Der Hamburger SV freut sich auf die zweite Liga.
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Der Hamburger SV freut sich auf die zweite Liga. Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Der Hamburger SV freut sich auf die zweite Liga

Die Abstiegs-Euphorie

Die Geschichte der Euphorie beginnt in der buchstäblich dunkelsten Stunde des Hamburger Volksparkstadions. Als am letzten Spieltag der Saison einige HSV-Chaoten den Rasen in schwarzen Rauch hüllen, hält die Mehrheit der Fans dagegen. Applaudiert, jubelt und singt für seine Absteiger, die immerhin noch 2:1 gegen Gladbach gewinnen. Hamburg zeigt: Wir stehen zum HSV. Jetzt erst recht!

Und die Fans hielten ihr Wort. Seit dem Tag des Abstiegs ist die HSV-Familie um über 4800 Mitglieder größer geworden, 81 377 Mitglieder (Stand 1. Juni) sind neuer Vereinsrekord. Zudem wurden bereits 19 000 Dauerkarten verlängert. Der Abstieg ist der Mannschaft verziehen, die Auftritte unter Trainer Christian Titz (47) am Saisonende machten vielen Fans Mut. Und der neue Manager Ralf Becker (47) versucht seit seinem Amtsantritt, sofort eine positive Stimmung zu entfachen.

„Wir müssen die 2. Liga annehmen und in jedem Spiel viel investieren“, sagt Becker im Gespräch mit SPORT BILD, „Wenn wir das tun, bin ich zuversichtlich, dass wir uns behaupten, weil wir eine sehr gute Mannschaft haben.“

Becker schätzt die Arbeit von Titz, den er im Winter auch als Kandidaten für die Nachfolge von Markus Anfang (43, ging nach Köln) in Kiel im Kopf gehabt hatte. Becker: „Ich bin sehr froh, dass Christian Titz hier Trainer ist. Ich hoffe, dass wir lange zusammenarbeiten werden.“ In Hamburg herrscht Zweitliga-Euphorie!

Der Umbruch ist bereits seit März eingeleitet, als Titz für den sieglosen Bernd Hollerbach übernahm. Becker: „Hier ist unter Christian Titz etwas gewachsen. Einzelne Spieler, die jetzt auch bleiben, haben sich wahnsinnig gut entwickelt.“ Von den Großverdienern der Mannschaft will sich der HSV aber noch trennen. Vor allem von Filip Kostic, Bobby Wood, Mergim Mavraj, Kyriakos Papadopoulos und Walace, womöglich auch von Stürmer Pierre-Michel Lasogga. Der Etat, der aktuell bei knapp 40 Mio. Euro liegt, soll so auf etwa 30 Mio. Euro sinken. Das wäre immer noch Rekord für die 2. Liga.

Zum Vergleich: Köln plant mit einem Etat von etwa 23 Mio. Euro, die Spieler büßen alle zwischen 30 und 70 Prozent ihres Gehalts ein. Nationalspieler Hector bleibt dennoch ein stolzes Jahresgehalt für Zweitliga-Verhältnisse (knapp zwei Mio. Euro). Möglich wird das durch Rücklagen, die der FC in den vergangenen Jahren unter anderem durch das Erreichen der Europa League 2017 angesammelt hatte. Finanzgeschäftsführer Alexander Wehrle (43): „Wir haben vorgesorgt für den Fall, dass es uns einmal trifft. Sonst könnten wir uns so einen Kader, wie wir ihn nächste Saison haben, nicht leisten.“

Der HSV hat selbst mit seinen Lieferanten und Dienstleistern (u. a. Sicherheitsdienst) Zweitliga-Klauseln mit Abschlägen vereinbart, auch alle leitenden Angestellten werden etwa 20 % weniger Gehalt bekommen. Deswegen soll es auch keine Kündigungen auf der Geschäftsstelle geben.

Bei aller Euphorie bleibt der HSV aber auch in der 2. Liga ein Sanierungsfall, der Wiederaufstieg ist aus finanzieller Sicht Pflicht. Die Lizenz sicherte man nur durch die Vertragsverlängerung mit dem Vermarkter „Lagardère Sports“ (brachte etwa 20 Mio. Euro) und durch einen Kredit der BodenseeBank (zwölf Mio. Euro).

Zudem wurden fast 40 % der Business- und VIP-Seats im Volksparkstadion gekündigt. Präsident Hoffmann hat es zur Chefsache erklärt, diese finanziell wertvollen Zuschauer vom Bleiben zu überreden.

Es ist nur eine kleine Minderheit, aber auch in Köln gibt es einige Fans, die sich noch nicht anfreunden wollen mit der überaus guten Stimmung im Verein. Stefan Müller-Römer, Vorsitzender des Mitgliederrates, sagt: „Ein Verein mit über 100 000 Mitgliedern darf nicht so sang- und klanglos mit 22 Punkten absteigen. So große Vereine wie Hamburg und Köln gehören eigentlich immer in die Top 18 in Deutschland. Schafft man das nicht, hat man etwas falsch gemacht.“

Wie reinigend ein Abstieg wirklich ist, hängt ohnehin davon ab, wie lange es mit dem Wiederaufstieg dauert. Stuttgart blieb 2016/17, genau wie Hertha BSC 2010/11, nur eine Saison in der 2. Liga. Beide hielten annähernd den Zuschauerschnitt des Vorjahres, im darauffolgenden BundesligaJahr erreichten sie jeweils den höchsten Schnitt ihrer Vereinsgeschichte. Am Ende entfacht ein Aufstieg eben doch die größte Euphorie.