Salihamidzic: „Der Job war für mich am Anfang ein Crashkurs“
Aktuell aus
Salihamidzic: „Der Job war für mich am Anfang ein Crashkurs“ Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Salihamidzic: „Der Job war für mich am Anfang ein Crashkurs“

Der Sportdirektor zieht nach einem Jahr Bilanz

Sport Bild: Herr Salihamidzic, ist Ihnen bewusst, dass der FC Bayern in einer Tabelle das Schlusslicht der Bundesliga ist?

Hasan Salihamidzic (41): Nein, in welcher?

Bei den Transfer-Ausgaben für die neue Saison. Als einziger Bundesligist hat Bayern null Euro ausgegeben, Gnabry war verliehen, Goretzka kam ablösefrei.

Wahnsinn, oder? Wobei das ja nicht ganz stimmt: Wir haben Alphonso Davies verpflichtet, der schon etwas gekostet hat (10 Mio; d. Red), aber erst im Januar zu uns stößt. Unser Ziel ist es, in allen Wettbewerben ganz oben dabei zu sein. Und wir wollen ein Klub sein, der in diesen verrückten Zeiten anders vorgeht. Es sind irrationale Summen im Spiel. Wir haben einen Top-Kader mit sehr guten Spielern, denen man Vertrauen schenken muss – auch wenn wir uns bis zum Ende der Transferperiode (31. August; d. Red.) alle Türen offenlassen.

Kann Real Madrid ein Vorbild für Bayern sein? Die Königlichen ließen in den vergangenen beiden Jahren ihr Team wachsen, ohne einzukaufen.

Das stimmt nicht ganz. Real hat im Nachwuchsbereich viel Geld ausgegeben, hat junge Spieler für 20, 30 Millionen Euro geholt. Das sind für mich hohe Summen. Natürlich kann es bei uns auch den Moment geben, in dem wir bereit sind, viel Geld auszugeben: Wenn wir der Meinung sind, dass wir sofort reagieren und etablierte Qualität auf dem Platz einkaufen müssen. Im Moment versuchen wir vor allem, den Transfermarkt zu antizipieren wie beim 17-jährigen Davies. Der Kader für die anstehende Saison genügt allen Ansprüchen. Der neue Trainer kann diese Mannschaft durch neue Reize – Stichworte sind hier Mentalität, Kondition, Flexibilität, verschiedene Angriffsschemen, Gegenpressing – auf eine andere Stufe heben. Die Handschrift von Niko Kovac wird peu à peu sichtbar werden.

Ist der Kader des FC Bayern stark genug für den Champions-League-Sieg?

Absolut. Wir haben im Mai mit der gleichen Mannschaft fast das Finale der Champions League erreicht. Dort wollen wir wieder hin. Wenn alle fit sind in der entscheidenden Phase, kann diese Mannschaft die Champions League gewinnen.

Kommt Benjamin Pavard noch in diesem Sommer?

Benjamin Pavard ist ein sehr interessanter Spieler. Man muss einmal sehen, was passiert.

Hat Sie das Lewandowski-Theater über den Sommer genervt?

Überhaupt nicht. Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und ich haben uns sehr früh besprochen. Unsere Entscheidung war schnell getroffen: Wir lassen Robert nicht gehen. Ich bin glücklich, wie Robert jetzt in der Vorbereitung vorneweg geht, sich einsetzt. Es ist eine Augenweide, wie dieser Junge spielt. Er ist für mich der beste Mittelstürmer der Welt.

Sie selbst hatten am 1. August das einjährige Dienstjubiläum beim FC Bayern. Haben Sie diesen Tag eigentlich gefeiert?

Nein. Am Nachmittag hat mir ein Mitarbeiter gratuliert. Ich habe gefragt: „Wozu?“ Das Jubiläum war für mich überhaupt nicht wichtig.

Wie empfanden Sie den Sprung ins kalte Wasser vor einem Jahr?

Am Anfang war es tatsächlich turbulent: Die erste Krise, das 0:3 in Paris, die Entlassung von Carlo Ancelotti. Das war ein Crashkurs. Ich habe viele Sachen in kurzer Zeit gelernt, habe mich reinfinden müssen. Aber ich hatte auch von Anfang an klare Vorstellungen, was ich machen und aufbauen möchte.

Was haben Sie verändert?

Ehrlicherweise habe ich manches in den Fachabteilungen vorgefunden, das nicht so gut funktioniert hat. Wir haben zum Beispiel das Scouting reformiert. Die Ärzteabteilung wurde ausgetauscht. Bei den Physios haben wir neue Strukturen geschaffen, die Aufgaben wurden teils neu verteilt. Die Zusammenarbeit mit dem Nachwuchs-Leistungszentrum wurde verbessert und alles enger und effektiver verbunden.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Wir wollen unsere Leute von unten nach oben an das Leistungsniveau der Profimannschaft heranführen. Nicht nur Spieler: Auch die Physios, Videoanalysten, Scouts der Jugend- und Nachwuchsmannschaften können sich in diesem System fortbilden und aufsteigen. Wir setzen auf unsere Mitarbeiter. Dass Niko Kovac das verstanden und nicht darauf bestanden hat, einen ganzen Betreuerstab mitzubringen, war ein wichtiges Kriterium für unseren Entschluss, ihn zu engagieren.

Gibt es weitere Beispiele?

Die Leistungsdiagnostik, welche es nun schon von der U 16 an gibt – so können wir die Langzeit-Entwicklung aller Spieler verfolgen und steuern. Zudem wurde ein „Jour fixe“ eingeführt, die kompletten Abteilungen treffen sich einmal im Monat. Sie sollen als Gruppe eine eigene Identität bilden, miteinander diskutieren, auch Probleme ansprechen und gegebenenfalls ausräumen.

Als Sie Spieler waren, wurden Ihre Interviews für die Authentizität gelobt. Nun gab es immer wieder Kritik. Trifft Sie das?

Überhaupt nicht. Ich musste mich erst einfügen in eine noch dynamischere Medienwelt. Ich musste den Job kennenlernen. Jetzt hat sich das mit der Kritik nach meinem Empfinden gelegt.

Was war anfangs das Problem?

Vor allem, dass ich über sehr viele Dinge sprechen musste, die ich ja nicht zu verantworten hatte. Ich saß doch zwischen den Stühlen. Einerseits musste ich den Verein schützen, andererseits sollte ich Kante zeigen in der stürmischen Zeit als neuer Sportdirektor. Das war nicht möglich. Deswegen musste ich – salopp gesagt – zuweilen herumeiern. Aber ich habe mich freigeschwommen, und mit jeder Entscheidung mehr, die ich treffe, ist es für mich einfacher, über die Dinge zu sprechen. Ich fühle mich nun in meiner Haut sehr wohl.

Niko Kovac ist Ihr Transfer. Worauf haben Sie bei der Trainersuche besonderen Wert gelegt?

Nach Pep Guardiola und Carlo Ancelotti wollten wir einen Deutsch sprechenden Trainer verpflichten; einen Trainer, der akribisch arbeitet, der auch für deutsche Mentalität in der Kabine steht, der fleißig ist, eine deutlich positive Entwicklung und gewisse Erfolge vorweisen kann. Natürlich spielte für mich eine Rolle, dass Niko und ich zusammen gespielt haben, wir sprechen auf Augenhöhe. Zwischen Niko und mich passt kein Blatt Papier.

Bei der Vorstellung von Niko Kovac saßen Sie auf dem Podium, Hoeneß und Rummenigge fehlten. War das ein Signal nach außen?

Für mich war das normales Tagesgeschäft. Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß haben mich geholt, damit ich mich um die Mannschaft, um die sportliche Entwicklung im Verein kümmere. Beide wollen den Generationswechsel einleiten. Das bedeutet auch, dass sie Verantwortung abgeben. Und das tun sie.

Sind Sie nun, nach dem Abschied von Jupp Heynckes, das verbindende Glied zwischen Hoeneß und Rummenigge?

Uli und Karl-Heinz kennen sich seit 40 Jahren, die haben ein ganz persönliches und eigenes Verhältnis. Verbinden muss ich da nichts, die wissen genau, was sie aneinander haben. Als Jupp Heynckes im Oktober 2017 kam, mussten wir gemeinsam wieder Ruhe in den Verein bringen.

Sind beide für Sie Mentoren?

Definitiv. Ich lerne viel von ihnen, sie helfen mir viel. Aber, was immer vergessen wird: Ich helfe auch ihnen. Sie sind froh, im Tagesgeschäft nicht mehr alles regeln zu müssen. Und sie wollen auch nicht, dass ich sie täglich über jede Kleinigkeit informiere.

Die Verträge von Rummenigge und Hoeneß laufen 2019 aus. Würden Sie sich wünschen, dass beide verlängern?

Das ist mein großer Wunsch. Sie haben so viel Erfahrung und diesen Klub dort hingebracht, wo er heute ist. In dieser Zeit des Umbruchs mit irrwitzigen Veränderungen auf dem Transfermarkt, mit Globalisierungschancen und konflikten sind beide unglaublich wichtig und nicht zu ersetzen. Gleichzeitig bauen sie ihre Nachfolger auf. Ich hoffe sehr, dass beide über 2019 hinaus weitermachen.