht. Un­sere Qua­li­tät hat sich in so kur­zer Zeit nicht so dra­ma­tisch ver­schlechtert.

Ein­mal sind wir wie Män­ner auf­ge­tre­ten, ein­mal wie Kin­der.

Sie ge­hö­ren zum vier­köp­fi­gen Mann­schafts­rat. Sehen Sie es als Ihre Auf­gabe an, der Mann­schaft die rich­tige Men­ta­li­tät für die­ses Spiel zu ver­in­ner­li­chen?

Eine mei­ner Auf­ga­ben in un­se­rem Team ist es, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Das war ver­gan­gene Sai­son auch so, ob­wohl ich nicht im Mann­schafts­rat war. In Spie­len wie Sams­tag musst du als er­fah­re­ner Spie­ler vor­an­ge­hen. Das trifft aber nicht nur auf mich zu, son­dern auch auf Spie­ler wie Marco (Reus; d. Re­d.), Piszcu (Lu­kasz Pisz­c­zek) und Mats (Hum­mels).

Wie wert­voll ist die Rück­kehr von Hum­mels?

Er ist ein sehr wich­ti­ger Spie­ler. Seine Er­fah­rung hilft uns. Mats weiß, wie man große Titel ge­winnt. Und vor al­lem, wie man Sie­ges­wil­len vor­lebt und eine Gruppe davon über­zeugt. Der Mix aus jun­gen und er­fah­re­nen Spie­lern in un­se­rer Mann­schaft ist in die­sem Jahr bes­ser als im ver­gan­ge­nen. Das er­in­nert mich an meine Zeit in Lüt­tich. Da hat­ten wir auch einen rich­tig guten Mix und sind zwei­mal Meis­ter ge­wor­den. Da zählte ich al­ler­dings noch zu den jün­ge­ren Spie­lern (lacht).

Ist die­ser BVB auch stark ge­nug, um Titel zu ge­win­nen?

Ja, das sind wir. Wir brau­chen diese Lei­den­schaft und die­sen Wil­len wie bei den Sie­gen zu­letzt gegen Glad­bach (2:1) und Wolfs­burg (3:0). Gegen Glad­bach haben wir im Pokal kein gutes Spiel ge­macht, aber trotz­dem einen Rück­stand ge­dreht und so am Ende ver­dient die nächste Runde er­reicht. Wir kön­nen nicht in jedem Spiel ein Feu­er­werk ab­bren­nen, das haben wir ver­gan­gene Sai­son auch nicht ge­tan. Auch Ar­beits­siege brin­gen drei Punk­te. Wir müs­sen für den Er­folg be­reit sein zu lei­den. Ta­lent al­leine reicht nicht. Das müs­sen wir ver­in­ner­li­chen.

Ist Lu­cien Favre der rich­tige Trai­ner, um Titel zu ge­win­nen?

Ja, na­tür­lich. Er ist ein aus­ge­zeich­ne­ter Coach.

Wir haben den rich­ti­gen Trai­ner und die rich­tige Mann­schaft, um Titel zu ge­win­nen.

Und mit die­ser Über­zeu­gung, die wir alle in uns tra­gen, müs­sen wir auch auf­tre­ten.

Warum ist das der Mann­schaft in die­ser Sai­son noch nicht so oft ge­lun­gen ?

Ich glau­be, dass wir unser vol­les Po­ten­zial bis­lang noch nicht aus­ge­schöpft ha­ben. Ge­rade wenn wir in Füh­rung sind, müs­sen wir cle­verer sein. Den Ball in den ei­ge­nen Rei­hen hal­ten, statt wei­ter wild an­zu­grei­fen – und bis zum Ab­pfiff voll kon­zen­triert sein. Aber ich er­kenne einen Fort­schritt: Schon in der Liga gegen Glad­bach (1:0) und zu­letzt gegen Wolfs­burg haben wir das sehr gut ge­macht, zuvor in den Spie­len in Frank­furt oder Frei­burg lei­der nicht.

Favre stand in den ver­gan­ge­nen Wo­chen im Zen­trum der Kri­tik. Zu emo­ti­ons­los, zu ängst­lich, zu un­in­spi­riert wirke er auf die Spie­ler ein. Kön­nen Sie die Vor­würfe nach­voll­zie­hen?

Nein, kann ich nicht, aber das ist Teil des Ge­schäfts, damit müs­sen wir klar­kom­men. Ich lese nicht viel, aber das habe ich auch mit­be­kom­men. Ich kann Ihnen sa­gen: Der Trai­ner hat sich nicht ver­än­dert. Er geht jedes Spiel mit großer Mo­ti­va­tion und der hun­dert­pro­zen­ti­gen Über­zeu­gung des Ge­win­nens an. Und er weiß, dass wir Spie­ler alle hin­ter ihm ste­hen und alles ge­ben.

Trotz­dem haf­tet Favre der Makel an, dass er sich schnell ab­nutzt und seine Mann­schaf­ten im zwei­ten Jahr nicht mehr so er­folg­reich sind wie im ers­ten.

Ich kann den Ein­druck ab­so­lut nicht be­stä­ti­gen, aber es ist lus­tig, dass Sie das er­wäh­nen. Das habe ich näm­lich schon mal ge­hört. Dann soll­ten wir jetzt umso mehr ver­su­chen zu be­wei­sen, dass Lu­cien Favre auch im zwei­ten Jahr er­folg­reich ar­bei­ten kann. Wir sind in die­sen ver­rück­ten Wo­chen mit sie­ben Spie­len in 21 Tagen von Platz acht auf zwei ge­klet­tert und im DFB-Po­kal eine Runde wei­ter, die Rich­tung stimmt also wie­der.

Hat Favre die Mann­schaft wei­ter­ent­wi­ckelt?

Ich denke schon. In der ver­gan­ge­nen Sai­son hat uns kei­ner so eine ra­sante Ent­wick­lung zu­ge­traut, wir haben un­sere Geg­ner in vie­len Spie­len über­rascht. Jetzt sind sie bes­ser ein­ge­stellt auf uns, viele ver­tei­di­gen sehr de­fen­siv. Es ist grund­sätz­lich schwie­ri­ger, Er­folg zu be­stä­ti­gen als ihn nur ein­mal ein­zu­fah­ren. Wir haben im Kader genug Qua­li­tät, um am Ende der Sai­son einen Titel fei­ern zu kön­nen. Ich weiß auch, dass wir uns noch ver­bes­sern müs­sen, aber: Schreibt uns nicht ab!

Wann kann man die Bay­ern ab­schrei­ben?

Gar nicht. Viel­leicht sind sie ge­rade nicht in Top­form, und in der De­fen­sive feh­len ihnen wich­tige Spie­ler. Aber wenn ich die Of­fen­sive um Le­wan­dow­ski oder Cou­tinho sehe – die ist un­glaub­lich stark. Wer sie­ben­mal in Folge Meis­ter wird, den darf man nie ab­schrei­ben.

Es heißt im­mer, wenn die Bay­ern schwä­cheln, muss die Kon­kur­renz zu­schla­gen. Schlägt der BVB in die­ser Sai­son zu?

Nur weil Bay­ern nicht jedes Spiel ge­winnt, schwä­cheln sie nicht. Tot­ten­ham haben sie aus­wärts 7:2 ge­schla­gen. Wir soll­ten aber so­wieso nur auf uns schau­en, denn un­sere Leis­tun­gen kön­nen wir be­ein­flus­sen.

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