"Der Vergleich mit mir ist eine Beleidigung für Zakaria"

Autor : Tobias Altschäffl, Christian Falk | 27.11.2019

Die Fußball-Legende spricht über den Höhenflug seiner Borussia. Er gratuliert Manager Eberl zur Verpflichtung von Trainer Rose, spricht über den Rücktritt von Bayerns Hoeneß und über die Chancen der Nationalelf bei der Euro 2020

SPORT BILD: Herr Netzer, eine besonders kritische Frage zu Beginn unseres Gesprächs: Was halten Sie, der Mann, der seit Jahrzehnten eine wallende Mähne trägt, eigentlich von den Frisuren der Fußballer heute?

GÜNTER NETZER (75): Die Frisur ist nicht das Kriterium, nach dem ich einen Fußballer beurteile (lacht). Was ich aber noch weiß: Meine Haare haben damals die wenigsten als schön empfunden meine Frisur war ja ein Affront. Dafür habe ich nicht viel Anerkennung erhalten. So wie ich in Mönchengladbach umherzulaufen, das war etwas Außergewöhnliches. Ich musste darum kämpfen, ich wurde dafür angegriffen. Ich habe den Leuten nur entgegnet: „Haltet die Klappe, beurteilt mich als Fußballer!“ Es sind in meinem Leben bestimmt viele Dinge passiert, wo beide Augen zugedrückt wurden, weil es hieß: „Der trifft den Ball, lasst den mal so, wie er ist.“ Die sportliche Leistung war meine Carte blanche (unbeschränkte Vollmacht; d. Red.) für alles. Sonst hätten sie mich rausgeschmissen.

SPORT BILD hat im März 2016 Gladbachs Regisseur Raffael die Netzer-Perücke die Netzer-Perücke aufgesetzt. Haben Sie das Foto gesehen?

Ja, das fand ich sehr originell. Aber Raffael soll lieber bei seiner Frisur bleiben.

Wer macht Ihnen bei Ihrer Borussia aus Mönchengladbach am meisten Spaß?

Thuram im Sturm, in Verbindung mit Plea, das ist etwas Außergewöhnliches. Gladbach entwickelt eine richtige Angriffswucht. Das sehe ich mir sehr gerne an. Das in Verbindung mit einem sehr guten Trainer, der die Gemeinschaft pflegt, ist sehr schön anzusehen. Das ist ein Grund, warum Gladbach oben steht.

Der trifft den Ball, lasst den mal so, wie er ist.

SPORT BILD schrieb vergangene Woche, dass Denis Zakaria ein „defensiver Netzer“ sei.

Das ist eine Beleidigung für Zakaria! Ich hatte schließlich absolut keine defensiven Fähigkeiten, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Aber vielleicht wollt ihr Reporter auf die Bedeutung von Zakaria hinaus: Er ist enorm wertvoll, da er mannschaftsdienlich spielt. Spieler wie er sind in vielen Mannschaften mitentscheidend für den Erfolg, sie leisten für andere die Drecksarbeit. Ich erinnere da an Herbert Wimmer oder Peter Dietrich in Gladbach zu meiner Zeit. Diese Spieler sind wahnsinnig wertvoll, die lobe ich lieber als solche, die ab und zu ein Tor schießen.

Sehen wir die beste Borussia seit 42 Jahren?

Diese generationsübergreifenden Vergleiche waren für mich nie angebracht. Der Fußball damals war ein völlig anderer. Wenn man sagt, die hätten damals in Zeitlupe gespielt, dann ist das eine dumme Aussage. Das war das größte, beste Tempo der damaligen Zeit. Ich habe zuletzt etwas Hochinteressantes gelesen: Meine Leistung aus dem EM-Viertelfinale beim 3:1 in England 1972 wurde wissenschaftlich verglichen mit den Leistungen von Topspielern in der heutigen Zeit. Meine Werte in den Bereichen Laufleistung oder Passgenauigkeiten waren nur unwesentlich schlechter als die von heute. Und das ist 47 Jahre her! So viel zu den Vergleichen und dem Gerede über Fußball von früher und heute: Seriös ist das nicht.

Anders gefragt: Hatten Sie in der vergangenen Dekade jemals so viel Spaß an Gladbach?

Ich habe lange, lange Jahre Gladbach etwas gemieden, da ich dem Verein vorgeworfen habe, dass sie aus ihren Möglichkeiten nicht genug machen. Das war für mich nicht ausreichend. Es wurde ja teilweise schon fast gefeiert, wenn man nicht abstieg. Gladbach hat ein neues, wunderschönes Stadion, das für die Finanzen großartig ist. Trotzdem gab es lange eine sportliche Stagnation, von Titeln war man lange weg.

Denis Zakatia© Getty Images
Defensiv-Spezialist Denis Zakaria beeindruckt Netzer aus dem aktuellen Gladbacher Team. Er kam 2017 für zwölf Mio. Euro von den Young Boys Bern.

Kann Gladbach Meister werden?

Es ist doch viel zu früh, darüber nachzudenken. Noch ist die Frage Unsinn. Bayern wird sich am Ende durchsetzen, sie haben das größte Potenzial. Bayern müsste sich einen großen Aussetzer leisten, damit sie nicht Meister werden. Dann müsste sich jeder Spieler hinterfragen. Für die Meisterschaft ist Gladbach aber noch nicht weit genug.

Die Entwicklung ist höchst erfreulich, aber es ist schön, dass deswegen dort niemand durchdreht.

Aber falls die Bayern stolpern sollten, …

… dann darf man Dortmund nicht abschreiben. Sie geben im Moment ein Bild ab, das nicht ihren Möglichkeiten entspricht. Darüber muss sich der BVB Gedanken machen: Dortmund hat viel mehr drauf, als in den letzten Wochen geleistet wurde.

Was zeichnet Gladbach-Trainer Marco Rose aus?

Ich verneige mich vor Max Eberl: Diesen Trainer zunächst zu finden und dann noch den Mut zu haben, ihn zu holen, ist etwas ganz Großartiges. Man kann von einem Trainer nur überzeugt sein, wenn man dessen Mannschaft spielen sieht und davon beeindruckt ist. So habe ich damals Ernst Happel verpflichtet. Ich war total fasziniert von seinem Fußball: Forechecking in Verbindung mit Abseits stellen – so etwas kannte man in Deutschland nicht. Ein ähnliches prägendes Erlebnis muss Eberl bei Roses Ex-Team Salzburg gehabt haben. Rose ist ein Typ, der die Spieler auf eine Art und Weise erreicht, die ihnen gefällt.

Er hat Ideen, welche die Spieler zu 100 Prozent gewillt sind, sie auszuüben. Es war bislang eine großartige Leistung, aber es ist erst ein Drittel der Saison gespielt.

War die Verpflichtung von Rose umso mutiger, da Sportdirektor Eberl mit Hecking einen Trainer austauschte, der lange funktionierte?

Ich halte Dieter Hecking nach wie vor für einen guten Trainer, er ist der Richtige für den HSV, er wird mit der Mannschaft aufsteigen. Aber: Ein Manager ist verantwortlich dafür, in eine Mannschaft hineinzuhören, ständig zu überprüfen, wie die Harmonie ist: Braucht es vielleicht einen Wechsel? Das scheint Max Eberl gespürt zu haben. Er ist dieses Risiko eingegangen, hat einen untadeligen Trainer gegen einen Nobody – zumindest in Deutschland – eingetauscht. Das ist eine großartige Leistung, ich freue mich, wenn solche Aktionen Erfolg haben.

Eberl scheint ein gutes Händchen zu haben, er war auch bei Bayern immer wieder im Gespräch. Besteht bei Ihnen als Borussia-Fan die Angst, dass er eines Tages abwan­dern könnte?

Nein. Er hat sich richtigerweise für die Borussia entschieden. Dort hat er völlig andere Handlungsfreiheiten, als das bei Bayern der Fall gewesen wäre. Dort wäre solch ein Gestaltungsfreiraum nicht infrage gekommen. In Gladbach kann Max Eberl etwas aufbauen, maßgeblich entscheiden. Das ist ideal für einen sportlich Verantwortlichen.

Wie haben Sie den Abschied von Uli Hoeneß als Präsident in München erlebt?

Er hat verdientermaßen einen großen Abschied bekommen. Uli hat über Jahrzehnte eine fantastische Arbeit geleistet.

Wird es ein echter Ab­schied? Oder bleibt Hoe­neß weiter sehr aktiv?

Uli wird seine Funktion als Aufsichtsrat erfüllen, ab und zu unangenehme Dinge ansprechen – davor kann er sich selbst nicht schützen. Wenn er zu Themen gefragt wird, die Brisanz haben, meldet er sich zu Wort. Ich wünsche Uli aber, dass mehr Ruhe und Gelassenheit einkehren. Er wird den FC Bayern nie aus den Augen verlieren, er liebt den Fußball und den Verein. Nun hört er vom einen zum anderen Tag auf, das hat Uli ja bis zuletzt keiner zugetraut. Der Schritt ist richtig für ihn, ich kann seine Familie nur beglückwünschen.

War Hoeneß denn wirklich der Erfinder des modernen Ma­nagements in der Bundes­liga?

Wie kann man denn so etwas sagen (lacht)? Um Gottes willen! Das kann nur ein Münchner sagen. Der Erfinder war Karl-Heinz Thielen, der erste Spieler-Manager. Er war ein sehr guter Spieler in Köln, ein großartiger Mensch. Dann kam ich als Manager zum HSV. Ein halbes Jahr später Uli Hoeneß. So war die Zeitenfolge.

 

Zwischen 1963 und 1973 gewann Netzer mit Gladbach Meisterschaft (2x) und Pokal, wurde bis 1976 mit Real Madrid je zweimal Meister und Pokalsieger, bevor er 19977 seine Karriere bei Zürich beendete. Mit Deutschland gewann er ´72 die EM, ´74 die WM.

 

Zur Nationalmannschaft: Jogi Löw dämpft die Erwar­tungen vor der EM sehr. Rich­tig? Oder muss Deutschland immer mit dem Anspruch des Favoriten in solch ein Turnier gehen?

Ich habe Jogi Löw vom ersten Spiel an unterstützt. Er hat enorme Fähigkeiten, eine Mannschaft zu führen, und eine fantastische Auffassung vom Fußball. Die Situation jetzt schätzt er richtig ein. Mit der negativen Überraschung in Russland bei der WM 2018 hat keiner gerechnet. Der Ehrgeiz von Jogi Löw ist wieder vorhanden, er hat einen personellen Umbruch geschafft. Das finde ich sehr gut, der Bundestrainer muss dabei auch konsequent vorgehen.

Das heißt: keine Rückkehr von Hummels oder Müller?

Da müsste man in ganz großer Not sein. Und das ist die deutsche Elf nicht. Man muss die jungen Leute, die man integriert, auch schlechte Spiele spielen lassen. Dort lernen sie am meisten, dort müssen sie sich bewähren. Die deutsche Mannschaft ist noch nicht fertig.

Und deswegen eben kein Fa­vorit?

Das DFB-Team kann teilweise sehr gut Fußball spielen, aber sie machen auch sehr viele Fehler. In den ganz großen Spielen eines Turniers entscheiden diese Fähigkeiten, die eben noch nicht vorhanden sind. Jogi Löw ist Realist und belastet seine Mannschaft nicht mit großen Voraussagen.

Wir haben aber eine großartige Riege von fußballerisch hervorragenden Typen. Daraus kann eine sehr gute Mannschaft resultieren.

Wird Löw den Umbruch über das Jahr 2020 hinaus beglei­ten?

Das kann man heute nicht beantworten. Jogi Löw hat den Ehrgeiz entwickelt, eine junge Mannschaft zusammenzustellen. Er ist dabei, das zu tun und hat gewisse Erfolge vorzuweisen. Andere Nationen wie Frankreich, Holland oder England spielen schon mehrere Jahre zusammen, sind aber noch jung. Das ist ein Vorteil. Wenn bei der deutschen Mannschaft alles zusammenwächst, haben wir eine große spielerische Klasse. Dazu gehört dann auch richtiges Abwehrverhalten, das muss intensiviert werden. Die Voraussetzungen sind gut. Aber ob damit der Erfolg einhergeht und Joachim Löw über das Turnier 2020 den Trainerjob ausüben will, das kann und sollte man heute nicht beantworten.

Das Thema Zuschauer­schwund beschäftigte zuletzt den DFB. Wo liegt das Pro­blem?

Das kann ich nicht definitiv beantworten. Die Mannschaft ist noch auf der Suche nach Erfolg, nach einer Formation. Die Enttäuschung der WM 2018 wirkte nach. Das führt zu einer Wartestellung beim Zuschauer. Die Vereine leisten teilweise Großartiges, der Fan wägt ab, wofür er sein Geld ausgibt.

Bastian Schweinsteiger wird ARD­ Experte. Was erwarten Sie von ihm?

Er muss so sein, wie er ist: völlig authentisch. Die Gefahr, dass er sich anders präsentiert, ist gleich null. Er wird 100 Prozent Bastian Schweinsteiger präsen-tieren. Dass er Fußball-Sachverstand hat, ist völlig klar. Ich finde, dass das eine sehr reizvolle Verpflichtung ist.

Philipp Lahm musste dage­gen für seinen Experten­ ­Job ­während der WM 2018 auch Kritik einstecken. Hatten Sie Mitleid mit ihm?

Ich habe mit jedem Mitleid, der etwas tut und dabei keinen Erfolg hat. Ich freue mich nicht über Misserfolge von anderen Menschen, das ist mir völlig fremd. Ich liebe es, Komplimente zu machen.

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