"Kahn muss Bayern von der Pike auf kennenlernen"

Autor : Tobias Altschäffl | 18.12.2019

Der Vorstands-Boss verrät, wie er seinen Nachfolger einarbeitet und was sich ohne Hoeneß noch ändert

SPORT BILD:Herr Rum­me­nig­ge, ver­mis­sen Sie seit dem Ab­schied von Uli Hoe­neß die be­rühm­ten knal­lend zu­fal­len­den Tü­ren, die es nach Streits im zwei­ten Stock an der Sä­be­ner Straße ge­ge­ben haben soll?

KARL-HEINZ RUM­ME­NIGGE (64):Die Türen haben schon seit lan­ger Zeit nicht mehr ge­knallt. Un­sere Be­zie­hung war immer von ge­gen­sei­ti­gem Re­spekt ge­prägt. Ich habe aber ge­se­hen, dass das Büro von Uli nun von Her­bert Hai­ner neu ein­ge­rich­tet wur­de.

Die be­rühm­ten Korb­mö­bel von Hoe­neß wur­den aus­ge­tauscht. Was hat sich ohne ihn ge­än­dert?

Her­bert Hai­ner hat sei­nen ei­ge­nen Stil, und ich kann jetzt schon nach kur­zer Zeit sa­gen, dass wir sehr gut und sehr kon­struk­tiv zu­sam­men­ar­bei­ten. Wir spre­chen oft mit­ein­an­der und tau­schen uns über alle wich­ti­gen The­men rund um den FC Bay­ern aus.

Auf der Tri­büne hat sich die Sitz­ord­nung etwas ge­än­dert, Ihr Nach­bar dort ist nicht mehr Hoe­neß, mit dem Sie jah­re­lang an­ge­regt dis­ku­tier­ten.

Es ist nicht wich­tig, wie wir da oben sit­zen, son­dern wie die Mann­schaft auf dem Platz spielt.

Na­tür­lich waren Uli und ich ein über viele Jahre ein­ge­spiel­tes Duo auf der Tri­bü­ne. Manch­mal hat er mir einen schö­nen Bo­dy­check ge­ge­ben, wenn wir ein Tor ge­schos­sen ha­ben.

Uli ist der emo­tio­na­lere Part auf der Tri­bü­ne, ich kom­men­tiere da­ge­gen mehr – vor al­lem, wenn mir etwas nicht ge­fällt …

Wie ver­än­dert sich Ihre Rolle nach dem Ab­schied von Hoe­neß?

Es gibt eine Auf­ga­ben­ver­tei­lung, die ge­re­gelt ist: Der Vor­stand ist für den ope­ra­ti­ven Part zu­stän­dig. Dar­über hin­aus haben wir einen Ge­schäfts­füh­rungs­plan, der das Zu­sam­men­spiel mit dem Auf­sichts­rat re­gelt.

Er­le­ben Sie ak­tu­ell den größ­ten Um­bruch der Ver­eins­ge­schich­te?

Die FC Bay­ern AG wurde im De­zem­ber 2001 ge­grün­det, und der Auf­sichts­rat hatte mir von An­fang an den Vor­stands­vor­sitz an­ver­traut. Ab 1. Ja­nuar wird Oli­ver Kahn (50) Mit­glied des Vor­stan­des sein, zum 1.7.2020 kommt dann auch noch Hasan Sa­liha­mid­zic dazu. Ich möchte aus­drück­lich be­to­nen, dass wir alle im Vor­stand sehr har­mo­nisch, loyal und gut zu­sam­men­ar­bei­ten. Das ist die Ba­sis, um den FC Bay­ern er­folg­reich zu füh­ren.

Wie genau läuft der An­lern­pro­zess von Oli­ver Kahn im Ta­ges­ge­schäft?

Mit Her­bert Hai­ner ist der so­ge­nannte „On­boar­ding-Pro­zess“ für Oli­ver be­spro­chen. Oli­ver muss den FC Bay­ern jetzt noch ein­mal von der Pike auf ken­nen­ler­nen. Dafür wird er alle Ab­tei­lun­gen für je­weils einen ge­wis­sen Zeit­raum durch­lau­fen und neu ken­nen­ler­nen. Na­tür­lich bein­hal­tet das auch un­sere in­ter­na­tio­na­len Ak­ti­vi­tä­ten mit un­se­ren Büros in New York und in Shang­hai, die Oli­ver eben­falls be­su­chen wird.

Kahn wurde auf der Jah­res­haupt­ver­samm­lung von den Fans fre­ne­tisch ge­fei­ert. Hat­ten Sie damit ge­rech­net?

Oli­ver ist ein wich­ti­ger Spie­ler in der Ge­schichte des FC Bay­ern. Den Bei­fall habe ich auch als Zu­stim­mung für die Ent­schei­dung des Klubs ge­wer­tet, wie es beim FC Bay­ern in Zu­kunft wei­ter­geht. Das­selbe galt auch für Her­bert Hai­ner: Er hatte in einer de­mo­kra­ti­schen Ab­stim­mung ein Er­geb­nis fast wie zu DDR-Zei­ten (98,1 Pro­zent).

Haben Sie Kahn auch wegen sei­nes Stan­dings bei den Fans ge­holt?

Er er­füllt meh­rere Kri­te­ri­en: Der FC Bay­ern war immer be­kannt da­für, mit ehe­ma­li­gen Spie­lern zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. Aber diese müs­sen auch die Vor­aus­set­zun­gen und Kom­pe­ten­zen ha­ben, die­sen Klub mit in­zwi­schen 750 Mio. Euro Um­satz zu füh­ren. Wir alle trauen Oli­ver das zu. Er wird das gut ma­chen.

Wo hat Kahn sein Büro?

Das wird bei uns im 2. Stock sein. Alle Vor­stands­mit­glie­der müs­sen auf einer Etage sein, das er­leich­tert die Zu­sam­men­ar­beit. Manch­mal kann man durch die of­fene Tür Dinge un­kom­pli­ziert klä­ren.

Droht ein Kom­pe­tenz­ge­ran­gel zwi­schen Ihnen und Kahn?

Nein, über­haupt nicht. Ich werde Oli­ver ein­ar­bei­ten. Und na­tür­lich wird Oli­ver von An­fang an Sitz und Stimme im Vor­stand ha­ben.

Kahn sitzt künf­tig bei allen Trans­fe­rent­schei­dun­gen mit am Tisch?

Oli­ver ist Teil des Vor­stands. Wir haben nor­ma­ler­weise jeden Mon­tag eine Vor­stands­sit­zung, dort kom­men alle Fak­ten auf den Tisch, es wer­den Ent­schei­dun­gen ge­fällt. Das bein­hal­tet auch Per­so­nal­ent­schei­dun­gen im Sport.

Wie sieht es bei der Trai­ner­su­che aus, wer ist ver­ant­wort­lich?

Der Vor­stand in Per­son von mir hat zu­sam­men mit Hasan Sa­liha­mid­zic einen kla­ren Auf­trag: Wir wer­den dem Auf­sichts­rat einen Kan­di­da­ten vor­schla­gen, der den Trai­ner­pos­ten am Ende be­klei­den soll.

Wäre es für den FC Bay­ern nicht die ein­fachste und beste Op­tion, mit Hansi Flick bis Sai­son­ende wei­terzu­ma­chen, auch, um Zeit zu ge­win­nen?

Es geht aus­schließ­lich dar­um, die beste Lö­sung für den FC Bay­ern zu fin­den.

So, wie wir jetzt Fuß­ball spie­len, ist es ein Stil, der nicht nur uns, son­dern auch den Fans ge­fällt.

Die wich­tigste Qua­li­tät im Spiel ist nicht ex­klu­siv das nackte Er­geb­nis, son­dern die Spiel­qua­li­tät. Man muss die Hand­schrift eines Trai­ners se­hen. Und das ist bei uns wie­der der Fall.

Gibt es das Kriterium „deutsch­spra­chig“ bei der Trai­ner­su­che nach wie vor?

Na­tür­lich ist das ein Vor­teil. Wir hat­ten in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren Top-Trai­ner wie van Gaal, Heyn­ckes oder Guar­dio­la. Das waren Trai­ner-Mei­len­stei­ne, die ihre Fuß­spu­ren hin­ter­las­sen ha­ben. Hansi ist ein an­de­rer Ty­pus, aber ich fin­de, er macht einen guten Job. Was wir brau­chen, ist ein Trai­ner, der für Ball­be­sitz­fuß­ball auf dem Ni­veau eines van Gaal, Heyn­ckes oder Pep Guar­diola steht. Das ist die Phi­lo­so­phie von Bay­ern Mün­chen.

Heyn­ckes äu­ßerte sich zu­letzt sehr po­si­tiv über Flick.

Ich schätze die Mei­nung von Jupp. Er war nicht nur ein her­vor­ra­gen­der Trai­ner, son­dern er ist auch ein wert­vol­ler Rat­ge­ber.

Was dach­ten Sie, als Jür­gen Klins­mann Trai­ner bei Her­tha BSC wur­de?

Das hat mich nicht über­rascht. Jür­gen hat schon lange mit den Hufen ge­scharrt. Man hatte den Ein­druck, dass er in den deut­schen Fuß­ball zu­rück­will. Ich wün­sche Jür­gen viel Glück und auch Er­folg mit der Hert­ha.

Wer wird der här­teste Meis­ter-Kon­kur­rent für Bay­ern?

Ich fin­de, die Bun­des­liga ist in der Spitze bes­ser ge­wor­den. Von der in­di­vi­du­el­len Qua­li­tät sind Dort­mund und Bay­ern Mün­chen den an­de­ren viel­leicht ein Stück vor­aus. Ich finde die Ent­wick­lung von Leip­zig, Glad­bach, Schalke und auch Le­ver­ku­sen gut, die Liga wird so span­nen­der und emo­tio­na­ler.

Braucht es einen Back-up für Ro­bert Le­wan­dow­ski?

Wir haben auf die­ser Po­si­tion mit Serge Gna­bry und Tho­mas Mül­ler Al­ter­na­ti­ven. Und mit Ro­bert den bes­ten Mit­tel­stür­mer der Welt. Wir sind auf die­ser Po­si­tion gut auf­ge­stellt.

Vor der Sai­son kam Michaël Cui­sance, ein Trans­fer, der ver­wun­der­te. Wie sehen Sie seine Ent­wick­lung?

Der Trans­fer war eine Emp­feh­lung von un­se­rer Scou­ting-Ab­tei­lung, die Michaël schon bevor er zu Mön­chen­glad­bach ging auf dem Zet­tel hat­te. Ich fin­de, dass er grund­sätz­lich ein ex­trem guter Links­fuß mit einer super Tech­nik ist. Er ist ziel­stre­big und ent­ge­gen sei­nem Ruf, der ihn aus Glad­bach be­glei­tet, sehr nett und dis­zi­pli­niert.

The­men­wech­sel: In Zü­rich hat sich mit Un­ter­stüt­zung der Fifa eine neue Welt-Klub­ver­ei­ni­gung ge­grün­det: die WF-CA. Aus Eu­ropa sind Real und Milan da­bei. War der FC Bay­ern vorab in­for­miert?

Ich war sogar in Zü­rich da­bei. Ich in­for­miere mich über al­les, was für den Klub-Fuß­ball und damit für Bay­ern Mün­chen Be­deu­tung hat. Aber ich habe von An­fang an ge­sagt, dass wir nicht di­rekt Mit­glied in der WFCA wer­den möch­ten. Wir möch­ten das erst ein­mal aus Sicht des FC Bay­ern be­wer­ten und an­schlie­ßend Ge­sprä­che mit der ECA und der Uefa füh­ren.

Sie haben in­zwi­schen ge­spro­chen, auch mit Uefa-Prä­si­dent Ce­fe­rin. Ihr Ur­teil?

Es gibt viel­leicht die oder an­dere Über­le­gung in­ner­halb der ECA, die noch ein­mal über­dacht wer­den soll­te.

Was mei­nen Sie kon­kret?

Es ste­hen ja noch die fi­na­len Ent­schei­dun­gen über die Eu­ro­pa­po­kal-Re­form ab 2024 und über die Klub-WM aus. Die ECA hat jetzt ent­schie­den, dass eine Ar­beits­grup­pe, in der auch Aki Watzke Mit­glied ist, Ge­sprä­che über die Klub-WM mit der Fifa füh­ren wird.

Ihr Vor­schlag?

Der eu­ro­päi­sche Fuß­ball sollte mit den bes­ten Mann­schaf­ten bei der Klub-WM ver­tre­ten sein. Dann wird das auch wie­der ein Tur­nier mit großem Pres­ti­ge. Aktu­ell ist das nicht der Fall.

Fifa-Boss In­fan­tino spricht schon von einer Klub-WM mit 40,50 Teams. Ist diese Welt-Liga ein An­griff auf die Cham­pi­ons Lea­gue?

Nein! Es gib einen Be­schluss der Fifa-Exe­ku­ti­ve, der be­sagt, dass die Fifa-Klub-WM alle vier Jahre mit 24 Mann­schaf­ten je­weils im Juni an­stelle des Con­fed Cups aus­ge­tra­gen wird. Dau­er: zwei Wo­chen. Das neue For­mat und auch das Datum hal­ten wir alle für nach­voll­zieh­bar und sinn­voll. Aber es ist na­tür­lich in keinster Weise als Kon­kur­renz zur Cham­pi­ons League zu ver­ste­hen. Die läuft von Sep­tem­ber bis Ende Mai einer jeden Sai­son und ist bei allen Klubs und ins­be­son­dere bei den Fans ex­trem be­liebt.

Uefa und ECA dok­tern wei­ter an einer Re­form der Cham­pi­ons League ab 2024: bis zu 16 Fix­star­ter, die sich nicht mehr über die na­tio­na­len Ligen qualifi­zie­ren müs­sen, vier Ach­ter-statt acht Vie­rer­grup­pen. Wo geht die Reise hin?

Grund­sätz­lich ist es für mich nach­voll­zieh­bar, dass man sich über Re­for­men im Fuß­ball Ge­dan­ken macht. Ich glau­be, wir alle haben auch ver­stan­den, dass die Fans ein In­ter­esse an Tra­di­tion ha­ben, des­halb muss man jede Ver­än­de­rung mit hoher Sen­si­bi­li­tät be­glei­ten. Ich mache kei­nen Hehl aus mei­ner Mei­nung, dass mir die Cham­pi­ons League in ihrer heu­ti­gen Form sehr gut ge­fällt. Und wir sind glück­lich, dass wir uns für die K.o.-Phase qua­li­fi­ziert ha­ben, denn jetzt geht die Cham­pi­ons League so rich­tig los.

Real-Prä­si­dent Pérez plant laut der „New York Ti­mes“ eine zwei­stu­fige Weltliga mit je 20 Klubs und Auf- und Ab­stieg, die jähr­lich aus­ge­tra­gen wer­den soll. Ist der FC Bay­ern in diese Pläne in­vol­viert, und was hal­ten Sie da­von?

Davon habe ich keine Kennt­nis. Der FC Bay­ern steht ohne Wenn und Aber zur Bun­des­liga und zur Cham­pi­ons Lea­gue.

Sie hat­ten in SPORT BILD eine Rück­kehr der Cham­pi­ons League ins Free-TV ge­for­dert. Ab 2021 haben sich die On­line-Stre­a­ming-Dienste DAZN und Amazon alle Live- Spiele ge­si­chert. Das ZDF zeigt nur die drei End­spiele bis 2024 und ver­han­delt noch über eine High­lights-Sen­dung. Ist Ihre For­de­rung damit er­füllt?

Die Uefa ist ex­klu­siv für die Ver­gabe der TV-Rechte der Cham­pi­ons League verantwort­lich. Das ZDF über­tragt nun zu­min­dest die drei End­spiele live im Free-TV, viel­leicht kom­men ja die High­lights noch dazu. Ich hätte mich für die deut­schen Fuß­ball-Fans ge­freut, wenn sie dar­über hin­aus noch pro Spiel­tag ein Spiel im Free-TV zu sehen be­kom­men hät­ten.

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