Das verrückteste Turnier aller Zeiten

Autor : Dirk Schlickmann | 05.06.2020

Essen im Bus, Redeverbot bei Spaziergängen, Last-minute-Transfers - so ermittelt die BBL binnen drei Wochen den neuen Meister

Zehn Mann­schaf­ten in einem Qua­ran­täne-Ho­tel, 14 Last-mi­nute-Trans­fers, eine Meis­ter­schaft im Schnell­durch­gang -das Fi­nale der Bas­ket­ball-Bun­des­liga (BBL) vom 6. bis 28. Juni im zu­schau­er­freien Münch­ner Audi Dome wird zum ver­rück­tes­ten Tur­nier aller Zei­ten. „Wir brin­gen den Bas­ket­ball in die Wohn­zim­mer aller Sport­fans da­heim“, freut sich Marko Pesic (43), Geschäfts­füh­rer von Gastgeber Bay­ern Mün­chen. Andere Ligen wie Eis­hockey, Hand­ball und Vol­ley­ball hat­ten ihre Spiel­zei­ten we gen der Co­rona-Krise ab ge­bro­chen. Die BBL wagt den an­de­ren Weg. SPORT BILD gibt den Über­blick.

Hygienekonzept

Mög­lich wird das Tur­nier nur, weil die baye­ri­sche Lan­des­re­gie­rung das 42-sei­tige Hy­gie­ne­kon­zept der BBL gut­ge­hei­ßen hat. Es re­gelt bis ins letzte De tail die Lauf­wege der Spie ler und Be­treu­er. Die Halle wird in drei Zonen unter teilt, dort sol­len sich nie­mals mehr als 130 Per­so­nen gleich­zei­tig auf­hal­ten.

Wenn der Ball aus dem Zwei-Me­ter-Si­cher­heits­be­reich neben dem Spiel­feld rollt, muss er so­fort des­in­fi­ziert wer­den. An den Spie­ler­bän­ken im Audi Dome ste­hen Wisch­mobs. Team­be­treuer wi­schen feuchte Stel­len selbst tro­cken.

Ge­duscht wird nicht in der Hal­le, son­dern nur im Ho­tel. Alle zehn Mann­schaf­ten woh­nen in den drei Wo­chen im Vier-Sterne-Ho­tel Leo­nardo Royal im Münch­ner Nor­den nahe des Audi Domes und der Trai­nings­hal­le. Die Spie­ler dür­fen das Hotel ma­xi­mal in Dreier-Grup­pen ver­las­sen, aber mit nie­man­dem spre­chen oder in Ge­schäfte ge­hen.

Ein bis zwei Tage vor dem ers­ten Spiel rei­sen die Teams mit ei­ge­nen Bus­sen an. Die Bay­ern-Bas­ket­bal­ler bei­spiels­weise wer­den Frei­tag­vor­mit­tag noch ein­mal auf Co­vid-19 ge­tes­tet. Von die­sem Zeit­punkt an dür­fen sie kei­nen Kon­takt mehr zu Frem­den ha­ben. Nach dem Ab­schluss­trai­ning gegen 22 Uhr wer­den die Spie­ler zum Bus ge­lei­tet, essen dort und be­zie­hen im Hotel ihre Ein­zel­zim­mer. Erst wenn ihr Tes­t­er­geb­nis vor­liegt und ne­ga­tiv ist, dür­fen sie Kon­takt zu Spie­lern an­de­rer Teams haben und im Ge­mein­schafts­re­stau­rant es­sen. Dort gibt es keine Be­geg­nun­gen mit dem Ho­tel­per­so­nal. Pro Mann­schaft sind 22 Per­so­nen zu­ge­las­sen: 14 Spie­ler, fünf Trai­ner, ein Team­be­treuer und zwei Phy­sio­the­ra­peu­ten.

Gegen den La­ger­kol­ler gibt es im Hotel einen Bil­lard­tisch, Tisch­ki­cker und ein klei­nes Kino.

Last-minute-Transfers

Viele ame­ri­ka­ni­sche Spie­ler lös­ten bei Aus­bruch der Co­rona-Krise ihre Ver­träge mit ihren BBL-Klubs auf und reis­ten in ihre Hei­mat. Jedes Team durfte daher zwei Neu­zu­gänge ver­pflich­ten. Ins­ge­samt kamen bis zu Wo­chen­be­ginn 14 Last-mi­nute-Trans­fers zu­stan­de.

Der ku­rio­seste Wech­sel: Dylan Oset­kow­ski (23). Der US-Cen­ter, der seit drei Wo­chen auch einen deut­schen Pass be­sitzt, spielte in der Sai­son für Göt­tin­gen und nun bei dem Fi­nal­tur­nier für Ulm – unter an­de­rem am 14. Juni gegen Göt­tin­gen.

Oset­kow­ski war von Ulm an Göt­tin­gen aus­ge­lie­hen, löste sei­nen Ver­trag mit den Nord­deut­schen aber auf, um bei sei­ner Fa­mi­lie in Ka­li­for­nien zu sein. Als Ulm Er­satz für den nicht spiel­wil­li­gen Grant Jer­rett suchte und Oset­kow­ski frag­te, sagte die­ser zu. „Wenn du fast zwei Mo­nate zu Hause sitzt und nichts tun kannst, fällt dir ir­gend­wann die Decke auf den Kopf. Des­halb habe ich mich sehr über die Mög­lich­keit ge­freut, mit Ulm das Play-off-Tur­nier zu spie­len“, sagt Oset­kow­ski. „Ich werde das erste Mal in der Si­tua­tion sein, dass ich gegen ein Ex-Team an­tre­te. Das wird auf jeden Fall etwas Be­son­ders wer­den – ich habe schließ­lich viel Zeit mit den Göt­tin­ger Jungs ver­bracht. Aber eine Zu­satz­mo­ti­va­tion brau­che ich nicht. Ich will in jedem Spiel stark spie­len. Gegen Ulm ist mir das mit Göt­tin­gen zwei­mal ge­lun­gen, und ich werde ver­su­chen, jetzt für Ulm auch gegen Göt­tin­gen gut zu sein. Wir wer­den aber alle am An­fang ein wenig ein­ge­ros­tet sein.“

Favoriten

In den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren lau­tete das BBL-Fi­nale Bay­ern gegen Alba Ber­lin (Bay­ern ge­wann in 3:2 und 3:0 Spie­len).“Trotz der be­son­de­ren Um­stände sind Bay­ern und Alba Ber­lin wie­der die Fa­vo­ri­ten“, sagt Ste­fan Koch (56), TV-Ex­perte und zwei­ma­li­ger Trai­ner des Jah­res in der BBL. Dabei sehe ich Alba leicht im Vor­teil, weil Bay­ern mit Mon­roe und Dje­do­vic auf zwei ihrer bes­ten Spie­ler ver­zich­ten muss. Als Halb­fi­nal­kan­di­da­ten sehe ich Bam­berg und Ol­den­burg, weil sie mit na­hezu un­ver­än­der­tem Kader spie­len.“

Je­weils die bes­ten vier Teams der bei­den Grup­pen spie­len im Vier­tel-, Halb­fi­nale und Fi­nale in Hin- und Rück­spiel ge­gen­ein­an­der. „In we­ni­gen Spie­len kann man Deut­scher Meis­ter wer­den“, sagt Arne Dirks (43), Ge­schäfts­füh­rer des eins­ti­gen Se­ri­en­meis­ters Brose Bam­berg. „Das Tur­nier ist un­be­re­chen­bar. Es wird span­nend sein zu se­hen, wie schnell die Mann­schaf­ten ihre Nach­ver­pflich­tun­gen in­te­grie­ren kön­nen“, sagt Bam­bergs Elias Har­ris (30). Und auch Bay­erns Maodo Lô (27) ver­mu­tet: „Es wird ei­nige Über­ra­schun­gen ge­ben.“

Mini-Aufgebot

Rasta Vechta tritt nur mit zehn statt zwölf bis 14 Spie­lern an. Sechs Pro­fis ste­hen nicht zur Ver­fü­gung, weil sie in der Hei­mat oder ver­letzt sind. „Wir wer­den das Tur­nier mit zehn Spie­lern an­ge­hen, da es den Ju­gend­spie­lern nicht mög­lich ist, dabei zu sein. Sie haben wich­tige Ter­mine in der Schule oder Uni­ver­si­tät, die sie wahr­neh­men müs­sen“, sagt Ge­schäfts­füh­rer Ste­fan Nie­meyer (59).

Finanzen

Das Tur­nier kos­tet gut eine Mil­lion Euro. Die zehn (von 17) Klubs neh­men teil, um Re­gress­for­de­run­gen von Spon­so­ren und TV-Part­ner Te­le­kom aus dem Weg zu ge­hen. Von der Te lekom be­kommt jeder Klub für das Fi­nal­tur­nier 70 000 Euro. Al­ler­dings müs­sen die Klubs wie­der die Spiel­er­ge­häl­ter zah­len und kön­nen sie nicht mehr in der staat­lich be­zahl­ten Kurz­ar­beit las­sen.

Qualifikation für Europa

Das Tur­nier ent­schei­det auch dar­über, wel­cher Klub in der nächs­ten Saison in wel­chem eu­ropäischen Wett­be­werb mit spie­len darf. Neun (!) der zehn Klubs qua­li­fi­zie­ren sich: Bay­ern und Alba haben feste Start­plätze für die Eu­ro­lea­gue. Die Plätze 3 bis 5 be­rech­ti­gen für den Eu­ro­cup, 6 bis 8 für die Cham­pi­ons Lea­gue, Platz 9 für die Cham­pi­ons-League-Qua­li­fi­ka­tion.

„Das war ein ent­schei­den­der Grund für uns, am BBL-Fi­nal­tur­nier teil­zu­neh­men“, sagt Bam­bergs Ge­schäfts­füh­rer Dirks.

Kritik

Die meis­ten, unter an­de­rem Hand­ball-Ma­na­ger Bob Han­ning (52/­Füchse Ber­lin), loben die BBL für die Fort­set­zung des Spiel­be­triebs. „Ich finde es su­per, dass es die­ses Tur­nier gibt. Eine tolle lo­gis­ti­sche Leis­tung“, sagt auch Ex-Bas­ket­ball-Bun­des­trai­ner Dirk Bau­er­mann (62), jetzt Trai­ner bei Zweit­li­gist Ro­stock. „Was den sport­li­chen Wert an­geht, muss man si­cher Ab­stri­che ma­chen. Aber ohne Kom­pro­misse geht es in die­sen Zei­ten nicht.“ Bei den sie­ben BBL-Klubs, die sich gegen eine Teil­nahme ent­schie­den, wird al­ler­dings hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand spöt­tisch von einem „Je­der­mann-Tur­nier“ ge­spro­chen.

Pro­mi­nen­ter Zu­schau­er: Auch Bay­erns Ex-Prä­si­dent Uli Hoe­neß wird sich ei­nige Spiele im Audi Dome an­gu­cken – mit Mund-Na­sen-Schutz und Fie­ber­mes­sung am Ein­gang.

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