Dieter Heckings Sorgen um die Bundesliga
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Dieter Heckings Sorgen um die Bundesliga. Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Dieter Heckings Sorgen um die Bundesliga

Gladbachs Trainer über Trainer-Debatten, Experten-Meinungen, Fan-Proteste und abwandernde Stars

Sport Bild: Herr Hecking, gegen Bremen mussten Sie wieder auf acht verletzte Spieler verzichten. Wie gehen Sie damit um?

Dieter Hecking (53): Das zieht sich ja schon durch die ganze Saison. Stammkräfte wie Ibo Traoré, Oscar Wendt, Fabian Johnson und zuletzt auch Raffael fallen dauerhaft aus. Solche Ausfälle können wir nicht ohne Weiteres kompensieren. Nicht nur in den Spielen, auch im Training. Da ist die Qualität natürlich deutlich höher, wenn alle Leistungsträger dabei sind.

Wie macht sich das bemerkbar?

Wir haben hungrige Jungs aus dem Nachwuchs dabei, von denen kann ich aber keine Wunderdinge erwarten. Ein Elf-gegen-elf-Trainingsspiel mit 22 Profis hat eine ganz andere Intensität, als wenn acht fehlen. So ist es auch beim Einstudieren bestimmter Spielformen. Aber ich weiß, dass meine Spieler mit größtem Willen aus unseren derzeitigen Möglichkeiten alles rausholen – und das kann ich besser einschätzen als so mancher Experte.

Sky-Experte Dietmar Hamann hatte zuletzt nach der dritten Niederlage in Folge eine Trainerdiskussion angestoßen ...

Didi hat meines Wissens im Anschluss an das 0:1 in Stuttgart nur gesagt, dass eine Diskussion aufkommen könnte, wenn wir weiter verlieren. Damit hatte er nicht mal unrecht, weil das Geschäft heutzutage so ist. Das finde ich viel bedenklicher. Verlierst du drei Spiele, wird sofort eine Trainerdebatte geführt. Dass wir trotz so vieler Verletzter in allen Spielen ordentliche Leistungen gezeigt haben, interessiert einige nicht.

Wirkt sich die zunehmende Schnelllebigkeit im Geschäft auch auf Ihre Arbeit aus?

Sie nimmt einem manchmal den Spaß. Dass wir zuletzt keine Tore geschossen haben, war offensichtlich. Deshalb aber gleich unsere komplette Arbeit infrage zu stellen, halte ich für unseriös. Besonders wenn es von denen kommt, die sonst immer mangelnde Stabilität und Kontinuität in den Vereinen beklagen.

Hinterfragen Sie sich manchmal auch? Die Fans diskutieren über Ihre oft sehr ernste Mimik und fehlende Emotionalität.

Ja, anonym im Internet. Wenn man zwei fußballbegeisterte Söhne hat, bekommt man das natürlich mit. Wenn mich jemand kritisieren möchte, kann er nach jedem Training kommen und mich ansprechen. Nach Autogrammen oder Fotos werde ich da ja auch gefragt. Aber wissen Sie was? Es kommt niemand und beschwert sich direkt über mich oder meine Art. Und mein ernster Blick bedeutet übrigens nichts anderes als höchste Konzentration.

Ein weiterer Vorwurf lautet fehlende Flexibilität. Ein anderer Sky-Experte, Lothar Matthäus, hat das dauerhafte 4-4-2 hinterfragt.

Wir versuchen, Fußball zu spielen. Mit Selbstvertrauen fällt einem das leichter, keine Frage. Wir suchen meist spielerische Lösungen. Grundsätzlich ist es natürlich einfacher zu verteidigen, statt anzugreifen. Schauen Sie sich in der Liga um: Es gibt nicht mehr viele Mannschaften, die Fußball spielen wollen. Das führt dazu, dass selbst der FC Bayern nicht unbedingt wegen seiner spielerischen Dominanz gewinnt, sondern aufgrund seiner individuellen Klasse. Dortmund ergeht es ähnlich, auch Leipzig hat seine spielerische Leichtigkeit verloren. Wir müssen aufpassen, dass irgendwann nicht die Attraktivität der Bundesliga unter dieser Entwicklung leidet.

Wie wird die Liga attraktiver? Montagsspiele stoßen bei den Fans auf klare Ablehnung.

Es gibt Zeichen wie die Protest-Aktion in Frankfurt und das Fernbleiben von 25 000 Fans in Dortmund, die wir richtig deuten sollten. Da ist die DFL gemeinsam mit den Vereinen gefordert. Ich kann die Fans verstehen. Ihnen muss aber auch bewusst sein, dass die Bundesliga im europäischen Vergleich finanziell mithalten soll und will. Wenn wir weder mit Spitzen-Gehältern, noch mit attraktivem Fußball locken, dann verlieren wir den Status als Top-Liga. Damit nähme die Attraktivität unserer Liga ab – diese Kehrseite der Medaille müsste der Fan dann auch akzeptieren, wenn er sich gegen Kommerzialisierung ausspricht.

Der Umgang der Fans mit Verein und Spielern hat sich in den letzten Jahren verändert. Was ging Ihnen durch den Kopf, als HSV-Ultras auf einem Plakat ankündigten, die Spieler durch die Stadt zu jagen?

Ich fand dieses Plakat unsäglich. Noch schlimmer war für mich aber die Reaktion von der Öffentlichkeit. Niemand hat es angeprangert. Wenn so etwas in unserer Gesellschaft einfach hingenommen wird, ist das für mich nicht akzeptabel. Manche Leute scheinen zu vergessen, dass auch Fußballprofis mitbekommen, was um sie herum passiert.

Auch Gladbachs Anhang gilt als kritisch. Die Fans träumen vom Europacup, während Sie einen Umbruch einleiten müssen ...

... der unheimlich viel Spaß macht. Uns ist es gelungen, den Verlust von zwei außergewöhnlichen Spielern wie Andreas Christensen und Mo Dahoud aufzufangen. Mit Matthias Ginter haben wir einen Weltmeister geholt. Aber dass ein Denis Zakaria oder ein Mickaël Cuisance so durchstarten, konnte keiner erwarten. Wir machen keine verrückten Dinge. Finanziell können andere Klubs mehr bieten. Deshalb versuchen wir, Spieler mit unserem Konzept und den Entwicklungsmöglichkeiten zu überzeugen.

Bei Ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt, Gladbach sei auch ohne Europapokal-Teilnahme eine Top-Adresse. Gilt das noch, wenn Sie Europa erneut verpassen würden?

Absolut! Diese Wahrnehmung hat sich dieser Traditionsverein erarbeitet. Hier herrscht Vertrauen, Verlässlichkeit und Menschlichkeit. Mit der Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb ist die Anziehungskraft sicher noch größer. Aber auch dann werden wir nicht die ganz großen Topstars zu uns locken können. Wir greifen eine Schublade tiefer zu und wollen Talente entwickeln – da ist Gladbach eine Top-Adresse.

Wann sprechen Sie von einer erfolgreichen Saison?

Wir haben vor der Saison gesagt, dass wir besser als Platz neun abschneiden wollen. Um in die Champions League zu kommen, müsste alles passen. Wir hatten bislang aber viel Verletzungspech und wenig Glück mit dem Video-Schiedsrichter. Eine wirklich erfolgreiche Saison ist es für mich trotzdem erst, wenn wir es nach Europa schaffen.