So überzeugte er die Bayern

Autor : Tobias Altschäffl | 08.03.2020

Ansprache, Umgang, Taktik: Das hat der Trainer alles verändert!

An sei­nem Ge­burts­tag am ver­gan­ge­nen Mon­tag leuch­tete auf dem Handy von Hansi Flick (55) der Name sei­nes ehe­ma­li­gen Chefs auf. Ex-Bay­ern-Trai­ner Niko Kovac (48) nahm Kon­takt zu sei­nem ehe­ma­li­gen As­sis­ten­ten auf und gra­tu­lierte Flick zum Ge­burts­tag. Schon zuvor hat­ten beide immer wie­der SMS-Aus­tausch. Die Stim­mung ist durch­aus herz­lich. Die At­mo­sphäre im Ver­ein hin­ge­gen ist seit dem Ko­vac-Aus wie ver­wan­delt.

Wie hat es Flick ge­schafft, alle im Ver­ein hin­ter sich zu brin­gen? Und was macht er an­ders als Ko­vac, der trotz Dou­ble-Ge­winns kri­tisch be­äugt und in der ers­ten Krise der Sai­son An­fang No­vem­ber 2019 ent­las­sen wur­de?

Der in­terne Klima-Um­schwung zeigt sich schon beim Um­gang der Spie­ler mit ihrem Chef. Flick kam im Som­mer als neuer As­sis­tent, war vom ers­ten Tag an der Mann mit dem of­fe­nen Ohr für die Stars. Da es oh­ne­hin viele Spie­ler gab, die trotz der Er­folge mit Kovac nicht warm wur­den, war Flick in einer guten Aus­gangs­po­si­tion – und nutzte diese nach sei­ner Amts­über­nahme als Haupt­ver­ant­wort­li­cher An­fang No­vem­ber.

An­ders als bei Ko­vac, den bei­nahe alle Spie­ler nur mit „Trai­ner“ neu­tral an­spra­chen (le­dig­lich Neuer und Mül­ler duz­ten ihn re­gel­mä­ßig), ist bei Flick das „Du“ aus­drück­lich er­wünscht. Und zwar für jeden Spie­ler. Flick geht auf seine Män­ner zu, küm­merte sich schon in sei­nen ers­ten Ein­hei­ten als Chef auch um Nach­wuchss­pie­ler oder bei­spiels­weise Er­satz­tor­wart Sven Ul­reich. Un­zu­frie­dene Spie­ler will er star­kre­den: So saß Co­ren­tin To­lisso (25) lange zum Ein­zel­ge­spräch in sei­nem Trai­ner­bü­ro.

Ein an­de­res Eins-zu-eins-Ge­spräch, das Flick kürz­lich führ­te, kann sich jetzt rich­tig aus­zah­len: Der Trai­ner nahm sich Phil­ippe Cou­tinho (27), der auf­fäl­lig nie­der­ge­schla­gen wirk­te, zur Sei­te, er­mu­tigte ihn. Nach dem Aus­fall von Ro­bert Lewan­dow­ski (31), der zum Spit­zen­spiel beim BVB am 4. April zu­rück­keh­ren soll, hat der Bra­si­lia­ner sei­nen Platz in der An­fangs­forma­tion wie­der si­cher. In Hof­fen­heim (6:0) zeigte er eine starke Leis­tung, traf dop­pelt.

Beim Um­gang mit den Spie­lern er­in­nert Flick an sei­nen Lehr­meis­ter Jupp Heyn­ckes (74), mit dem er re­gel­mä­ßig im Aus­tausch steht. Heyn­ckes sprach sich oh­ne­hin längst für eine Wei­ter­be­schäf­ti­gung Flicks aus. Spe­zi­ell in der Tri­ple-Sai­son 2013 zeich­nete es Heyn­ckes aus, dass er es schaff­te, alle Spie­ler mit­zu­neh­men – auch jene, die auf der Bank sa­ßen.

Für Flick wird das in der Schluss­phase der Sai­son, in der sich seine Top­stars zudem für die EM im Som­mer emp­feh­len wol­len, eine große Her­aus­for­de­rung. Flick hat eine ho­mo­gene Ein­heit ge­formt, unter an­de­rem mit kla­ren An­sa­gen. Die un­ter­schied­li­che Her­an­ge­hens­weise von Kovac und Flick wird hier am Bei­spiel Mickaël Cui­sance (20) deut­lich. Das Ta­lent kam vor der Sai­son aus Glad­bach auf Wunsch der Scou­ting-Ab­tei­lung. Kovac ver­such­te, den Fran­zo­sen ein­zu­bau­en, ge­stat­tete ihm auch Al­lü­ren. Bei Flick ist der äu­ßerst selbst­be­wusste Cui­sance der­zeit außen vor, selbst eine Ver­set­zung zur zwei­ten Mann­schaft scheint ak­tu­ell nicht aus­ge­schlos­sen.

Flick, der öf­fent­lich stets freund­lich und ruhig er­scheint, steht in­tern ge­nauso für Härte und klare For­de­run­gen.
Bei einer Ver­län­ge­rung will er den Kader mit­ge­stal­ten. Eine wei­tere Par­al­lele zu Heyn­ckes, der nach der nie­der­schmet­tern­den Tri­ple-Vize-Sai­son 2012 bei den Ge­sprä­chen mit Uli Hoe­neß und Karl-Heinz Rum­me­nigge den da­ma­li­gen 40-Mio.-Re­kordtrans­fer des un­be­kann­ten Javi Mar­tí­nez durch­setz­te. Flick wollte schon im Win­ter Ver­stär­kun­gen des sei­ner Mei­nung nach zu dünn be­setz­ten Ka­ders, plä­dierte neben der ge­hol­ten De­fen­siv-Al­ter­na­tive Ál­varo Odrio­zola für einen wei­te­ren Of­fen­siv-Spie­ler.

Flick hat für die Zu­kunft schon kon­krete Vor­stel­lun­gen, hält sich aber öf­fent­lich noch zu­rück: „Der Ver­ein muss sich Ge­dan­ken ma­chen, wie er sich auf­zu­stel­len hat. Ich habe meine Mei­nung, aber die lasse ich im Mo­ment bei mir.“

Wäre er ver­gan­ge­nen Som­mer be­reits Chef ge­we­sen, würde Timo Wer­ner (23) heute wahr­schein­lich bei Bay­ern spie­len und könnte Le­wan­dow­ski ver­tre­ten. Über ein Back-up wird im Ver­ein nun wie­der in­ten­siv nach­ge­dacht. Min­des­tens ge­nauso heiß ist wei­ter das Thema Kai Ha­vertz (20), den Flick schon seit Ju­gend­ta­gen kennt und schätzt.

Der of­fen­sicht­lichste Un­ter­schied zwi­schen Flick und Kovac ist ak­tu­ell auf dem Platz zu se­hen: Die Bay­ern agie­ren mu­ti­ger, grei­fen wei­ter vorne an, spie­len, wie es der ver­eins­ei­ge­nen DNA ent­spricht. Zwar ver­wen­det Flick ebenso re­gel­mä­ßig wie einst Kovac in den Sit­zun­gen das Wort „Rest­ver­tei­di­gung“. Ging es dem Vor­gän­ger aber vor allem dar­um, Feh­ler zu ver­mei­den und de­fen­siv si­cher zu ste­hen, er­mun­tert Flick die Spie­ler zum Ri­si­ko: Feh­ler sind er­laubt und wer­den be­wusst ris­kiert, wenn die Mann­schaft da­durch auch an of­fen­si­ver Wucht und an Über­ra­schungs­mo­men­ten ge­winnt.

Ak­tu­ell be­geis­tern die Bay­ern in der Liga sowie in der Kö­nigs­klas­se. Nach dem Sieg gegen Chel­sea bekam Flick noch beim Ban­kett von Karl-Heinz Rum­me­nigge (64) einen Mont­blanc-Ku­gel­schrei­ber – ver­se­hen mit einem viel­sa­gen­den Zu­satz: „Mit Stif­ten beim FC Bay­ern un­ter­schreibt man manch­mal auch Pa­pie­re.“ Rum­me­nigge sprach nach dem über­zeu­gen­den 3:0-Sieg in Lon­don zwar aus den Emo­tio­nen, De­tails über die wei­tere Zu­sam­men­ar­beit sind noch nicht fi­xiert. Den­noch steht da­hin­ter die klare Bot­schaft: Der FC Bay­ern steht auf Flick! Und an­ders als zu­nächst ge­plant, wol­len die Bosse mit dem Trai­ner ver­län­gern. Zeit­punkt für Ge­sprä­che soll Mitte bis Ende März sein, nicht wie zu­nächst an­ge­dacht zum Ende der Sai­son.

Es sind auch kleine Schrau­ben, an denen Flick dreht: Die Spie­ler müs­sen nicht mehr ein­ein­halb, son­dern nur noch eine Stunde vor Trai­nings­be­ginn an der Sä­be­ner Straße sein. Die Handy-Nut­zung im Leis­tungs­trakt ist nicht mehr grund­sätz­lich ver­bo­ten. Nach Spie­len holt Flick seine Mann­schaft erst ein­mal in die Ka­bi­ne, um das Spiel zu ana­ly­sie­ren und seine Sicht dar­zu­le­gen. So gehen die spä­te­ren Aus­sa­gen in den In­ter­views von Trai­ner und Spie­lern in eine Rich­tung. Die Spie­ler zah­len es ihm zu­rück. War das Ach­tel­fi­nal-Aus gegen Li­ver­pool für Niko Kovac ein Ma­kel, den er nie mehr los wur­de, emp­fahl sich Flick mit dem 3:0 im Ach­tel­fi­nal-Hin­spiel bei Chel­sea für einen neuen Ver­trag. Den Stift für die Un­ter­schrift hat er schon …

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