"Mia san mia kannst du nicht kaufen"

Autor : Christian Falk | 06.03.2019

Der designierte Nachfolger von Karl-Heinz Rummenigge erklärt, wie der FC Bayern auch dank der Klub-DNA in jeder Saison um den Champions-League-Titel mitspielen kann

SPORT BILD: Herr Kahn, Aufsichtsratschef Uli Hoeneß (67) bestätigte öffentlich, was SPORT BILD exklusiv berichtet hatte: Der FC Bayern plant, Sie als Vorstand in den Klub zurückzuholen. Wächst da zusammen, was zusammengehört?

Oliver Kahn (49): Aus meiner Sicht ging diese Beziehung nie wirklich so richtig auseinander, da wir auch nach meinem Karriereende 2008 immer in Kontakt geblieben sind. Mit Uli Hoeneß und Karl-Heinz-Rummenigge und dem einen oder anderen Spieler wie beispielsweise Bastian Schweinsteiger, war ich immer mal wieder im Austausch. Bedingt unter anderem auch durch meine TV-Experten-Rolle beim ZDF.

Es ist nach 2008 und 2017 der dritte Versuch des FC Bayern, Sie an den Klub zu binden. Wieso kann es diesmal klappen?

Der FC Bayern hat in aller Ruhe einen Umbruch in bestimmten Führungsbereichen eingeleitet. Ich habe 14 Jahre für diesen Verein gespielt und spüre weiterhin eine große Verbundenheit zu dem Klub, mit dem ich so viele großartige emotionale Momente erleben durfte. Meine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, war immer vorhanden, aber es muss auch passen. Die Konstellation ist jetzt eine andere.

Die Gespräche werden immer konkreter. Zuletzt trafen Sie Hoeneß zusammen mit Herbert Hainer, seinem Stellvertreter als Aufsichtsratschef. Wie lange gibt es diese Idee schon?

Das war ein fließender Prozess, in dem immer wieder mal Gespräche mit Uli oder Karl-Heinz geführt wurden. Die Dinge werden jetzt konkreter, auch was die Zeitabläufe betrifft. Für mich war dabei immer wichtig zu berücksichtigen, dass ich als Geschäftsführer von Goalplay Verantwortung für das operative Geschäft und mittlerweile über 20 Mitarbeiter trage und nicht von heute auf morgen aussteigen kann.

Rummenigge und Kahn – kann diese Konstellation denn klappen? Zu Ihren Spielerzeiten galt das Verhältnis nicht immer als einfach.

Ich wüsste nicht, dass ich mit Karl-Heinz irgendwelche Probleme hatte. So ein Einstieg bedarf einer Übergangsphase. In die Position des Vorstandschefs, die von Karl-Heinz Rummenigge ausgeübt wird, sollte man in einer Zeit, in der sich Vereine immer weiter zu großen mittelständischen Unternehmen verändern, nicht blauäugig einsteigen. Sollte es soweit kommen, sehe ich es als großen Vorteil, dass Karl-Heinz dann noch im Klub ist, um diesen Prozess zu begleiten.

Der FC Bayern gehört zu den Top-5-Klubs der Welt. Dieses Level zu halten ist eine spannende Aufgabe

Ihr Einstieg in den Klub soll im Januar 2020 erfolgen. Der Vertrag von Karl-Heinz Rummenigge läuft bis Ende 2021. Das wären nicht wie ursprünglich angedacht ein, sondern sogar zwei Jahre der Einarbeitungszeit auf der Vorstandsebene.

Um genau zu sagen, wie konkret das alles ausschauen soll, ist der jetzige Zeitpunkt noch zu früh. Aber der Begriff Einarbeitungszeit trifft es meiner Meinung nach nicht. Denkbar ist von Anfang an eine Position im Vorstand, mit klar zugeordneten Aufgaben. Parallel dazu ist es möglich, den FC Bayern als Ganzes kennenzulernen. Alles Weitere sollte sich dann ganz natürlich entwickeln.

Werden Sie denn schon jetzt in die Personalplanung für die Mannschaft miteinbezogen?

Der FC Bayern hat unter anderem mit Hasan Salihamidzic fähige Leute, die sich Tag und Nacht Gedanken über die Kaderkonstellation machen. Zum jetzigen Zeitpunkt halte ich das für nicht angebracht.

Ein Vorstandschef des FC Bayern hat Möglichkeiten, von denen andere Klubchefs nur träumen können. Ist es vor diesem Hintergrund der leichteste oder aufgrund der hohen Erwartungshaltung der schwerste Job im Fußball-Geschäft?

Man muss sich ja nur einmal anschauen, auf welches Niveau Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge den Verein gebracht haben. Der FC Bayern gehört seit Jahren zu den Top-5-Klubs auf der Welt. Dieses Level zu halten oder sogar auszubauen ist es eine spannende Aufgabe und eine große Herausforderung.

Uli Hoeneß sprach davon, dass Sie sich die Aufgabe ein Jahr lang anschauen und dann entscheiden könnten. Ist es denn für Sie vorstellbar, dass Sie nach einer Übergangsphase noch sagen könnten: „Ich glaube, das ist jetzt doch nichts für mich…“

In dem Moment, in dem ich mich für eine Aufgabe entschieden habe, gibt es für mich normalerweise kein Zurück mehr. Die Kombination aus dem Verständnis für wirtschaftliche Dinge, der Erfahrung aus 20 Jahren professionellem Fußball und über zehn Jahren analytischer Medienarbeit für das ZDF sollten dann ein starkes Fundament sein.

Gehört für Sie die oft zitierte Bayern-Familie zum Erfolgs-modell dieses Klubs?

Einige haben es ja ein wenig kritisch gesehen, dass Uli Hoeneß zuletzt davon sprach, dass man den extrem verdienten Spielern wie Franck Ribéry und Arjen Robben einen starken Abschied geben will, auch wenn man dafür die Meisterschaft riskieren würde. Uli Hoeneß hat das natürlich ein wenig überspitzt formuliert, dennoch habe ich das sehr ernst genommen. Für mich verkörpert dieser Satz einen der Kernwerte des FC Bayern, nämlich sein familiäres Element im Sinne von Dankbarkeit für verdiente Spieler. Dass solche Werte dann auch gelebt werden und nicht in der Schublade verschwinden, ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal des Vereins.

Auf dem internationalen Markt mitzuhalten wird eine Herausforderung

Was wird beim FC Bayern konkret noch anders gemacht?

Es gab schon zu meiner Zeit Spieler, die eine sehr hohe Identifikation zu diesem Klub hatten. Auch, weil viele aus dem eigenen Jugend-bereich kamen. Zu meiner Anfangszeit waren das ein Didi Hamann oder Christian Nerlinger, später dann Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger bis hin zu Thomas Müller oder David Alaba heute. Diese Spieler haben die DNA des FC Bayern bereits in sich. Als ich nach München gewechselt bin, musste ich diese Stück für Stück lernen und verinnerlichen. „Mia san mia“ kannst du nicht einfach so auf dem Transfermarkt kaufen. Diese Spieler dann später in den Verein einzubinden ist weiterhin ein wesentlicher Faktor.

Muss sich ein Klub wie der FC Bayern aber auch mal an die ganz großen internationalen Topstars bei Transfers heranwagen?

Das wird in Zukunft sicher nicht einfacher werden. Die Gelder, die in den europäischen Top-Vereinen für Transfers zur Verfügung stehen sind immens. Kaum ein Spitzenverein ist heute noch gezwungen, Spieler aus finanziellen Gründen abzugeben. Weiterhin auf dem internationalen Markt mitzuhalten wird eine Herausforderung werden.

Weil der FC Bayern weiterhin jedes Jahr das Ziel haben muss, um den Champions-League-Sieg zu spielen?

Natürlich muss der FC Bayern jede Saison das Ziel haben, die Champions League gewinnen zu wollen. Genauso wie er jedes Jahr Deutscher Meister werden will. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, die internationalen Ziele herunterzuschrauben, auch wenn ein Champions-League-Titel nicht planbar ist. Die Mannschaften von 2001 und 2013 haben nicht unbedingt mit der qualitativ besten Mannschaft die Champions League gewonnen. Sie haben das geschafft, weil sie Mannschaften waren mit unglaublicher Mentalität und einem gigantischen Willen. Damit kann eine Mannschaft vieles kompensieren. Diese Mentalität, die den FC Bayern auszeichnet, macht immer wieder den Unterschied aus.

Mit Sportdirektor Hasan Salihamidzic haben Sie die Champions League gewonnen. Auch mit Niko Kovac spielten Sie gemeinsam beim FC Bayern. Gehört auch das zur DNA?

Niko ist ein gutes Beispiel. Seine Entwicklung hat er auch aufgrund der Erfahrung, die er beim FC Bayern als Spieler gemacht hat, genommen. Er weiß, wie die enormen Ansprüche und Kritik einzuordnen sind. Das kann er deshalb so gut verarbeiten, weil er es aus Spielerzeiten kennt. Er sagte nach dem Sieg in Gladbach einen Satz, den ich bemerkenswert fand: „Ich habe bei Bayern Trainer gehabt, von denen ich sehr viel gelernt habe.“ Dieses System der Bayern-DNA befruchtet sich so immer wieder von selbst.

Die Einbindung von Ex-Spielern hat in München ja Tradition.

Auch andere Vereine haben erkannt, dass die Einbindung Sinn macht. Man muss nur nach Dortmund schauen, wo ein Sebastian Kehl einbezogen wurde. Simon Rolfes in Leverkusen, und Marcell Jansen ist beim Hamburger SV Präsident. Um das Kerngeschäft eines Fußballvereins wirklich zu verstehen, hilft es enorm, selbst als Profi gespielt zu haben. Wer darüber hinaus bereit ist, sich auch auf anderen Ebenen weiterzuentwickeln, schafft sich eine starke Basis.

Ex-Kapitän Philipp Lahm stand bei Bayern vor dem Einstieg als Sportchef, lehnte dann aber ab. Ist dieses Kapitel für Sie denn damit geschlossen? 

Philipp ist wie Bastian Schweinsteiger einer der Spieler, die diesen Verein zu hundert Prozent gelebt haben. Sie wissen, was es bedeutet, Erfolge immer und immer wieder zu bestätigen. Sie haben dieses Denken an andere Spieler weitergegeben. Solche Spieler sind für den FC Bayern München immer interessant.

Natürlich war der Post auf Instagram von Franck Ribéry nicht glücklich

Auch Gladbachs Sportvorstand Max Eberl hat eine Bayern-
Vergangenheit und wurde nach Ihrer Absage 2017 von Uli Hoeneß für den Sportdirektor-Posten ins Spiel gebracht. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?

Ich kann nicht beurteilen, wie konkret das mit Max Eberl damals war. Ich habe ihn in den vergangenen Jahren kennengelernt und schätze seine angenehme und offene Art. Seine Arbeit in Gladbach macht er seit Jahren auf höchstem Niveau.

Als Experte des ZDF werden Sie nicht nur seine Arbeit weiterhin beurteilen müssen. Zuletzt kritisierten Sie Mats Hummels dafür, dass er nach einem Spiel seine schwache Leistung damit entschuldigte, dass er krank ins Spiel gegangen sei. Sie meinten dazu, da würde es „im Kopf nicht stimmen“. Können Sie in Zukunft Bayern-Spieler überhaupt noch so hart anpacken? 

Als Experte des ZDF werde ich weiterhin die Dinge neutral bewerten und beurteilen. Grundsätzlich haben Spieler mit Kritik, solange sie eine rote Linie nicht überschreitet, kein Problem.

Wie bewerten Sie denn die sogenannte „Goldsteak-Affäre“ um Franck Ribéry?

Ich wusste bis dahin gar nicht, dass es so etwas wie ein goldüberzogenes Steak überhaupt gibt. Natürlich war der Post auf Instagram nicht glücklich.

Wie stehen Sie zu Frisören am Spieltag im Mannschaftshotel?

Ich gehe seit Jahren in München zum gleichen Friseur. Insofern bräuchte ich keinen im Mannschaftshotel …

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