Müller: "Ich will noch einmal den Henkelpott mit Bayern"

Autor : Tobias Altschäffl | 22.04.2020

SPORT BILD: Herr Mül­ler, mit 521 Pflicht­spie­len beim FC Bay­ern haben Sie be­reits Phil­ipp Lahm (517 Spie­le) und Bas­tian Schwein­stei­ger (500) über­holt, ste­hen in der ewi­gen Re­kord­spie­ler-Liste auf Platz sie­ben. Mit Ihrem neuen Ver­trag bis 2023 ist ein Ende noch nicht in Sicht. Wie fühlt man sich als le­bende Le­gen­de?

THO­MAS MÜL­LER (30): Ak­tu­ell fühle ich mich noch mehr le­ben­dig und aktiv als eine Le­gen­de. Was Re­korde und Spiele be­trifft, kom­men hof­fent­lich noch viele dazu in den nächs­ten drei Jah­ren – ent­schei­dend ist für mich aber, dass wir am Ende er­folg­reich sind.

Di­rekt vor Ihnen liegt Franz Be­cken­bauer mit 543 Spie­len. Sie wer­den den „Kai­ser“ also si­cher über­ho­len. Da­nach ste­hen Schwar­zen­beck (547), Au­gentha­ler (549), Gerd Mül­ler (576), Kahn (632) und Spit­zen­rei­ter Sepp Maier (642) auf der Liste – alles Le­gen­den. Er­schre­cken Sie selbst manch­mal, Ihren Namen in die­ser Reihe zu le­sen?

Ab­so­lut. Ge­rade über die Spie­ler der 70er-Jahre spricht man heute noch viel. Nicht aber wegen der vie­len Spie­le, son­dern weil sie so ex­trem er­folg­reich wa­ren. Drei­mal hin­ter­einander den Lan­des­meis­ter Pokal ge­won­nen zu haben , das macht sie zu wah­ren Le­gen­den. Na­tür­lich hat un­sere Ge­ne­ra­tion mit Manu, Bas­ti, Phil­ipp, Fran­ck, Arjen und mir ab 2010 den FC Bay­ern ge­prägt, da wir eben­falls eine ex­trem er­folg­rei­che Pe­ri­ode hat­ten. Wir konn­ten als ein­zige Bay­ern-Mann­schaft das Tri­ple ge­win­nen, waren drei­mal im Cham­pi­ons-League-End­spiel und haben na­tür­lich auch diese un­glaub­li­che Serie mit sie­ben Meis­ter-Ti­teln in Folge hin­ge­legt. Für mich gilt aber: Diese Ge­schichte soll noch nicht zu Ende ge­schrie­ben sein!

Ihre Re­kord­jagd könnte für Ihre Kar­riere ge­fähr­lich wer­den. Ihr zu­künf­ti­ger Vor­stands­chef Oli­ver Kahn liegt auf Platz zwei und gilt als sehr ehr­gei­zig. Trauen Sie sich zu, den Titan zu ver­drän­gen?

Ich habe jetzt noch min­des­tens drei Jah­re, je­weils mit 40 Spie­len pro Sai­son. Okay, viel­leicht ein 30er-Schnitt. Dann ist der zweite Platz hin­ter Sepp Maier für mich drin – wenn mich der Olli nicht vor­her raus­wirft, was er ja jetzt lo­cker könnte (lacht).

Wel­che Stür­mer­-Le­gende spiel­ten Sie frü­her als Kind auf dem Bolz­platz?

Ich hatte ein Tri­kot von Gio­vane El­ber. Und eines von Rug­giero Riz­zi­tel­li, auch eine große Bay­ern-Le­gende (lacht).

Neben Oli­ver Kahn könnte Ihnen von Ihrem ak­tu­el­len Vor­stands­chef Karl-Heinz Rum­me­nigge eben­falls ein Raus­wurf dro­hen. Mit Ihren 195 Tref­fern kom­men Sie sei­nem drit­ten Platz (217 Tore) in der ewi­gen Tor­jä­ger­liste ge­fähr­lich nah.

Zum Glück war das bis­her zwi­schen uns noch kein The­ma. Wobei Herrn Rum­me­nigge zu­gute kommt, dass ich meine Tor­quote in den letz­ten Jah­ren schon re­du­ziert habe. Die As­sists in­ter­es­sie­ren ja erst mal kei­nen. Ich hoffe na­tür­lich schon, dass ich meine Tor­quote wie­der stei­gern kann. Selbst­be­wusst ge­se­hen, sollte es schon mög­lich sein, Karl-Heinz Rum­me­nigge zu über­ho­len. Das peile ich an.

Re­kord­tor­jä­ger Gerd Mül­ler war einst Ihr Ama­teur-Trai­ner, auf Platz zwei liegt Ro­bert Le­wan­dow­ski. Wo sehen Sie ihn in der Stür­mer-His­to­rie des Klubs?

Bei den Le­gen­den kann ich Lewy noch nicht ein­ord­nen, denn für mich ist er ja ein Mit­spie­ler. Wenn es aber um die bes­ten Stür­mer in der Ge­schichte des FC Bay­ern geht, ist Lewy in Sa­chen Tore und Ef­fek­ti­vi­tät di­rekt hin­ter Gerd Mül­ler ein­zu­stu­fen. Noch vor Karl-Heinz Rum­me­nig­ge, der für mich eine FC-Bay­ern-Le­gende ist und zwei­mal Cham­pi­ons-Lea­gue­Sie­ger, Eu­ro­pas Fuß­bal­ler des Jah­res und Eu­ro­pa­meis­ter wur­de. Das spricht für sich. Am Ende zäh­len eben die Titel für einen Le­gen­den-Sta­tus.

Was sol­len die Fans rück­bli­ckend ein­mal über Tho­mas Mül­ler sa­gen?

Schön wäre es, wenn man nach mei­ner Kar­riere über mich sagen könn­te: Men­sch, die­ser Mül­ler! Selbst mit über 30 konnte er die Cham­pi­ons League noch ein­mal ge­win­nen. Das ist auf jeden Fall mein Ziel: Ich will nach 2013 noch ein­mal den Hen­kel­pott bei Bay­ern hoch­hal­ten. Man will ja nicht nur mit­spie­len und hof­fen, dass er einem ir­gend­wann wie­der zu­fliegt, die­ser Po­kal. In den ver­gan­ge­nen zwei, drei Jah­ren lief es jetzt bei uns nicht so rund, dass man die­ses Ziel groß hin­aus­po­sau­nen hätte kön­nen. Jetzt finde ich es aber an der Zeit, dass wir das als FC Bay­ern wie­der ein biss­chen mehr for­cie­ren soll­ten. Wir wol­len den Pott aktiv at­ta­ckie­ren.

Wie sehr schmerzt in die­ser Hin­sicht, dass die Cham­pi­ons-League-Sai­son auf­grund der Co­rona-Krise un­ter­bro­chen wur­de. In Eu­ropa zeigte sich kaum eine Mann­schaft so do­mi­nant und kon­stant wie der FC Bay­ern.

Ak­tu­ell fühlt es sich bit­ter an, weil wir gut drin waren und in der Rück­runde bis auf ein Un­ent­schie­den alle Spiele ge­won­nen hat­ten. Wir hat­ten das Ge­fühl – von un­se­rer Spiel­weise her und mit Blick auf die in­ter­na­tio­na­len Geg­ner -, diese Sai­son geht etwas für uns! Zumal der Ti­tel­ver­tei­di­ger und unser Vor­jah­res­be­zwin­ger Li­ver­pool schon aus­ge­schie­den war. Jetzt schau’n wir mal, wie es wei­ter­geht.

Hat die ak­tu­elle Mann­schaft denn die Qua­li­tät, die Cham­pi­ons League zu ge­win­nen?

Der Kader hat diese Qua­li­tät schon län­ger. Na­tür­lich müs­sen viele Ge­ge­ben­hei­ten pas­sen. Zum Bei­spiel Ver­let­zun­gen: Ich weiß noch gut, die ers­ten zwei Jahre unter Pep Guar­diola hat­ten wir auch einen tol­len Ka­der. Und dann war es März, April, und un­sere Flü­gel­zange mit Arjen Rob­ben und Franck Ribéry hat sich in den Reha-Be­reich ver­ab­schie­det. Das kannst du nicht zu hun­dert Pro­zent auf­fan­gen.

Wür­den Sie in Kauf neh­men , dass die Mann­schaft extra für ein Cham­pi­ons-League-Fi­nal­tur­nier in einer Stadt 14 Tage unter Qua­ran­täne ge­stellt wird, wie eine Uefa-Über­le­gung vor­sieht?

Es ist völ­lig klar, dass der Fuß­ball sich na­hezu allen Re­geln un­ter­wer­fen wür­de, die nötig sind, um zu spie­len. Es ist ja nicht so, dass wir in der Frei­zeit zum Spaß Fuß­ball spie­len. Man darf nicht ver­ges­sen: Es ist nicht nur unser Job, es hän­gen am gan­zen Fuß­ball­ge­schäft auch sehr, sehr viele Ar­beitsplätze dran. So­lange die Re­geln mit den Ge­set­zen und Vor­schrif­ten ver­ein­bar sind, wer­den wir Pro­fis spie­len. Wenn es sein muss, auch in Qua­ran­tä­ne.

Müss­ten auf Ihrer Au­to­gramm­karte mehr Cham­pi­ons-League-Ti­tel ste­hen?

Ja. Vom Ge­fühl her, dass man Eu­ropa mit do­mi­niert hat über diese ein, zwei, drei Jah­re, war das dann zu we­nig. Al­lein in Ma­drid waren wir zwei Jahre hin­ter­ein­an­der so­wohl mit Carlo An­ce­lotti als auch mit Jupp Heyn­ckes die bes­sere Mann­schaft, ein­mal im Halb­fi­na­le, ein­mal im Vier­tel­fi­nale – trotz­dem kamen wir nicht wei­ter. Ich habe jetzt das Glück, dass ich noch ein bis­serl Zeit habe. Ich sehe da schon noch Mög­lich­kei­ten.

Es gibt ein neues Fi­nale da­hoam 2022. 2012 schos­sen Sie in Mün­chen das 1:0, wähn­ten sich gegen Chel­sea auf der Sie­ger­straße …

Al­lein die­ses Fi­na­le! Das müsste ei­gent­lich schon als Sieg auf der Au­to­gramm­karte drauf­ste­hen. Aber das brau­chen wir nicht wie­der auf­rol­len.

Jetzt gibt es eine zweite Chan­ce, die Cham­pi­ons League 2022 zu Hause in Mün­chen zu ge­win­nen.

Klar ist das ein zu­sätz­li­cher Reiz. Aber egal in wel­chem Sta­dion, es geht dar­um: Ich will auf jeden Fall noch mal die Mög­lich­keit ha­ben, nach dem Pott zu grei­fen.

Ist Hansi Flick, der wie Sie eben­falls sei­nen Ver­trag bis 2023 ver­län­gert hat, Ihr letz­ter Bay­ern-Trai­ner?

Es wäre ein gutes Zei­chen für den FC Bay­ern, wenn Hansi Flick mein letz­ter Bay­ern-Trai­ner ist. Weil das be­deu­ten wür­de, dass auf jeden Fall bis 2023 kein Trainer­wech­sel mehr not­wen­dig wäre. Was wie­derum für Er­folg spre­chen wür­de.

Franck Ribéry ist Re­kord -Meis­ter mit neun Ti­teln, Sie haben der­zeit acht. Steht Tho­mas Mül­ler beim ak­tu­el­len Ver­trag­sende 2023 bei zwölf Ti­teln?

Das ist na­tür­lich das Ziel. Beim FC Bay­ern haben wir jedes Jahr auf der Lis­te, dass wir die Meis­ter­schaft ge­win­nen wol­len, und so steht es auch in mei­nem Ver­trag (lacht). Rich­tig ist aber: Für uns als Bay­ern-Pro­fis ist es un­er­träg­lich, je­mand an­de­ren an der Ta­bel­len­spitze zu se­hen.

Was sagen Sie zur Kampf­an­sage von Marco Reus, der zu­letzt in SPORT BILD sag­te, dass Dort­mund die Macht der Bay­ern bre­chen müs­se.

Und das mit Recht! Wenn er das nicht ma­chen wür­de, wäre er als Ka­pi­tän des BVB völ­lig fehl am Platz. Wir wol­len Kon­kur­renz, wir wol­len Geg­ner. Nie­mand soll uns den Titel mit der weiße Fahne über­ge­ben, wir sind heiß auf den Wett­be­werb. Mit dem Zu­satz: Am Ende wol­len wir ihn ge­won­nen ha­ben! Für uns hört sich das ja auch immer blöd an, wenn wir einem an­de­ren Ta­bel­len­füh­rer hin­ter­her­he­cheln und der dann sagt, sie wären mit dem drit­ten Ta­bel­len­platz am Ende ei­gent­lich zu­frie­den. Ich wün­sche mir sogar noch mehr von die­sen Kampf­an­sa­gen der Kon­kur­renz. Das ist doch das Salz in der Sup­pe.

Wür­den Sie denn im Falle eines Sai­sonab­bruchs den Meis­ter-Ti­tel als Ta­bel­len­füh­rer an­neh­men?

Wich­tig ist jetzt al­lein, dass wir es hin­be­kom­men, wie­der Fuß­ball spie­len zu dür­fen. Sollte die Sai­son am Ende nicht fer­tig ge­spielt wer­den kön­nen, ist für uns aus sport­li­cher Sicht al­leine ent­schei­dend, dass wir an der Ta­bel­len­spitze ste­hen. Ob der Titel uns dann in die­ser spe­zi­el­len Si­tua­tion of­fi­zi­ell an­er­kannt wer­den würde oder nicht, ist für mich nicht re­le­vant.

Ei­gen­ge­wächs, Stamm­spie­ler, Mann­schafts­rat, Vize-Ka­pi­tän – wer­den Sie denn auch am Ende noch Ka­pi­tän des FC Bay­ern?

Das hoffe ich nicht. Ich habe schon immer ver­sucht, Ver­ant­wor­tung im Team zu über­neh­men, aber Manu (Neu­er; d. Red.) darf sehr gerne mein Ka­pi­tän bis zu mei­nem Kar­rie­reende blei­ben.

Dazu müsste Neuer aber sei­nen Ver­trag ver­län­gern. Sie haben bis 2023 un­ter­schrie­ben, sei­ner läuft 2021 aus.

Die Rech­nung stimmt, sie sagt aber auch aus: Beide Par­teien haben noch über ein Jahr Zeit, sich an­zunä­hern und sich zu ei­ni­gen. Mein Wunsch wäre es, dass diese Ver­län­ge­rung am Ende ge­lingt.

Kön­nen Sie sich vor­stel­len , dass sich Ma­nuel Neuer durch Ihre zü­gige Ei­ni­gung mit Bay­ern unter Druck ge­setzt fühlt?

Tut er das? Wir haben uns im Vor­feld un­se­rer Ver­hand­lun­gen auch mal dar­über un­ter­hal­ten, und ich hatte nicht das Ge­fühl, dass sich Ma­nuel durch meine Ver­län­ge­rung unter Druck ge­setzt fühlt.

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