Joshua Kimmich entwickelt sich zum Klartext-Kapitän beim Rekordmeister

Autor : Tobias Altschäffl, Christian Falk | 18.09.2019

Es flos­sen Trä­nen der Wut und Ver­zweif­lung, als Jos­hua Kim­mich das Büro von Ralf Be­cker ver­ließ. Dem da­mals 18-​jäh­ri­gen Ta­lent wurde vom Ju­gend­chef des VfB Stutt­gart im Som­mer 2013 mit­ge­teilt, dass er noch ein Jahr län­ger in der U19 spie­len müs­se. Eine so große Ent­täu­schung, dass Kim­mich mit dem Fuß­ball­spie­len auf Top-​Ni­veau auf­hö­ren und zu­rück zu sei­nen Kum­pels nach Bö­sin­gen woll­te.

Fa­mi­lie und Freunde über­re­de­ten ihn, es noch ein­mal zu probier­en. Über seine Be­ra­ter tur kam der Kon­takt zu RB Leipzig zu­stan­de. Kim­mich wech­selte, wurde zum Profi und Anfüh­rer. Zu­nächst beim da­maligen Zweit­li­gis­ten, nach sei­nem Trans­fer zum FC Bay­ern 2015 auch in Mün­chen und der National­mann­schaft. Seit die­ser Saison ist der ehr­gei­zige Schwabe im Mann­schafts­rat der Bay­ern.

Es brauchte genau eine Bun­des­liga-​Par­tie, bis es in der Bay­ern-​Ka­bine knall­te. Am Tag nach dem ent­täu­schen­den 2:2 gegen Her­tha zum Heim­auf­takt am 1. Spiel­tag wurde es laut: Renato Sanches (22), da­mals noch bei Bay­ern, bekam eine 10 000-​Euro-​Geld­stra­fe, da er das Auslaufen ge­schwänzt hat­te. Und auch Kim­mich sorgte für Är­ger: Laut­stark kri­ti­sierte er ge­gen­über Ko­vac, warum die Aus­wechs­lun­gen erst so spät statt­ge­fun­den hät­ten. Der Trai­ner hatte in der 85. und 87. Mi­nute ge­tauscht. Kim­mich kam um eine Geld­strafe her­um, da er sich am nächs­ten Tag beim Trai­ner für die Wort­wahl ent­schul­dig­te. Es war ein ty­pi­scher Kim­mich: Geht ihm etwas gegen den Strich, geht er an die Decke!

Es ist schön, im Mann­schafts­rat dabei zu sein,

sagt Kim­mich im Ge­spräch mit SPORT BILD . Neben den drei Ka­pi­tä­nen Ma­nuel Neuer (33), Tho­mas Mül­ler (30) und Ro­bert Le­wan­dow­ski (31) sind auch David Alaba (27) und Thiago (28) Teil der wie­der­ein­ge­führ­ten In­sti­tu­tion . „Ich werde da­durch nicht groß­ar­tig an­ders auf­tre­ten und auf den Putz hau­en, ich habe vor­her schon ver­sucht, au­then­tisch meine Mei­nung zu sa­gen“, sagt Kim­mich:

Es ist mir aber be­wusst, das ich mehr Ver­ant­wor­tung be­kom­me, spe­zi­ell in Sa­chen In­te­gra­tion von den Neu­zu­gän­gen. Ich den­ke, dass ich auch des­halb in die­sem Gremium dabei bin.

Kovac wählte Kim­mich vor allem als An­füh­rer der jun­gen deut­schen Garde um Go­retz­ka, Gna­bry und Süle aus. Darin sieht Kim­mich seine Auf­gabe aber nicht be­schränkt: „Ich kann gut mit den jun­gen Spie­lern, aber auch mit den aus­län­di­schen Spie­lern. Ich ver­su­che, mich da einzubrin­gen.“

Kovac kam mit der No­mi­nie­rung von Kim­mich in den Mann­schafts­rat Bun­des­trai­ner Jogi Löw (59) zu­vor. Auch bei der Na­tio­nalelf ist Kim­mich für den Spiel­er­rat vor­ge­se­hen, der aber erst vor der EM 2020 in­stal­liert wer­den soll. Der­zeit gibt es eine wech­selnde Grup­pe, die für Fra­gen rund um die Mann­schaft mit­ein­be­zo­gen wird. Neben Ka­pi­tän Neu­er, Toni Kroos (29) oder Marc-​An­dré ter Ste­gen (27) ge­hört Kim­mich aber schon jetzt zum fixen Kern der An­sprechpartner . Er ist in einer Whats­Ap­pGrup­pe, in der Team­ma­na­ger Tho­mas Be­hes­hti An­lie­gen mit dem Team vorab dis­ku­tiert.

Auf dem Feld will Kim­mich je nach Si­tua­tion auf Mit-​und Ge­gen­spie­ler ein­wir­ken. Teil­weise ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te, so wie im Con­fed-​Cup-​ Fi­nale 2017, als er sich mit dem da­ma­li­gen Team­kol­le­gen Ar­turo Vidal fetz­te. Kim­mich will nicht zwang­haft An­füh­rer sein und durch Posen oder große Sprü­che auf­fal­len. Wenn ihm etwas nicht passt, spricht er es an. Egal, gegen wen, manch­mal auch im falschen Ton -​ siehe Ko­vac.

Kim­michs Kör­per­spra­che wirkt oft ag­gres­siv, manch­mal sogar über­trie­ben. Auf der an­de­ren Seite muss die Frage er­laubt sein: Wen hat der FC Bay­ern noch auf dem Platz, der dem Geg­ner mal weh­tut? Einen Vi­dal, van Bom­mel, Ef­fen­berg? In der noch jun­gen Sai­son fiel Kim­mich bereits zwei­mal als Rambo-​Re­gis­seur auf: beim Su­per­cup in Dort­mund, als er Jadon San­cho (19) vor der BVB-​Bank auf den Fuß stieg. Und zu­letzt im Län­der­spiel gegen Hol­land (2:4), als er im Luft­zwei­kampf dem 13 Zen­ti­me­ter grö­ße­ren Matt­hijs de Ligt (20) einen Bo­dy­check gab und sich bei der an­schlie­ßen­den Ru­del­bil­dung meh­re­ren auf­ge­brach­ten Ge­gen­spie­lern stel­len muss­te.

Wich­tig für den An­füh­rer Kim­mich: seine Po­si­tion. Er macht kein Ge­heim­nis dar­aus, dass er lie­ber zen­tral als hin­ten rechts spielt:

Auf dem Platz kann ich im Zen­trum mehr Ein­fluss neh­men, ich bin näher dran an den Mit­spie­lern, habe auch mehr Kon­takt mit Geg­nern. Dort kann ich das Spiel viel mehr be­ein­flus­sen.

Wird Kim­mich für Kovac zur Sech­ser-​Lö­sung oder zum Pro­blem, da er auf die Rolle drängt, in der De­fen­si­vreihe aber wert­vol­ler ist? Vor der Sai­son wünschte sich der Coach einen Zu­gang für die Po­si­tion. Nun will der neue Boss Kim­mich dort blei­ben. Wei­tere hit­zige Dis­kus­sio­nen in der Bay­ern-​Ka­bine könn­ten fol­gen.

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