Darum ist Flick so stark

Autor : Tobias Altschäffl | 05.06.2020

Von der Interimslösung zum Mann für die Zukunft: SPORT BILD zeigt, was der Trainer seinem Team sagt, wo er Härte zeigt und wieso er sogar Spinning-Räder ausfuhr

Es war ein Ge­spräch ohne kon­kre­ten An­lass. Und doch steht es für so viel, was die Ar­beit von Hansi Flick (55) aus­zeich­net. Am ver­gan­ge­nen Frei­tag nahm der Trai­ner in der Ka­bine den Held von Dort­mund zur Sei­te: Flick führte ein Ein­zel­ge­spräch mit Jos­hua Kim­mich (25), er­kun­digte sich nach des­sen Wohl­be­fin­den. Kim­mich war gegen Dort­mund 13,7 Ki­lo­me­ter ge­lau­fen, nun wollte Flick wis­sen, ob er sich fit füh­le, wie er die Woche be­ur­tei­le.

Kim­mich mel­dete sich ein­satz­be­reit, die Bay­ern ver­edel­ten ihre meis­ter­li­che Woche am Sams­tag mit einem 5:0 gegen Düs­sel­dorf. Diese hatte mit einem fre­chen Hin­weis von Flick vor dem Meis­ter­gip­fel be­gon­nen. Und ob­wohl ihn Kim­mich an­ders um­setz­te, als ur­sprüng­lich ge­dacht, sorgte er für eine Vor­ent­schei­dung im Ti­tel­ren­nen gegen den BVB.

„Pro­biert es bei Bürki ruhig aus der Di­stanz, er steht immer weit vor sei­nem Tor“, hatte Flick sei­nen Spie­lern mit­ge­teilt und dar­auf ver­wie­sen, sogar von kurz nach der Mit­tel­li­nie, aus großer Di­stanz beim Dort­mund-Tor­wart drauf­zu­hal­ten. Für den Hin­weis war Kim­mich also bei sei­nem 18-Me­ter-Ge­nie­streich genau ge­nom­men viel zu nah am Tor.

Der Plan ging den­noch auf. Was Flick, der am 3. No­vem­ber auf Niko Kovac (48) als Bay­ern-Trai­ner folg­te, der­zeit an­packt, ge­lingt. Von der In­te­rims-wurde er zur Über­gangs­lö­sung, nun ist er der Mann für die Zu­kunft des FC Bay­ern.

Bayern-Trainer Hansi Flick gibt Spielern des FC Bayern München Anweisungen beim Training© Getty Images
Menschenfänger Flick: Die Stars zog er mit vielen Einzelgesprächen auf seine Seite

Karl-Heinz Rum­me­nigge (64) fiel schon zu Be­ginn des Jah­res 2020 beim Blick vom Büro Rich­tung Trai­nings­platz auf, dass sich dort eine be­mer­kens­werte Ent­wick­lung voll­zog. Die Ein­hei­ten hät­ten eine In­ten­si­tät, wie er sie seit Pep Guar­diola nicht mehr in Mün­chen er­lebt habe, be­tonte der Vor­stands-Boss da­mals in­tern. Selbst als das Trai­ning durch die Co­rona-Pause nicht mehr auf dem Rasen mög­lich war, sorgte Flick per­sön­lich da­für, dass es so­fort wei­ter­ge­hen konn­te: Der Chef­trai­ner selbst fuhr die Spin­ning-Rä­der für das Cy­ber-Trai­ning aus und be­lie­ferte die Spie­ler zu Hause da­mit. Für diese Ar­beit war sich Flick nicht zu scha­de. Ebenso wich­tig ist es ihm, jedem Spie­ler seine Wert­schät­zung zu zei­gen. So lobte der ehe­ma­lige Co-Trai­ner der Na­tio­nal­mann­schaft in einer An­spra­che aus­drück­lich die Jung-Pro­fis Ba­tista-Mei­er, Sin­gh, Mai und Da­ja­ku, die seit dem Flick-Auf­stieg mit­trai­nie­ren dür­fen: „Das Trai­ning auf die­sem Ni­veau ist dank euch mög­lich.“

Für das Dort­mund-Spiel hatte Flick in der Nach­be­trach­tung trotz des Er­fol­ges nicht nur po­si­tive Worte ge­fun­den. Das Team habe de­fen­siv gut ge­stan­den, of­fen­siv aber zu we­nige Ak­tio­nen ge­habt, ana­ly­sierte der Trai­ner. Schnell rich­tete er den Fokus auf das Duell gegen Düs­sel­dorf. Mit einer Mi­schung aus Re­spekt und Selbst­ver­trauen ver­mit­telte er sei­nen Spie­lern: Düs­sel­dorf habe schon lange kein Spiel mehr ver­lo­ren, „aber auf allen Po­si­tio­nen ist kein Ein­zel­ner bes­ser als ihr.“ Der Fokus war wie­der ge­schärft.

Das Training auf diesem Niveau ist dank euch möglich

Re­gel­mä­ßig schnappt sich Flick Stars ge­nauso wie Ta­lente zum Ein­zel­ge­spräch. „Er ver­sucht, alle Spie­ler zu ver­ste­hen, mit ihnen zu kom­mu­ni­zie­ren. Das ist seine stärkste Sei­te“, schwärmt Tor­jä­ger Ro­bert Le­wan­dow­ski von sei­nem Vor­ge­setz­ten: „Hansi Flick hat eine klare Mei­nung, ver­teilt klare Auf­trä­ge. Und er ist auch bei har­ten Ent­schei­dun­gen ehr­lich.“

Der stets freund­lich wir­kende Flick hatte von An­fang an einen kla­ren Plan. Und ent­ge­gen dem ober­fläch­li­chen Ein­druck war die­ser ganz und gar nicht der eines net­ten, dank­ba­ren Man­nes: Flick sorgte schon in sei­nen ers­ten Wo­chen mit har­ten Ent­schei­dun­gen im Team für eine Struk­tur. An­ders als Kovac bekam Flick die Cou­tinho-The­ma­tik in den Griff. Der bra­si­lia­ni­sche Su­per­star Phil­ippe Cou­tinho (27) wurde von der Füh­rungs­etage als Su­per­star ge­prie­sen, Kovac fühlte den Druck, ihn zu in­te­grie­ren. Flick ließ das kalt. Er er­kann­te: Tho­mas Mül­ler (30) ist enorm wich­tig auf dem Feld und ent­schei­dend in sei­ner zen­tra­len Po­si­tion als Ach­sen­spie­ler.

Ge­nauso ent­schie­den agierte Flick bei Lucas Hernán­dez (24): Den 80-Mio.-Ein­kauf ließ Flick auf der Bank, auch weil die Leis­tung des Welt­meis­ters bis­her nicht stimm­te. Damit ver­schaffte sich der Trai­ner in der Mann­schaft Re­spekt. Jérôme Boa­teng (31) baute Flick ge­zielt auf, sagte dem Ver­tei­di­ger im Ein­zel­ge­spräch vor der Win­ter­pau­se: Wenn er im Trai­nings­la­ger in Doha Leis­tung zei­ge, be­käme er seine Chance in der Rück­run­de. Flick hielt Wort, Boa­teng zahlt es mit Leis­tung zu­rück.

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Flick be­wies Pro­fil. Sei es in der Win­ter­pau­se, als er in Doha zu­nächst mit den Füh­rungs­spie­lern über die Ka­der­struk­tur dis­ku­tierte und dann öf­fent­li­che Zu­gänge for­der­te. Oder spä­ter, als er im SPORT BILD-In­ter­view ver­lang­te, dass ein Bay­ern-Trai­ner bei Trans­fers ein Veto-Recht haben müs­se. Die Pro­fis ken­nen zudem auch das un­freund­li­che Ge­sicht von Flick: In der Woche vor dem Duell gegen Dort­mund brach er ein Trai­nings­spiel ab und be­en­dete die Ein­heit laut­stark, da es ihm an In­ten­si­tät fehl­te.

Wer­den seine Vor­stel­lun­gen nicht um­ge­setzt, wird der freund­li­che Flick wild. Oft kor­ri­giert er, wenn seine Spie­ler nicht im Kol­lek­tiv und früh­zei­tig den Geg­ner an­lau­fen. Rücken die In­nen­ver­tei­di­ger zu lang­sam raus, kas­sie­ren sie einen An­pfiff. An seine Mit­ar­bei­ter hat er die höchs­ten An­sprü­che, lobt aber immer wie­der deren Ein­satz­be­reit­schaft. So ist es bei­spiels­weise keine Sel­ten­heit, dass Flick abends um 22.30 Uhr bei Fit­ness-Chef Dr. Hol­ger Broich auf dem Handy an­ruft.

„Der wich­tigste Ver­trag, der ver­län­gert wur­de, war für mich der von Hansi Flick“, be­tont Karl-Heinz Rum­me­nig­ge. Flicks Macht und Ein­fluss wach­sen, der Trai­ner er­hofft sich trotz Co­rona meh­rere neue Spie­ler, die Qua­li­tät im Kader müsse hoch ge­hal­ten und ver­bes­sert wer­den. Durch seine lang­jäh­rige Ar­beit beim DFB hat er einen guten Über­blick über den Markt, von Ta­len­ten mit Pro­ble­men, wie Hert­has Arne Meier (21), bis zu Kai Ha­vertz (20), des­sen Weg er seit der U17 ver­folgt. Ideen für den Kader der Zu­kunft hat der Trai­ner ge­nug. Und in­zwi­schen weiß jeder beim FC Bay­ern, dass Flick diese ve­he­ment zum Aus­druck brin­gen kann.

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