Keine Spielidee? Das entspricht nicht der Wahrheit!

Autor : Christian Falk, Tobias Altschäffl | 03.04.2019

Bayern-Trainer Niko Kovac wehrt sich vor dem Spitzenspiel gegen seine Kritiker. Auch das Verpassen der Meisterschaft wäre für ihn kein Beinbruch

SPORT BILD: Herr Kovac, Sie waren nach dem 1:1 in Freiburg sichtlich verärgert. Wie sehr schmerzt Sie der Verlust der Tabellenführung vor dem Gipfel-Duell gegen Borussia Dortmund?

NIKO KOVAC (47): Natürlich wären wir gerne als Tabellenführer in das Spiel gegangen. Jetzt wollen wir uns Platz 1 durch einen Sieg wieder zurückholen.

Sie haben die ganze Saison über das Ziel Meisterschaft offensiv ausgegeben, selbst als der FC Bayern neun Punkte hinter Borussia Dortmund lag. Ist das die Bayern-Mentalität, oder war es Zweck-Optimismus?

Das sind der Glaube und das Selbstbewusstsein, die in diesem Klub seit Jahrzehnten verankert sind, unsere Mentalität. Ich habe ebenso den Willen und Ehrgeiz. Viele haben sicherlich geschmunzelt, als wir dies immer wieder artikuliert haben, Meister werden zu wollen.

Sie waren von 2001 bis 2003 selbst Spieler beim FC Bayern. Hilft es Ihnen als Trainer, dass Sie damals die Klub-DNA aufsaugen konnten?

Der Spruch „Mia san mia“ kommt nicht von irgendwo. Ich habe das hier eingeimpft bekommen. Wir haben nicht nur eine große fußballerische Qualität, sondern sind auch im Kopf stark. Das trifft auf diesen Klub genauso wie auf mich selbst zu.

In der internen Rechnung hatte der BVB immer drei Punkte weniger als wirklich in der Tabelle – weil Sie den Heimsieg im Rückspiel schon eingerechnet haben!

Ja, so denke ich, so denken wir alle. Wir haben in Dortmund toll gespielt und unglücklich 2:3 verloren. Aber Dortmund muss jetzt nach München, in unsere Arena. Da rechnet jeder bei uns mit einem Heimsieg. Das geben wir nicht nur nach außen preis, das leben wir auch intern. Wobei wir natürlich wissen: Uns steht eine tolle Mannschaft gegenüber.

Mats Hummels prophezeit: Wenn Bayern Meister werden will, darf man sich nur noch einen Ausrutscher erlauben – und den nicht im direkten Duell.

Das Restprogramm ist ungefähr gleich schwierig. Wir dürfen uns nicht mehr viel erlauben. Zum Saisonende hin wird es intensiver: Die Mannschaften kämpfen um die internationalen Plätze, gegen den Abstieg. Alle Kraft wird noch einmal mobilisiert. Dessen sind wir uns bewusst: Wir müssen die Konzentration hochhalten.

Viele haben geschmunzelt, als wir weiter artikuliert haben, Meister werden zu wollen

Im Leistungstrakt gab es in der Hinrunde ein Plakat, das die Aufholjagd auf den BVB illustrieren sollte. Haben Sie weitere Tricks genutzt, um Ihr Team zu motivieren?

Das Plakat war die Idee des Vereins, mit meiner Zustimmung. Wir haben uns in den vergangenen Wochen von nichts ablenken lassen. Der BVB macht diese Saison wirklich einen tollen Job, die Art und Weise, wie die Jungs kicken, gefällt mir. Aber: Wenn wir unsere Klasse abrufen, sind wir die beste Mannschaft Deutschlands und werden Meister.

Was sind die Lehren aus der 2:3-Niederlage in der Hinrunde?

Wir haben in der ersten Halbzeit versäumt, den Sack zuzumachen. Wir haben nicht nur dort, sondern auch in der Folge in vielen Spielen eine Führung hergegeben. In sechs von 27 Bundesliga-Spielen hatten wir eine Phase, die nicht gut war: gegen Dortmund, Augsburg, Düsseldorf, Freiburg, Berlin und Gladbach. Wir sind seit neun Monaten zusammen. Sieben Monate haben wir das abgerufen, was wir können. Eineinhalb Monate nicht.

Gegen Dortmund sowie zweimal gegen Liverpool und Ajax Amsterdam – also vermutlich die drei stärksten Gegner der Saison – konnte Bayern nicht gewinnen. Woran liegt das?

Zum einen an der Qualität des Gegners, die sehr hoch war. In Dortmund waren wir in der ersten Halbzeit nah dran. Gegen Ajax hatten wir zu Hause Glück (1:1), auswärts hätten wir beim 3:3 gewinnen müssen. Gegen Liverpool konnten wir im Rückspiel (1:3) nicht unsere Leistungsgrenze erreichen, das war nicht unser Tag. Ich glaube aber, dass wir in den letzten Wochen viele richtig gute Spiele abgeliefert haben.

Was spricht am Samstag für den FC Bayern, was für die Dortmunder?

Wir hatten beim Hinspiel eine schwierige Phase, mussten dort gewinnen. Dortmund war damals in Topform. Die Beule, die wir damals hatten, haben sie jetzt in der Rückserie bekommen. Am Samstag haben wir die volle Unterstützung des Stadions. Meine Spieler haben solche Partien in ihrer Karriere zuhauf gespielt. In diesen Momenten sind sie maximal fokussiert.

Wie nehmen Sie BVB-Trainer Lucien Favre wahr?

Er ist ein Gentleman, ein sehr angenehmer Zeitgenosse. Lucien ist sehr ruhig, eher introvertiert. Er wirkt sehr bescheiden, arbeitet auf fachlich sehr hohem Niveau. Er bekommt den Umbruch sehr gut hin.

Der Umbruch ist bei uns in Form von großen Investitionen noch nicht passiert beziehungsweise wird im Sommer umgesetzt.

Favre haftet der Ruf des Grüblers an, der in schwierigen Phasen in sich gekehrt ist, detailversessen. Wie gehen Sie damit um, wenn der Druck größer wird?

Manchmal würde vielleicht mehr Abstand helfen, aber ich versuche dann, noch mehr aus Details rauszuholen, eine weitere Tür aufzumachen, hinter der vielleicht zwei weitere Türen sind, um wirklich alles zu sehen.

Sie treten sehr souverän auf, lassen sich selten provozieren. Zuletzt, nach dem 6:0 gegen Mainz, wirkten Sie ausnahmsweise gereizt, als Ihnen die Frage gestellt wurde, ob Sie für den Bayern-Umbruch der richtige Trainer seien.

Wir haben an diesem Spieltag 6:0 gewonnen, die Frage war deplatziert. Außerdem: Hinter den Umbruch, von dem hier immer wieder gesprochen wird, setze ich auch mal ein Fragezeichen.

Wie meinen Sie das?

Den Kader-Umbruch, den Dortmund vollzogen hat, haben wir in dieser Form noch nicht hinter uns. Wir haben jetzt die Aufgabe, unsere möglichen Ziele zu erreichen: die Meisterschaft und den Pokalsieg. Der Umbruch ist bei uns in Form von großen Investitionen noch nicht passiert beziehungsweise wird im Sommer umgesetzt. Hasan Salihamidzic ist vor eineinhalb Jahren gekommen. Ich im letzten Jahr. Wie viel Geld hat der FC Bayern in der laufenden Saison ausgegeben?

Circa zehn Millionen Euro Ablöse für Alphonso Davies.

Und wie viel der FC Liverpool und Jürgen Klopp in den vergangenen vier Jahren?

Etwa 440 Millionen Euro.

Sehen Sie: Man muss irgendwo schon auch fair bleiben und das analytisch und sachlich angehen.

Für einen Bayern-Trainer waren Sie sehr bescheiden, haben keine Spieler gefordert wie einst Pep Guardiola mit dem Satz „Thiago oder nix“. Im Nachhinein ein Fehler?

Die Situation bei uns ist eine andere als bei vielen Klubs. Uli Hoeneß hat das zuletzt erklärt: Bayern München hat mit sehr großen Spielern die letzte Dekade geprägt, und wir haben eine Vorstellung davon, in welcher Form verdiente Spieler verabschiedet werden sollen. Deswegen habe ich keine großen Forderungen gestellt. Was in der neuen Saison passiert, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Bayern-Trainer Niko Kovac spricht mit Thiago Alcantara im Training© Getty Images (Foto: Christof Stache)
Niko Kovac nimmt sich viel Zeit für Gespräche mit seinen Spielern

Müssen Sie die Schale holen, damit Sie sicher im Sattel sitzen?

Ich glaube, Uli Hoeneß hatte gesagt, er könne auch gern mal auf einen Meistertitel verzichten. Wenn man das zugrunde legt, wäre das kein Beinbruch, wenn wir nicht Meister werden. Aber wir sind Sportler: Wir haben gekämpft, wir hatten neun Punkte Rückstand, keiner hat mehr einen Pfifferling auf uns gesetzt. Aber wir sind zurückgekommen!

Kann es eine gute Saison gewesen sein, wenn Bayern nicht Meister wird?

Unser Anspruch ist die Meisterschaft, dem stelle ich mich. Jeder, der hier Trainer wird, will und muss eigentlich Meister werden. Aber so einfach ist es nicht immer. Real Madrid ist nun nach drei Champions-League-Siegen ausgeschieden. Paris Saint-Germain trotz eines unglaublichen wirtschaftlichen Aufwandes auch. Es gibt diese Momente für einen Verein.

Ärgert Sie die Diskussion, dass Ihnen die Handschrift in der Offensive abgesprochen wird?

Wenn ich den Stand von heute (aktuell 69 Tore) und vom gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison (66 Tore) nehme, kann ich das nicht teilen. Zu sagen, wir hätten keine Spielidee, entspricht nicht der Wahrheit.

Tuchel oder Guardiola gelten als Taktik-Nerds, Sie nicht.

Das ist so nicht richtig. In Frankfurt galt ich als genau dieser Taktik-Nerd, da ich sehr viele verschiedene Systeme spielen ließ. Als ich nach München kam, bestand ein System, das sich seit der Zeit von Louis van Gaal (Trainer 2009 -2011) durchzieht. Es gab wenige Modifikationen, vielleicht unter Pep Guardiola. Die Mannschaft fühlt sich in diesem System wohl, von daher besteht nicht die Notwendigkeit, großartig etwas Neues zu kreieren. Damit hätte man die Mannschaft verwirrt und ihr die Sicherheit genommen. Weil ich das System nicht ändere, heißt es, ich kann es nicht? Nein, das ist nicht korrekt.

Werden sich die gewohnten Systeme mit dem 4-2-3-1 bzw. 4-1-4-1 durch die Transfer-Offensive im Sommer ändern?

Diese DNA wird Bestand haben, denn das ist der FC Bayern: So wird gescoutet und rekrutiert.

Wenn Sie wie Guardiola einen Wunsch formulieren dürften, wäre es: „Jovic oder nichts!“?

Es gibt viele interessante Spieler, wir verfolgen nicht nur die Bundesliga. Aber ich will jetzt unsere Spieler stärken, nicht schwächen. Die Qualität der vorhandenen Spieler ist groß genug, um unser Ziel – das Double – zu holen.

Bringen Sie bei den Transfers Ihre Wünsche ein?

Es ist nicht so, dass es eine eigene „Kovac-Liste“ gibt. Aber wir reden viel, wir sind zu einem hohen Prozentsatz deckungsgleich.

Die Jungen treiben die Älteren zu Höchstleistungen

Wie nun bei Lucas Hernández, der für 80 Millionen Euro von Atlético Madrid kommt. Was denken Sie über Kai Havertz, der 100 Millionen Euro kosten soll?

Er ist ein absolutes Talent, ein toller Spieler. Er wird früher oder später sicherlich Leverkusen verlassen. Dass wir über einen kommenden Topspieler sprechen, daran besteht kein Zweifel.

In der Abwehr gab es teilweise schon den Umbruch: Lag eine Gefahr darin, als Sie Niklas Süle zum Stammspieler und die Weltmeister Hummels und Boateng zu den Herausforderern machten?

Ein Trainer macht manchmal Sachen, um den einen oder anderen zu piksen, um das volle Potenzial wieder rauszuholen. Ich bin mir sehr sicher, dass diese Maßnahme gefruchtet hat. Mats und Jérôme spielen wieder sehr gut, auf dem hohen Level, auf dem wir sie vom FC Bayern oder der Nationalmannschaft seit Jahren kennen. Genau das war meine Intention bei der Ansage. Manchmal muss man Maßnahmen ergreifen, um den einen oder anderen wachzurütteln.

Im Umbruch bei der Nationalelf spielt Süle eine große Rolle. Fühlen Sie sich bestätigt?

Nicht nur ich, sondern der FC Bayern an sich. Wir hatten fünf Spieler, die beim 3:2 gegen Holland auf dem Platz standen. Vier davon sind 23, 24 Jahre alt (Kimmich, Gnabry, Goretzka, Süle). Sie sind die Zukunft des deutschen Fußballs. Und man hat gesehen: Wenn es um alles geht, zeigen unsere Jungs die Qualitäten, um die Nationalelf nach vorne zu bringen. Die Jungen treiben die Älteren zu Höchstleistungen.

Wann hören die Diskussionen um Manuel Neuer auf?

Für mich waren sie nie da! Ich empfand die Stimmung gegen Manuel zuletzt als tendenziös. Gegen Liverpool hat er für mich keinen Fehler gemacht. Beim 0:1 von Mané hat er sich perfekt verhalten. Zudem wurden immer wieder Paraden des anderen Torwarts (Marc-André ter Stegen) gezeigt und gegengeschnitten. Das fand ich nicht fair. Manuel ist der Beste.

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