Thomas Müller: "Ich habe immer noch was drauf"
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Thomas Müller: "Ich habe immer noch was drauf" Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Thomas Müller: "Ich habe immer noch was drauf"

Der Star des FC Bayern München im Interview

Der Bayern-Star ist auf dem Weg zur Topform. Hier verrät er, welche Wut ihn bei der Titeljagd antreibt, was seine Lieblingsposition ist und warum der dringend zum Friseur musste.

SPORT BILD: Herr Müller, Sie sind derzeit in der Bundesliga mit zwei Treffern der beste deutsche Torjäger. Wie wichtig waren diese Tore für Sie nach dem enttäuschenden WM-Sommer? 

Thomas Müller (28): Nach der WM wurde ja jeder Stein umgedreht, umso wichtiger war es für mich, gut beim FC Bayern in die Saison zu starten. Denn natürlich stand auch ich in der Kritik. Dementsprechend war es gut zu zeigen: Ich habe immer noch was drauf. 

SPORT BILD: Anders als bei der WM dürfen Sie beim FC Bayern wieder auf Ihrer Wunschposition in der Zentrale hinter der Spitze ran. Wie sehr wirkt sich das auf Ihre Leistungen aus?  

Thomas Müller: Ich habe ein klar definiertes Stärken- und Schwächen-Profil. Wenn ich aus dem Deckungsschatten des Stürmers kommen und tiefe Bewegungen in den Strafraum machen kann, kommen meine Stärken besser zur Geltung. Ich kann viel laufen, und gerade in der Mitte ist das sehr gefragt. Darum bleibt diese Rolle meine bevorzugte Position.

SPORT BILD: Es dürfte Sie freuen zu hören, dass Ihr neuer Trainer Niko Kovac das erkannt und intern im Klub hinterlegt hat. 

Thomas Müller: Die ersten Spiele haben gezeigt, dass es nicht nur der Trainer so sieht, sondern auch meine Performance besser ist. Ausfälle meiner Mitspieler haben aber immer wieder dazu geführt, dass ich auch auf den Außen gebraucht wurde. Ich bin froh, dass wir derzeit genug Spieler für die Flügel haben. Denn am besten aufgehoben fühle  ich mich nun mal in der Zentrale. Wenn es aber nötig ist, spiele ich natürlich auch auf dem Flügel.

SPORT BILD: In der Nationalmannschaft ist nach dem Rücktritt von Mesut Özil die Zentrale frei geworden. Auch in der Spitze fehlt ein echter Knipser. Klingt nach guten Vorzeichen für ebenfalls bessere Müller-Leistungen in der Nationalmannschaft.

Thomas Müller: Grundsätzlich hat unser Spiel durch den Rücktritt von Mesut Özil eine Veränderung erfahren. Für die Zukunft haben wir erst mal kein starres System, dafür viele Spieler für die Halbräume. Für den offensiven Mittelfeld-Bereich gibt es in Deutschland derzeit viele gute Spieler. Die Partien gegen Frankreich und Peru haben gezeigt, dass wir nun gegen jeden Gegner anders agieren müssen. Der Bundestrainer will mehr Variabilität reinbringen und wird immer wieder andere Spielertypen bringen. Daher ist nicht ein Platz frei geworden, sondern es bieten sich viele Möglichkeiten – auch für mich.

"Am besten aufgehoben fühle ich mich in der Zentrale. Im Deckungsschatten des Stürmers"

SPORT BILD: Jogi Löw betonte, dass er weiter auf seine Achse mit Neuer, Boateng, Hummels, Kroos und Ihnen setzen würde. Gerade die Weltmeister standen im Mittelpunkt der Kritik. 

Thomas Müller: Im Zuge der intensiven Debatte um die Misserfolge des Sommers wurde die Realität ein wenig aus den Augen verloren. Wenn man den Kader anschaut, bleiben tatsächlich nur noch diese fünf Spieler, die schon länger dabei sind. Der Kader ist generell schon sehr verjüngt und verändert, was gerne verkannt wird. Gleichzeitig sind in den zehn Wochen zwischen WM-Aus und den Spielen gegen Frankreich und Peru ja jetzt keine zehn neuen Spieler aus dem Boden gewachsen. Ich kann aber dennoch  verstehen, dass alles hinterfragt wurde. 

SPORT BILD: Überraschte Sie nicht dennoch, wie wenig Kredit Sie hatten?

Thomas Müller: Es geht im Fußball nun mal nicht um vergangene Verdienste. Der Bundestrainer tut gut daran, sich einzig und allein daran zu orientieren, was ein Spieler jetzt und in Zukunft imstande ist zu leisten. Das gilt für mich wie jeden anderen Spieler: Keiner sollte bei der Nationalmannschaft dabei sein, nur weil er irgendwann mal bei -einem Titel mitgeholfen hat.

SPORT BILD: Sie sind wie Neuer, Kroos, Boateng und Hummels im Mannschaftsrat. Wie finden Sie, dass Nationalelf-Direktor Oliver Bierhoff zuletzt anregte, jüngere Spieler mit aufzunehmen?

Thomas Müller: Wir haben viele junge Spieler, die schon einiges an Erfahrung auf dem Buckel haben. Ich denke -gerade an den 95er-Jahrgang um Kimmich, Goretzka, Süle oder andere Spieler wie ter Stegen, der mit dem FC Barcelona bereits die Champions League gewonnen hat. Es ist wichtig, auch diese Jungs zu hören und nicht nur die Meinung aus der älteren Generation, die alles im Alleingang bestimmen sollen. Daher begrüße ich eine Aufnahme von jüngeren Vertretern in den Mannschaftsrat. Davon unabhängig fand zuletzt auch ein Austausch mit allen Spielern statt. 

"Das mit den Spitznamen Kartoffeln und Kanaken wurde überspitzt dargestellt"

SPORT BILD: Wurde dabei auch die Grüppchen-Thematik angesprochen?

Thomas Müller: Ja, das haben wir. Uns allen ist dabei klar: Jeder Spieler führt ein eigenes Leben und pflegt einen anderen Lifestyle. Wir haben untereinander klar angesprochen, ob diese Thematik für Disharmonie und Störungen sorgt, und haben uns hinterfragt. Aus unserer Sicht war das nicht so. Aber vielleicht nimmt man das auch selbst anders wahr. Wir glauben dennoch, dass wir einen gesunden Mannschaftsgeist haben und verschiedene Lifestyles daran nichts ändern.

SPORT BILD: Über Ihre Frisur müssen wir beim Thema unterschiedliche Lifestyles dennoch sprechen. Seit Jahren tragen Sie die gleiche, während andere Spieler für einen neuen Look Ihren Friseur extra zur WM einfliegen ließen. 

Thomas Müller: Ganz ehrlich: Ich ärgere mich ja selbst oft darüber, wenn meine Haare aussehen wie Kraut und Rüben, wie man in Bayern sagt. Ich hatte nun am Montag endlich einen Termin, der seit Wochen überfällig war. Ich lege nun mal weniger Wert auf meinen Haarschnitt, andere Spieler tun das natürlich mehr. Und das ist auch völlig okay.

SPORT BILD: Sind Sie nun eine typische Kartoffel, wie deutsche Spieler angeblich im Team gerufen werden?

Thomas Müller: Ich finde, das mit den Spitznamen „Kartoffeln“ und „Kanaken“ wurde völlig überspitzt dargestellt. So habe ich das nie erlebt. Zu Zeiten, als Lukas Podolski noch aktiv war, gab es das noch eher. Er war ein Lautsprecher, der immer wieder mal den einen oder anderen Begriff oder Spruch rausgehauen hat. Aber im lustigen und kumpelhaften Sinn, nie in beleidigender Form. Damit eine Mannschaft gut funktioniert, braucht man auch einen gewissen Spaßfaktor in der Truppe.

SPORT BILD: Ist es für Sie gewöhnungsbedürftig, dass Löw nun wieder einen Zapfenstreich um null Uhr eingeführt hat?

Thomas Müller: Wir Nationalspieler sind keine kleinen Kinder, dennoch brauchen wir natürlich klare Regeln – wie jeder andere auch. Ich finde es ganz normal, dass um null Uhr die Lichter ausgemacht werden. Das sollte für niemanden neu sein, und auch ohne so eine Maßnahme muss jeder Spieler dafür Sorge tragen, dass er am nächsten Tag Leistung bringen kann.

SPORT BILD: Toni Kroos hatte zuletzt Leroy Sané angezählt. Er lobte einerseits seine Qualität, bemängelte aber die Körpersprache des großen deutschen Talents. Ist das auch eine neue Gangart der Führungsspieler?

Thomas Müller: Wir haben schon immer versucht, positiv auf unsere jüngeren Mitspieler einzuwirken. Leroy ist ein Ausnahmekönner mit Fähigkeiten, die ganz wenige mitbringen. Gerade in Deutschland haben wir kaum Profis mit dieser Geschwindigkeit. Wir wollen daher, dass er diese Waffe für Deutschland einsetzt und in der Nationalmannschaft Gefahr ausstrahlt. Gegen Frankreich hat er das in seinem Kurzeinsatz auch angezeigt. Ich denke, Leroy ist nun reif genug, und ich traue ihm für die Zukunft viel zu.

SPORT BILD: Wieso polarisiert Sané so sehr?

Thomas Müller: Leroy hat natürlich Fähigkeiten, die für Aufmerksamkeit sorgen. Er wurde nicht umsonst vergangene Saison als bester junger Spieler der Premier League ausgezeichnet. In England hat er bereits super Leistungen gezeigt, bei der Nationalmannschaft hat das eben bisher noch nicht so gut geklappt, auch im Vorfeld der WM. Dennoch geht ja nicht die Qualität einfach so verloren. Es ist auch unsere Aufgabe, dass wir ihm helfen, sein Leistungsoptimum in der Nationalmannschaft abzurufen. Da sind alle gefordert, nicht nur Leroy.

"Der WM-Sommer und das Aus gegen Real sind ein zusätzlicher Antrieb"

SPORT BILD: Löw hat angekündigt, dass Ihr Münchner Kollege Joshua Kimmich auch in Zukunft den neuen Sechser in der Nationalmannschaft geben soll. Ist das auch beim FC Bayern vorstellbar?

Thomas Müller: Ich denke, dass Josh bei Bayern weiterhin als Rechtsverteidiger eingeplant ist. Gerade auf den defensiven Außenpositionen sind wir nicht ganz so dicht besetzt wie beispielsweise in der Zentrale.

SPORT BILD: In der Champions League hätte es Bayern härter treffen können als mit den Gruppengegnern Benfica Lissabon, Ajax Amsterdam und AEK Athen. Wie tief sitzt noch das bittere Aus vergangene Saison gegen Real Madrid im Halbfinale? 

Thomas Müller: Der WM-Sommer und das unglückliche Aus gegen Real sind ein zusätzlicher Antrieb, der Energien bei uns freisetzt. Wir alle wissen, dass der Titel für uns drin war. Dementsprechend haben wir für den nächsten Anlauf in der Champions League Wut im Bauch und mit Niko Kovac einen neuen, jungen und ehrgeizigen Trainer.

SPORT BILD: Zumal es das zweite bittere Aus in Folge gegen Real war.

Thomas Müller: Auch im Viertelfinale der Vorsaison war es gegen Real verdammt eng. Danach hat jeweils Madrid die Champions League gewonnen. Das allein zeigt, was in den letzten beiden Jahren möglich gewesen wäre. Wir waren nie weit weg von dem ganz großen Ding. Hoffentlich haben wir in dieser Saison endlich mal von März bis Mai den vollen Kader zur Verfügung. Dann ist für uns alles drin.   

SPORT BILD-Redakteur Christian Falk hat das Interview geführt.