Meistertrainer Jupp Heinkes (2. v.r.) bedankt sich bei seinen Spielern nach dem vierten Trainer-Titel mit den Bayern
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Jupp Heinkes (2. v.r.) bedankt sich bei seinen Spielern nach dem vierten Titel als Bayern-Coach Quelle: getty Images / All rights reserved.

Jupp, der Menschenfänger

Trainer Heynckes hat die kriselnden Bayern im Stil eines Oberarztes geheilt. Dazu hat er ein neues Sprechzimmer. Seine Spieler und die Mitarbeiter schwärmen

Die „Campeones“-Sprechchöre hallten durch die Katakomben des Augsburger Stadions. Gerade hatten die Bayern den sechsten Titel in Folge perfekt gemacht. Während die Spieler sangen, gab Trainer Jupp Heynckes (72) ganz unaufgeregt TV-Interviews und ging in die Pressekonferenz. Sein Jubel war da schon wieder Geschichte. Draußen hatte er kurz mit den Fans gefeiert, nachdem sie ihm minutenlang mit „Jupp Jupp Jupp“-Sprechchören gehuldigt hatten. 

Es ist Heynckes’ vierter Meistertitel an der Seitenlinie. Erstmals holte er 1989 die Schale. Ebenfalls mit den Bayern. Vor 29 Jahren! Solch eine Zeitspanne zwischen erstem und letztem Titel ist ein Rekord für die Ewigkeit. Doch der Trainer will mehr: das zweite Triple nach 2013!

Die Spieler hat er noch einmal ganz explizit auf das Triple-Unternehmen eingestimmt. Nach der Länderspielpause versammelte er seine Spieler im Auditorium an der Säbener Straße und warf per Beamer einen Kalender an die Wand. Dann zeigte er seinen Stars: Diese Spiele stehen uns in der Saison noch bevor, wenn wir in allen Wettbewerben bis zum Schluss dabei sind!

Die Stimmung war wie elektrisiert. Mit dem Kalender-Trick wurde das Triple plötzlich greifbar. Seine Spieler mitzunehmen – das zählt zu den größten Stärken von Heynckes. Jupp, der Menschenfänger ... 

Das Trainerbüro von Heynckes liegt im Leistungstrakt des FC Bayern im ersten Stock. Im Laufe der vergangenen Monate bekam der Raum intern einen neuen Namen: das Sprechzimmer. Vor dem Büro gibt es eine kleine Couch, auf der Spieler oder Mitarbeiter mitunter warten, während Heynckes wie ein Oberarzt einen nach dem anderen empfängt. Heynckes’ Behandlungsmethode: Gespräche, Gespräche, Gespräche. 

Speziell in der heißen Phase der Saison ist es nun besonders wichtig, wenn der Trainer Spielern wie Arjen Robben vor der Partie in Sevilla erklären muss, warum sie nicht in der Startelf stehen.

Egal, ob Topstar oder Betreuer, für jeden hat der Trainer ein offenes Ohr: Mal erkundigt er sich in dem Raum mit weißen Möbeln, der tatsächlich an ein Arzt-Zimmer erinnert, nur in zwei, drei Sätzen nach dem Gesundheitszustand. Beim nächsten Besucher bleibt die Tür gleich für 20 Minuten verschlossen. 

Oberarzt Heynckes machte die Bayern wieder fit. Dazu gehören bei ihm nicht nur lange und regelmäßige Unterhaltungen, auf die Vorgänger Carlo Ancelotti verzichtet hatte. Sondern auch eine tägliche, ausführliche Visite. Heynckes ist regelmäßig in der Kabine der Profis. Und bekommt ganz nebenbei mit, wer wann eintrifft. 

„Mir ist Respekt im Umgang miteinander wichtig“, erklärte der Trainer bei seiner Einstandsrede und zog Parallelen zur Triple-Mannschaft von 2013: „Mich fasziniert es noch heute, wie hartnäckig und geschlossen die Mannschaft damals ihre Ziele verfolgt hat.“ Heynckes stellte einige Regeln auf: Handy-Verbot auf den Massage-Liegen, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Höflichkeit, gute Ernährung. Auf eigene Experten verzichtet er. Auch hier hatten die Bayern schlechte Erfahrungen gemacht: Ancelottis Ernährungsberater Mino Fulco setzte den Profis immer nur Nudeln vor und war im Team unbeliebt, Fitnesstrainer Giovanni Mauri ließ beim Rauchen im Trainerbüro schon mal die Tür auf, sodass der Qualm in die Kabine zog – selbst kurz vor Spielen.

Heynckes’ engste Vertraute sind entweder schon lange im Verein wie Co-Trainer Hermann Gerland, Torwarttrainer Toni Tapalovic und Fitness-Coach Holger Broich. Oder sie kennen ihn und den Klub seit Jahren wie Peter Hermann (66). „Jupp und ich haben uns 2009 in Leverkusen kennengelernt. Wir sind mehr als Kollegen, wir sind Freunde“, sagt Heynckes’ Assistent, der für 1,75 Millionen Euro von Düsseldorf abgeworben wurde: „Wir im Trainerteam kennen uns und den Verein seit Jahren. Es gibt ein Gefühl der totalen Verlässlichkeit, keiner ist link.“  Kollege Gerland (63) schwärmt: „Jupp war ein super Spieler, er ist ein großartiger Trainer und ein noch besserer Mensch.“

Genau diese Menschlichkeit ist es, die vielen seiner Spieler half. Thomas Müller stärkte er sofort in Einzelgesprächen und machte ihn wieder zum unantastbaren „Mega-Müller“. Auch Sven Ulreich, nach seinem Fehler gegen Wolfsburg Mitte September 2017 (2:2) verunsichert, redete er stark.

Ulreich bestätigt das: „Jupp Heynckes steht für seine Spieler sieben Tage die Woche 24 Stunden zur Verfügung. Er hat auch mir viel geholfen: Ich bin ein Spieler, der das Vertrauen spüren muss. Er hat bei mir die richtigen Hebel in Bewegung gesetzt.“ 

Aber Heynckes, der morgens um 8.15 Uhr immer als einer der ersten Mitarbeiter an der Säbener Straße erscheint, ist nicht nur der Seelsorger. Stunden steckt er in die Analyse der Gegner. Sein Standard-Ritual: drei bis vier Spiele des Gegners komplett ansehen, Szenen notieren und diese an die Videoscouts weitergeben, damit Lehrmaterial entsteht, das er seinen Spielern geben kann.

Zuletzt schärfte er ihnen ein, dass sie das Umschaltspiel sowie das Pressing verbessern müssten. „Wir dürfen uns keine Auszeiten erlauben“, erklärte der Trainer intern: „Jetzt kommen die großen Gegner und Spiele, in denen Kleinigkeiten entscheiden.“ 

Vom Triple mag Jupp Heynckes intern noch nicht sprechen, aber er kündigt an: „Wenn alle Spieler fit bleiben und wir auf die Details achten, können wir Großes erreichen.“ Wie 2013 ...