Christian Titz: „Der HSV wird jetzt anders wahrgenommen"
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Christian Titz: „Der HSV wird jetzt anders wahrgenommen" Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Christian Titz: „Der HSV wird jetzt anders wahrgenommen"

Der Trainer spricht über das neue Image

Sport Bild: Herr Titz, das Auswärtsspiel in Dresden musste wegen Polizei-Mangels abgesagt werden, doch der Trend beim HSV stimmt nach drei Pflichtspiel-Siegen in Folge. Wie belohnen Sie Ihre Mannschaft für Siege?

Christian Titz (47): Ich halte wenig davon, einfach nur einen Tag mehr trainingsfrei zu geben. Wir gehen lieber mit der Mannschaft essen oder Bowling spielen. Zuletzt habe ich als Belohnung einen Kasten Radler hingestellt. Aber die Zeiten haben sich geändert zu früher: Ich habe festgestellt, dass die Hälfte der Mannschaft gar keinen Alkohol trinkt.

Wie verändert Erfolg Ihre Arbeit?    

Der HSV ist ein Verein, der polarisiert. Die Menschen lieben ihn entweder, oder sie begegnen ihm mit Ablehnung. Doch in letzter Zeit kommt es immer häufiger vor, dass Menschen auf mich zukommen und sagen: „Eigentlich mag ich den HSV nicht und habe mich über den Abstieg gefreut, aber mittlerweile finde ich, dass die Mannschaft sehr positiv auftritt.“ Ich glaube, dass wir nun eine andere Wahrnehmung bei den Menschen hervorrufen. Auch aufgrund unseres Auftretens.

Wie meinen Sie das?

Wir versuchen, allen Menschen mit Anstand und Respekt entgegenzutreten. Das hat die Mannschaft auch schriftlich festgehalten, alle haben es unterzeichnet. Der Zettel hängt in der Kabine.

Ist das heutzutage nicht mehr selbstverständlich?

Wenn ich mit meinem Hund joggen gehe, grüße ich die Menschen, die mir entgegenkommen. So bin ich erzogen worden. Doch überraschenderweise sind es auch ältere Menschen, die mich dann zum Teil völlig verdutzt anschauen, weil es anscheinend ungewöhnlich geworden ist. Als ich damals bei Alemannia Aachen angefangen habe, haben sich alle Menschen auf dem Gelände gegrüßt. Das hat in den Vereinen leider immer mehr abgenommen.

Woran liegt das?

Das hat mit einer veränderten Gesellschaft zu tun. Die Menschen sitzen sehr viel vor dem Computer oder Handy, und das soziale Leben verlagert sich in die sozialen Medien. Teilweise wird gar nicht mehr die Notwendigkeit gesehen, außerhalb des Internets mit anderen Menschen zu interagieren. Das finde ich sehr schade.

Gibt es bei Ihnen ein Handy-Verbot in der Kabine?

Ja. Und wenn die Spieler nach einem Sieg ein Foto posten möchten, muss das mit der gesamten Mannschaft abgesprochen werden. Sobald einer dagegen ist, wird kein Foto gemacht. Ich bin der Meinung: Die Spieler sollen sich, wenn sie zum Training oder Spiel kommen, mit ihrer Aufgabe und ihren Mitspielern beschäftigen, miteinander kommunizieren, und nicht zu viel am Handy spielen. Die Kabine ist heilig, und ein nicht von allen gewolltes Foto trägt auch immer eine Botschaft nach draußen, was für mich ein Vertrauensbruch ist. Natürlich gibt es aber bei uns auch einen Aufenthaltsraum, in dem die Handynutzung erlaubt ist.

Zum Thema Respekt: Wie müssen die Spieler Sie ansprechen?

Ich habe ihnen keine Vorgaben gemacht. Die meisten sagen zu mir „Sie“ und „Trainer“. Sie dürfen mich aber auch „Christian“ nennen und „Du“ sagen. Nur mit einer Anrede möchte ich nicht angesprochen werden: „Herr Titz“. Das, finde ich, ist nicht angemessen für Fußball, da ich mich als Teil des Teams sehe und ich diese Anrede zu förmlich finde.

Sind Sie in der WhatsApp-Gruppe der Mannschaft?

Nein, da habe ich auch nichts zu suchen. Es ist auch ganz wichtig, dass eine Mannschaft Geheimnisse hat. Und dass es eine Plattform gibt, auf der man sich über den Trainer austauschen oder auch mal beschweren kann, ohne dass er es mitbekommt. Die Spieler sollen die Möglichkeit haben, Probleme auch ohne das Trainerteam  klären zu können.

Sie fordern von den Spielern viel ein, etwa müssen sie weiterhin Spielideen in Referaten selbst erarbeiten. Nervt das nicht manche?

Man wird es nie allen recht machen können. Die Spieler müssen sich auch an unsere Prozesse gewöhnen. Für einige war es neu, dass sie so viel Eigenverantwortung haben. Mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass sich alle damit arrangiert haben und es angenommen wird.

Wie äußert sich das?

Ein Beispiel: Die Spieler schauen natürlich auch privat viele Spiele, die ich aus Zeitgründen gar nicht anschauen kann. Dann kommen sie am nächsten Tag zum Trainer-Stab und geben beispielsweise Hinweise, welche neue Variante sie bei anderen Mannschaften gesehen haben. Und wie wir diese eventuell übernehmen können.

Inwieweit hat sich Ihr Leben in den vergangenen Monaten als HSV-Trainer verändert?

Privat überhaupt nicht. Ich bin ein ganz normaler Familienvater, der mit seinem Sohn zu seinen Fußballspielen geht und mit seiner Tochter zum Cheerleading. Verändert hat sich, dass ich nun natürlich deutlich häufiger angesprochen werde und in meiner Freizeit teilweise kuriose Situation entstehen.

Erzählen Sie die beste, bitte.

Ich stehe im Flughafen vor meinem Flug nach Mallorca, und plötzlich fängt eine Gruppe an, gegen den HSV zu singen, weil sie mich erkannt hat. Kurz darauf kommt eine andere Gruppe und singt für den HSV. Ich bin dann zu den Fans gegangen, die gegen uns waren und habe sie begrüßt und ihnen einen schönen Urlaub gewünscht. Die waren zuerst völlig überrascht und wollten dann sogar Fotos machen.