Lothar Matthäus: "Die Gegner waren wie Fahnenstangen"

Autor : Tobias Altschäffl | 26.06.2019

Sport Bild: Lothar Matthäus, welche Erinnerungen haben Sie an den 10. Juni 1990, als Sie beim 4:1-WM-Auftaktsieg über Geheimfavorit Jugoslawien das beste Spiel Ihres Lebens gemacht haben?

Lothar Matthäus (58): Schon die Vorbereitung auf das Turnier in Italien lief sehr gut: Wir hatten eine top eingestimmte Mannschaft mit Spielern aus den besten Teams Europas. Uli Hoeneß sagt immer: „Wenn die deutsche Nationalmannschaft viele Bayern-Spieler hat, ist sie am erfolgreichsten.“ Damit hat er recht. Auch 1990 gab es einige Bayern-Profis im Kader, aber vor allem waren wir italienisch geprägt: Das war unser größter Vorteil. Wir hatten viele Spieler, die in Italien für Furore gesorgt hatten. Sie waren der Schlüssel zum Erfolg …

und das wirkte sich beim Spiel gegen Jugoslawien aus?

Wir hatten mit Andi Brehme, Jürgen Klinsmann und mir drei Spieler von Inter Mailand in unseren Reihen. Das war ein Riesen-Vorteil, wir hatten fünf Spiele in unserem Heimstadion. Für mich war das San Siro mein Wohnzimmer, dort habe ich mich wohlgefühlt: 70 000 bis 80 000 Menschen ganz nah am Spielfeld. Das war schon etwas anderes als das Münchner Olympiastadion. Ich hatte im San Siro große Erfolge gefeiert, Inter gegen Neapel zur Meisterschaft geschossen. Uns sind die Sympathien zugeflogen, das hat auf die Mannschaft abgefärbt. Die Zuschauer im Stadion waren alle Inter-Fans – und somit unsere Fans!

War das auch neben dem Spielfeld zu spüren?

Am Trainingsgelände herrschte immer eine gute Atmosphäre, da kamen auch mal 5000 Italiener. Die anderen Spieler haben gemerkt, dass wir von den Italienern herzlich und respektvoll aufgenommen wurden. Ob es der Kellner im Teamquartier, Schloss Casiglio in Erba, war oder die Menschen auf der Straße: Wir wurden gefeiert.

Wie verlief das Spiel gegen Jugoslawien?

Wir waren total motiviert. Franz Beckenbauer hat uns mit auf den Weg gegeben, dass wir gleich ein Zeichen setzen sollen. Er sagte: „Wir haben bei den letzten beiden Turnieren den Titel verpasst. Glaubt an euch!“ Jugoslawien hatte ja eine gute Mannschaft, sie sind erst im Viertelfinale gegen Argentinien ausgeschieden. Es war ein richtungweisendes Spiel, in dem wir tatsächlich ein Zeichen an die Konkurrenz gesetzt haben. Das 4:1 gab uns Kraft, Selbstvertrauen und Zustimmung in den Medien. Uns stand nichts mehr im Wege. Das 4:1 hat uns durch die ganze WM getragen.

War das Spiel so deutlich, wie es das Ergebnis aussagt?

Die Jugoslawen haben mitgespielt, sie hatten auch ihre Chancen. Aber wir hatten den unbedingten Willen, allen zu zeigen: Wir sind bereit, wir wollen den Titel!

Haben Sie schon vor Ihrem Traumtor zum 3:1 gemerkt, dass Ihnen an diesem Tag alles gelingt?

Ich wusste schon vor dem Turnier, auch durch das Vertrauen von Franz, der mich zum Kapitän gemacht hatte, und unsere Atmosphäre im Team, dass uns etwas Besonderes gelingen kann. Qualität und Stimmung waren perfekt, auch weil Franz Beckenbauer durch die WM 1986 und die EM 1988 gelernt hatte, offen und ehrlich auf die Spieler zugegangen ist. Für uns war das ein Zeichen.

Im Spiel machten Sie schnell klar, wer der Chef ist.

Ich hatte in den meisten Spielen meine Aktionen, die mich glauben ließen, dass etwas Besonderes passieren kann. Ich habe das 1:0 mit dem linken Fuß erzielt – das war für mich nicht so außergewöhnlich, für Außenstehende aber umso mehr.

Weshalb?

Ein Tor aus 20 Metern mit links – das kannte man so nicht unbedingt von mir. Ich habe bei Inter Mailand zwei Jahre lang nach jedem Training eine Sonderschicht eingelegt und meinen linken Fuß trainiert. Giovanni Trapattoni hatte mir gesagt: „Lothar, benutz deinen linken Fuß!“ Das 1:0 gegen Jugoslawien war also die Belohnung für harte Arbeit. Diese Aktion -hatte ich jede Woche nach dem Training 20-, 30-mal geübt, den kompletten Ablauf inklusive Abschluss. Meine Arbeit hatte sich gelohnt, sie wurde zum Türöffner der WM. Es war auch für mich ein „Wow“-Moment. Ich wusste: Das kann meine, das kann unsere WM werden.

Beschreiben Sie doch mal Ihren Treffer zum 3:1.

Ich habe den Ball gewonnen, zu Klaus Augenthaler gespielt und sofort wiederbekommen. Die Jugoslawen standen offen, ich hatte Platz. Wegen meiner Geschwindigkeit war es nicht einfach, mich aufzuhalten. Es gab vorne gute Laufwege, Jürgen Klinsmann hat beispielsweise einen Gegner zur rechten Seite gezogen, Rudi Völler einen zur linken. Der Libero der Jugoslawen kam erst recht spät aus der Abwehr.

Die Nummer sechs, Davor Jozic von RC Cesena.

Er hätte mich mit einem Foul stoppen können, ein anderer Spieler kam von der Seite. Gefühlt habe ich die ganze jugoslawische Mannschaft aussteigen lassen. Wie es Felix Neureuther oder Ingemar Stenmark das auf der Skipiste gemacht haben, so bin ich an den Jugoslawen vorbei, sie waren für mich blaue Fahnenstangen. Zum Selbstvertrauen kam noch Glück: Wenn du nicht an dich glaubst, schließt du nicht aus dieser Entfernung ab. Ich war in Italien gereift und stärker geworden. Zudem glaube ich, dass das 1:0 in meinem Kopf war. Ich dachte mir: „Was kannst du heute noch verlieren? Du kannst es, das ist deine Distanz!“ Der Ball ist leicht über dem Rasen eingeschlagen, ich -habe ihn optimal getroffen, er ist ohne Rotation wie eine Kugel ins Tor eingeschlagen.

Dieses Tor aus 22 Metern -entschied das Spiel.

Das 3:1 war enorm wichtig, weil die Jugoslawen nach dem Anschlusstor wieder an sich geglaubt haben. Sie hatten eine breite Brust, kamen noch einmal ins Spiel. Der Treffer hat das Spiel für uns entschieden.

Wer war nach dem Treffer der erste Gratulant?

Mein Freund Jürgen (Klinsmann; d. Red.). Wir hatten bei Inter schon ein Jahr zusammengespielt und auf dem Platz nie Probleme. Da waren wir immer eine Einheit, wir haben voneinander profitiert. Das Stadion ist explodiert, es war ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer.

Was sagte -Beckenbauer nach dem Spiel zu Ihnen?

Zunächst einmal waren wir alle glücklich, wir hatten gewusst, wie schwer das Spiel wird. Ich weiß, dass Franz nach der Partie auf der Pressekonferenz gesagt hat: „Wenn Lothar immer so spielt, gibt es keinen Besseren auf der Welt.“ Immer habe ich natürlich nicht so gespielt, aber ich durfte für 1990 die Ehrung des Weltfußballers entgegennehmen.

Haben Sie nach dem Spiel ausgiebig gefeiert?

Die Mannschaft musste die Rückfahrt zu unserem Quartier ohne mich antreten, da ich zur Dopingprobe musste. Es ist alles gut gelaufen – bis zur Dopingkontrolle … Anstatt mit der Mannschaft habe ich mit einer Flasche Bier und vier Leuten von der Fifa gefeiert. Ich musste 1990 dreimal zur Kon-trolle, einmal kam ich erst um 2.30 Uhr raus!

Letztlich gewann Deutschland die WM, schlug Argentinien im Finale 1:0. Zwölf Jahre später wurden Sie Trainer bei Partizan Belgrad in Serbien

…und meine Spieler haben mir erzählt, dass sie mich für meine Tore gegen Jugoslawien gehasst haben (lacht)!

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