Flick: "Ein Trai­ner braucht ein Veto-Recht bei Trans­fers"

Autor : Christian Falk, Tobias Altschäffl | 11.03.2020

SPORT BILD: Herr Flick, in­ner­halb von vier­ein­halb Mo­na­ten führ­ten Sie den FC Bay­ern an die Ta­bel­len­spit­ze, ins DFB-Po­kal-Halb­fi­nale und ste­hen mit an­dert­halb Bei­nen im Cham­pi­ons-League-Vier­tel­fi­na­le. Ver­än­de­run­gen am Kader gab es kaum. Wie er­klä­ren Sie Ihren Er­folg?

HANSI FLICK (55): Wenn ich die Ent­wick­lung der Mann­schaft bis heute sehe, kann ich sa­gen: Sie hat wie­der das Selbst­ver­trauen und zeigt das auch auf dem Platz. Der Team­ge­danke stimmt ab­so­lut, ist bei jedem op­ti­mal aus­ge­prägt. Da­durch holen alle in un­se­ren Spie­len mehr aus sich her­aus als zu Sai­son­be­ginn. Ich bin mit der Ent­wick­lung sehr zu­frie­den.

Sie set­zen auf eine klare Spie­ler-Ach­se. Ei­ner, der darin auf­blüht, ist Tho­mas Mül­ler, der vor Ihrer Amts­über­nahme einen schwie­ri­gen Stand hat­te. Wen zäh­len Sie noch dazu?

Am An­fang steht na­tür­lich unser Ka­pi­tän Ma­nuel Neu­er. Tho­mas ge­hört de­fi­ni­tiv auch zu den Füh­rungs­spie­lern, ge­nauso wie Ro­bert Le­wan­dow­ski, der als vor­ders­ter Spie­ler den ers­ten wich­ti­gen Im­puls gibt, wann un­sere Mann­schaft at­ta­ckiert. Jos­hua Kim­mich und Thia­go, die im Mo­ment als Dop­pelsechs sehr gut agie­ren, zähle ich eben­falls zu wich­ti­gen Be­stand­tei­len die­ser Ach­se. In der In­nen­ver­tei­di­gung ist David Alaba der Spie­ler, der am meis­ten spricht und eine super Ent­wick­lung hin­ter sich hat. Er spielt kon­se­ge­gen den Ball, kann aber ge­nauso das Spiel er­öff­nen, so­dass er als In­nen­ver­tei­di­ger die An­for­de­run­gen des mo­der­nen Fuß­balls top er­füllt.

Was müsste noch pas­sie­ren, dass Sie Ihren neuen Mont­blanc-Ku­gel­schrei­ber, den Ihnen Karl-Heinz Rum­me­nigge schenk­te, nicht für eine Ver­län­ge­rung ihres Ver­trags über den Som­mer hin­aus nut­zen?

Ich mache kei­nen Hehl dar­aus, dass mir meine Ar­beit bei den Bay­ern viel Spaß macht und die Zu­sam­men­ar­beit im Trai­ner­team her­vor­ra­gend ist. Der Ver­ein hat in vie­ler­lei Hin­sicht ein hohes Ni­veau und ist ein ech­ter Spit-Die Mann­schaft hat eine be­achtli-Qua­li­tät, das Team um das Team ar­bei­tet total en­ga­giert. Alles in al­lem: vor­bild­lich an einem Strang. Alles Wei­tere wird kom­men. Es gibt das eine oder an­de­re, was mir auf­fällt, aber das will ich zu­nächst mal mit den Ver­ant­wort­li­chen in aller Of­fen­heit be­spre­chen.

Wel­che kon­kre­ten Vor­stel­lun­gen wer­den Sie Rum­me­nigge mit­tei­len?

Das will ich mit den han­deln­den Per­so­nen be­spre­chen, wenn ich mit ihnen an einem Tisch sit­ze. Es ist wich­tig, dass man als Trai­ner früh­zei­tig und grund­sätz­lich auf ge­wisse Dinge hin­weist, ohne Wenn und Aber. Ich hatte lange genug Zeit, viele Er­fah­run­gen in die­sem Ge­schäft zu sam­meln: Unter an­de­rem als Trai­ner und Sport­di­rek­tor beim DFB. Da ist mir deut­lich ge­wor­den, wie ent­schei­dend es ist, auf ge­wisse Dinge zu ach­ten, die für man­che nicht so im Vor­der­grund ste­hen. Ich weiß schon, wel­che Schwer­punkte und manch­mal auch De­tails wich­tig sind, auf die man genau ach­ten muss, wenn man über Zu­kunfts­pläne re­det. Und dann muss man am Ende des Aus­tauschs se­hen, ob das Ge­samt­pa­ket stimmt und das Er­geb­nis der Ge­sprä­che zu ak­zep­tie­ren ist. Schauen wir mal, was am Ende unter dem Strich steht

Schon im Win­ter gab es bei der Ka­der­pla­nung Dis­kus­sio­nen mit Hasan Sa­liha­mid­zic, Sie mel­de­ten sich öf­fent­lich mit Ihren Vor­stel­lun­gen zu Wort. Wol­len Sie künf­tig stär­ker mit­ein­be­zo­gen wer­den?

Es sind zwei Punk­te, die mei­nes Er­ach­tens wich­tig sind: Ein Ver­ein muss eine Phi­lo­so­phie ha­ben, wel­chen Fuß­ball er spie­len las­sen will, und für was ste­hen wir. Des­we­gen wird ein Trai­ner ge­holt, dem zu­ge­traut wird, diese Phi­lo­so­phie um­zu­set­zen. Dann geht es um die Spie­ler, die den vor­han­de­nen Kader er­gän­zen oder ver­stär­ken sol­len. Wenn es um Neu­zu­gänge und Ver­stär­kun­gen geht, muss der Trai­ner aus mei­ner Sicht ein Ve­to­recht ha­ben.

Was ver­ste­hen Sie unter so einem Ve­to­recht?

Ver­ste­hen Sie mich rich­tig: Dass ein Ver­ein sagt, wel­che Ideen er für die nächs­ten Jahre bei Neu­zu­gän­gen hat, ist nor­mal. Das wird idea­ler­weise mit dem Trai­ner be­spro­chen. Und es ist klar, dass man die Pla­nun­gen nicht al­lein an den Wün­schen eines Trai­ners aus­rich­ten kann: Sonst will ein Trai­ner fünf Spie­ler, deren En­ga­ge­ment um­strit­ten ist und mit denen ir­gend­wann sein Nach­fol­ger ebenso wie die Ver­eins­füh­rung nichts an­fan­gen kann. Es ist daher für mich eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass alles vom Ver­ein aus­geht. Der Trai­ner und die Spie­ler müs­sen pas­sen. So ent­steht ein ho­mo­ge­nes Ge­bil­de. Der Ver­ein muss wis­sen: Für was ste­hen wir? Wo wol­len wir hin? Mit wel­chem Trai­ner und wel­chen Spie­lern wol­len wir die Ziele er­rei­chen?

Heißt ein Ve­to­recht, dass der Trai­ner nur Spie­ler­trans­fers ab­leh­nen kön­nen muss – oder auch, dass er aktiv ei­gene Ideen ein­brin­gen darf?

Das bein­hal­tet bei­des. Aber das ist bei Bay­ern Mün­chen so­wieso gut. Wir kön­nen hier im of­fe­nen Dia­log über alles spre­chen. Na­tür­lich hat das Trai­ner­team Ideen im Kopf, des­we­gen ist es ent­schei­dend, dass man die Dinge kom­mu­ni­ziert und dis­ku­tiert.

Wie darf man sich das in der Pra­xis beim FC Bay­ern vor­stel­len?

Wir haben eine Scou­ting-Ab­tei­lung, die den Kader zu jeder Zeit im Blick hat. Es gibt elf Po­si­tio­nen, von denen wir ak­tu­ell zum Bei­spiel acht dop­pelt be­setzt ha­ben. Bei drei Po­si­tio­nen müs­sen wir nach­le­gen. Dort gibt es die Lö­sun­gen A, B und C. Dann be­trach­tet man die Spie­ler und ent­schei­det ge­mein­sam, wel­chen Weg man geht. Es ist wich­tig, dort das rich­tige Auge zu haben – und eben auch die Mög­lich­keit, Vor­schläge ab­zu­leh­nen.

Sie haben be­reits An­fra­gen von an­de­ren Ver­ei­nen er­hal­ten. War ein Klub da­bei, der Sie zu­min­dest ein wenig ins Grü­beln brach­te?

Es gibt An­fra­gen, mit Si­cher­heit auch in­ter­essan­te. Das re­gis­triere ich, na­tür­lich freut man sich da auch. Denn es zeigt eine ge­wisse Wert­schät­zung. Aber es ist ak­tu­ell so, dass ich bei Bay­ern Mün­chen unter Ver­trag bin und wir klar aus­ge­macht ha­ben, vor­erst ab­zu­war­ten, wie die Sai­son ver­läuft.

Wür­den Sie sich im Falle einer Ver­trags­ver­län­ge­rung bei Bay­ern einen zu­sätz­li­chen Co-Trai­ner wün­schen?

Das sind Din­ge, über die ich mir Ge­dan­ken ma­che, ja. Wenn ein neuer Mann da­zu­kommt, müs­sen die Auf­ga­ben genau ge­re­gelt sein. Er muss in Sa­chen Ein­stel­lung, Wer­te, Tak­tik, Trai­nings­ar­beit, Team­füh­rung und Stra­te­gie ins be­ste­hende Trai­ner­team pas­sen. Das be­spre­che ich mit mei­nem Trai­ner­team.

Kann Mi­ros­lav Klo­se, der ak­tu­ell die U17 des FC Bay­ern trai­niert, die­ser Mann sein?

Ich schätze Miro sehr, er macht hier einen echt guten Job. Wir ken­nen uns lan­ge. Die Er­fah­run­gen, die er als Spie­ler in der Na­tio­nal­mann­schaft und in vie­len re­nom­mier­ten Ver­ei­nen ge­macht hat, prä­des­ti­nie­ren ihn für einen Trai­ner­job. Ich habe ihn schon beim DFB un­ter­stützt, Trai­ner zu wer­den. Mich freut der Weg, den er geht: Als Welt­star ar­bei­tet er nun erst mal an der Basis in der Nach­wuchs­för­de­rung. Er kann den jun­gen Spie­lern, aber auch den Trai­nern, viel ge­ben. Miro ist in mei­nen ak­tu­el­len Ge­dan­ken­gän­gen bei den Bay­ern immer ein The­ma.

Was Spie­ler be­trifft, ist es schwer vor­stell­bar, dass Sie ohne Ihren Füh­rungs­spie­ler Tho­mas Mül­ler in eine Bay­ern-Zu­kunft gehen wol­len.

Das sind Din­ge, die auch Tho­mas und der Ver­ein ent­schei­den müs­sen. Aber grund­sätz­lich zu Tho­mas: Er ist hier aus der Ju­gend ge­kom­men. Tho­mas hat ein ge­wis­ses Alter er­reicht, in dem er nicht mehr ewig spie­len wird. Tho­mas ist ein Ur­ge­wächs der Bay­ern und eines der Ge­sich­ter des Ver­eins. Ich finde schon, dass solch ein Spie­ler eine ge­wisse Dank­bar­keit ver­dient hat.

Mül­ler ist seit 20 Jah­ren im Ver­ein, wurde acht­mal Meis­ter, Cham­pi­ons-League-Sie­ger, Welt­meis­ter.

In Deutsch­land ist es oft so, dass man diese Dinge schnell ver­gisst. Tho­mas ist, egal wo er hin­kommt, immer ein Mann, der im Mit­tel­punkt steht und im po­si­ti­ven Sinne ein Typ ist. Er hat alles er­lebt, eine enorme Er­fah­rung, so viele Er­folge ge­fei­ert, ver­brei­tet immer Selbst­be­wusst­sein und Op­ti­mis­mus. Er ist einer der er­folg­reichs­ten deut­schen Spie­ler der Ge­schich­te. Die Bay­ern kön­nen froh sein, einen Spie­ler wie Tho­mas zu ha­ben, der sich zudem so mit dem Ver­ein iden­ti­fi­ziert. Er agiert immer im Sinne des Teams -ein Fak­tor, auf den man auch bei Neu­zu­gän­gen genau ach­ten muss. Bei der Fra­ge, wel­che Neu­zu­gänge ge­holt wer­den, ist das für mich ele­men­tar: Ste­hen sie für das Wir, leben sie die Werte des Ver­eins, iden­ti­fi­zie­ren sie sich mit dem FC Bay­ern?

Passt Kai Ha­vertz oder Leroy Sané bes­ser zu die­sen Wer­ten?

Dar­über mache ich mir noch keine Ge­dan­ken. Die Dinge wer­den alle be­spro­chen, wenn die rich­tige Si­tua­tion dafür ge­ge­ben ist – es ist noch etwas Zeit.

Ha­vertz ken­nen Sie schon lan­ge.

Ich habe die U17-Na­tio­nal­mann­schaft da­mals zur EM nach Aser­bai­dschan be­glei­tet. Kai war in der Mann­schaft. Bei ihm muss man ein­fach fest­hal­ten: Er hat eine enorme Ent­wick­lung ge­macht, schießt Tore, strahlt eine Do­mi­nanz aus. Ge­rade im letz­ten Spieldrit­tel kann er den Un­ter­schied aus­ma­chen.

Im ver­gan­ge­nen Som­mer stand der FC Bay­ern vor der Ent­schei­dung, Timo Wer­ner zu ver­pflich­ten. Es heißt, Sie wären ein großer Be­für­wor­ter die­ses Trans­fers ge­we­sen. Warum passt Wer­ner an­geb­lich nicht zu Bay­ern?

Wenn man sich das Spiel Leip­zig gegen Le­ver­ku­sen an­schaut, muss man bei der Ana­lyse be­to­nen: In den Mo­men­ten, in denen Timo den Ball hat­te, wurde es ge­fähr­lich. Das zeigt seine enorme Qua­li­tät. Timo steht bei 21 Toren und sie­ben As­sists. Er hat in sei­ner Ent­wick­lung einen ge­wal­ti­gen Sprung ge­macht. Ich möchte es so for­mu­lie­ren: Timo kann bei vie­len Top-Mann­schaf­ten spie­len.

Ist die Tür für einen Wech­sel nach Mün­chen end­gül­tig zu?

Das möchte ich nicht be­ur­tei­len.

Wur­den Sie bei der Ver­pflich­tung von Alex­an­der Nübel ein­ge­bun­den?

Nein, ich wurde nicht ge­fragt. Ich wusste aber na­tür­lich, dass er ver­pflich­tet wird. Das war ein The­ma, das die nächste Sai­son be­trof­fen hat, ein Vor­griff auf die Zu­kunft, bei dem ich auch nicht zwin­gend ein­ge­bun­den wer­den muss­te.

Das Tor­wart-Thema zwi­schen Neuer und Nübel zu mo­de­rie­ren wird aber si­cher keine leichte Auf­gabe in der nächs­ten Sai­son.

Wir haben bei den Tor­hü­tern eine klare Hier­ar­chie. Das wird nächs­tes Jahr ge­nauso sein. Ich habe es oft genug be­tont: Ich fin­de, dass Sven Ul­reich hier einen groß­ar­ti­gen Job macht. Er hat den bes­ten Tor­wart der Welt vor sich, ruft im Trai­ning aber Tag für Tag seine Qua­li­tät ab.

Sie sehen Nübel also nicht als Kon­kur­rent um die Num­mer eins für Neu­er?

Kon­kur­renz für Ma­nuel Neu­er? Klar ist doch: Es weiß je­der, was ich von Ma­nuel hal­te. Er ist für mich der mit Ab­stand beste Tor­wart der Welt, daran habe ich nicht die ge­rings­ten Zwei­fel. Des­halb gibt es dazu für mich keine Al­ter­na­ti­ve. Ma­nuel führt die Mann­schaft, gibt ihr die nö­tige Si­cher­heit.

Und Nübel?

Alex Nübel ist si­cher­lich ein jun­ger, ta­len­tier­ter Tor­hü­ter.

Brau­chen Sie im Kader einen Back-up für Le­wan­dow­ski?

Lewy ist ein sehr wich­ti­ger Spie­ler für uns. Er ist der­zeit schwer zu er­set­zen. Aber un­sere Mann­schaft wächst auch dar­an, seine Ver­let­zung als Team weg­zu­ste­cken und zu kom­pen­sie­ren. Ei­ner, der die Lücke fül­len kann, ist Jos­hua Zirk­zee. Er hat Ta­lent, muss aber an ge­wis­sen Din­gen ar­bei­ten.

Wie brin­gen Sie Phil­ippe Cou­tinho in die Ver­fas­sung, dass er dem FC Bay­ern noch ent­schei­dend in die­ser Sai­son hel­fen kann?

Ich bin ab­so­lut über­zeugt von Phil­ip­pe, er ist ein be­gna­de­ter Fuß­bal­ler. Auch als Mensch ge­fällt er mir. Er ist etwas in­tro­ver­tiert, aber im Mo­ment fin­det ein in­ter­essan­ter Pro­zess statt: Denn im Trai­ning ist Phil­ippe mit viel Herz dabei und pusht auch die an­de­ren. Das sind po­si­tive Si­gnale von ihm, er ist auf dem rich­ti­gen Weg. Ich traue Phil­ippe zu, dass er noch ent­schei­dende Tore für uns in die­ser Sai­son schie­ßen wird.

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