"Für Hecking tut es mir leid"

Autor : Sven Westerschulze, Axel-Patrick Hesse | 24.04.2019

Gladbachs Anführer spricht über das Aus des Trainers und den Umgang

SPORT BILD: Herr Kramer, Gladbach kämpft um die Champions League, trotzdem ist klar, dass Dieter Hecking im Sommer gehen muss. Was ist das für ein Gefühl?

CHRISTOPH KRAMER (28): Die Situation ist auch für mich neu. Ich hätte sie mir nach der Verkündung vor zwei Wochen schwerer vorgestellt, aber wir gehen alle gemeinsam sehr gut damit um. Wir reden in der Kabine nicht über Abschied, sondern über das Erreichen des Europapokals. Wir wollen uns für die gute Saison belohnen. Das haben wir als Mannschaft und das Trainerteam verdient.

Ende März ging Borussia 1:3 in Düsseldorf unter, rutschte aus den Champions-League-Plätzen, nur drei Tage später wurde das Trainer-Aus verkündet. Haben Sie damals gedacht: Jetzt geht hier alles bergab?

In der Kabine herrschte totale Stille, als der Trainer und der Sportdirektor uns die Entscheidung mitteilten. In den ersten zwei Tagen nach Bekanntgabe der Trennung zum Saisonende hatte ich schon ein komisches Gefühl. Mein erster Gedanke war: Hoffentlich wurde damit jetzt nicht der Stecker gezogen. Unsere Leistung zuvor gegen Düsseldorf war blutleer. Es war klar, dass wir gegen Bremen (1:1) eine Reaktion zeigen mussten. Der Borussia-Park brannte, und wir haben gezeigt, dass die Mannschaft lebt und für ihre Ziele kämpft. Jetzt müssen wir noch viermal Vollgas geben.

Sie haben in der Hinrunde gesagt, dass Sie auch mal „nicht so gut auf den Trainer zu sprechen“ sind …

… im gleichen Satz aber auch gesagt, dass ich sehr gut mit Dieter Hecking klarkomme. Beispiel: Wenn du bei einem 3:0 Sieg beim FC Bayern 90 Minuten auf dem Platz stehst und im nächsten Spiel auf der Bank sitzt, bist du enttäuscht. Trotzdem akzeptiere ich jede Entscheidung eines Trainers. Für mich ist wichtig, dass ein Trainer ehrlich und fair ist – und das Gefühl habe ich bei Dieter Hecking. Ich bin da eher rational als emotional.

Haben Sie trotzdem Mitleid mit Hecking?

Ja, auf jeden Fall. Persönlich tut es mir wirklich leid für ihn. Es zeigt, wie schnelllebig das Fußballgeschäft geworden ist.

Mein erster Gedanke: Hoffentlich wurde nicht der Stecker gezogen.

Ist Hecking ein guter Trainer?

Natürlich. Alle vergessen, dass er uns im Dezember 2016 in einer brenzligen Phase übernommen hat. Wir standen auf Platz 14. Ich hatte Sorge, dass wir bis zum Schluss im Abstiegskampf stecken. Dieter Hecking hat uns da schnell und souverän herausgeführt.

Können Sie die Gründe der Trennung nachvollziehen?

Als Spieler kann ich das nicht bewerten. Das steht mir auch nicht zu. Diese Entscheidung können nur Personen treffen, die den ganzen Verein im Blick haben und wissen, wohin sie ihn führen wollen. Max Eberl weiß, was er tut.

Eberl ist seit zehn Jahren Sportdirektor des Vereins. Was bedeutet Kontinuität im schnelllebigen Geschäft?

Ich sehe sie als riesiges Qualitätsmerkmal, die dem Klub guttut. Bedenken Sie, wo Borussia stand, als Max Eberl angefangen hat. Jetzt spielen wir fast jedes Jahr um Europa mit.

Worauf kommt es im Fernduell um Platz vier mit Frankfurt an: Qualität oder Mentalität?

Ich sage, dass Mentalität auch eine Qualität ist. Die hat nicht jeder. Aber ich sehe auch Leverkusen und Hoffenheim noch als Konkurrenten. Leverkusen wird die letzten vier Spiele gewinnen. Die Hoffenheimer waren in den vergangenen Wochen extrem stark – müssen aber noch bei uns antreten.

Sie saßen in dieser Saison oft auf der Bank, sollen jetzt auf einmal Europa retten. Wie gehen Sie mit Ihrer Situation um?

Natürlich habe ich mir viele Gedanken gemacht. Fakt ist aber auch, dass wir viele Spiele gewonnen haben und sich eine erfolgreiche Formation gefunden hat. Das ist eine Phase, die fast jeder Fußballer irgendwann mal durchmacht. Ich habe es als Herausforderung gesehen, um weiter Gas zu geben. Das ist eine Frage des Respekts gegenüber meinen Mitspielern. Ich bin nicht der Typ, der schlechte Stimmung verbreitet, wenn es für mich persönlich nicht perfekt läuft.

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