Der Double-Plan von Kovac

Autor : Tobias Altschäffl | 02.05.2019

Motivationsplakate, Rotationsstopp und keine Rücksicht auf große Namen

Die gesamte Bayern-Bank war aufgesprungen, einige Spieler wollten die Arme schon hochreißen für den Torjubel. Doch Kingsley Coman (22) vergab in der Nachspielzeit in Nürnberg nach seinem Alleingang frei vor Torwart Christian Mathenia – und damit einen Meister-Matchball der Bayern! Die Münchner spielten beim Vorletzten nur 1:1, konnten die Vorlage des BVB, der einen Tag zuvor im Revierderby gepatzt hatte, nicht nutzen. „Wir haben einen kleinen Tritt in den Arsch bekommen, sodass wir in der nächsten Woche noch angestachelter in die Partie gehen“, sagt Thomas Müller: „Wir sind nicht zufrieden, trotzdem war der Punkt nach Rückstand enorm wichtig.“

Die Bayern-Fans feierten in Nürnberg den Punktgewinn. „Deutscher Meister wird nur der FCB“, hallte es aus der Kurve. Niko Kovac (47) lässt daran ohnehin seit Monaten keinen Zweifel aufkommen. Er musste in dieser Saison weit schwerere Rückschläge verdauen. Der Trainer kämpft weiter für das Happy End.

Ein Plakat, welches nach SPORT BILD-Informationen seit einigen Wochen im ersten Stock des Leistungszentrums hängt, weist den Stars den Weg in den finalen Wochen der Saison. Ganz oben prangt darauf der Spruch: „Let’s do the double 2019“, also sinngemäß: „Lasst uns das Double 2019 holen“. Darunter: Fotos von jubelnden Spielern mit Pokal und Meisterschale.

An gleicher Stelle hing schon im Herbst 2018 ein Poster mit den nächsten Gegnern und Stufen für die BVB-Aufholjagd. Die Bayern schlitterten in ihre schlimmste Krise der Saison. Nur die grundsätzlich positive Meinung von Führungsspielern wie Manuel Neuer (33) oder Robert Lewandowski (30) rettete in Gesprächen mit den Bossen den Job von Kovac.

„Wir können mit Rückschlägen umgehen. In der Hinrunde haben uns viele abgeschrieben, jetzt stehen wir an erster Stelle“, bekräftigte David Alaba (26) nach dem 1:1 in Nürnberg: „Wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen. Ich weiß, dass der Trainer seinen Plan hat!“  Doch was änderte Kovac tatsächlich? Nach dem 3:3 gegen Düsseldorf am 24. November letzten Jahres, als Kovac‘ Job am seidenen Faden hing, stoppte er die Rotation. Bis dahin nahm er im Schnitt 3,8 Wechsel in der Stammelf pro Spiel vor, seit dem 13. Spieltag nur noch 2,2. Viermal ließ er sogar an aufeinanderfolgenden Spieltagen die komplett gleiche Elf antreten. Inklusive des Punktes in Nürnberg holte Bayern seit dem Düsseldorf-3:3 in 19 Spielen wahnsinnige 50 (!) Punkte.

Im Leistungszentrum hängt ein Plakat: „Let’s do the double 2019

Kovac nimmt keine Rücksicht mehr auf Eitelkeiten oder Titel. Zum Rückrunden-Auftakt legte er eine neue Abwehr-Hierarchie fest: Mit der neuen, jungen Nummer eins Niklas Süle (23). Und den Herausforderern Jérôme Boateng (30) und Mats Hummels (30), zwei Weltmeistern. Süle wurde von Spiel zu Spiel selbstbewusster, sagt über den Kampf um zwei Trophäen: „Vom Gefühl her sind wir alle auf der Höhe, alle gefestigt: Keiner hat Angst, dass wir im Endspurt etwas verlieren könnten.“ Kovac hat seine Formation gefunden, vor allem das Zentrum funktioniert: mit dem wiedererstarkten Abräumer Javi Martínez (30), um den alle Diskussionen im Klub verstummt sind. Thiago (28), der das Bindeglied zwischen Defensiv- und Offensivbewegung ist. Und Thomas Müller (29), der plötzlich wieder überall auftaucht (Zitat Hoeneß: „Er ist gerannt wie ein Hase!“) und torgefährlich ist wie zu besten Zeiten. Raus aus der ersten Elf sind bei Kovac: James (27), dessen Verbleib immer zweifelhafter wird, in Nürnberg zog sich der Kolumbianer eine Wadenverhärtung zu. Und Franck Ribéry (36), der auf den letzten Metern seiner Karriere auf mehr Einsatzminuten brennt. Die Laune des Franzosen war deshalb im Keller. Aber er weiß auch, dass er jetzt keinen Stunk mehr machen darf.

Die Unterstützung, welche Kovac vor allem von Hoeneß erfährt, macht ihn selbstbewusster. Bereits Anfang April erklärte er im SPORT BILD-Interview, dass er die Schale nicht unbedingt brauche, um Bayern-Trainer zu bleiben. Mit einem schwer zu moderierenden Kader, für den vor der Saison kein Euro an Transferausgaben getätigt wurde, will Kämpfer Kovac zwei Titel holen.

Vier Tage vor dem 1:1 von Nürnberg wurden bei den Bayern schon die ersten Flaschen geöffnet. Nach dem Halbfinalsieg im Pokal standen Präsident Hoeneß, Sportdirektor Hasan Salihamidzic (42) und der Vorstand Internationalisierung Jörg Wacker (51) am Mittwoch in Bremen am Mannschaftsbus. Nach dem nervenaufreibenden Final-Einzug inklusive Dusel-Elfmeter gönnten sich alle je eine 0,33-Liter-Flasche Bier. Zieht Kovac sein Ding bis zum Schluss durch, fließt spätestens am 25. Mai in Berlin nach dem Pokalfinale gegen Leipzig Champagner.

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