Manuel Neuer: So führe ich die Bayern-Kabine

Autor : Tobias Altschäffl | 06.09.2017

Sport Bild: Herr Neuer, dass Sie Nachfolger von Philipp Lahm als Kapitän werden, war ein offenes Geheimnis. Dennoch: Wie war der Moment, als Sie offiziell von Ihrer Ernennung erfuhren?

Manuel Neuer (31): Karl-Heinz Rummenigge hatte mir die Entscheidung des Vereins schon sehr früh mitgeteilt. Carlo Ancelotti ist dann auch ganz offen damit umgegangen. Er hat mich später einmal mit den Worten begrüßt: „Capitano, du weißt, dass wir dich diese Saison brauchen!“

Ihr erster echter Kapitän als Profi war Marcelo Bordon bei Schalke 04. Was haben Sie von ihm mitgenommen?

Um ehrlich zu sein konnte ich mir da noch nicht viel abschauen. Als junger Spieler achtest du erst einmal nur auf dich selbst. Die Themen, die mich heute als Kapitän beschäftigen, sind ganz andere als mit 18, 19 Jahren. Da hast du noch nicht diese Weitsicht. Heute überlege ich, wie ich den jungen Spielern – Marco Friedl, Christian Früchtl, Felix Götze – helfen kann. Damals war meine Aufgabe, dass alle Bälle nach dem Training eingesammelt werden und die Tore richtig stehen.

Als Kapitän haben Sie die Ehre, dass Ihnen alle Pokale überreicht werden. Welchen wollen Sie unbedingt hochhalten?

Ich habe mich auch sehr gefreut, den Champions-League-Pokal ohne Binde in die Höhe zu recken (lacht). Aber ich kann mir vorstellen, dass es noch einmal ein anderes Gefühl ist, einen Pokal als Erster in die Hände zu bekommen. Dafür arbeite ich hart, diesen Moment will ich erleben. Natürlich ist es mein Traum, die Champions-League-Trophäe als Bayern-Kapitän in Empfang zu nehmen.

Ist der Champions-League-Titel nach den Abgängen von Lahm und Xabi Alonso unwahrscheinlicher?

Das glaube ich nicht! Wir haben erfahrene Spieler verloren, aber wenn man sich unsere Mannschaft ansieht, haben wir viele, die älter als 26, 27 Jahre alt sind. Wir sind für alle Herausforderungen gewappnet. Es ist bei uns ähnlich wie bei der spanischen Nationalelf, die 2008, 2010 und 2012 Titel holen konnte: Wir haben eine überragende Generation, die auch Abgänge kompensieren kann.

Was haben Sie von Philipp Lahm gelernt?

Dass die Zeit der Alleingänge vorbei ist. Früher gab es viel größere Abstände in der Hierarchie. Wenn jemand da einen Stefan Effenberg kritisiert hat, dann gab es danach auf die Socken.

Und heute?

Philipp hat die Leute mitgenommen, sich immer mit Thomas Müller, Basti Schweinsteiger und mir besprochen. Wir haben versucht, alle für unseren Weg zu begeistern. Nachzufragen: Was denkt ein Vidal, was denkt ein Coman? Denn wenn man Spieler bei Entscheidungen links liegen lässt, werden sich diese nie integriert fühlen.

Tragen Sie eigentlich eine spezielle Binde?

Nein, es ist das Standard-Modell unseres Ausrüsters Adidas mit Bayern-Emblem, das auch schon Philipp Lahm verwendete. Da hat sich nichts geändert, ich hatte keinen speziellen Design-Wunsch. Aber so eine Binde ist schon ein spezielles Symbol: Die hält normalerweise über die ganze Saison, ich selbst im Spiel oder der Zeugwart passen gut darauf auf. Die Kapitänsbinde wird auch, anders als das Trikot, nicht mit dem Gegner getauscht oder zu den Fans geworfen.

Haben Sie schon mit Jérôme Boateng gesprochen, der auch Ansprüche auf das Amt erhoben hat?

Jérôme ist ein ganz wichtiger Spieler, der seine Führungsqualitäten mitbringt. Er ist einer unserer Anführer. Die Hierarchie war schon in den vergangenen Jahren flach, jeder kann seine Meinung äußern. Von daher wird esmit Jérôme sicher kein Problem geben.

Ihre Stellvertreter sind Thomas Müller als Vize sowie Franck Ribéry als dritter Kapitän. Wer sind die anderen Führungsspieler?

Es sind zurzeit elf Spieler, die schon lange dabei sind und verschiedene Sprachen sprechen. Du musst aus sämtlichen Regionen die Spieler mitnehmen, einbinden: Javi Martínez, Arturo Vidal oder Thiago gehören aus der spanischen Fraktion genauso dazu. Wenn der Kern nur aus deutschen Spielern bestehen würde, hätten wir auf viele gar keinen Zugriff. Deswegen gehören neben den drei oben genannten, Thomas Müller, Mats Hummels, Jérôme Boateng, David Alaba und mir auch Franck Ribéry, Arjen Robben und Robert Lewandowski zum engeren Kreis.

Also ein Multi-Kulti-Führungsteam?

Wir müssen darauf achten, dass die Kommunikation immer funktioniert. Wir beziehen alle Spieler mit ein. Zudem ist es wichtig, dass viele verschiedene Positionen von Verteidigung bis Angriff vertreten sind. Wenn es nur Jérôme, Mats und ich wären, geht es nur um die Defensiv-politik. Es geht darum, dass die verschiedensten Sichtweisen vertreten sind – auf, aber auch neben dem Platz.

Was passiert, wenn acht Spieler für, aber drei gegen eine Entscheidung sind?

Dann ist es wie in der Demokratie: Es wird eine Mehrheitsentscheidung geben.

Thomas Müller hat unter Carlo Ancelotti einen schweren Stand. Nachdem er gegen Bremen nur auf der Bank saß, war Müller sehr angefressen.

Thomas ist lange genug im Geschäft dabei, er weiß, wann er sich wie äußert. Es ist positiv, wenn er sagt, dass er mehr spielen möchte. Genauso habe ich geäußert, dass ich jetzt gerne bei der Nationalmannschaft dabei gewesen wäre. Schlimmer wäre, wenn Thomas zufrieden ist, wenn er in Bremen auf der Bank sitzt.

Müller hinterfragte, ob seine Qualitäten von Ancelotti überhaupt gefragt seien.

Nach der Einwechslung in Bremen hat man aber Thomas’ Qualitäten gesehen. Er kann immer für Unruhe sorgen. Er ist ein ganz wichtiger Spieler für uns, speziell im letzten Drittel des Feldes. Thomas tut uns sehr gut. Das hat man auch in der Vorbereitung gesehen.

Matthias Sammer sagt, Thomas Müller müsse unumstritten sein und in der ersten Elf stehen, um die Mannschaft anführen zu können. Hat er recht?

Das würde ich bei Thomas so nicht unterschreiben. Er ist ein mündiger Spieler, der nicht so leicht einknickt. Thomas musste in der letzten Saison viel Kritik einstecken, weil nicht alles glatt gelaufen ist. Trotzdem war es so, dass er für uns, gerade bei den Führungsspielern, ein wichtiger Bestandteil war und immer wieder gefragt wurde. Deshalb hatte er trotz der unkonstanten Spielzeiten eine wichtige Rolle. Thomas kann das gut wegstecken.

Sie mussten nach dem Champions-League-Viertelfinal-Aus in Madrid und Ihrem Fußbruch 130 Tage pausieren. Haben Sie noch eine Schraube im Fuß?

Ich habe noch eine Schraube im Fuß, die drinbleibt, wenn sie keine Probleme macht. Ich fühle mich damit wohl und lasse es während der Karriere lieber drin, um nicht unnötig pausieren zu müssen. Ich habe keine Schmerzen mehr, aber mir fehlt der Rhythmus.

In Madrid mussten Sie mit gebrochenem Fuß elf Minuten weiterspielen.

Ja, wir konnten nicht mehr wechseln. Es gab noch kurz Hektik auf der Bank, weil ich raus wollte, aber wir schon dreimal gewechselt hatten. In meinem Hinterkopf war irgendwo die Regel, dass es in der Verlängerung eine zusätzliche Auswechslung gibt. Das war aber blöderweise nur im DFB-Pokal, nicht in der Champions League. So musste ich weiterspielen, obwohl ich eigentlich nicht mehr auftreten konnte. Ich habe sogar noch einige Rückpässe der Kollegen bekommen. Das war schon eine Wahnsinns-Situation, denn ich hatte schon einmal die gleiche Verletzung rechts, und mir war sofort klar, dass der Fuß gebrochen ist.

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