Gladbachs Alltag im Quarantäne-Hotel

Autor : Axel-Patrick Hesse | 13.05.2020

Das Te­le­fon piepst. Jeden Mor­gen um acht Uhr er­hal­ten 50 Spie­ler und Be­treuer von Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach, die sich in der Iso­la­tion be­fin­den, eine Nach­richt im Team-Chat. Zwei Fra­gen müs­sen so­fort be­ant­wor­tet wer­den. Ers­tens: Fühlst du dich ge­sund? Dazu gibt es die Ant­wort­mög­lich­kei­ten Ja und Nein. Zwei­tens: Hast du Sym­ptome wie Hus­ten, Fie­ber? Auch hier ist mit Ja oder Nein zu ant­wor­ten.

Die täg­li­che Co­rona-Prü­fung ver­setzt die Spie­ler di­rekt in Alarm­be­reit­schaft.

Die Glad­ba­cher Mann­schaft hat ihr Qua­ran­täne-La­ger di­rekt neben dem Sta­dion be­zo­gen. Das H4-Ho­tel ist durch eine ge­mein­same Lobby mit der Arena ver­bun­den. Zur Ka­bine sind es von hier rund 70 Me­ter, zum Trai­nings­platz etwa 100.

Das Leben einer gan­zen Mann­schaft spielt sich in der Woche vor dem Start in einem Qua­drat von etwa 300 x 300 Me­tern ab. Nie­mand darf den Mini-Kos­mos ver­las­sen. Hier soll die An­ste­ckung mit dem Virus aus­ge­schlos­sen wer­den. Die 50 Per­so­nen dür­fen den Iso­la­ti­ons­be­reich nicht ver­las­sen, nie­mand darf rein.

Wer bei den mor­gend­li­chen Ant­wor­ten an­gibt, sich nicht top­fit zu füh­len, muss sich so­fort an den Hy­gie­ne­be­auf­trag­ten des Klubs, Ralf Doy­scher (36), wen­den. Der Mann­schafts­arzt lei­tet bei einem Co­rona-Ver­dacht in Ab­stim­mung mit dem Ge­sund­heits­amt wei­tere Schritte ein. Der Rest durch­läuft den vor­ge­ge­be­nen Ta­ges­plan.

Das Co­rona-Pro­gramm der Bo­rus­sia.

Die Spie­ler er­wa­chen spä­tes­tens mit dem Handy-Piep­sen im Ein­zel­zim­mer in der zwei­ten Etage des Ho­tels, die al­leine der Mann­schaft zur Ver­fü­gung steht und die kom­plett des­in­fi­ziert wur­de. Die Stars schla­fen dort in Bo­rus­sia-Bett­wä­sche. Eine an­dere gibt es im H4 neben der Arena nicht.

Max Eberl (46), der Sport­chef des Liga-Vier­ten, er­freut sich an den ein­zig­ar­ti­gen Mög­lich­kei­ten im Bo­rus­sia-Park. „Wir haben bei der Pla­nung der An­lage alles dar­auf aus­ge­legt, kurze Wege und beste Ar­beits­be­din­gun­gen mit einer ein­la­den­den Um­ge­bung für un­sere Fans zu ver­bin­den. Ihnen woll­ten wir die Mög­lich­keit ge­ben, hier zu ver­wei­len. Dass wir auch in Steine und nicht nur in Beine in­ves­tiert ha­ben, ist in der ak­tu­el­len Si­tua­tion per­fekt für die Mann­schaft.“

Die Spie­ler fin­den mor­gens ihre Klei­dung auf dem Flur vor der Tür. Die Zeug­war­te, die sich mit in Qua­ran­täne be­fin­den, haben für jeden ein klei­nes Päck­chen mit T-Shirts und Hosen ge­packt. Die Zim­mer be­tre­ten sie aber nicht. Die Spie­ler müs­sen auch selbst die Bet­ten ma­chen. Hand­tü­cher und schmut­zige Wä­sche holen die Zeug­warte vor der Tür ab und über­ge­ben sie in ge­schlos­se­nen Con­tai­nern einer Wä­sche­rei.

Im Hotel steht das Trep­pen­haus al­leine der Mann­schaft zur Ver­fü­gung. Alle an­de­ren Per­so­nen nut­zen die Auf­zü­ge. Durch einen ab­ge­trenn­ten Be­reich in der Lobby geht es in die Busi­ness-Lounge in der Arena. Der Be­reich wurde zum Spei­se­saal um­ge­baut. Mit rie­si­gen Ti­schin­seln für bis zu zehn Per­so­nen, an denen jeder zwei Meter Ab­stand zu sei­nem Ne­ben­mann hat.

„Die Spei­sen sind aus Hy­gie­ne­grün­den in Ein­zel­por­tio­nen vor­be­rei­tet und ab­ge­pack­t“,

sagt Bo­rus­sias Team­ma­na­ger Chri­sto­fer Hei­me­roth (38), der den Qua­ran­täne-Plan aus­ge­ar­bei­tet hat. „Selbst die Ei­er­spei­sen sind por­tio­nier­t.“

Aus der Loge geht es eine Trep­pe, die nur die aus­ge­wählte Gruppe nut­zen darf, hin­un­ter in den Ka­bi­nen­be­reich. In vier Um­klei­den hat jeder sei­nen fes­ten Platz, der mit einem Foto ge­kenn­zeich­net ist. Hier wer­den nur die Schuhe ge­wech­selt, bevor es auf den Platz geht. Trai­ning ist die ein­zige Nor­ma­li­tät in die­sen Ta­gen.

An­schlie­ßend gehen die Spie­ler wie­der in die Ka­bi­ne, wech­seln die Schu­he. Aufs Zim­mer, du­schen, Mit­tages­sen in der Loge. Nun gibt der Er­näh­rungs­be­ra­ter Melf Cars­ten­sen, der zur Iso­la­ti­ons­gruppe zählt, die Spei­sen aus. Sa­late sind in Ein­zel­por­tio­nen ab­ge­packt, ge­nauso die Nach­spei­sen (u.a. Obst­sa­lat, Milchreis). Die Haupt­speise teilt Cars­ten­sen aus.

Es folgt eine Pau­se, in der die Spie­ler al­leine in ihren Zim­mern blei­ben oder im Auf­ent­halts­raum mit Ab­stand sit­zen. Dort gibt es nur einen Fern­se­her, keine Com­pu­ter­spiele und kei­nen Tisch­kicker, um di­rekte Kon­takte ge­ring zu hal­ten. Wer raus will, darf spa­zie­ren gehen – aber nur im ab­ge­sperr­ten Be­reich. Die Runde endet an den Zäu­nen der Trai­ningsplät­ze, auf denen nach dem Kaf­fee mit Sand­ku­chen und Ba­na­nen­brot die zweite Ein­heit star­tet.

Nach dem Abendes­sen (glei­che Ab­läufe wie Mit­tages­sen) sind die Spie­ler wie­der al­lei­ne, te­le­fo­nie­ren, zo­cken on­line Com­pu­ter­spie­le. Nur Trai­ner Marco Rose (43) und sein Stab be­freien die Spie­ler zwi­schen­durch. Sie rufen ein­zelne Ki­cker oder kleine und grö­ßere Grup­pen in den großen Pres­se­kon­fe­renz-Raum im Kel­ler der Arena. Dort fin­den nun die Ana­ly­sen und Vi­deo-Sit­zun­gen statt. Ein­stim­men auf das Spiel am Sams­tag in Frank­furt. Um 23 Uhr sollte das Licht aus­ge­hen.

Wei­tere Ab­wechs­lung gibt es nicht. Kein Gril­l­abend, keine ge­mein­same Ver­an­stal­tung. Hei­me­ro­th: „Das wäre kon­tra­pro­duk­tiv. Eine Woche wer­den es die Spie­ler aber be­stimmt auch so aus­hal­ten.“

Frei­tag­mor­gen wer­den alle wie­der auf das Virus ge­tes­tet. An­schlie­ßend star­tet der Tross Rich­tung Frank­furt, wo die Mann­schaft im Kem­pinski-Ho­tel in Gra­ven­bruch ein­checkt.

Das Hotel hat ei­gent­lich ge­schlos­sen und öff­net einen Be­reich nur für die Glad­ba­cher Spie­ler. Dort gel­ten die glei­chen Vor­ga­ben wie im Bo­rus­sia-Park.

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