Franck Ribéry verabschiedet sich nach zwölf Spielzeiten

Autor : Tobias Altschäffl, Christian Falk | 15.05.2019

SPORT BILD: Herr Ribéry, SPORT BILD hat Sie für das Foto-Shooting als „König Franck“ mit dem Kostüm des bayerischen König Ludwig II. verkleidet. Erinnern Sie sich, wie Sie einst zum Start Ihrer Bayern-Karriere als König in der Münchner Innenstadt auf einem 250 Quadratmeter großen Plakat zu sehen waren?

FRANCK RIBÉRY (36): Das war 2007, nur kurz nach meiner Ankunft als Spieler beim FC Bayern. Ich war gerade ein, zwei Monate hier – dann gab es dieses riesige Plakat.

Ihr persönlicher Ausrüster ließ es am Münchner Odeonsplatz aufhängen. Mit dem Slogan „Bayern hat wieder einen König“. Ganz schön viel Druck zum Start, oder?

Ich hatte zwar bei der WM 2006 gut für Frankreich gespielt und stand im Endspiel, aber ich hatte definitiv nicht den Status eines Superstars. Druck habe ich dennoch nicht verspürt. Ich wollte von Anfang an einfach zeigen, wer ich bin: Franck Ribéry, ein spontaner und emotionaler Mensch, ein Fußballer, der den Menschen Spaß auf dem Rasen schenken will.

Sie kamen von Olympique Marseille für eine Ablöse von 25 Millionen Euro. Aus Frankreich eilte Ihnen ein ganz anderes Image voraus. Sie galten als nicht einfach, ein Problemspieler.

Ich bin kein schwieriger Mensch. Viele Leute haben mich damals und während meiner ganzen Karriere verurteilt, obwohl sie mich gar nicht kannten.

Daher kamen auch viele Probleme mit den französischen Journalisten. In München haben die Menschen vom ersten Tag an gemerkt, dass ich offen und lustig bin, kein Egoist.

Beschreiben Sie Ihre ersten Tage beim FC Bayern.

Ich hatte hier sofort ein gutes Gefühl: Mein Trainingsstart lief gut. Bei meinem ersten Auswärtsspiel in der Bundesliga haben wir in Bremen 4:0 gewonnen, ich habe ein Tor geschossen und einen Trick gezeigt, der gleich vielen Fans gefallen hat (Ribéry balancierte den Ball auf dem Spann und hob ihn elegant über das heranfliegende Bein von Werders Christian Schulz; d. Red.). Aber es waren nicht nur die Szenen auf dem Platz, die mir am Anfang halfen.

Was noch?

Wir übernachteten damals mit der Mannschaft vor Heimspielen im Hotel „Limmerhof“. Immer wenn wir Freitagnachmittag ankamen, nahm sich Trainer Ottmar Hitzfeld 20,30 Minuten Zeit für mich. Ich sprach kein Deutsch, ein Dolmetscher saß dabei. Ich dachte am Anfang, es ginge dabei um unsere Taktik für den nächsten Tag. Aber nein: Herr Hitzfeld wollte einfach nur wissen, wie es mir geht, was ich brauche, ob sich meine Familie wohlfühle. Das hat er vor jedem Spiel gemacht, immer in seinem Zimmer. Ich habe so viele schöne Bilder von damals in meinem Kopf.

Was fällt Ihnen noch ein?

Uli Hoeneß auf unserer Bank! Er war, bis er Präsident wurde, immer mit uns unterwegs, ganz nah am Team. Ich habe oft nach den Spielen, wenn ich die Highlights noch einmal im TV angesehen habe, bemerkt, wie er sich über schöne Aktionen und Tore von mir gefreut hat: Sein Gesicht strahlte dann wie das eines glücklichen Kindes.

Die Beziehung zwischen dem Präsidenten und Ihnen ist außergewöhnlich. Welches war das emotionalste Gespräch?

Als ich Uli im Gefängnis besucht habe. Das war richtig traurig, es tat mir weh, Uli so zu sehen. Ich wollte ihn unbedingt im Gefängnis besuchen, denn die Situation war schwierig: für Uli Hoeneß, für seine ganze Familie.

Aber in Momenten wie diesen zeigt sich, dass Uli ein starker Mann ist. Er war allein im Gefängnis, sein Leben war von einem Moment zum anderen komplett auf den Kopf gestellt. Wir haben zwei, drei Stunden gesprochen, das war für uns beide wichtig. Ich kam, um ihn aufzumuntern, ließ mir nichts anmerken. Als ich das Gefängnis dann verließ, war ich es, der niedergeschlagen war. Ihn hinter geschlossenen Türen zu sehen tat richtig weh.

Wie oft waren Sie in zwölf Jahren München am Tegernsee bei Hoeneß zu Hause?

Oft, sehr oft. Uli Hoeneß will, dass sich seine Spieler wohlfühlen. Manchmal war ich nur eine Stunde bei ihm, wir haben etwas gegessen und fertig. Manchmal blieb ich auch für sehr viele Stunden.

Sie hatten auch privat schwere Phasen , zuletzt gab es beispielsweise im Januar einen Shitstorm, nachdem Sie ein mit Blattgold verziertes Steak aßen. Daraufhin beschimpften Sie via Instagram User. Wie sehen Sie das heute?

Ich bin kein Mensch, der protzen will oder sich über andere stellt. Auf dieses Steak bin ich damals eingeladen worden. Generell ist es so: Wenn ich mir etwas leisten will und auch kann, dann mache ich das – und wenn ich Nudeln mit Eiern möchte, esse ich sie noch heute. Die Reaktionen damals waren hart.

Welcher Skandal war Ihrer Meinung nach Ihr schlimmster?

Ich bin nach der 2:3-Niederlage 2018 in Dortmund gegenüber einem französischen Journalisten handgreiflich geworden, das war ein Fehler.

Ich habe mich auch dafür bei ihm entschuldigt. Ich habe in meinem Leben sicherlich einige Fehler gemacht, so wie jeder Mensch. Wichtig ist, dass es immer gegenseitigen Respekt gibt. Ich habe manchmal mit Personen nicht mehr gesprochen, Streit gehabt. Aber immer ihr Privatleben respektiert.

Sind Sie dem FC Bayern auch so dankbar, weil der Verein immer zu Ihnen gestanden ist?

Die Hilfe des Vereins war immer wichtig für mich. Natürlich hat mich der FC Bayern auch privat unterstützt, aber ich erinnere mich speziell an eine Situation, in der ich hilflos und komplett auf den Verein angewiesen war.

Welche?

Ab März 2015 hatte ich Probleme am Sprunggelenk. Wir haben nicht genau gewusst, was es ist, nicht, wie lange es dauert. Ich dachte zunächst, dass die Verletzung zwei, drei Wochen Zeit braucht – am Ende waren es acht Monate! Das war eine schlimme Zeit, ich habe an das Karriereende gedacht. Ich hatte viele Termine mit den Ärzten, immer wieder ein MRT, ich wurde schier verrückt, habe nur noch gesagt: „Was ist los? Könnt ihr es mir bitte endlich sagen?“ Wir haben viel geredet, aber ich wusste nicht, ob ich noch einmal Fußball spielen kann.

Früher gab es in Ihrem Leben ganz andere Sorgen. Sie hatten in der Türkei, vor Ihrem Wechsel nach Marseille, lange Geldprobleme. Wie war diese Zeit?

Wahiba (Ribérys Ehefrau; d. Red.) und ich mussten ein Haushaltsbuch führen, damit wir über die Runden kamen. In meiner ersten Saison als Profi bei Metz war ich 21 Jahre alt, zuvor hatte ich kaum etwas! In Metz wurde mein Leben besser: Ich hatte mehr Geld im Monat zur Verfügung – endlich konnte ich mit meiner Frau in eine schönere Wohnung, ich konnte einen Kredit für die Möbel aufnehmen. Ein neues Leben begann für mich.

Wie war es zuvor?

Ich hatte viel weniger, keinen Vertrag, gar nichts. Während meiner Zeit in der 3. Liga bei Alès hatte ich 1800 Euro brutto im Monat. Und was ebenfalls hart war: Ich war immer alleine. In Alès (2002/03; d. Red.) war ich 1400 Kilometer von meiner Heimat entfernt. In Brest (2003/04; d. Red.) 700 Kilometer. Ich musste mich durchkämpfen. In Alès habe ich mich tagelang von Nudeln mit Spiegeleiern ernährt. Aber eines hat sich dennoch nie verändert: Meine Mentalität. Natürlich kann ich mir nun einiges mehr leisten. Ich kann meinen Kindern schöne Urlaube ermöglichen, tolle Turnschuhe kaufen. Alles, was ich früher selbst als Kind nicht hatte. Aber ich bin noch immer der gleiche Mensch.

Sie sollen der einzige Spieler beim FC Bayern gewesen sein, der in seinem Vertrag eine Ausstiegsklausel hatte. Nun können Sie ja darüber sprechen

An eine Klausel erinnere ich mich nicht, so etwas weiß nur mein Berater. An das Wechsel-Thema erinnere ich mich aber noch gut. Das war 2009 bis 2010, Bayern wollte mich auf keinen Fall gehen lassen.

Wissen Sie, was Uli Hoeneß zu mir gesagt hat?“Barcelona hat Messi. Real Madrid hat Ronaldo. Und wir haben dich.“

Wie nah standen Sie vor einem Wechsel zu dieser Zeit?

Das war verrückt damals! Sieben Topklubs wollten mich verpflichten. Juventus, Inter Mailand, AC Milan, Chelsea, Real Madrid, Barcelona und Manchester United – alle fragten an. Da waren viele Gedanken in meinem Kopf, es war keine leichte Zeit.

Chelsea soll für Sie 2009 stolze 80 Millionen geboten haben – plus José Bosingwa, damals ein portugiesischer Nationalspieler. Das verlockendste Angebot?

Das war heiß, genauso wie mit Real Madrid im selben Jahr. Real wollte 65,70 Millionen Ablöse zahlen. Ich wusste wirklich nicht: Soll ich bleiben oder gehen? Im Nachhinein muss ich aber ganz klar sagen: Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens, bei Bayern zu bleiben. Was in der Folge passierte, hätte ich mir nicht besser ausmalen können.

Ich muss Uli Hoeneß und meinem Manager Alain Migliaccio noch einmal Danke sagen, es ist alles perfekt verlaufen.

Vor allem gab es zu dieser Zeit einen Trainer, der Ihnen das Leben nicht leicht machte: Louis van Gaal. Wie sehen Sie ihn heute?

Die Trainingsarbeit von ihm war mit die beste, die ich je erlebt habe. Er ist ein Fachmann. Aber: Der Mensch van Gaal war für mich schwierig.

Wer war Ihr bester Mitspieler beim FC Bayern?

Ich durfte zwei Jahre mit Philipp Lahm auf einer Seite spielen, das war hervorragend, ein Genuss. Zé Roberto kommt mir in Erinnerung: etwas älter, aber so gut.

Welcher war Ihr bester, Ihr schlimmster Streich?

Ich habe einmal unserem ehemaligen Fitness-Trainer Zvonko Komes den ganzen Löffel voll Pfeffer gemacht und unten in seine Nudeln reingesteckt, als er nicht hinsah. Er hat es nicht gemerkt und sich den kompletten Löffel in den Mund gesteckt. Danach hatte er kein Gefühl mehr im Mund, er hat Wasser getrunken – und es wurde noch schlimmer! Zvonkos Kopf wurde rot, ich hatte Angst, dass wir die Ärzte holen müssen. Ich habe mich nicht getraut, danach zu sagen, dass ich es war (lacht laut).

In Dubai setzten Sie sich 2009 ans Steuer des Mannschaftsbusses und bauten einen Unfall!

Ich bin in den Bus gestiegen, der Fahrer saß nicht am Steuer. Dann habe ich es eben gemacht. Unser Physio Gerry Hoffmann und Reha-Trainer Thomas Wilhelmi haben gesagt, dass sie richtig Angst hatten. Aber Mark van Bommel hat fast geweint vor Lachen. Ich dachte nicht, dass ein Bus so schwer zu fahren ist

Zuletzt, nach Ihrem Tor im Heimspiel gegen Hannover, blieben Sie sehr ruhig, jubelten kaum. Weshalb?

Interessant, dass Sie das sagen. Denn genau den gleichen Gedanken hat mir meine Frau auch mitgeteilt. Das Problem in diesem Moment war: Ich habe plötzlich gemerkt, dass es bald vorbei ist. Dass die Fans in München bald nicht mehr mit mir im Stadion jubeln werden. Ich wollte jubeln, aber es tat auch weh. Ich wollte daher auch nach dem Spiel gegen Hannover nicht öffentlich sprechen, da mir die richtigen Worte fehlten.

Wie war das Gespräch mit den Bossen, als Ihnen mitgeteilt wurde, dass endgültig Schluss ist als Bayern-Profi?

Das Gespräch fand ein paar Tage vor dem Heimspiel gegen Hannover statt. Es war ein sehr menschliches Gespräch, das keinem leichtfiel. Aber ich muss die Entscheidung akzeptieren, respektieren , was der Verein und ich gemeinsam geleistet haben. Uli Hoeneß hat zu mir gesagt: „Du bist 2007 gekommen, als wir nicht einmal in der Champions League waren. Der Verein ist mit dir gemeinsam gewachsen.“ Ich habe aber gemerkt, dass es Uli und Karl-Heinz Rummenigge schwergefallen ist, die richtigen Worte zu finden. Wir jedoch alle wussten, dass das Thema jetzt durch ist.

Sind Sie manchmal neidisch auf Claudio Pizarro, der mit 40 noch in der Bundesliga spielt?

Neidisch? Überhaupt nicht. Das ist super, der absolute Wahnsinn. Ich freue mich für Claudio, er ist ein toller Typ. Ich wünsche ihm, dass es so weitergeht – ein, zwei Jahre kann er in dieser Rolle schon noch spielen.

Sie treten am Saisonende gemeinsam mit Arjen Robben ab. Inzwischen sind Sie befreundet, dabei gab es 2012 im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid einen Streit, Sie schlugen Robben in der Kabine ins Gesicht. Hatten Sie damals Angst vor dem Rauswurf bei Bayern?

Nein. Es war ja keine Kabinen-Prügelei, es war in der Folge einer Diskussion, ich habe hitzig reagiert. Es war ein Halbfinale, sehr emotional. Aber ich dachte nicht, dass ich deswegen rausfliege. Ein paar Tage später haben wir darüber gesprochen, es geklärt. Heute können wir darüber sogar gemeinsam lachen.

Woran denken Sie, wenn Sie auf die Ära Robbery bei Bayern zurückblicken?

Ich sehe den Weg, den wir gemeinsam gegangen sind. Es war nicht immer einfach, am Ende sehr erfolgreich. Wir sind echte Freunde geworden, die alles mit dem FC Bayern gewonnen haben, was es zu gewinnen gibt. Wir haben zusammen eine wunderbare Geschichte erleben dürfen. Dafür bin ich unheimlich dankbar.

Franck Ribérys Karriere beim FC Bayern

  • 272 Einsätze
  • 204 x Startaufstellung
  • 18 701 Minuten gespielt
  • 85 Tore
  • 539 Torschüsse
  • 125 Tor-Assists
  • 794 Torschussvorlagen
  • 586 Flanken
  • 24 Flanken zum Tor
  • 11 555 Pässe gespielt
  • 17,9% Fehlpässe
  • 17 139 Ballkontakte
  • 5882 Zweikämpfe bestritten
  • 2507 Dribblings
  • 240 Fouls
  • 621 x gefoult worden
  • 30 Gelbe Karten
  • 1409,3 km Laufstrecke (wird erst seit 2011 erfasst)
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