Sepp Maier: „Heute wird aus allem Theater gemacht“

Autor : MANschaftsbus.de-Team | 27.02.2019

Sport Bild: Herr Maier, Sie sehen blendend aus. Nicht unbedingt wie einer, der am 28. Februar seinen
75. Geburtstag feiert.

Sepp Maier (74): Ich komm gerade aus der Antarktis vom Südpol. Drei Wochen Kreuzfahrt mit der MS Bremen. Hunderttausende von Pinguinen auf engstem Raum. Wenn die so viel raufen und streiten würden wie die Menschen, gäbe es bald keine Pinguine mehr.

Fußballer in Ihrem Alter haben neue Hüften und Kniegelenke …

Bei mir ist alles echt. Ich brauche in der Früh zwar lange, bis ich normal gehen kann. Gelenkig ist was anderes. Für mein Alter bin ich fit.

Was tun Sie dafür?

In erster Linie sind das die guten Gene. Einmal im Jahr lass ich mich durchchecken. Ich müsste am Nacken Massagen bekommen, vor allem nach dem Golfspielen, bin aber zu faul für Termine. Vor zehn Jahren habe ich einen Stent bekommen (Röhrchen, das verengte Herzkranzgefäße erweitert; d. Red.). Das passt.

Ihre Kollegen aus den goldenen 70ern zählen die Bypässe. Franz Beckenbauer hat vier. Günter Netzer sogar sechs.

Das ist eben so im Alter. Da erzählt man meistens von den Krankheiten. Ich habe das dick. Früher haben wir über die Mädchen geredet … Wobei, die beiden waren wirklich schwer krank – man muss ihnen Mut zusprechen.

In Worte gefasst …

… dass man auch mit 70 oder 75 eine goldene Zukunft vor sich hat. 15 Jahre, 20. Man sollte planen, ein Ziel vor Augen haben. Ich habe immer noch viel Gaudi beim Golf. Mit Franz Beckenbauer einmal pro Jahr, mit Bulle Roth öfter. Viele Ehemalige treffe ich da.

Am schlimmsten ist der demente Gerd Müller dran. Der größte Torjäger aller Zeiten lebt seit gut vier Jahren im Heim.

Vor fünf Jahren traf ich ihn bei einer Ausstellung in der Allianz Arena anlässlich meines 70. Geburtstags. Er hat mich immer wieder lange angeschaut – und wohl nicht erkannt. „Schau her, Gerd, der Sepp“, sagte die Uschi, seine Frau. Da hat er sich riesig gefreut. Man sagte mir, dass er mich jetzt nicht mehr erkennen würde. Die letzten Jahre, die ich lebe, will ich mir keine Gedanken über das Elend auf dieser Welt machen, sondern das Schöne in der Welt sehen, das Leben genießen. Die Welt ist super, nach wie vor – auch wenn die Menschen verrückt geworden sind. Total verrückt.

Was stört Sie am meisten?

Aus allem wird ein Theater gemacht. Wenn um 21 Uhr Champions League ist, fangen sie im Fernsehen schon um 18 Uhr an. Danach noch mal bis Mitternacht. Das ist alles übertrieben. Gut, wer es sehen will … Und dann die sozialen Medien, WhatsApp, Twitter, Facebook, Instagram.

Sind Sie da dabei?

Klar, ich möchte doch mit der Zeit gehen. Aber ich poste nicht, dass wir beide jetzt hier in meinem Wohnzimmer zusammensitzen.

In London ließen sich vor dem 0:3 bei Tottenham fünf Spieler des BVB einen Friseur ins Hotel kommen …

Das haben wir höchstens vor Europa- und Weltmeisterschaften gemacht, wenn wir fünf Wochen weg waren. Aber nicht, wenn ich einen Tag weg bin, vor dem Spiel. Das ist ein bisschen krank.

Warum sieht auf manchen Fotos Ihr Haar besonders voll aus?

Als 1978 die Löckchen modern waren, hatte ich einen Werbevertrag für eine Minipli von Schwarzkopf. Ich musste mich für ein Jahr verpflichten und nach Paris fliegen. In meiner Freizeit natürlich.

Hatten Sie immer Lust auf Fußball?

Ich habe mich auf jeden Trainingstag gefreut, nach zwei Tagen Urlaub wurde mir langweilig, wenn ich nicht Fußball spielen durfte. Haupt-sache ich hatte einen schönen hellblauen oder schwarzen Torwartpulli an. 20 Jahre aktiv gespielt, 25 Jahre Torwarttrainer – Mensch, war das schön.

Am meisten wehgetan hat Ihnen 2004 Bundestrainer Jürgen Klinsmann, als er Sie beim DFB ausmusterte.

Das war eine unfaire Sache. Im Nachhinein sag ich mir: Was soll’s eigentlich? Irgendwann musste ich ja aufhören. 2008 machte ich dann auch bei Bayern Schluss, weil Oliver Kahn seine Karriere im Tor beendete. 49 Jahre war ich bei diesem Verein – und bin immer noch mit dem Herzen dabei.

Wenn Sie Klinsmann heute treffen würden.

Dann gebe ich ihm die Hand. Wir sind doch Männer. Und keine beleidigten Leberwürste. Obwohl mir die Arbeit mit jungen Leuten riesig Spaß gemacht hat. Niemand von denen hat je gesagt: „Jetzt kommt ja das Arschloch schon wieder.“

Sie gehen heute kaum zu Spielen …

Nein, da gehen meine Tochter und der Schwiegersohn mit meinen Karten hin. Ich verfolge das lieber auf der Couch. Und freu mich riesig, wenn ich an der Säbener Straße vorbeikomme und die alten Angestellten treffe. Die Masseure, die Betreuer, den Zeugwart, das ist eine Riesen-Gaudi.

Sie mussten 1979 nach einem -Autounfall mit 35 Jahren Ihre Karriere beenden. Blutet Ihnen nicht das Herz, wenn Sie sehen, wie Gianluigi Buffon mit 41 im Tor von Paris St-Germain steht?

Der Lew Jaschin stand mit 42 noch im Tor (1950 bis 1971; d. Red.), weil er froh war, wenn er aus Russland rauskam. Heutzutage freilich ist das schon eine Riesenleistung. Der Buffon kann auch noch mit 50 halten. Das Leben danach allerdings ist auch schön. Länger schlafen, mehr golfen.

Und plötzlich wird die Waage dein Feind …

Auf dem Schiff habe ich jetzt fünf, sechs Kilo zugenommen. Ich schau an mir runter und sehe ein kleines Wamperl. „Sepp, wie schaust denn du aus“, schimpf ich mich. Ich habe mein Leben lang keinen Bauch gehabt. 82 Kilo hab ich jetzt. Im Sommer sind es weniger.

Sie halten mit 442 Bundes-liga-Spielen am Stück einen einsamen Rekord. Wie haben Sie das geschafft?

Wenn ich eine Bänderverletzung hatte, hat mich der Dr. Spannbauer mit Cortison vollgepumpt. Dann hast nix mehr gespürt. Und als ich mir mal den Finger gebrochen hatte, hat mir der Professor Viernstein eine Schiene aus Silber gemacht. Ich habe im Spiel den Zeigefinger über den Mittelfinger getapt, bin so in den Handschuh geschlüpft, habe so wochenlang gespielt und trainiert. Da ich nie gefaustet habe, alle Bälle aus der Luft pflückte, gab es nie Schwierigkeiten.

Mit Oliver Kahn, Ihrem Lieblingsschüler, sind Sie auf
Mallorca jedes Jahr eine Woche lang golfen.

Wir haben guten Kontakt.

Beerbt er bei Bayern Karl-Heinz Rummenigge?

Wenn er lange warten kann … Ich trau es ihm zu.

Ohne Erfahrung?

Das hat er ganz schnell intus, wenn er sich dafür interessiert. Er schafft es locker.

Ist er ein Typ wie Präsident Uli Hoeneß, der als Manager 1979 bei Bayern begann?

Uli war anders, kannte jeden. Wer ein Auto brauchte, einen Kühlschrank, einen Fernseher – Uli wusste immer, wo es Prozente gab. So ein Typ ist Oliver Kahn nicht. Bei den heutigen Gehältern ist das nicht mehr nötig. Obwohl – die, die am meisten verdienen, sind oft die Schlimmsten (lacht).

Präsident Uli Hoeneß bekommt viel Gegenwind. Was soll aus ihm werden?

Nur weil es Uli Hoeneß gab, ist der FC Bayern so groß geworden. Er hat dafür alles gegeben. Hat so viel Gutes getan. Er sollte sagen, jetzt reicht’s. Er muss nicht krampfhaft am FC Bayern festhalten. Die sogenannte Grundgesetz-Pressekonferenz hat ihm sehr geschadet. 90 Prozent der Anhänger haben das schlecht gefunden. Ich muss Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rumme-nigge aber recht geben, dass manche mit Bayern schamlos umgegangen sind. Ein FC Bayern müsste da dennoch darüber-stehen.

Wie könnte Uli Hoeneß den Absprung schaffen?

Wenn Bayern die Meisterschaft und die Champions League gewinnt, könnte er kürzertreten. Aufsichtsratsvorsitzender ist er eh bis 2022. Ein FC Bayern ohne Uli Hoeneß geht sowieso nicht.

Sie haben Zeiten erlebt, in denen es viel zu lachen gab. Zum Beispiel, wenn Trainer Dettmar Cramer (Europacupsiege 1975 und 76) mit Ihnen Torwarttraining machte. Sie nannten ihn „laufender Meter“, weil er mit 1,61 Metern klein war, nicht den härtesten Schuss hatte. 

Ich lief den Bällen entgegen und klaubte sie auf. Er schrie: „Sepp, du musst fliegen.“ Ich sagte, dass seine Schüsse zu schwach sind. Er solle näher ans Tor kommen. An den Fünfer. Damit ich gefordert bin. Er holte dann mit Werner Kern den ersten Torwarttrainer.

Haben Sie schon mal ein vergoldetes Steak gegessen wie Franck Ribéry?

Bin ich blöd? Vergoldetes Steak. Darüber wird überhaupt nicht nachgedacht. Der Ribéry macht viele Sachen. Fährt mit überhöhter Geschwindigkeit, sitzt am Steuer, telefoniert und stellt das auch noch ins Netz. So deppert musst erst mal sein.

Über Ihre Späße kann man lachen. So wie 1967 in der Nacht vor dem 1:0 im Europacup-Finale gegen die Glasgow Rangers …

Hansi Rigotti und ich schliefen im Doppelbett. Ich habe geträumt, dass die Leute applaudieren, weil ich einen Ball aus der Luft gepflückt hatte. Es tat einen lauten Schrei, ich hatte den Kopf von Rigotti in den Händen, drückte fest zu. „Willst du mich umbringen?“, schrie er. „Sei froh, dass ich keinen Abschlag gemacht habe“, sagte ich.

Sepp Maier ist mit 699 Pflichtspielen Rekordspieler des FC Bayern München.©
Sepp Maier ist mit 699 Pflichtspielen Rekordspieler des FC Bayern München.

Wenn es um Ihre größten Spiele geht, ist den Leuten die WM 1974 in Erinnerung: die Wasserschlacht in Frankfurt gegen Polen (1:0), das WM-Finale gegen Holland (2:1).

Es waren die bedeutendsten Spiele, und ich hatte das Glück, dass es was zu halten gab. Anders als beim Bodo Illgner 1990 im WM-Finale gegen Argentinien (1:0; d. Red.). Er bekam nur einen Schuss aufs Tor.

2014 war dann ein überragender Manuel Neuer gefragt. Er hatte zuletzt einige Verletzungen. Ist er immer noch die Nummer eins? Oder ist Marc-André ter Stegen schon gleichauf?

Der Marc-André ter Stegen ist in Barcelona außer Sichtweite. Wenn er in Deutschland geblieben wäre, könnte es anders aussehen. Es muss im Tor eine klare Nummer eins geben. Du kannst auf dieser wichtigen Position nicht dauernd hin- und herwechseln. Auch wenn ter Stegen momentan besser wäre, musst du den Neuer spielen lassen.

Wie entwickelt sich das Torhüter-Spiel?

Es ist ein Schmarrn, dass heute alles anders ist. Ich bin früher auch beim Angriff 20 Meter vor dem Tor gestanden, andere auch.

Sie verfolgen sicher die Bayern-Spiele gegen Liverpool …

Klar. Dort habe ich 1971/72 im Europacup der Pokalsieger mein bestes Spiel gemacht. Die Engländer haben damals schon von der Mittellinie reingeflankt. Ich war immer zwischen Fünfer und Elfer gestanden. Raus, abfangen, raus, abfangen. Ich rückte immer weiter nach vorne, bis mich der Schiedsrichter verwarnt hat. „Für dich ist hier Schluss“, sagte er und zeigte auf die Strafraumlinie. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich außerhalb des Sechzehners stand. Wir schafften ein 0:0, siegten in München im Achtelfinale 3:1 (zweimal Müller, einmal Hoeneß; d. Red.).

1979, Gyula Lorant war gerade gefeuert worden, verpflichtete Präsident Wilhelm Neudecker hinter dem Rücken der Mannschaft den Schleifer Max Merkel als Trainer. Es war Neudeckers Ende …

Ich war der erste und wohl auch einzige Spielführer der Bundes-liga, der einen Präsidenten abgesägt hat. Neudecker war ein zorniger, sturer Kerl. Versprach uns, dass der von uns favorisierte Co-Trainer Pal Csernai Cheftrainer wird, wenn wir in Braunschweig und in Mönchengladbach drei Punkte holen. Niemand traute uns das zu. In Braunschweig spielten wir unentschieden. Da hörten wir, dass schon Montag ein neuer Trainer kommt. Als Kapitän teilte ich Neudecker mit, dass die Mannschaft am Montag in Streik tritt, wenn Merkel kommt. „Sie Gewerkschaftsboss“, brüllte er ins Telefon. „Hier bestimme ich, was passiert.“ „Es gibt doch ein Versprechen“, sagte ich. „Wir gewinnen in Gladbach. Kommen Sie doch am Montag in den Besprechungsraum.“ Er kam mit hoch-rotem Kopf: „Hiermit trete ich als Präsident zurück. Auf Wiedersehen, meine Herren.“ Wir siegten dann in Gladbach 7:1, waren vor lauter Lachen nicht mehr zu stoppen.

In Bremen blockierten Fans mal den Bayern-Mannschaftsbus.

Wir stürmten raus, schnappten uns den Anführer, 17 Jahre jung vielleicht. Wir setzten ihn neben den Fahrer und ließen ihm immer wieder Schnee in den Rücken fallen. Zum Abkühlen. Er bettelte, dass er raus darf. Am Flughafen gaben wir ihm seine grüne Fahne wieder und ließen ihn raus. Er hat uns nicht wegen Freiheitsberaubung angezeigt.

1971 flog in Essen ein Messer.

Sie warfen dort mit allem, auch mit einem Küchenmesser, 30 Zentimeter lang. Es steckte neben mir im Boden. Danach wurden die Gitter hinter dem Tor angeschafft.

Sprechen wir wieder über Lustiges. Sie haben mit vielen Trainern Späßchen gemacht.

Dem Helmut Schön (Bundestrainer von 1964 bis 1978; d. Red) habe ich mal zu den elf Namen auf die Tafel des Gegners zwei dazugeschrieben. Bei der Mannschaftssitzung geriet er ins Schwitzen. „Wer deckt denn die da? Da sind zwei Mann übrig“, murmelte er. „Wir sind doch elf. Oder?“

Ihre Späßchen machten Sie auch mit Sport-Journalisten.

Auf der Reise zu Real Madrid erzählte ich einem Kollegen von der Abendzeitung, ich wäre nachtblind, würde mit Haftschalen spielen. Das war die Schlagzeile. In Wirklichkeit sah ich in der Nacht so gut wie ein Uhu. Ja, und dann die Story im slowakischen Presov. Da mussten Journalisten stundenlang auf einen Anruf warten, um ihre Artikel durchzugeben. Ich band einem unter dem Tisch die Schuhbänder zusammen, weihte eine Kellerin ein. Die sagte: „Herr Müller, Telefon.“ Er stand auf – und bumm hat’s gemacht, lag er am Boden.

Sie wirken so was von fidel. Experten sagen, Sex halte jung. Sie auch?

Ja, bei mir auch (lacht).

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