Martina Voss-Tecklenburg spricht nach der WM-Pleite über ihre Pläne

Autor : Robert Schreier | 30.08.2019

Sport Bild: Frau Voss-Tecklenburg, nach dem Aus im WM-Viertelfinale und der verpassten Qualifikation für Olympia 2020 haben Sie ­lange analysiert. Hand aufs Herz: Wie groß ist der Rück­stand auf die Top-Nationen im Frauenfußball?

Martina Voss-Tecklenburg (51):  Ich sehe nur eine Top-Nation, die etwas weg von den anderen ist, das sind die USA. Alle, die dahinter sind, liegen eng bei­einander. Dazu gehört auch Deutschland.

In Sachen Spieltempo waren etliche andere Teams besser … 

Das liegt unter anderem auch an den verschiedenen Spielerinnen-Typen. Frankreich hat nun mal schnelle Spielerinnen, das ist bei den Männern nicht anders. In dem Bereich haben sie einen großen Pool. Die Engländerinnen sind sehr individuell ausgebildet. Wir müssen uns in Sachen Tempo nicht verstecken, brauchen aber mehr Widerstandsfähigkeit und Konstanz. Wir müssen daran arbeiten, wie wir Fußball spielen wollen. Was zeichnet uns in Deutschland aus? Unsere Stärken müssen wir ausbauen.

Stichwort große Auswahl: In Deutschland spielen immer weniger Mädchen Fußball. Wie kann man den Trend umkehren?

Es wird für alle Sportarten ein schwieriges Thema, junge Menschen wieder mehr zum Sport zu bringen. Ich bin aber fest überzeugt: Wenn ein Mädchen ein großes Talent für Fußball hat, dann wird sie spielen. Kein Top-Talent wird dem Frauenfußball verloren gehen. Daher ist es eher eine Frage der Quantität als der Qualität. Wir müssen daher Talente ideal fördern.

Wie meinen Sie das?

Für uns ist es wichtig, wie früh und konstant wir unsere Top-­Talente ab der U 15 unterstützen können. Da geht es um Hilfe­stellungen, um Schule und Fußball zu managen, die richtigen Entscheidungen bei der Vereinswahl. Die Hauptarbeit wird allerdings bei den Vereinen liegen.

Für das erste Spiel nach der WM haben Sie nur Spielerinnen nominiert, die mindestens im erweiterten WM-­Kader waren. Gibt es keine Nachwuchsspielerinnen, die oben anklopfen?

Wenn ich aktuell wieder fünf Positionen verändere, wäre es nicht der richtige Schritt. Wir brauchen Stabilität und ein festes Gerüst. Aber wir haben gute junge Spielerinnen. Es kann gut sein, dass in den nächsten drei Monaten neue Spielerinnen dazukommen.

Spielerinnen und Manager aus der Frauen-Bundesliga wünschen sich mehr Engagement der Männer-Vereine im Frauenfußball. Sind Sie enttäuscht, dass etwa Dortmund oder Schalke sich der Verantwortung entziehen?

Das Signal aus Frankfurt, wo die Eintracht den FFC übernimmt, finde ich gut. Aber ein Verein muss es leben, wenn er sich für den Frauenfußball öffnet. Das Engagement muss echt und authentisch sein. Wenn das gewollt ist, ist es gut. Ich halte nichts davon, Vereine zu zwingen. Man muss auch immer schauen, in welcher Gegend man ist, welche Frauenteams dort schon sind.

Die Einschaltquoten bei der WM waren stark. Nun will die ARD-Sportschau aber nur punktuell aus der Frauen-­Bundesliga berichten, nimmt durch den Erstzugriff aber Eurosport viele Spitzenspiele weg. Und das erste Länderspiel nach der WM findet um 12.30 Uhr statt. Warum geht es da nicht voran?

Alle anderen Sportarten außer dem Männerfußball haben das gleiche Problem. Ich finde aber schon, dass wir kleine Schritte in die richtige Richtung gegangen sind. Wir können und müssen in solch kleinen Dimensionen denken.

Aber es kann Sie doch nicht ernsthaft zufriedenstellen, wenn man sieht, dass in Spanien alle Frauen-Liga­spiele live übertragen werden, auch Spitzenspiele der 2. Liga. Die Spanier haben es sogar geschafft, dass Spiele über einen Uefa-eigenen Sender im europäischen Ausland gezeigt und damit vermarktet werden.

Klar ist das die Messlatte. Dort wollen wir hin. Wenn es in Spanien angenommen wird, können diese Quoten ein Argument für uns gegenüber den deutschen Sendern sein. Wir müssen attraktiv bleiben. Daher wollen wir Highlights setzen, so wie es die Engländer und Spanier gemacht haben, wo zu einzelnen Partien sehr viele Zuschauer kamen. Man darf nicht vergessen: Im Schnitt kommen in der Bundesliga 900 Zuschauer pro Spiel in die Stadien. Das ist mehr als in England, Spanien und Frankreich.

Was könnte der Bundesliga noch helfen?

Bei der WM hatten wir viele Spielerinnen ohne internationale Erfahrung in den Klubs. Ich fände es cool, wenn große Ligen einen dritten Startplatz in der Champions ­League bekämen. So könnten noch mehr Spielerinnen auf höchstem Niveau spielen.

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