Niko Kovac: "Weniger Erfolg wird nicht verziehen"

Autor : Tobias Altschäffl | 31.07.2019

Sport Bild: Herr Kovac, mit dem Supercup gegen Dortmund startet Samstag Ihre zweite Saison als Bayern-Trainer. Was sind Ihre Lehren aus der turbulenten, am Ende mit dem Double aber erfolgreichen ersten Spielzeit?

Niko Kovac (47): Als Trainer hinterfragst du dich tagtäglich, analysierst Wochen, Monate. Ich habe mir über mein erstes Jahr viele Gedanken gemacht: Was war gut, was lief nicht nach meinem Geschmack? Dementsprechend versuche ich, Dinge anzupassen, die zu verbessern sind. 

Worum geht es konkret?

Fußball ist ja nicht nur 90 Minuten auf dem Feld. Es geht um Trainingsvorbereitung und -nachbereitung, Spiel-Analysen, den Mitarbeiterstab, die Spieler, das Team, den Umgang und Kontakt miteinander. Das ist so komplex, dass einer allein das nicht bewältigen kann. Dafür brauche ich Mithelfer, auf die ich mich verlassen kann.

Sie sagten, dass Sie sich nach der Saison viele Gedanken gemacht haben. Haben Sie da erst wirklich realisiert, wie anstrengend das Jahr war, in dem Sie trotz zweier Titel gefühlt mehrmals fast entlassen waren?

Ich habe ein sehr bewegtes Jahr hinter mir. Wenn man nach so einer Saison zur Ruhe kommt, setzt sich das alles erst einmal. Ich hatte Zeit zum Nachdenken, was ich intensiv getan habe.

Nur wenn ich mich hinterfrage und lerne, kann ich den nächsten Schritt gehen.

Die „SZ“ schrieb, Sie hätten sich sogar Gedanken über einen Rücktritt gemacht.

Für mich persönlich war das kein Thema. Ich sitze hier.

Wie empfanden Sie auf der US-Reise den Umgang mit Karl-Heinz Rummenigge, der als einziger Verantwortlicher aus der Führung mit dabei war? 

Wir haben einen sehr guten Umgang miteinander. Im Vergleich zur Reise im vergangenen Jahr hat sich da für mich nichts geändert.

Rummenigge hat Ihnen vergangenes Jahr im Saisonfinale eine Jobgarantie verweigert. Gab es eine Aussprache?

Wir sind beide alt genug und wissen, wie ein Umgang miteinander aussehen sollte. Ich bin Angestellter dieses Klubs, ein sehr loyaler Mensch. Ich habe meine Aufgaben, die ich bewältigen muss. Daran halte ich mich.

Aber gehen Sie belastet in die neue Saison?

Wir haben miteinander keine Probleme gehabt und auch jetzt keine Probleme.

SPORT BILD thematisierte zuletzt die Macht der Bundesliga-Trainer. Spüren Sie, dass der Einfluss immer geringer wird?

Der Trainer ist per definitionem leitender Angestellter. Auf dieser Position hat man – egal ob in einem Unternehmen oder in einem Fußballverein – Aufgabenbereiche und eine gewisse Verantwortung. Diese „Macht“ oder besser Befugnis ist aber abhandengekommen. Aus welchen Gründen, darüber müssen wir uns Gedanken machen.

Wenn man sich andere Länder ansieht, ist dort der Stellenwert des Trainers anders als in der Bundesliga. 

Gibt das Modell in England, wo der Trainer gleichzeitig auch Manager ist, dem Coach mehr Macht und Freiheiten?

Es hat doch mit unserem Modell in der Vergangenheit in Deutschland auch funktioniert! Es ist ein gesellschaftliches Problem. Man muss zusehen, jedem die nötige Wertschätzung und den nötigenRespekt entgegenzubringen. Ich weiß, dass die Erwartungshaltung heutzutage sehr hoch ist: Es gibt 18 Bundesliga-Trainer, jeder soll – auf dem Niveau des Klubs – erfolgreich sein. Das geht eben nicht immer. Aber: Weniger Erfolg wird keinem Trainer mehr verziehen.

Allein die Halbwertszeit eines Bundesliga-Trainers von nur noch 1,2 Jahren zeigt, dass es in die falsche Richtung geht: nur noch schnell, schnell. Wie kann man da etwas entwickeln?

Das ist in anderen Ländern, sei es in England oder Italien, anders. Die Institution Trainer ist dort eine ganz andere.

Spielen in Ihre Aussagen auch die offen geäußerten Forderungen beim FC Bayern, dass es nächste Saison in der Champions -League bitte schön weiter gehen soll als bis ins Achtelfinale, mit ein?

Dass die Ziele beim FC Bayern sehr groß sind, wissen alle. Dennoch muss man rational an die Sache herangehen und die Dinge sauber bewerten: Wir sind im Achtelfinale ausgeschieden. Mit einem sehr guten Hinspiel und einem weniger guten Rückspiel. Auf der anderen Seite war mit Liverpool aber auch ein Gegner, der zum zweiten Mal hintereinander im Finale stand und am Ende die Champions League gewonnen hat.

Welches Ziel ist in der Königsklasse realistisch?

Wir wollen weiter kommen als vergangene Saison, das ist unser Anspruch. Aber wir brauchen dafür auch das nötige Glück bzw. zu diesem Zeitpunkt fitte Spieler, die in Topform sind.

Ottmar Hitzfeld betont im Gespräch mit SPORT BILD, dass ein Bayern-Trainer 20 Feldspieler braucht, die das Niveau haben, Bundesliga zu spielen. Stimmen Sie da überein?

Das ist deckungsgleich mit meinen Gedanken und Aussagen. 23 Spieler inklusive Torhüter ist eine gute Größe. Das heißt, dass wir 16 bis 18 gestandene und zwei bis vier junge Spieler brauchen. Die Formel lautet also 18 plus 2 oder 16 plus 4. Wobei die Jugendspieler zuvor von den gestandenen Spielern schon so viel gelernt haben sollten, dass sie für das Niveau Bundesliga bereit sind. 

Sie haben sich in der Sommerpause, als Hernández, Pavard und Arp bereits verpflichtet waren, vier Neuzugänge gewünscht. Wäre es ein schlechtes Signal für Sie, wenn diese Forderung nicht erfüllt wird?

Noch mal: Das war eine Feststellung, keine Forderung. Das wurde falsch interpretiert. Ich habe das festgestellt, da ich als Trainer im Worst-Case-Szenario denken muss. Diesen Worst Case hatten wir in der vergangenen Saison, als sich an den ersten drei Spieltagen mit Coman, Tolisso und Thiago drei Spieler schwer verletzten. Speziell Coman und Tolisso haben uns über die gesamte Saison gefehlt. Deswegen muss man immer einen Plan B haben, Alternativ-Lösungen, die das stemmen können. Das ist meine Überlegung. Und ich weiß, dass unsere Verantwortlichen daran arbeiten, den Kader so gut zu bestücken, dass wir es kompensieren könnten, sollten ein oder mehrere wichtige Spieler ausfallen.

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