Hummels: "Ich muss nicht auf Teufel komm raus ins Ausland"
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Hummels: "Ich muss nicht auf Teufel komm raus ins Ausland" Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Hummels: "Ich muss nicht auf Teufel komm raus ins Ausland"

Der Bayern-Star im Interview

Sport Bild: Herr Hummels, Jupp Heynckes verriet, dass er Sie im Training nach Außenrist-Pässen „Franz“ rief, in Anlehnung an Beckenbauer. Wie fühlen Sie sich als „kleiner Kaiser“?

Mats Hummels (29): Jupp Heynckes kennt Franz Beckenbauer ja sehr gut, hat ihn sogar einmal als einen von seinen zwei besten Mitspielern aller Zeiten bezeichnet. Es ist daher schon eine Riesenehre, wenn man in einem Atemzug mit dem Kaiser genannt wird. Wobei ich sagen muss: Ich habe den Außenrist im letzten Jahr nicht mehr so oft ausgepackt. Er passt nicht so zur Spielweise in München. Dort wollen Franck Ribéry und Arjen Robben den Ball lieber in den Fuß. Bei der Nationalmannschaft ist das ähnlich.

Haben Sie sich mit der Spielweise von Beckenbauer einmal intensiver beschäftigt?

Im Fernsehen gab es manchmal die Klassiker, da habe ich mir schon die Partien aus den 70er- oder 80er-Jahren von Bayern und der Nationalmannschaft angeschaut. Franz Beckenbauer ist da oft mit einer großen Souveränität und aufrechtem Gang durch das Mittelfeld gejoggt. Wenn ich mit dem Ball durchs Zentrum gehe, ist das von der Körperhaltung her offenbar ähnlich, hat man mir schon öfter gesagt.

Beckenbauer wurde als Spieler und Trainer Weltmeister. Sie und viele Spieler aus dem aktuellen DFB-Kader können seine 74er-Generation in Russland mit dem zweiten Titel toppen.

Das wissen wir. Zwei Weltmeisterschaften in Folge wären schon Wahnsinn, es wäre eine grandiose Sache, das hinzubekommen. Erst zwei Nationen konnten den Titel verteidigen. Wir haben eine unheimlich erfolgreiche Generation im deutschen Fußball im Moment, die in Russland noch mal einen drauflegen will.

Oliver Bierhoff sprach davon, dass Ihnen nicht das Gleiche wie damals 1994 unterlaufen dürfe. Damals hatte Deutschland nach dem WM-Sieg 1990 eigentlich eine bessere Mannschaft als beim Titelgewinn, schied aber im Viertelfinale aus.

Das darf auch nicht passieren. Wir dürfen nicht aus einer Nachlässigkeit heraus aus dem Turnier fliegen. Das würde mich sehr lange ärgern. Schon bei der EM 2016 haben wir eine Riesenchance verpasst, hätten schon dort den zweiten Titel in Folge holen können, denn wir hatten eine starke Mannschaft während des Turniers. Nun müssen wir das halt bei der WM nachholen.

Bei der EM 2016 reisten Sie noch als BVB-Profi an, nun spielen Sie Ihr erstes Turnier im „Bayern-Block“. Ist das gefühlte Standing nun ein anderes?

Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich behaupte, dass dies nicht der Fall wäre. Bayern-Spieler genießen schon aufgrund ihrer vielen Erfolge ein großes Ansehen in der Mannschaft, ihr Wort hat Gewicht. Das schwingt immer mit – und das nicht unberechtigt. Als wir Dortmunder zur EM 2012 als Double-Sieger anreisten, führten diese umgekehrten Verhältnisse zwischenzeitlich daher schon mal zu Spannungen im Team.

Ihr FCB-Kollege Jérôme Boateng sprach kürzlich von der Sicherheit, die ihm Manuel Neuer als Torwart gibt. Ändert sich für Sie als Abwehrspieler etwas, wenn Neuer hinter Ihnen spielt?

Manuel Neuer ist der beste Torwart der Welt, Punkt. Daran gibt es keinen Zweifel, zu ihm steht niemand in Konkurrenz. Aber wir haben mit Marc-André ter Stegen als Option immer noch einen der besten Torhüter der Welt. Beide sind in der Lage, Spiele für uns zu gewinnen. Das ist ein Faktor, ein sehr wichtiger. Ich kann Jérôme verstehen, weil er schon sehr lange mit Manu zusammenspielt. Aber falls es bei Manu aus irgendwelchen Gründen nicht klappen sollte, hätte ich bei Marc nicht nur ein gutes, sondern ein überragendes Gefühl. Das sage ich nicht einfach so, ich finde ihn schon seit er in Gladbach angefangen hat unfassbar gut. Ich habe das Marc auch schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt so versichert.

Sie selbst sind 29, was machen Ihre Gedankenspiele in die Richtung, irgendwann noch mal im Ausland zu spielen?

Ich hatte diese Gedanken auch, war unter anderem 2015 eng mit Manchester United im Austausch. Damals war ich kurz davor, ins Ausland zu gehen. 2016 gab es auch verschiedene Möglichkeiten. Es wäre nicht richtig zu sagen, dass ich mich nicht damit beschäftigt habe. Das war schon interessant. Aber wir sind einfach nie zusammengekommen. Ich muss aber auch nicht auf Teufel komm raus noch mal ins Ausland.

Robert Lewandowski reizt offenbar das Ausland sehr. Sein Wechsel-Wunsch beschäftigt derzeit Ihren Klub. Sie auch?

Ich sehe in dem Thema keine große Dramatik: Wenn die Bosse sagen, dass er bleibt, bleibt er. Wenn die Bosse sagen, er will die neue „Herausforderung“, und wir gönnen sie ihm, dann schauen wir mal, was passiert. Aber das verfolge ich sehr relaxed.

Zwischen Ihnen und Lewandowski gab es in der zweiten Hälfte der abgelaufenen Saison einen Trainingszoff, weil sich Lewandowski im Trainingsspiel demonstrativ die Schuhe band, statt zu verteidigen. Wie bewerten Sie heute Ihre Reaktion?

So etwas kommt immer wieder vor, fast jede Woche. Damals war die BILD-Zeitung beim Training und hat das beobachtet. Ob das Schuhebinden von Lewy der alleinige Auslöser für meine Reaktion war, möchte ich mal offen lassen.

Im Bayern-Kader stehen Spieler mit riesigen Erfolgen. Kann es für Trainer Niko Kovac deshalb schwierig werden, sich in der Bayern-Kabine durchzusetzen?

Ich kann da nur für mich sprechen, aber da muss ich sagen: null Komma null! Ein Trainer ist immer mein Boss, egal wie gut oder schlecht das Verhältnis ist. Ich nenne nur das Beispiel Dortmund. Meine Beziehung zu Jürgen Klopp war unfassbar herzlich, aber er war mein Chef. Als er unser Trainer in Dortmund wurde, war es nie ein Thema, dass er vorher keine Titel gewonnen hatte, ja noch nicht einmal ein Spiel in der ersten Liga bestritten hat. Ich denke, dass das auch bei Jungs wie Thomas Müller oder Manuel Neuer nicht anders ist. Thomas wird nicht zu Niko Kovac gehen und ihm sagen: „Pass mal auf, ich habe siebenmal die Meisterschaft gewonnen, ich weiß es besser.“ Der Trainer ist der Chef einer Mannschaft.

Wie hat Sie Klopp damals überzeugt?

Mit seiner Expertise, seiner Art, seiner Idee vom Fußball. Damit hat er die Mannschaft in kürzester Zeit hinter sich gebracht und überzeugt. Wenn ich sehe, wie es Niko Kovac bei Eintracht Frankfurt mit einer – zumindest nach außen – schwierigen Konstellation  hinbekommen hat, kann man nur den Hut ziehen. Deswegen denke ich, dass das bei uns auch so sein wird.

Kovac spielte in Frankfurt gerne Dreierkette, möchte dieses System dem Vernehmen nach auch in München spielen lassen. Sie haben dabei die Erfahrung unter Bundestrainer Jogi Löw. Wie denken Sie darüber?

Wir haben das System beim DFB erfolgreich praktiziert. Ich finde die Dreierkette gut, das System hat viele Vorteile. Natürlich kommt es immer auf die Auslegung an, aber ich denke nicht, dass wir bei Bayern die Dreierkette sehr defensiv – also als Fünferkette – spielen werden, zumindest nicht dauerhaft. Aber diese Option zu haben, finde ich hervorragend. Denn so können wir auf verschiedene Situationen im Spiel, auf Probleme, gut reagieren.

Sie spielen mit 29 Jahren nun Ihr viertes großes Turnier in der A-Nationalmannschaft. Wie lange sehen wir Mats Hummels noch im Nationaltrikot?

Meine realistische Vorstellung aktuell ist, noch eine EM zu spielen. Dann bin ich 31 und muss sehen, ob ich diesen Rhythmus beibehalten kann. Ich werde also sicher nicht nach der WM zurücktreten, auch nicht, wenn wir den Titel verteidigen. Die Euro 2020 reizt mich, diesen Titel würde ich gerne gewinnen, nachdem wir ihn 2016 so unglücklich verpasst haben.