Top! So klug rotiert Rose

Autor : Sven Westerschulze, Axel-Patrick Hesse | 13.11.2019

Spitzenreiter Gladbach ist unter seinem neuen Trainer taktisch flexibel. Die Borussia wechselt zwischen drei Grund-Aufstellungen

Nach dem Ab­pfiff fuhr Patrick Herr­mann (28) di­rekt ins Kran­ken­haus. Ver­letzt hatte sich der An­grei­fer beim 3: 1 gegen Bre­men nicht. Er holte seine Frau San­dra und Sohn Leo­nard, der ver­gan­ge­nen Frei­tag zur Welt ge­kom­men war, ab. Beim 2:1 tags zuvor gegen AS Rom war Herr­mann des­halb gar nicht im Kader ge­we­sen. Gegen Wer­der rotierte Marco Rose (43) ihn in die Star­telf -​ Herr­mann dankte es dem Trai­ner mit zwei To­ren. Kei­ner ro­tiert so klug wie Rose.

Der Coach wech­selt nicht nur das Per­so­nal er­folg­reich, son­dern auch das Sys­tem. Vom 3-​5-​2 gegen Rom ins 4-​3-​3 gegen Bre­men, von einem Sieg zum nächs­ten.

Zu Sai­son­be­ginn setzte Rose noch auf ein 4-​4-​2 mit Mit­tel­feldrau­te. Das Sys­tem, mit dem er bei RB Salz­burg zwei Meis­ter­schaf­ten fei­erte (2018,2019) und in der Eu­ropa League für Fu­rore sorg­te. Eine „Schablone aus Salz­burg“ wollte er aber von An­fang an nicht in Gladbach an­wen­den. In­zwi­schen hat er meh­rere Sys­teme eta­bliert.

…dass sie die vor­ge­ge­bene Grund­ord­nung zu­min­dest schon mal trai­niert und ge­spielt ha­ben. Ich halte viel von Au­to­ma­tis­men.

Auch die Drei­er­kette hat Glad­bach drauf. Was im DFB-​Po­kal gegen Dort­mund (1:2) noch den Ver­let­zungs­sor­gen ge­schul­det war, er­wies sich An­fang No­vem­ber gegen Le­ver­ku­sen (2:1) als Schlüs­sel zum Er­folg. Mit vol­ler Ab­sicht: Bei der Vor­be­rei­tung war Rose und sei­nem Trai­ner­team auf­ge­fal­len, dass Bayer über die Flü­gel an­fäl­lig ist. Er setzte auf ein 3-​5-​2-​Sys­tem. Beide Tref­fer er­zielte Bo­rus­sia über au­ßen.

Die Au­ßen­bahn­spie­ler wur­den zu Ver­tei­di­gern.

 

Roses wich­tigs­ter An­sprech­part­ner in tak­ti­schen Fra­gen ist René Maric (27). Der Co-​Trai­ner ar­bei­tet seit 2016 mit ihm zu­sam­men und ist für die Ana­ly­sen zu­stän­dig.Über seine tak­ti­sche Fle­xi­bi­li­tät sagt Rose: „Es ist wich­tig, dass die Spie­ler wis­sen, was sie in der je­wei­li­gen Grund­ord­nung zu tun ha­ben, dass sie die vor­ge­ge­bene Grund­ord­nung zu­min­dest schon mal trai­niert und ge­spielt ha­ben. Ich halte viel von Au­to­ma­tis­men.“

Deren Ein­füh­rung wird dem neuen Coach durch die vie­len Ver­letz­ten ex­trem er­schwert. Den­noch fin­det sich die Mann­schaft auf dem Platz immer bes­ser – ​und in­ves­tiert immer mehr für den Er­folg. In den Ligaspie­len gegen Le­ver­ku­sen und Frank­furt spul­ten die Glad­ba­cher zu­letzt ins­ge­samt je­weils mehr als 120 Ki­lo­me­ter ab. In den ers­ten acht Li­ga­par­tien waren es im Schnitt rund 115 Ki­lo­me­ter.

Sein Team führt die meis­ten Zwei­kämpfe der Liga, vor allem de­fen­siv legt Rose wert auf eine ro­buste Spiel­wei­se. Bis­lang hat Bo­rus­sia die zweit­we­nigs­ten Ge­gen­tore der Liga kas­siert: elf. Nur Wolfs­burg (zehn) ist de­fen­siv bes­ser.

Beim Sieg in Leverkusen bekam Ginter spontan eine ganz neue Rolle

 

„Grund­sätz­lich bin ich nie­mand, der auf eine Grund­ord­nung fest­ge­legt ist – aber auch nie­mand, der im Spiel drei- ​oder vier­mal die Grund­ord­nung wech­sel­t“, sagt Rose. Für den Er­folg ist er aber be­reit, seine Prin­zi­pien auch mal über Bord zu wer­fen. Das wurde in Le­ver­ku­sen deut­lich: Aus dem 3-​5-​2 wurde bei geg­ne­ri­schem Ball­be­sitz ein 5-​3-​2. Die Au­ßen­bahn­spie­ler wur­den zu Ver­tei­di­gern. Als Bayer den Druck in der zwei­ten Hälfte er­höh­te, stellte Rose im Spiel gegen den Ball auf 4-​4-​2 um. Damit konnte Glad­bach die An­griffs­wel­len frü­her brem­sen, weil Ab­wehr­chef Matt­hias Gin­ter (25) als Sech­ser schon davor ab­räum­te.

Der Sprung an die Spitze ge­lang Glad­bach am 7. Spiel­tag mit einem fu­rio­sen 5:1 gegen Augs­burg – im 4-​3-​3. Das Glad­ba­cher Erfolgssystem aus der ver­gan­ge­nen Sai­son in­ter­pre­tiert Rose aber an­ders als Die­ter Hecking (55). Wäh­rend sein Vor­gän­ger auf einen Sech­ser und zwei Ach­ter setz­te, be­vor­zugt Rose ein Dreier-​Mit­tel­feld mit zwei Sech­sern und einem Zeh­ner. Dass er seine Spie­ler über­for­dert, ist nicht zu be­fürch­ten. Seine An­spra­chen sind deut­lich. Jeder Spie­ler weiß, was er zu tun hat – egal, in wel­chem Sys­tem. Noch wich­ti­ger als das Sys­tem ist für Rose Ak­ti­vi­tät. Die er­war­tet er von sei­nen Spie­lern in jeder Phase einer Par­tie. Immer of­fen­siv, immer do­mi­nant – der Geg­ner soll dau­er­haft gest­resst sein. Für Borussia hin­ge­gen ist es ein Spaß. Spit­zen­rei­ter, Spit­zen­rei­ter!

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