Rani Khedira: "Baum ist der meist unterschätzte Trainer der Liga"
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Rani Khedira: "Baum ist der meist unterschätzte Trainer der Liga" Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Rani Khedira: "Baum ist der meist unterschätzte Trainer der Liga"

Der FCA-Führungsspieler im Interview

In Augusburg pendelt Khedira zwischen den Positionen als defensiver Mittelfeldspieler und zentraler Abwehrmann. Der jüngere Bruder des Weltmeisters ist in Augsburg inzwischen Führungsspieler. Hier spricht er über seinen Trainer und sagt, was er über Samis DFB-Zukunft denkt.

SPORT BILD: Herr Khedira, Sie sind inzwischen Stammspieler und im Mannschaftsrat beim FCA. Haben Sie im Sommer 2017, als Sie von Leipzig nach Augsburg wechselten, daran geglaubt?

Rani Khedira (24): Es war eine extrem schwierige Zeit. In der Hinrunde 2016/17 habe ich bei RB kaum eine Rolle gespielt, obwohl die Gespräche mit Ralph Hasenhüttl vor der Saison sehr gut waren. Es kam dann leider etwas anders. Da kamen mir Zweifel, ich habe viele Dinge hinterfragt. Auch mich selbst. Ich dachte mir: „Hast du wirklich das Zeug zum Erstliga-Spieler?“

Sind Sie im Groll von RB gegangen?

Nein, definitiv nicht. Ich hatte in der Rückrunde noch einige Einsätze und denke auch heute noch an eine schöne Zeit zurück, für die ich auch dankbar bin. Aber irgendwann habe ich mich mit Ralf Rangnick hingesetzt, und wir haben gesagt, dass es wenig Sinn macht zu bleiben. Die Trennung war sauber, auch wenn ich wenig gespielt habe.

Manuel Baum entwickelte Sie zu einem gestandenen Bundesliga-Spieler.

Es war zu Beginn extrem schwierig für den Kopf, es gab die Frage: Traust du dir das noch zu? Zudem war ich im ersten Spiel nicht mit mir zufrieden, saß danach draußen und dachte mir: „Jetzt hast du es in den Sand gesetzt.“ Dadurch war mein Selbstvertrauen etwas angekratzt, bis es ein offenes Gespräch mit Manuel Baum gab.

Was gab er Ihnen mit?

Er sagte, dass ich ruhig bleiben soll und dann auf viel Spielzeit komme. Genau so ist es gewesen. Unser Trainer hat mir das Vertrauen in Ehrlichkeit, Offenheit und Transparenz in dem Geschäft zurückgegeben. Es waren keine leeren Versprechungen.

Was zeichnet Manuel Baum aus?

Er ist für mich der meistunterschätzte Trainer der Bundesliga. Vielleicht läuft er etwas unter dem Radar, weil wir eben das „kleine“ Augsburg sind. Aber seine Spielvorbereitung, seine Analysen vom Gegner – das hat eine unglaubliche Qualität. Ich denke mir oft am Spieltag: Woher wusste unser Trainer schon wieder genau, wie der Gegner – personell wie taktisch – aufläuft? Er hat einen wahnsinnigen Fußballsachverstand, obwohl er selbst nicht auf diesem Niveau gespielt hat.

"Ich kenne wenige Spieler, die so viel in ihren Körper investieren wie Sami"

Wo konkret haben Sie sich zuletzt verbessert?

Auf dem Platz bin ich definitiv flexibler geworden. Daneben will ich Dinge mitgestalten, Vorschläge einbringen, in der Mannschaft ordnen und lenken. Das entspricht meinem Naturell. Für eine Mannschaft ist es wichtig, mehrere Spieler dieser Art zu haben.

Liegt das Leader-Gen in der Familie Khedira?

Das kann man sicher sagen, ja. Ich habe da von Sami auch extrem gelernt, er wollte schon immer vorangehen. Sami und ich stehen uns sehr nahe, ich versuche, mir viele Dinge anzueignen.

Gibt es dafür Beispiele?

In der Phase, in der ich in Leipzig nicht gespielt habe, hat er mich dazu gebracht, zum Trainer zu gehen. Obwohl ich damals noch sehr jung war, konnte ich den Mut aufbringen und fragen, wieso ich meine Einsatzminuten nicht bekomme und was ich ändern soll. Darin hat mich Sami bestärkt, er hat mich schon früh an die Hand genommen. Wir haben nach wie vor eigentlich nach jedem Spiel Kontakt.

Kommt Ihr Bruder noch einmal in die Nationalmannschaft zurück?

Ich wünsche es mir für ihn. Die letzten zwölf Jahre ging es für ihn – Verletzungen einmal ausgenommen – kontinuierlich nach oben. Jetzt ist er zum ersten Mal in einer Situation, in der er als nicht gut genug empfunden wird. Es wird geschrieben, er sei über seinen Zenit hinaus. Aber wenn man allein auf die Fakten blickt, Sami hat bei Juventus Turin allein in der letzten Saison neun Tore geschossen und so viele Einsatzminuten wie selten zuvor in seiner Karriere gehabt. Dann hat man seinen Zenit ja nicht überschritten. Vor der WM hat Joachim Löw gesagt, dass Sami unentbehrlich sei.

Also gibt es keine Gedanken an einen Rücktritt?

Überhaupt nicht, das hat er aber auch sinnvoll begründet. Wenn man gut genug ist und seinem Land helfen könnte, sollte man dies auch machen und Eitelkeiten hintanstellen, solange der Körper mitmacht. Und ich kenne wenige Spieler, die so viel in ihren Körper investieren wie Sami. Er macht sich 24 Stunden Gedanken, was er besser machen kann.

Text von Tobias Altschäffl