Stindl: "Wir wollen uns hinter Bayern und Dortmund etablieren!"

Autor : Sven Westerschulze, Axel-Patrick Hesse | 30.01.2019

Stindl wechselte 2015 aus Hannover nach Gladbach. Nur ein Jahr später stieg er zum Kapitän der Borussia auf und wurde 2017 Nationalspieler. Der Kapitän des Tabellenzweiten spricht über Gladbachs Ambitionen, Gier und den Poker um Hazard.

SPORT BILD: Herr Stindl, trotz Platz drei spricht niemand über die Champions League. Hat bei Borussia keiner Bock auf die Königsklasse?

LARS STINDL (30): Das ist eine Super-Einstiegsfrage. Keinen Bock würde ich nicht sagen. Die Champions League ist ein Wettbewerb, der sehr viel Spaß macht

SPORT BILD: … aber?

LARS STINDL: Für uns wird er frühestens in der nächsten Saison interessant. Wir rauben uns unnötig Energie, wenn wir uns jetzt mit Themen beschäftigen, die noch so weit weg sind. Mit dem Gerede um Europa haben wir uns letztes Jahr keinen Gefallen getan. Jetzt beschäftigen wir uns nur mit dem nächsten Gegner.

SPORT BILD: Schöne Floskel!

LARS STINDL: In dem Fall ist es keine Floskel, sondern unsere Marschroute, die wir intern in vielen Sitzungen mit dem Trainerteam und der Vereinsführung vermittelt bekommen haben. Die Zielsetzung war klar: Wir Spieler sollen uns nicht von Erwartungen treiben lassen, sondern auf die primären Ziele konzentrieren.

SPORT BILD: Borussia steht nach dem 2:0 gegen Schalke hinter Dortmund und Bayern zu Recht auf Rang zwei. Hat der Klub das Potenzial, dauerhaft die dritte Kraft im deutschen Fußball zu werden?

LARS STINDL: Die Bayern und der BVB werden in den nächsten Jahren die Meisterschaft unter sich ausmachen. Dann kommen einige Teams, die viel Qualität haben und sich etablieren wollen. Dazu gehören wir. Wir haben großes Potenzial im Verein, aber die Konkurrenz ist nicht gerade klein.

SPORT BILD: Kann Gladbach dafür dauerhaft ein Ausbildungsverein bleiben, oder muss es dem Klub gelingen, wichtige Spieler zu halten?

LARS STINDL: Die Mischung macht uns so erfolgreich. Wir bilden Spieler so gut aus, dass sie dem Verein durch ihren Verkauf wichtige Transfereinnahmen bescheren. Aber gleichzeitig gelingt es uns, wichtige Spieler zu halten und sogar Abgänge von Top-Spielern wie Granit Xhaka, Marc-André ter Stegen oder Andreas Christensen mit der Zeit zu kompensieren.

SPORT BILD: Könnten Sie auch einen Abschied von Thorgan Hazard kompensieren? Sein Vertrag läuft 2020 aus.

LARS STINDL: Gerade in den vergangenen anderthalb Jahren hat Thorgan eine tolle Entwicklung genommen. Dabei reden alle von seinen Toren und Vorlagen, ich von seinem Auftreten. Wie sehr er inzwischen für das Team arbeitet, wie viele Sprints er defensiv zieht, wie diszipliniert er spielt und wie viele Meter er auf dem Platz macht – das kommt der Mannschaft sehr zugute. Deshalb wäre es enorm wichtig für uns, wenn Thorgan über die Saison hinaus bleibt.

SPORT BILD: Haben Sie als Kapitän ihm zu einem Verbleib geraten?

LARS STINDL: Das muss ich gar nicht. Thorgan weiß, was er an Gladbach hat und welches Standing er hier besitzt. Das ist in den letzten anderthalb Jahren deutlich gestiegen, er als Typ ist trotzdem nicht abgehoben. Das macht ihn sehr wertvoll.

SPORT BILD: Obwohl Borussia nicht international spielt, haben die Verantwortlichen im Sommer einen breiten, qualitativ starken Kader zusammengestellt. War das ein Signal für die Ambitionen?

LARS STINDL: Ja. In der Vorsaison hatten wir viele verletzte Spieler und konnten im Training nur selten Konkurrenzsituationen entwickeln. Die letzten Prozente Leistungsfähigkeit wurden da nicht so rausgekitzelt. Jetzt ist fast jede Position doppelt besetzt und umkämpft. Jeder Spieler weiß: Ich darf nicht nachlassen, sonst sitze ich auf der Bank. Das macht uns stark. Und in Leverkusen haben wir endlich auch auswärts die Gier gezeigt, die uns bei Heimspielen auszeichnet.

SPORT BILD: Sehen Sie Ihre Rolle in der Rückrunde weiter im Sturmzentrum?

LARS STINDL: Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich auch gerne als Achter im Mittelfeld spiele, weil ich dort noch mehr eingebunden bin. Als ich im Sommer-Trainingslager am Tegernsee noch verletzt war, hat der Trainer mit mir gesprochen und erklärt, dass er sich mich als Achter und als Neuner vorstellen kann. Bei meinem Comeback gegen den FC Bayern habe ich im Sturm gespielt, und wir waren erfolgreich. Ich interpretiere die Mittelstürmer-Rolle anders, definiere mich nicht nur über Tore. Wir haben in Thorgan und Alassane Plea zwei Top-Torjäger.

SPORT BILD: Gladbach zeigt, dass ein Traditionsverein mit subventionierten Klubs wie Leipzig oder Leverkusen konkurrieren kann. Wie gelingt es Borussia?

LARS STINDL: Wir waren in den vergangenen sieben Spielzeiten die einzige Mannschaft neben Bayern und Dortmund, die immer auf einem einstelligen Tabellenplatz gelandet ist. Das ist ein Riesenerfolg für den Verein und zeigt, welch gute Arbeit die Verantwortlichen um Max Eberl seit Jahren machen.

SPORT BILD: Kann Tradition antreiben statt hemmen?

LARS STINDL: Absolut! Das ist eine Besonderheit, die unseren Verein stark macht. Borussias riesige Tradition ist auf dem Vereinsgelände überall spürbar, viele Personen aus der erfolgreichen Vergangenheit laufen regelmäßig durch den Borussia-Park. Neben dem guten Umfeld und den tollen Fans zeichnet Gladbach auch seine Geschichte aus.

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