Die beste Borussia seit 42 Jahren

Autor : Axel-Patrick Hesse, Sven Westerschulze | 20.11.2019

Gladbach träumt von der ersten Meisterschaft seit 1977. Zu Recht!

Es war der lau­teste Schrei der Sai­son. Der Ju­bel, die Er­lö­sung, nach dem Tor von Pa­trick Herr­mann (28) zum 3:0 gegen Bre­men (3:1). Es war die Ent­schei­dung eine halbe Stunde vor Spie­len­de, die Freude war rie­sig. Bo­rus­sia ist die Num­mer eins der Bun­des­li­ga. Spit­zen­rei­ter nach einem Drit­tel der Sai­son.

Vier Punkte be­trägt der Vor­sprung auf Leip­zig, Bay­ern und Frei­burg. Stolz his­sen die Men­schen am Nie­der­rhein ihre grün­weiß-​schwarze Fahne im Gar­ten, gehen mit Shirts und Pul­lis im Look des Ta­bel­len­füh­rers selbst­be­wusst zur Ar­beit. 90 000 Mit­glie­der und eine ganze Re­gion träu­men von der Meis­ter­schaft.

Die Bun­des­liga sieht die beste Bo­rus­sia seit 42 Jah­ren! 1977 war der Klub letzt­mals Deut­scher Meis­ter. Seit den gol­de­nen 70ern, den Jah­ren der Foh­len (siehe nächste Sei­te) zehrte Glad­bach von der Ver­gan­gen­heit. Nun darf wie­der ge­träumt wer­den. Im Ver­ein bremst nie­mand. In der Mann­schaft steigt das Ver­trauen in die ei­gene Stärke von Woche zu Wo­che. Glad­bach spielt schnell, ag­gres­siv, er­folg­reich. Glad­bach reißt mit und be­geis­tert.

Wir müssen kreativ sein

Max Eberl

Wie frü­her zu Zei­ten von Net­zer, Heyn­ckes, Stie­li­ke, Vogts, Si­mon­sen. Was da­mals Klub-​Idol Gün­ter Net­zer (75), der 1973 zu Real Ma­drid wech­sel­te, auf dem Platz war, ist heute Denis Za­ka­ria (23). Der Schwei­zer ist kein Spiel­ma­cher wie einst „der Schlap­pe“. Za­ka­ria gibt den Takt aus dem de­fen­si­ven Mit­tel­feld an. Er mar­schiert, er führt viele Zwei­kämp­fe. Er ist der Kopf für das Tempo-​Spiel. Man­che­s­ter Uni­ted soll dran sein am Stra­te­gen mit einem Ver­trag bis 2022. Von 60 Mio. Euro Ab­löse ist die Rede.

Ei­gent­lich will Ma­na­ger Max Eberl (46) das Geld gar nicht ha­ben. Na­tür­lich ge­hö­ren die Ver­käufe wie vor 40 Jah­ren zum Ge­schäfts­prin­zip. Den­noch soll Glad­bach „kein Aus­bil­dungs­ver­ein sein“, sagt Eberl. Za­ka­ria will er hal­ten, am liebs­ten ver­län­gern. Die Bes­ten lang­fris­tig zu bin­den, das wäre der nächste Schritt des Klubs.

Bei ihm heißt es nie IHR müsst, son­dern WIR müs­sen

Ginter über Rose

Dass Glad­bach die Ta­bel­len­spitze er­obert hat, ist das Er­geb­nis har­ter Ar­beit. „Wir müs­sen krea­tiv sein“, sagt Eberl gern. Ei­gent­lich meint er: Um oben mit­zu­hal­ten, muss sein Klub mehr ar­bei­ten als die über­mäch­tige Kon­kur­renz aus Mün­chen und Dort­mund. Und schnel­ler sein und akri­bi­scher vor­be­rei­tet sein, um Top-​Spie­ler zu be­kom­men. Oder einen zwei­ten An­lauf wagen wie bei Ver­tei­di­ger Ste­fan Lai­ner (27), der schon 2018 von RB Salz­burg kom­men soll­te, aber erst 2019 für 12,5 Mil­lio­nen Euro zu haben war. Oder nie lo­cker las­sen wie bei Breel Em­bolo (22), der vier Jahre nach der ers­ten Kon­takt­auf­nahme kam, nach­dem er auf Schalke ge­schei­tert war. Jetzt lie­fert er wie­der.

Er schafft es, dich von Dingen zu überzeugen, die du nicht so gut kannst

Stefan Lainer über Rose

Em­bolo ist ein Puzzle-​Stück des Er­folgs. Glad­bach kauft nicht die Top-​Stars. Eberl und sein Sport­di­rek­tor Stef­fen Ko­rell (48) bauen Jahr für Jahr eine Mann­schaft und ent­wi­ckeln Spie­ler zu Stars. Vor allem Lai­ner und Stür­mer Mar­cus Thu­ram (22) schlu­gen dies­mal voll ein. Von Thorgan Ha­zard (26), der für 25 Mil­lio­nen Euro nach Dort­mund ging, spricht nie­mand mehr. Glad­bach hat sechs Punkte mehr als der BVB.

Die Bo­rus­sia vom Nie­derrhein ist mu­tig. Wie bei Trai­ner Marco Rose (43), der von Salzburg kam. Eberl hat ihn verpflich­tet, ob­wohl Die­ter Hecking die Mann­schaft in die Eu­ropa League führte und noch unter Ver­trag stand. Der Ex-​Glad­bach-​Profi und Re­kord­na­tio­nal­spie­ler Lo­thar Mat­thäus (58) sag­t:

Vor sei­ner Ent­schei­dung, einen erfolg­rei­chen Trai­ner aus­zutauschen, habe ich großen Respekt. Die Ar­beit von Max ist ein ent­schei­den­der Bestand­teil für den Erfolg von Bo­rus­sia. Er hat es vor­her­gesehen, dass Marco Rose ein Typ ist, der Gladbach wei­ter bring­t.

Rose zün­dete die nächste Stu­fe. Schon sein Auf­tritt steht für Aufbruch: ge­rade Haltung, laute Spra­che, di­rekte Wor­te. Rose bringt eine positive Ar­ro­ganz mit. Er ist jemand, der vor­weg geht. Er­folg ist für ihn keine Aus­zeich­nung, son­dern ge­plante Nor­ma­li­tät. Zwei Jahre war er Chef­trainer in Ös­ter­reich. Zweimal wurde er Meis­ter mit Salz­burg, einmal führte er den Un­der­dog ins Halb­fi­nale der Eu­ropa Lea­gue.

Mit der A-​Ju­gend des Klubs hatte er 2017 schon die Nach­wuchs-​Cham­pi­ons-​League (Y­outh Lea­gue) ge­won­nen. Jetzt lässt er Glad­bach träu­men. Die knapp 55 000 Zu­schau­er, die ins Sta­dion pas­sen, kom­men, um Großes zu er­le­ben – wie die 35 000 in den 70ern am Bö­kel­berg.

Rose hat einen Plan, wie etwa sein 4-​4-​2-​Sys­tem mit Raute im Mit­tel­feld. Es ist aber nicht in Stein ge­mei­ßelt, Rose ist fle­xi­bel. So spielte Glad­bach zu­letzt wie­der im 4-​3-​3-​Sys­tem und im 5-​3-​2. Un­ab­hän­gig von der Auf­stel­lung ist die Aus­rich­tung: immer Voll­dampf.

Die Mann­schaft ar­bei­tet flei­ßig, die Er­geb­nisse geben uns Ver­trau­en. Aber das kann für uns nur ein Ansporn sein und kein Grund, sich jetzt aus­zu­ru­hen

sagt Rose.

Lai­ner, 1,75 Meter groß, drah­tig, Ter­rier auf der rech­ten Au­ßen­bahn und Ein­peit­scher in der Ka­bi­ne, sagt über Rose:

„Der Trai­ner kann dich be­geis­tern für das, was er vor­hat. Er schafft es, dich von Din­gen zu über­zeu­gen, die du ei­gent­lich nicht so gut kannst. Die Fün­fer­kette zum Bei­spiel haben wir kaum trai­niert. Aber als wir sie an­ge­wandt ha­ben, hat sie funk­tio­niert, und jeder wuss­te, was er zu tun hat­te. Diese Über­zeu­gung brauchst du, wenn du etwas ge­win­nen willst.“

Lai­ner spielte schon in Salz­burg unter Rose. Fra­gen nach der Meis­ter­chance ma­chen ihn nicht ner­vös. Er­folge und Titel sind für ihn All­tag. Diese Men­ta­li­tät bringt er in die Ka­bi­ne. „Je­der muss be­reit sein, Feh­ler des an­de­ren aus­zu­bü­geln, jeder muss sich auf den an­de­ren ver­las­sen kön­nen. Die Siege sind nicht nur eine Be­stä­ti­gung, son­dern geben uns auch Ver­trau­en, in un­se­rer Art Fuß­ball zu spie­len. Die ist in Glad­bach ja noch ziem­lich neu“, sagt Lai­ner: „Man spürt, dass wir in­zwi­schen einen an­de­ren Fuß­ball spie­len als zu Be­ginn. Wir agie­ren jetzt viel druck­vol­ler und haben viel mehr Ball­ge­win­ne, weil die Au­to­ma­tis­men funk­tio­nie­ren.

Wir haben si­cher noch Luft nach oben, aber unser Spiel ent­wi­ckelt sich in die rich­tige Rich­tung. Das spü­ren wir Spie­ler auf dem Platz. Und un­sere Fans spü­ren das, glaube ich, auch. Hier wächst etwas zu­sam­men.

Stefan Lainer

So wird der Traum von der ers­ten Meis­ter­schaft seit 1977 immer rea­ler. Rose lässt ihn zu, auch in der Ka­bi­ne. Na­tio­nal­spie­ler Matt­hias Gin­ter (25) spricht über ein klei­nes De­tail, dass in der Mann­schaft Großes be­wirkt: „Der Trai­ner be­zieht sich immer mit ein. Bei ihm heißt es nie ‚ihr müsst‘, son­dern ‚wir müs­sen‘.“ Auch die­ser Zu­sam­menschluss sorgt da­für, dass Glad­bach wie­der vorn­weg ga­lop­piert. Nicht ein­mal das Verlet­zungspech mit bis zu elf gleich­zei­tig an­ge­schla­ge­nen Spie­lern konnte den Spit­zen­rei­ter stop­pen.

Die Bo­rus­sia ist wie­der da. So stark wie seit 42 Jah­ren nicht. Auch finan­zi­ell und struk­tu­rell. Das wird spä­tes­tens dann deut­lich, wenn man zum Bo­rus­sia-​Park ein­biegt. Der Klub ist ein ei­ge­ner klei­ner Stadt­teil im Glad­ba­cher Nor­den. Das mo­derne Sta­dion, di­rekt an­ge­schlos­sen ein Vier-​Sterne-​Ho­tel. In die­sem Kom­plex haben die Mann­schaft­särzte ihre Pra­xen. Sogar einen Kern­spin-​To­mo­gra­fen gibt es dort. Bei einer Ver­let­zung muss kein Spie­ler mehr in ein Kran­ken­haus zur Un­ter­su­chung. Alles ist in 50 Meter Ent­fer­nung zur Ka­bine mög­lich. Da­ne­ben lie­gen die Trai­ningsplät­ze, daran schlie­ßen der Nach­wuchs-​Cam­pus und der Foh­len­Stall (In­ter­nat) an. Eine in Deutsch­land ein­zig­ar­tige An­la­ge. Alles an einem Ort. Alles in Ver­eins­be­sitz. Einen In­ves­tor gibt es nicht. Nicht ein­mal der Sta­dion­name wurde bis­her ver­kauft.

Glad­bach ist auf­ge­stellt für eine große Zu­kunft. Da er­scheint es sogar als Glücks­fall, dass der Haupt­s­pon­sor Post­bank schon vor ei­ni­gen Wo­chen sei­nen Aus­stieg zum Sai­son­ende er­klärt hat. Einen bes­se­ren Zeit­punkt hätte es für Bo­rus­sia nicht geben kön­nen. Dank des neuen sport­li­chen Er­folgs dürfte es ein Leich­tes wer­den, einen Nach­fol­ger auf der Tri­kot-​Brust zu fin­den.

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