Bernd Hoffmann: "Überheblichkeit passt nicht mehr zu uns"

Autor : Maximilian Wessing, Axel-Patrick Hesse | 17.07.2019

Der große Gipfel! Die HSV-Bosse über Unruhe im Klub, Anufe bei 96-Chef Kind, finanzielles Risiko, Zukunfstwünsche und die Rückkehr in die Bundesliga.

Es gibt viele HSV-Fans, die über ihren Klub derzeit sagen: So gut waren wir in der Chefetage schon lange nicht mehr aufgestellt. Vorstandsboss Bernd Hoffmann (56), Sportvorstand Jonas Boldt (37) und Trainer Dieter Hecking (54) haben nun das Sagen – und stehen unter hohem Druck. Heckings Vertrag verlängert sich nur im Fall eines Aufstiegs, und die Vorstände werden am sportlichen Erfolg gemessen. SPORT BILD traf die Bosse zum Interview-Gipfel.

Sport Bild: Der HSV hat Lotto King Karls berühmte Hymne „Hamburg meine Perle“ aus dem Stadion verbannt. Darin heißt es unter anderem: „Wenn du aus München kommst, ziehen wir dir die Lederhosen aus.“ Passt dieser Satz mittlerweile am wenigsten zu Ihrem Klub, Herr Hoffmann?

Bernd Hoffmann: Wir fanden insgesamt, dass der Inhalt des Liedes unsere aktuelle Situation nicht mehr abbildet. Dieses Lied hat eine Überheblichkeit ausgedrückt, die nicht mehr zu uns passt.

Muss der HSV von nun an bescheiden sein?  

HOFFMANN: Wir wollen bis Ende der kommenden Saison das Antlitz eines normalen Vereins haben. Zum normalen Klub gehört, dass man vernünftige Ansprüche hat, die mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen sind. Und dass man Symbole rund um den Platz nicht wichtiger nimmt als das, was auf dem Platz passiert. Das ist die Aufgabe, der wir uns alle stellen.

Die Hamburger setzen nun ihre größten Hoffnungen in Ihre Person, Herr Hecking. Fühlen Sie sich als HSV-Heilsbringer? 

DIETER HECKING: Es ist schon so: Wenn ich mich mit Fans unterhalte, sagen fast alle: Es ist gut, dass jetzt ein erfahrener Trainer da ist, der auch bisher eine gewisse Erfolgsgeschichte geschrieben hat. Aber allein werde ich es auch nicht schaffen. Ich möchte gern alles enger zusammenführen hier: meine Trainerkollegen, den Vorstand, die Fans, die Medien. Dann entwickelt man als Verein eine Kraft, die nach außen strahlen kann. Das sehe ich unter anderem als wichtige Aufgabe von mir,  neben den spieltaktischen Dingen.

JONAS BOLDT:  In diesem Umfeld, das immer etwas unruhiger ist, hilft eine Erfahrung als Trainer weiter. Dieter geht mit vielen Situationen routinierter um, er weiß genau, was er tut. Das spürt ja auch die Mannschaft. Ich hatte mit Dieter in den vergangenen Jahren immer wieder Kontakt. Und in dem letzten halben Jahr, als ich mehr Zeit hatte, haben wir auch hin und wieder telefoniert.

Jonas Boldt mit dem neuen HSV-Trainer Dieter Hecking.© Getty
Jonas Boldt mit dem neuen HSV-Trainer Dieter Hecking.

Worum ging es da?

BOLDT: Wir haben einfach festgestellt, dass wir sehr ähnliche Vorstellungen von Fußball haben. Wir haben auch in Leverkusen (Boldts Ex-Verein; d. Red.) immer mal wieder überlegt, ihn zu holen. Leider hat der Moment nie gepasst.

Auch Sie, Herr Hoffmann, wollten Herrn Hecking schon in Ihrer ersten HSV-Amtszeit (2003 bis 2011) holen. 

HOFFMANN: Ich habe mich schon vor 15 Jahren mit Dieter Hecking bei einem Hallenturnier ausgetauscht, damals war er noch Trainer vom VfB Lübeck. Beim HSV gab es in der Vergangenheit ja ab und zu mal die Trainer-Position neu zu besetzen, und jedes Mal habe ich über Dieter Hecking nachgedacht. Ich habe 2008 sogar Martin Kind (Chef von Hannover 96; d. Red.) direkt angerufen. Dieter war damals Trainer in Hannover, und ich wollte Herrn Kind um die Freigabe bitten. Das Gespräch war allerdings sehr kurz und sehr endgültig.

Herr Hecking, Sie sagten bei Ihrem Einstand in Hamburg, dass man die Trainer kaum noch brauche. Müssen Sie das nun etwas revidieren, weil Sie hier so viel Entscheidungsrecht haben?

HECKING: Natürlich braucht die Mannschaft einen Trainer. Was ich aber meinte, und dazu stehe ich immer noch: So wie bei einigen Klubs mit Trainern umgegangen wird, intern und extern, finde ich kritikwürdig. Wir Trainer müssen aufpassen, dass wir nicht an den Rand gestellt werden. Der Umgang mit Trainern muss wieder respektvoller werden. Eigentlich kannte ich es so, dass bei Erfolg über eine Vertragsverlängerung und nicht über eine Entlassung gesprochen wird. Das hat sich ein Stück weit verändert.

Als Sportvorstand sind Personen wie Sie gemeint, Herr Boldt. 

BOLDT: Ich habe mich in den vergangenen Jahren zusammen mit meinen Kollegen immer dafür eingesetzt, dass wir unseren Trainer extrem lange unterstützen und schützen. Ich bin nicht bekannt dafür, Aktionismus zu betreiben. Aber ich gebe Dieter recht: Das Verlangen, einen Sündenbock zu finden, ist größer geworden. Man muss aufpassen, dass man sich nicht dem Populismus beugt.

Werden Sie Dieter Hecking so lange schützen, bis es nicht mehr geht? 

BOLDT: Natürlich. Wenn man erfolgreich sein will, ist das aus meiner Sicht unabdingbar. Zumal Dieter Hecking mit seiner Qualität und Erfahrung meine 1a-Lösung ist.

HECKING: Wobei mir diese Sache wichtig ist: Ich denke, dass nicht nur meine Erfahrung der Grund ist, warum ich hier bin. Mir fällt es unterschwellig immer wieder auf, dass man auf dem Punkt ‚Erfahrung‘ herumreitet. Ich glaube auch, dass ein Hannes Wolf (Ex-Trainer des HSV, 38 Jahre; d. Red.) ein guter Trainer ist. Du brauchst auch das Fachwissen, die richtige Menschenführung.

Kann man Menschenführung lernen? 

HECKING: Ja, denke ich schon. Aber: Ich musste es nie lernen. Ich bin mit drei Geschwistern groß geworden, habe selbst fünf Kinder. Da lernt man automatisch Führung. Und von meinen Eltern ist mir mehr als deutlich eingeprägt worden, wie man mit Menschen umgehen soll. Respektvoll, aber dass man auch klar seine Meinung äußert. Das war bei uns zu Hause auch gewünscht.

Wer ist strenger: Trainer Hecking oder Papa Hecking?

HECKING: Der Trainer. Zu Hause hat die strenge Rolle meine Frau (lacht).

Was müsste passieren, dass Sie sagen: Ich will nicht mehr, ich höre auf als Trainer!

HECKING: Wenn es nur noch Entertainment ist und der Fußball nicht mehr im Vordergrund steht. Es werden in den kommenden Jahren noch viele Änderungen erfolgen. Es wird meiner Meinung nach in die Richtung ‚American Football‘ gehen: dass viele Spezial-Trainer kommen werden, dass es eine Art ‚Supervisor‘ im Verein gibt, der über dem Trainer im Ranking steht. Aber es gibt auch eine Tendenz, dass Spieler fast nur noch nach Daten ausgewählt werden, so ist es in England schon jetzt bei einigen Klubs. Wenn das auch hier irgendwann der Fall ist, wäre ich nicht mehr der Richtige. Die Kommunikation, das Zwischenmenschliche, Teamführung und Teamspirit, das ist für mich immer noch sehr entscheidend.

Herr Hoffmann, Sie werden an den Personalien Hecking und Boldt gemessen werden. Spüren Sie besonderen Druck, weil es Ihre Wunschlösungen waren? 

HOFFMANN: Der Druck ist sowieso hoch, nachdem wir den Aufstieg verpasst haben, das ist mir klar. Deshalb bin ich heilfroh, dass wir mit Dieter und Jonas zwei absolute Experten holen konnten, die in unserem Team bislang sehr gut funktionieren. Wir tauschen uns sehr regelmäßig und vor allem sehr intensiv aus.

BOLDT: Gab es das überhaupt mal, dass es beim HSV keinen Druck gab?

HOFFMANN: Daran kann ich mich nicht erinnern. Häufig hat der Verein sich den Druck auch selbst auferlegt. Aber auch ich bin extrem ambitioniert. Und auch jetzt ist es so: Wir stellen an uns selbst hohe Ziele, sagen auch in der aktuellen Phase nicht: Wir wollen respektabler Achter werden in der 2. Liga.

Herr Boldt, Sie sagten zuletzt, der HSV dürfe sich nicht totsparen. Muss der Klub aus Ihrer Sicht finanzielles Risiko gehen?  

BOLDT: In unserer aktuellen Situation denke ich das, ja. Wenn wir einfach nur verwalten, denke ich nicht, dass wir erfolgreich sein werden. Was ich intern immer wieder sage: Es muss ein Sinn dahinterstecken. Wenn ich eine neue Büroeinrichtung oder neue Technik kaufe, nur weil andere Vereine sie auch haben, sie dann aber in der Ecke liegt, bringt das nichts. Wir müssen kluge Entscheidungen treffen. Und fest steht: Bei uns gibt es in vielen Bereichen noch Verbesserungsbedarf.

Kann Ihr Ex-Verein Gladbach da ein Vorbild sein, Herr Hecking? Vor etwas mehr als zehn Jahren ist auch der ähnlich große Klub in die 2. Liga abgerutscht und spielt nun international. 

HECKING: Entscheidend in Gladbach war, dass man es verstanden hat, aus einer ganz schwierigen Phase erfolgreich hervorzugehen. Dem Verein ging es richtig schlecht. Der Ansatz war, sich nicht kleinzumachen, sondern zu investieren und ein neues Stadion zu bauen. Das könnte für den HSV ein ähnlicher Weg werden.

Vervollständigen Sie drei doch bitte folgenden Satz: „Wenn mir ein Wunsch für den HSV erfüllt werden würde, dann…“

BOLDT: … dass wir hier in Ruhe arbeiten können.

HECKING: … dass jeder, der sich mit dem HSV auseinandersetzt, akzeptiert, dass wir mit Demut an die Aufgabe herangehen, aber auch mit der Bereitschaft, viele Dinge zu ändern.

HOFFMANN: … dass wir in drei Jahren in exakt dieser Konstellation hier sitzen und die dritte Bundesliga-Saison in Folge vorbereiten.

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