Marco Rose: "Wir definieren uns über das Glück der Fans"

Autor : Sven Westerschulze | 15.01.2020

SPORT BILD: Herr Rose, Ihr Freund Jür­gen Klopp legt Ihnen „ein Ei nach dem an­de­ren ins Nest“, wie Sie zu­letzt sag­ten. Mal nennt er Sie den „meist­ge­hyp­ten“ Trainer von al­len, mal den „bestaus­se­hen­den“. Sie könn­ten sich jetzt re­van­chie­ren: Ist Liverpool auf Jahre hin­aus un­schlag­bar?

MARCO ROSE (43): (lacht) Ich werde dar­aus kei­nen Wett­be­werb ma­chen. Ich nehme Klop­pos Aus­sa­gen mit einem Schmun zeln, weil ich sie ein­ord­nen kann. Ich freue mich sehr über den Er folg, den er in Li­ver­pool hat. Aber ich werde ihm kein Feuer machen – zu­min­dest jetzt noch nicht.

Wer ist bei der Bo­rus­sia emo­tio­na­ler: Sie oder Ma­na­ger Max Eberl?

Wir sind beide emo­tio­nale Ty­pen, aus denen es manch­mal her­aus­bricht. Meis­tens haben wir uns aber ganz gut im Griff.

Eberl ver­riet zu­letzt, dass in Vier-Au­gen-Ge­sprä­chen zwi­schen ihnen auch mal das Wort „Arschloch“ fällt…

…was dann nicht per­sönlich ge­meint ist, son­dern ein Spaß, der aus der Emo­tion her­aus ent­steht. Ich mag Emo­tio­na­li­tät, weil sie für mich da­zugehört, wenn man etwas be wegen möch­te. Aber pla­nen lässt sie sich nicht. Vor Spie­len weiß ich nie, wie ich wäh­rend der 90 Mi­nu­ten drauf bin.

Eberl be­tont immer wie­der, wie gerne er mal etwas „Ble­cher­nes“ in den Hän­den hal­ten wür­de. Muss­ten Sie ihm bei Ihrer Un­ter­schrift Titel ver­spre­chen?

Na­tür­lich waren auch Titel in un­se­ren Ge­sprä­chen ein The­ma. Jeder weiß um die glor­rei­che Ver­gan­gen­heit des Klubs. Und na­tür­lich möchte man sol­che Er­folge wie­der er­le­ben, dafür ar­bei­ten wir hier -Max schon ein biss­chen län­ger als ich. Er hat den Ver­ein sta­bi­li­siert und ste­tig wei­ter­ent­wi­ckelt. Ich glaube schon, dass sich Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach ir­gend­wann wie­der einen Titel ver­die­nen kann.

Also hal­ten Sie Titel für mög­lich?

Wenn du gut ar­bei­test, rich­tige Ent­schei­dun­gen triffst und eine Sai­son na­hezu per­fekt läuft, hast du auch als Au­ßen­sei­ter die Chance auf einen Ti­tel. Lei­ces­ter City hat das 2016 in der Pre­mier League ge­zeigt.

Ver­voll­stän­di­gen Sie bitte den fol­gen­den Satz: Platz am Sai­son­ende würde ich so­fort un­ter­schrei­ben!

Platz 1 un­ter­schreibe ich so­fort. Das ist auf dem Pa­pier ja auch ganz ein­fach. Genau das ist aber die Crux an der Sa­che. So­bald die Rück­runde los­geht, kom­men Leip­zig, Bay­ern, Dort­mund, Schalke und alle an­de­ren und wer­den sich deut­lich da­ge­gen weh­ren.

Red-Bull-Boss Diet­rich Ma­te­schitz hat mit Bay­ern-Pa­tron Uli Hoe­neß ge­wet­tet, dass Leip­zig in den nächs­ten drei Jah­ren Meis­ter wird. Kann Glad­bach das in die­sem Zeit­raum auch schaf­fen?

Wir sind ehr­gei­zig und am­bi­tio­niert. Aber: Wir sind auch nicht blöd. Wir wis­sen, wo wir her­kom­men, und sind rea­lis­tisch. Wir de­fi­nie­ren uns nicht über Ti­tel, son­dern über eine er­folg­rei­che Wei­ter­ent­wick­lung des Klubs und dar­über, un­sere Fans glück­lich zu ma­chen, Iden­ti­fi­ka­tion zu schaf­fen. Ir­gend­wann wird Glad­bach wie­der einen Titel fei­ern, da bin ich si­cher. Das ist dann aber ein au­ßer­ge­wöhn­li­cher Er­folg.

Sie sag­ten zu­letzt, Ihre Prin­zi­pien sind Ihnen wich­ti­ger als Spiel­sys­te­me. Wel­che Prin­zi­pien mei­nen Sie?

Die Be­reit­schaft, je­der­zeit viel zu in­ves­tie­ren, und die Auf­merk­sam­keit, in jedem Mo­ment voll da zu sein. Feh­ler zu ak­zep­tie­ren und nie die Über­zeu­gung zu ver­lie­ren ge­hört auch dazu. Wir spie­len mit Ri­si­ko, da blei­ben Feh­ler nicht aus. In­halt­lich wol­len wir Fuß­ball mit viel Tempo und Ak­ti­vi­tät gegen und mit dem Ball. Dazu ge­hö­ren Ver­ti­ka­li­tät, schnel­les Um­schal­ten in beide Rich­tun­gen , ag­gres­si­ves Vor­wärts­ver­tei­di­gen, aber auch Spiel­kon­trol­le.

Ist Ihre Spie­li­dee in Stein ge­mei­ßelt, oder sehen Sie sie als Grund­ge­rüst , auf dem Sie immer wei­ter auf­bauen und Ihre Phi­lo­so­phie wei­ter­ent­wi­ckeln?

Un­sere Idee steht, aber wir set­zen uns in der Um­set­zung keine Gren­zen. Es war für mein Trai­ner­team und mich po­si­tiv, aus Salz­burg hier­her­zu­kom­men und mit Frank Gei­deck und den Tor­wart­trai­nern neue Leute mit an­de­ren Ideen ken­nen­zu­ler­nen und neuen Input zu be­kom­men. Wir sind immer be­reit zu ler­nen.

Wo kom­men Ihnen die bes­ten Ide­en?

Na­tür­lich im täg­li­chen Aus­tausch mit mei­nem Trai­ner­team. Manch­mal tat­säch­lich aber auch unter der Du­sche. Oder beim Lau­fen. Ich mache nur den Feh­ler, sie nicht so­fort auf­zu­schrei­ben.

Sie sind in der Rück­runde nur noch in einem Wett­be­werb ver­tre­ten: ein Vor­teil im Meis­ter­kampf gegen RB, Dort­mund und Bay­ern mit Drei­fach-Be­las­tung?

Wir haben uns das an­ders vor­ge­stellt. Nicht nur, weil ich den Drei-Ta­ges-Rhyth­mus sehr mag, son­dern auch, weil die Jungs lie­ber spie­len als trai­nie­ren. Gut für uns ist, dass wir unter der Woche nun Zeit ha­ben, uns in­ten­si­ver vor­zu­be­rei­ten und die Mü­dig­keit nicht so schnell ein­setzt.

Was bei Ihrem brei­ten Kader aber auch schnell zu großer Un­zu­frie­den­heit füh­ren kann.

Dass die Jungs den An­spruch ha­ben, re­gel­mä­ßig zu spie­len, ist grund­sätz­lich ein gutes Zei­chen. Meine Auf­gabe ist es, das Ganze gut zu mo­de­rie­ren. Ich bin sel­ber ge­spannt, wie wir als Team damit um­ge­hen. Als Trai­ner musst du manch­mal un­an­ge­nehme Ge­sprä­che füh­ren. Ich sehe das als Her­aus­for­de­rung, habe aber keine Angst da­vor.

Ist es bei sol­chen Ge­sprä­chen ein Vor­teil, dass Sie mit Ihren Spie­lern per Du sind?

Das weiß ich nicht. Es gibt si­cher immer wie­der Tage, an denen man­che Spie­ler kei­nen Bock auf mich haben und mich nicht mehr hören kön­nen. Wir haben eben über Feh­ler ge­spro­chen. Auch ich mache nicht immer alles rich­tig, aber ich ver­su­che, mei­nen Spie­lern stets auf Au­gen­höhe zu be­geg­nen und ge­recht zu sein. Jeder darf Feh­ler ma­chen. Wich­tig ist nur, rich­tig mit ihnen um­zu­ge­hen.

Stich­wort Her­aus­for­de­rung: Denis Za­ka­ria über den Som­mer hin­aus zu hal­ten ist auch eine. Wie über­zeu­gen Sie ihn vom Blei­ben?

Indem wir ihm auf­zei­gen, was wir mit ihm hier noch vor­ha­ben. Weder die Ent­wick­lung von Bo­rus­sia noch seine ist schon am Ende. Dass es ir­gend­wann noch grö­ßere Ver­eine für ihn gibt, ist keine Fra­ge. Im Mo­ment sehe ich Glad­bach aber als rich­ti­gen Ort für ihn.

Was ist Ihnen lie­ber: ein Za­ka­ria oder mehr als 50 Mio. Euro Trans­ferer­lös, um damit zwei oder mehr neue Spie­ler kau­fen zu kön­nen?

Ein Za­ka­ria ist mir lie­ber! Ich kenne Denis und seine Qua­li­tä­ten, ich möchte ihn gerne be­hal­ten. Kein Trai­ner möchte seine bes­ten Spie­ler ab­ge­ben.

Was müs­sen Sie Mar­cus Thu­ram noch bei­brin­gen, damit er reif ist für einen in­ter­na­tio­na­len Spit­zenklub?

Mar­cus ist noch sehr jung, hat sich aber trotz­dem total schnell ein­ge­fügt und hilft uns mit sei­nen Qua­li­tä­ten enorm. Trotz­dem schlum­mert noch eine Menge Po­ten­zial in ihm. Wir glau­ben, dass er noch di­rek­ter den Zug zum Tor fin­den kann mit sei­ner Schnel­lig­keit. To­rab­schluss, Über­zeu­gung und Ver­tei­di­gen im De­tail. Aber: Was Mar­cus bis­lang ab­ge­lie­fert hat, war bru­tal stark.

Dort­mund hat Er­ling Haa­land von Ihrem Ex-Klub Salz­burg ge­holt, er be­stimmt seit Tagen fast wie ein Hei­land die Schlag­zei­len. Zu Recht?

Ich mag ihn sehr. Die Dort­mun­der haben mit Er­ling einen guten Griff ge­tä­tigt und genau den Spie­ler­ty­pen ge­holt, der in ihrem Spiel ge­fehlt hat. Er bringt alles mit, was ein guter Stür­mer braucht. Aber der Junge ist ge­rade mal 19 Jahre alt. Lasst ihn mal an­kom­men und er­war­tet keine Wun­der­din­ge. In Salz­burg brauchte er auch Ein­ge­wöh­nungs­zeit.

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