Joachim Löw blickt auf das Umbruchs-Jahr 2019 zurück

Autor : MANschaftsbus.de-Team | 18.12.2019

Joachim Löw blickt auf das Umbruchs-Jahr 2019 zurück und verrät, woran er sich bei der EM messen lässt

SPORT BILD: Herr Löw, wie be­wer­ten Sie das Um­bruchs-Jahr 2019?

JOA­CHIM LÖW (59): Völ­lig un­ter­schied­lich!

Warum?

Aus zwei Grün­den. Zum einen war es wegen der vie­len Ver­letz­ten ein Um­bruch im Um­bruch. Die Mann­schaft hat das sehr sou­ve­rän ge­löst. Man spürte bei den Spie­lern große Mo­ti­va­tion und Spiel­freu­de. Die Mann­schaft hat eine sehr gute Ener­gie. Die Qua­li­fi­ka­tion war ab­so­lut zu­frie­den­stel­lend. Wir haben sehr gute An­sätze ge­zeigt, pha­sen­weise auch schon wirk­lich sehr gut ge­spielt, zum Bei­spiel in Ams­ter­dam gegen die Nie­der­lande (3:2; d. Red.) oder eine Halb­zeit gegen Ar­gen­ti­nien (2:2; d. Re­d.). Da haben wir schon gegen Top-Na­tio­nen ge­zeigt, wozu wir in der Lage sind und was in uns steckt. Das zeigt den Wil­len, den Cha­rak­ter die­ser Spie­ler, das be­werte ich po­si­tiv. Trotz­dem bin ich mit einem Um­stand auch un­zu­frie­den.

Wo­mit?

Durch die vie­len Ver­let­zun­gen und stän­di­gen Um­stel­lun­gen sind wir nicht so weit, wie wir ei­gent­lich schon sein woll­ten. Uns fehlte ein­fach Kon­ti­nui­tät und Kon­stanz, auch per­so­nell. Das ist aber wich­tig, wenn es darum geht, sich ein­zu­spie­len.

Was be­deu­tet das in Pro­zent ? Wie weit sind Sie?

Schwer zu sa­gen. Aber eine Mann­schaft, die auf Ti­tel­jagd gehen soll, braucht eine Pha­se, in der sie zu­sam­men­spielt. Wo jeder die Stär­ken und Schwä­chen sei­nes Mit­spie­lers kennt. Wo Au­to­ma­tis­men grei­fen. So weit sind wir noch nicht!

An­dere Teams schon …

Ja. Frank­reich zum Bei­spiel spielt seit Jah­ren in der glei­chen Be­set­zung. Por­tu­gal, Eng­land, die Nie­der­lande und Bel­gien auch. Die sind da alle einen Schritt wei­ter. Wir haben zwar eine ins­ge­samt gute Qua­li­fi­ka­tion ge­spielt, aber im Prin­zip ste­hen wir immer noch am An­fang un­se­res Weges.

Am An­fang?

Ja. Ich habe mir ge­rade erst un­sere gan­zen ver­schie­de­nen Auf­stel­lun­gen von 2019 an­ge­schaut. Da war ich selbst über­rascht, wie viele un­ter­schied­li­che Namen da auf­tau­chen. Das hätte ich mir an­ders ge­wünscht. An­de­rer­seits konn­ten ei­nige Spie­ler auf sich auf­merk­sam ma­chen. Ami­ri, Ser­dar, Stark, Koch, Wald­schmidt bei­spiels­wei­se. Das ist auch eine Chance für sie.

Bli­cken wir auf das Jahr 2020. Wor­auf freuen Sie sich mehr: auf die EM – oder Ihren 60. Ge­burts­tag?

(lacht) De­fi­ni­tiv auf die EM!

Was be­deu­tet Ihnen der 60. denn? Fei­ern Sie ihn groß?

Nein, ich plane Ge­burts­tags­fei­ern ei­gent­lich nie, un­ab­hän­gig von der Jah­res­zahl. Manch­mal mache ich spon­tan et­was, wenn ich das Ge­fühl habe, jetzt mit ei­ni­gen Freun­den oder mei­ner Fa­mi­lie etwas un­ter­neh­men zu wol­len. Aber …

Ja?

Ich gebe zu, dass mich diese Zahl 60 doch mehr be­schäf­tigt als 40 oder 50. Das ist ja klar. Ge­ne­rell aber spielt es keine große Rolle für mich.

Pla­nen Sie, über die Weih­nachts­tage, mal eine SMS an Mats Hum­mels, Tho­mas Mül­ler oder Jérôme Boa­teng zu schi­cken?

Ja. Das ma­chen wir ei­gent­lich im­mer, dass wir un­se­ren Spie­lern da etwas zu­kom­men las­sen. Auch Spie­lern, die schon län­ger nicht mehr dabei sind.

Ist denn ein Co­me­back nach wie vor aus­ge­schlos­sen? Hum­mels spielt eine starke Sai­son, Mül­ler ist unter Flick wie­der er­starkt …

Grund­sätz­lich muss ich dazu heute nichts ent­schei­den. Ich habe ge­sagt, wir geben jetzt den jun­gen Spie­lern den Raum, sich zu ent­wi­ckeln. Dazu ste­hen wir wei­ter­hin, ich habe Ver­trauen in die Spie­ler, die jetzt dabei sind.

Was im April oder Mai ist, kann ich jetzt noch nicht be­ant­wor­ten. Am Ende geht es um den Er­folg der Mann­schaft.

Be­deu­tet?

Der Er­folg muss ge­währ­leis­tet sein. Da geht es dann um die best­mög­li­che Zu­sam­men­setzung der Mann­schaft. Grund­sätz­lich und dau­er­haft ist der Um­bruch zu 100 Pro­zent rich­tig. Diese junge Mann­schaft wird sich noch ex­trem stei­gern. Aber: Wir wer­den am Ende die dann ak­tu­elle Si­tua­tion in Ruhe be­wer­ten.

Das heißt?

Hum­mels, Boa­teng, Mül­ler. Diese Spie­ler sind noch immer in der Lage, auf höchs­tem Ni­veau zu spie­len. Das ist ja keine Fra­ge. Das sind klasse Sport­ler, sie haben eine hohe Qua­li­tät. Wir wis­sen, was sie kön­nen. Sie sind Welt­meis­ter. Aber auch sie muss­ten sich erst ent­wi­ckeln und haben in den Jah­ren vor 2014 davon pro­fi­tiert, dass wir auf sie ge­setzt und ihnen sei­ner­zeit Raum ge­ge­ben ha­ben.

Aber wegen der Ham­mer-Gruppe pla­nen Sie nicht um?

Nein, die Grup­pen­kon­stel­la­tion ist nicht das ent­schei­dende Kri­te­ri­um. Wie ge­sagt: Wir müs­sen das nicht spon­tan ent­schei­den und haben die Si­tua­tion im Blick.

Wie pla­nen Sie mit Leroy Sané nach sei­ner schwe­ren Knie­ver­let­zung?

In mei­nen Pla­nun­gen rund um die Na­tio­nal­mann­schaft spielt er eine wich­tige Rol­le. Wir geben ihm die Zeit, die er braucht. Die Wahr­schein­lich­keit, dass er in der ers­ten Hälfte nächs­ten Jah­res zu­rück­kommt, ist groß. Das weiß ich von ihm. Bei Ni­klas Süle muss man ab­war­ten, auch da bauen wir über­haupt kei­nen Druck auf.

Ein Pro­blem?

Spie­ler, die aus so einer Ver­let­zung kom­men, brau­chen hun­dert­pro­zen­ti­ges Ver­trauen in ihren Kör­per, das ist auch eine men­tale Her­aus­for­de­rung. Nach dem Mot­to: Hält al­les? Hof­fent­lich pas­siert mir nicht gleich wie­der et­was. Es gibt Spie­ler, die brau­chen dann ein, zwei Mo­nate län­ger. Bei Ni­klas ist das noch zu früh, um das zum jet­zi­gen Zeit­punkt se­riös ein­zu­schät­zen.

Glau­ben Sie denn, dass Sané und Süle ab Som­mer ge­mein­sam bei Bay­ern spie­len?

Wenn ein Spie­ler wie Sané in die Bun­des­liga zu­rück­kehrt, ist das für alle doch sehr er­freu­lich. Er hat viele Be­son­der­hei­ten, eine ganz ei­gene Spiel­wei­se. Er wäre eine At­trak­tion für die Bun­des­li­ga!

Die Bun­des­liga muss schau­en: Im in­ter­na­tio­na­len Ran­king ist sie in den letz­ten Jah­ren schon etwas zu­rück­ge­fal­len. Sané würde die At­trak­ti­vi­tät der Bun­des­liga hoch­hal­ten. Ob das so sein wird, weiß ich nicht. Das ist Sache des Spie­lers und von Bay­ern Mün­chen.

Wer ist ins­ge­samt schon wei­ter: Sané oder Gna­bry?

Gna­bry hat die­ses Jahr einen sehr, sehr großen Schritt ge­macht. Er war vor­her ver­let­zungs­an­fäl­lig, jetzt hat er viele Spiele ge­macht. Er hat seine Qua­li­tät bei uns unter Be­weis ge­stellt. Seine Fä­hig­kei­ten wün­sche ich mir von einem Stür­mer.

Bis­her haben Sie bei Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten immer min­des­tens das Halb­fi­nale er­reicht. Las­sen Sie sich daran auch im Som­mer mes­sen – oder muss man im Um­bruch mit we­ni­ger zu­frie­den sein?

Na­tür­lich haben wir selbst die höchs­ten Er­war­tun­gen an uns selbst. Ich kann das alles gut ein­schät­zen. Tur­niere sind in ge­wis­ser Weise un­be­re­chen­bar, das macht die Fas­zi­na­tion aus. Es kann po­si­tiv und ne­ga­tiv viel pas­sie­ren. Das weiß ich als Trai­ner, zumal wir ja beide Sze­na­rien durch­lebt ha­ben. Jedes Spiel ist ge­wis­ser­ma­ßen ein K.o.-Spiel, schon in der Grup­pen­pha­se. In Russ­land haben wir das falsch ein­ge­schätzt, das habe ich ja be­reits be­tont. Wir hat­ten das Selbst­ver­ständ­nis, wei­ter­zu­kom­men. Bei einem Tur­nier auf die­sem Ni­veau brauchst du viele Mo­men­te, die für dich spre­chen. Ich weiß, dass wir nicht zu den Fa­vo­ri­ten gehö ren. So ehr­lich und rea­lis­tisch müs­sen wir sein. Das heißt aber nicht, dass wir nicht alles geben wer­den. Ganz im Ge­gen­teil.

Hören Sie nach der EM auf, wenn Sie zu früh aus­schei­den – oder aber über­ra­schend den Titel ho­len?

Dar­über mache ich mir gar keine Ge­dan­ken. Ich weiß, dass ich einen Ver­trag bis 2022 habe. Aber ich denke grund­sätz­lich immer nur im Zwei-Jah­res-Rhyth­mus. Nicht dar­über hin­aus! Das hängt von so vie­len Fak­to­ren ab – vor allem vom Er­folg.

Hat sich Mesut Özil mitt­ler weile mal bei Ihnen gemeldet?

Nein, bis­lang nicht.

Rech­nen Sie damit noch?

Damit rechne ich nicht, nein. Aber ich werde ihm ganz si­cher nicht aus­wei­chen, wenn sich un­sere Wege kreu­zen, ganz im Ge­gen­teil.

Aber Ihre Num­mer ist noch die glei­che wie da­mals?

Meine Num­mer ist noch aktuell, ja!

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