HSV-Flüchtling studierte die Kollegen an der Playstation

Autor : Nina Iwannek-Gressmann | 22.06.2016

Mit seinem Irokesenschnitt und dem schwarzen Glitzer-Shirt geht Bakery Jatta (18) optisch schon als Bundesliga-Star durch.

Das Leid, das er in seinem Leben erfahren hat, sieht man ihm nicht an. Vor allem nicht, wenn es um Fußball geht – dann strahlen seine Augen wie bei einem kleinen Jungen.

Jatta ist der erste afrikanische Flüchtling, der in der Bundesliga einen Vertrag erhalten hat. Er unterschrieb bis 2019 beim Hamburger SV. Der Klub sicherte sich schon jetzt eine Option auf Verlängerung. Der Glaube an ihn ist groß – und sein eigener Glaube scheint unendlich zu sein.

Jatta wuchs im westafrikanischen Gambia auf. Als Waisenkind in einem Land, das seit 1994 von dem Diktator Yahya Jammeh regiert wird. 2015 floh er über das Mittelmeer nach Deutschland, landete erst in einem Auffanglager, dann in der Jugendhilfe-Einrichtung in Bremen.

Im Januar trainierte er zwei Tage beim HSV mit, Trainer Bruno Labbadia (50) schwärmte sofort, er auch. „Ich habe beim HSV das Gefühl, hier genau richtig zu sein“, erklärt Jatta auf der Vereinshomepage. „Es waren schwere Verhältnisse in Afrika. Ich wusste, dass ich diesen schwierigen und gefährlichen Weg auf mich nehmen musste, wenn ich die Chance auf eine Zukunft haben wollte.“

Um alles über die Kollegen zu erfahren, spielte er an der Playstation nicht mehr mit seinem Lieblingsteam Manchester United, sondern mit dem HSV. So lernte er die Namen der Kollegen kennen, prägte sich ihr Aussehen und ihren Spielstil ein.

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Mittlerweile kennt er Lewis Holtby und Co. in- und auswendig. Auch die Hymne „Hamburg, meine Perle“ kann er bereits. Die Verständigung im Klub ist ohnehin kein Problem: Jatta spricht fließend Englisch. Ruhig, zurückhaltend. Nur wenn es um Fußball geht, wird er richtig lebhaft. Er will sich perfekt integrieren, sportlich und privat.

Jatta, der nach eigenen Angaben nie Mitglied eines Vereins war, hat sich zuletzt mit einem Trainingsplan des Klubs fit gehalten und beim Fünftligisten Bremer SV mittrainiert. Auch Werder oder Schalke hatten Jatta im Visier, verhandelten mit Berater und Mentor Efe-Firat Aktas.

Jatta selbst wollte aber nie über andere Klubs als den HSV reden: „Es war ein tolles Gefühl, dass man mich vom ersten Moment an mit offenen Armen empfangen hat.“

Über die Vergangenheit will Jatta nicht sprechen. Sein Thema ist Fußball, er kennt sich in der Premier League aus, ist über die Bundesliga informiert. Er lernt täglich Deutsch, hat zusätzlich zum Training ein Praktikum bei einem Möbelunternehmen absolviert, was sein Berater ihm vermittelte. Hat er das Zeug auf Einsätze in der Startelf?

HSV-Boss Dietmar Beiersdorfer (52) warnt vor zu hohen Erwartungen: „Wir werden alles dafür tun, dass er in den Vorbereitungsspielen im Team Fuß fasst, um sich dann gut weiterzuentwickeln.“ Auch Berater Aktas bremst: „Wir werden ihn alle behutsam aufbauen. Bakery lebt seinen Traum, es ist eine tolle Geschichte, und es zeigt, wie Integration gelebt werden kann.“

Am 27. Juni ist Trainingsauftakt beim HSV. Für die Kollegen, die er in den letzten Monaten nur an der Playstation hat laufen lassen, will er sich dann jeden Tag auf dem Platz zerreißen. Jatta: „Ich möchte alles geben, um den besten Baka aus mir zu machen und für viele andere Menschen ein Vorbild zu sein.“

Für viele ist er das schon jetzt …

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